Eine Arbeiter-gefüllte und arbeitsreiche Metallgießerei verursacht hier links vom Landschaftsweg auffälliges Getöse. Bei dieser Gelegenheit schäme ich mich aufrichtig, daß ich nur spaziere, wo so viele andere schuften und arbeiten. Ich schufte und schaffe freilich vielleicht dann zu einer Stunde, wo alle diese Arbeiter Feierabend haben und ausruhen.

Ein Monteur auf dem Fahrrad, Kamerad vom Landwehrbataillon 134/III, ruft mir beiläufig zu: »Du spazierst wieder einmal, scheint mir, am heiterhellen Werktag.« Ich grüße ihn lachend und gebe mit Freuden zu, daß er recht hat, wenn er der Ansicht ist, daß ich spaziere.

»Sie sehen es mir an, daß ich spaziere«, dachte ich im stillen und spazierte friedlich weiter, ohne mich im geringsten über das Ertapptwordensein zu ärgern, was ganz dumm gewesen wäre.

In meinem hellgelben, geschenkt bekommenen Engländer-Anzug kam ich mir nämlich, muß ich offen gestehen, wie ein großer Lord, Grandseigneur, im Park auf und ab spazierender Marquis vor, trotzdem es doch nur eine halb ländliche, halb vorstadtmäßige schlichte liebe bescheidene und kleinliche Armutsgegend und Landstraße war, wo ich mich erging, und durchaus kein vornehmer Park, wie ich mir angemaßt habe anzudeuten, was ich sachte wieder zurückziehe, weil alles Parkhafte ganz aus der Luft gegriffen ist und hierher absolut nicht paßt. Kleinere und größere Fabriklein und mechanische Werkstätten lagen beliebig verstreut im Grünen. Fette warme Landwirtschaft gab hier herum gleichsam klopfender und hämmernder Industrie, die immer irgend etwas Zerarbeitetes und Mageres an sich hat, freundschaftlich den Arm. Nußbäume, Kirschbäume und Pflaumenbäume gaben dem weichen, rundlichen Weg etwas Anziehendes, Unterhaltsames und Zierliches. Ein Hund lag quer mitten auf der Straße, die ich an und für sich schon schön fand und liebte. Ich liebte überhaupt das meiste, was ich nach und nach sah, augenblicklich feurig. Eine andere kleine hübsche Hundeszene und Kinderszene war folgende: Ein großer, aber durchaus drolliger, humorvoller, ungefährlicher Kerl von Hund betrachtete still einen Knirps von Knaben, der auf einer Haustreppe kauerte, und der wegen der Aufmerksamkeit, die ihm das gutmütige, jedoch ein wenig schreckhaft aussehende Tier zu schenken beliebte, vor Angst jämmerlich brüllte und ein starkes, kindisches Geheul veranstaltete. Ich fand den Auftritt entzückend; aber einen andern Kinderauftritt im Landstraßentheater fand ich fast noch netter und entzückender. Zwei ganz kleine Kinderchen lagen auf der ziemlich staubigen Straße wie in einem Garten. Das eine Kind sagte zum andern: »Gib mir ein liebes Küßchen.« Das andere Kind gab ihm das dringlich Geforderte. Nun sagte es zu ihm: »So. Jetzt darfst du vom Boden aufstehen.« Es würde ihm also höchst wahrscheinlich ohne süßes Küßchen nicht erlaubt haben, was es ihm jetzt gestattete. »Wie paßt diese naive kleine Szene zu dem schönen blauen Himmel, der auf die frohe leichte helle Erde so göttlich herunterlacht!« sagte ich mir. »Kinder sind himmlisch, weil sie immer wie in einer Art Himmel sind. Wenn sie älter werden und aufwachsen, schwindet ihnen der Himmel, und sie fallen aus der Kindlichkeit dann in das trockene, berechnende Wesen und in die langweiligen Anschauungen der Erwachsenen. Für Kinder von armen Leuten ist die sommerliche Landstraße wie ein Spielzimmer. Wo sollen sie sonst sein, da ihnen die Gärten eigennützig zugesperrt sind? Wehe dahersausenden Automobilen, die kalt und bös in das Kinderspiel, in den kindlichen Himmel hineinfahren, daß kleine unschuldige menschliche Wesen in Gefahr kommen, zermalmt zu werden. Den schrecklichen Gedanken, daß ein Kind von solch einem plumpen Triumphwagen tatsächlich überfahren wird, will ich garnicht denken, weil mich sonst der Zorn zu groben Ausdrücken verleitete, mit denen man ja bekanntlich doch nie viel verrichtet.«

