»Ich danke Ihnen recht sehr«, sagte ich kaltblütig, ließ das Buch, das die absolut weiteste Verbreitung gefunden hatte, weil man es unbedingt gelesen haben mußte, lieber ruhig liegen, wo es lag, und entfernte mich geräuschlos, ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren. »Ungebildeter und unwissender Mensch!« rief mir freilich der Verkäufer in seinem berechtigten tiefen Verdruß nach. Ich ließ ihn jedoch reden und ging gemächlich weiter und zwar, wie ich sogleich näher auseinandersetzen und verständlich machen werde, direkt in die nächstgelegene imposante Bankanstalt.
Wo ich nämlich meinte vorsprechen zu müssen, um über gewisse Wertpapiere zuverlässigen Aufschluß zu erhalten. »Im Vorbeigehen rasch in ein Geldinstitut hineinzuspringen«, dachte oder sagte ich für mich selber, »um über Finanzangelegenheiten zu verhandeln und Fragen vorzubringen, die man nur flüsternd vorträgt, ist hübsch und nimmt sich ungemein gut aus.«
»Es ist gut und trifft sich prächtig, daß Sie persönlich zu uns kommen«, sagte mir am Schalter der verantwortungsvolle Beamte in sehr freundlicher Tonart, und er fügte, indem er fast schalkhaft, jedenfalls aber sehr angenehm und heiter lächelte, Folgendes hinzu:
»Es ist, wie gesagt, gut, daß Sie gekommen sind. Soeben wollten wir uns brieflich an Sie wenden, um Ihnen, was jetzt mündlich geschehen kann, die für Sie ohne Frage erfreuliche Mitteilung zu machen, daß wir Sie aus Auftrag eines Vereines oder Kreises von Ihnen offenbar hold gesinnten gutherzigen und menschenfreundlichen Frauen mit Franken Eintausend nicht belastet, sondern vielmehr, was Ihnen zweifellos wesentlich willkommener sein dürfte, bestens kreditiert haben, was wir Ihnen hiedurch bestätigen und wovon Sie, wenn Sie so gut sein wollen, prompt Notiz im Kopf oder, wo es Ihnen sonst paßt, nehmen wollen. Wir nehmen an, daß Ihnen diese Eröffnung lieb ist; denn Sie machen uns, offen gestanden, den Eindruck, der uns mit, wir möchten uns erlauben zu sagen, fast nur schon zu großer Deutlichkeit sagt, daß Sie Fürsorge delikater und schöner Natur geradezu bedenklich nötig haben. Das Geld steht von heute ab zu Ihrer Verfügung. Man sieht, daß eine starke Fröhlichkeit sich in diesem Augenblick über Ihre Gesichtszüge verbreitet. Ihre Augen leuchten; Ihr Mund hat in diesem Moment etwas Lachendes, mit welchem Sie vielleicht schon die längste Zeit nicht mehr gelacht haben, weil zudringliche tägliche Sorgen häßlicher Art Ihnen verboten haben, das zu tun, und weil Sie sich seit langer Zeit meistens vielleicht in trüber Laune befanden, da allerhand böse und traurige Gedanken Ihre Stirne umdüsterten. Reiben Sie sich nur immer vor Vergnügen die Hände, und seien Sie froh, daß einige edle, liebenswürdige Wohltäterinnen, durch den erhabenen Gedanken bewogen, daß Leid eindämmen schön und Not lindern gut sei, daran dachten, daß ein armer und erfolgloser Dichter (denn nicht wahr, das sind Sie doch?) der Unterstützung bedürfe. Zu der Tatsache, daß sich einige Menschen fanden, die sich herablassen wollten, sich Ihrer zu erinnern, und zu dem Umstand, daß nicht alle Leute sich gleichgültig über des vielfach verachteten Dichters Existenz hinwegsetzen, gratulieren wir Ihnen.«
»Die mir von weichen und gütigen Feen- oder Frauenhänden gespendete, unvermutet zugeflossene Geldsumme«, sagte ich, »möchte ich ruhig bei Ihnen liegen lassen, wo sie ja einstweilen am besten aufgehoben ist, da Sie über die nötigen feuerfesten und diebsichern Kassenschränke verfügen, um Schätze vor jeglicher Vernichtung und vor jeglichem Untergang zu bewahren. Überdies zahlen Sie ja sogar noch Zinsen. Darf ich Sie um einen Empfangschein bitten? Ich stelle mir vor, daß ich die Freiheit habe, jederzeit nach Belieben und Bedürfnis von der großen Summe kleine Summen abzuheben. Bemerken möchte ich, daß ich sparsam bin. Ich werde mit der Gabe wie ein solider, zielbewußter Mann, d. h. äußerst vorsichtig umzugehen wissen, und den freundlichen Geberinnen werde ich in einem besonnenen und artigen Schreiben meinen Dank abzustatten haben, was ich schon morgen früh zu tun denke, damit es nicht durch Aufschieben vergessen wird. Die Annahme, die Sie vorhin so offen äußerten, daß ich arm sei, mag immerhin auf kluger und richtiger Beobachtung beruhen. Es genügt aber vollkommen, daß ich selber weiß, was ich weiß, und daß ich selbst es bin, der am besten über meine Person unterrichtet ist. Oft trügt der Schein, mein Herr, und ein Urteil über einen Menschen zu fällen, wird wohl am besten diesem Menschen selbst überlassen sein. Niemand kann einen Mann, der schon allerlei gesehen und erfahren hat, so gut kennen wie er selbst. Ich irrte zu Zeiten allerdings im Nebel und in tausenderlei Schwankungen und Verlegenheiten umher, und oft fühlte ich mich elendiglich verlassen. Aber ich denke, daß es schön ist, zu kämpfen. Nicht auf Freuden und Vergnügungen ist ein Mann stolz. Stolz und froh im Grunde der Seele machen ihn nur tapfer überstandene Anstrengungen und die geduldig ausgehaltenen Leiden. Doch hierüber verschwendet man nicht gerne Worte. Welcher redliche Mann war im Leben nie hilflos, und welches menschlichen Wesens Hoffnungen, Pläne, Träume sind im Laufe der Jahre gänzlich unzerstört geblieben? Wo ist die Seele, deren Sehnen, kühnes Wünschen, süße und hohe Vorstellungen von Glück in Erfüllung gingen, ohne daß sie sich Abzüge hat machen lassen müssen?«
Quittung über eintausend Franken wurde mir aus- und eingehändigt, worauf sich der solide Geld-Einleger und Konto-Korrent-Mensch empfehlen und entfernen durfte, nämlich niemand anderer als ich. Von Herzen froh über das mir so zauberhaft, wie aus blauem Himmel zugefallene Kapital-Vermögen lief ich aus dem hohen, schönen Kassaraum fort, an die freie Luft hinaus, um den Spaziergang fortzusetzen.
Anfügen will und kann und darf ich hoffentlich (da mir im Augenblick Neues und Gescheites nicht einfällt), daß ich eine höfliche, reizende Einladung von Frau Aebi in der Tasche mittrug. Die Einladekarte forderte mich ergebenst auf und ermunterte mich, punkt halb ein Uhr jedenfalls zum bescheidenen Mittagessen erscheinen zu wollen. Ich nahm mir fest vor, der Aufforderung zu gehorchen und bei der fraglichen schätzenswerten Person zur angegebenen Zeit prompt aufzutauchen.
Indem du dir, lieber gewogener Leser, die Mühe nimmst, sorgfältig mit dem Schreiber und Erfinder dieser Zeilen vorwärts in die helle, freundliche Morgenwelt hinaus zu marschieren, nicht eilig, sondern vielmehr ganz behaglich, sachlich, glatt, bedächtig und ruhig, gelangen wir beide vor die bereits vorgemerkte Bäckerei mit Goldinschrift, wo wir uns bewogen fühlen, entsetzt stehen zu bleiben, um auf betrübliche Weise über gröbliche Protzerei und über damit aufs engste verbundene traurige Verunstaltung des lieblichen Ländlichkeitsbildes zu staunen.
Spontan rief ich aus: »Ziemlich entrüstet, bei Gott, darf ein ehrlicher Mensch angesichts solcher goldenen Firmeninschrift-Barbareien sein, die der Landschaft, in welcher wir stehen, ein Gepräge der Eigensucht, Geldgier, elenden, völlig nackten Seelenverrohung aufdrücken. Hat denn ein einfacher, redlicher Bäckermeister wirklich nötig, so großartig aufzutreten, mit seiner törichten Gold- und Silber-Ankündigung in der Sonne zu strahlen und blitzen wie ein Fürst oder wie eine putzsüchtige zweifelhafte Dame? Backe und knete er doch sein Brot in Ehren und in vernunftentsprechender Bescheidenheit. In was für einer Schwindelwelt fangen wir an zu leben oder haben wir bereits begonnen zu leben, wenn von Gemeinden, Nachbarschaft und öffentlicher Meinung nicht nur geduldet, sondern unglücklicherweise offenbar sogar noch gepriesen wird, was jeden guten Sinn, jeden Sinn für Vernunft und Gefälligkeit, jeden Schönheits- und Biedersinn beleidigt, was krankhaft großtut, sich ein lächerliches Lumpen-Ansehen verleiht, das auf hundert und mehr Meter Entfernung in die gute ehrliche Luft hinausschreit: »Ich bin der und der. Ich habe soundso viel Geld, und ich darf mir herausnehmen, unangenehm aufzufallen. Ich bin zwar sicherlich ein Lümmel und Tölpel und geschmackloser Kerl mit meinem häßlichen Prunken; aber es hat mir niemand zu verbieten, lümmelhaft und tölpelhaft zu sein.« Stehen goldene, weithin glitzernde, abscheulich leuchtende Buchstaben in irgend einem annehmbaren, ehrlich gerechtfertigten Verhältnis und in irgend einer gesunden verwandtschaftlichen Beziehung zu – – Brot? Mit nichten! Aber abscheuliche Großtuerei und Prahlerei haben an irgend einer Ecke, in irgend einem Winkel der Welt, zu irgend einer Stunde angefangen, haben, gleich einer beklagenswerten jämmerlichen Überschwemmung, Fortschritte um Fortschritte gemacht, Unrat, Schmutz und Torheit mit sich reißend, dieselben über die Welt verbreitend, und haben auch meinen ehrsamen Bäckermeister ergriffen, um seinen bisherigen guten Geschmack zu verderben, seine ihm angeborene Sittsamkeit zu unterwühlen. Ich gäbe viel, ich gäbe den linken Arm oder das linke Bein her, wenn ich durch ein solches Opfer wieder den alten feinen Sinn für Gediegenheit, die alte gute Genügsamkeit herbeiführen helfen, Land und Leuten wieder jene Ehrsamkeit und Bescheidenheit zurückgeben könnte, die sicher vielfach und zum Bedauern aller Menschen, die es redlich meinen, verloren gegangen sind. Zum Teufel mit der miserablen Sucht, mehr zu scheinen, als was man ist. Eine wahre Katastrophe ist das, die Kriegsgefahr, Tod, Elend, Haß und Verwundungen auf der Erde verbreitet und allem, was existiert, eine verwünschenswerte Maske von Bosheit und Häßlichkeit aufsetzt. So sei mir doch ein Handwerker kein Monsieur und eine einfache Frau keine Madam. Aber es will heute alles blenden und glitzern, neu und fein und schön sein, Monsieur sein und Madam sein, daß es ein Grauen ist. Doch kommt es vielleicht mit der Zeit auch noch einmal wieder anders. Ich will es hoffen.«
Ich werde mich übrigens sogleich punkto herrenhaften Auftretens und hochherrschaftlichen Gebarens, wie man bald erfahren wird, selber beim Ohr nehmen. Auf was für eine Art wird sich zeigen. Es wäre nicht schön, wenn ich andere schonungslos kritisieren, mich selber aber nur ganz zart anfassen und so schonungsvoll wie möglich behandeln wollte. Ein Kritiker, der es so macht, ist nicht der wahre, und Schriftsteller sollen mit der Schriftstellerei keinen Mißbrauch treiben. Ich hoffe, daß dieser Satz allgemein gefällt, Genugtuung erweckt und warmen Beifall findet.