Leuten, die in einem sausenden, staubaufwerfenden Automobil sitzen, zeige ich immer mein böses und hartes Gesicht, und sie verdienen auch kein besseres. Sie denken dann, daß ich ein Aufpasser und Polizist in Zivil sei, von hohen Obrigkeiten und Behörden beauftragt, auf das Fahren aufzupassen, mir die Nummer des Fahrzeugs zu merken und solche später zu hinterbringen. Ich schaue da stets finster auf die Räder, aufs Ganze und nie auf die Insassen, welche ich verachte und zwar keineswegs persönlich, sondern rein grundsätzlich; denn ich begreife nicht und werde niemals begreifen, daß es ein Vergnügen sein kann, so an allen Gebilden, Gegenständen, die unsere schöne Erde aufweist, vorüberzurasen, als wenn man toll geworden sei und rennen müsse, um nicht elend zu verzweifeln. In der Tat liebe ich die Ruhe und alles Ruhende. Ich liebe Sparsamkeit und Mäßigkeit und bin allem Gehetz und Gehast im tiefsten Innern in Gottes Namen abhold. Mehr als was wahr ist brauche ich nicht zu sagen. Und wegen dieser Worte wird das Automobilfahren sicher nicht mit einmal aufhören nebst luftverderbendem üblem Geruch, den sicherlich niemand besonders hochschätzt und liebt. Es wäre widernatürlich, wenn jemandes Nase lieben und mit Freuden einziehen würde, was für jede rechte Menschennase einfach manchmal, je nachdem man vielleicht gelaunt ist, empörend und abscheuerweckend ist. Schluß und nichts für ungut. Und nun weiter spaziert. Himmlisch schön und gut und uralt einfach ist es ja, zu Fuß zu gehen. Anzunehmen ist, daß das Schuhwerk und Stiefelzeug in Ordnung ist.

Werden mir sehr geehrte Herrschaften, Gönnerschaften und Leserschaften, indem sie diesen vielleicht etwas zu feierlichen und hochdaherstolzierenden Stil wohlwollend hinnehmen und entschuldigen, nunmehr gütig erlauben, dieselben auf zwei besonders bedeutende Personen, Gestalten oder Figuren, nämlich erstlich oder besser erstens auf eine vermeintliche gewesene Schauspielerin und zweitens auf die jugendlichste vermutliche angehende Sängerin gebührend aufmerksam zu machen? Ich halte diese zwei Leute für denkbar wichtig und habe sie daher geglaubt zum voraus schon, bevor sie in Wirklichkeit auftreten und figurieren werden, ordentlich anmelden und ankündigen zu sollen, damit ein Geruch von Bedeutsamkeit und Ruhm den beiden zarten Geschöpfen vorauseile und dieselben bei ihrem Erscheinen mit all der Achtsamkeit und sorgfältigen Liebe empfangen und angeschaut werden können, womit man meiner geringfügigen Meinung nach solcherlei Wesen fast notwendigerweise auszeichnen muß. Gegen halb ein Uhr wird ja dann der Herr Verfasser bekanntermaßen, zum Lohn für seine vielfachen Strapazen, im Palazzo oder Haus der Frau Aebi essen, schwelgen und speisen. Bis dahin wird er indessen noch eine beträchtliche Strecke Weges zurückzulegen und noch manche Zeile zu schreiben haben. Aber man weiß ja zur Genüge, daß er ebenso gern spaziert als schreibt; letzteres allerdings vielleicht um eine Nüance weniger gern als ersteres.

Vor einem bildsaubern und hübschen Haus sah ich, hart an der schönen Straße, eine Frau auf einer Bank sitzen, und kaum hatte ich sie erblickt, so erkühnte ich mich auch bereits sie anzusprechen, indem ich unter möglichst artigen und verbindlichen Wendungen Folgendes vorbrachte:

»Verzeihen Sie, wenn sich mir, einem Ihnen völlig unbekannten Menschen, bei Ihrem Anblick die eifrige und sicherlich dreiste Frage auf die Lippe drängt, ob Sie nicht vielleicht ehemals Schauspielerin gewesen seien. Sie sehen nämlich ganz und gar wie eine einstmals verwöhnte, gefeierte große Schauspielerin und Bühnenkünstlerin aus. Gewiß wundern Sie sich mit größtem Recht über die so verblüffend waghalsige kecke Anrede und Anfrage; aber Sie haben ein so schönes Gesicht, ein so gefälliges, nettes, und ich muß beifügen, so interessantes Aussehen, zeigen eine so schöne, edle, gute Figur, schauen so grad und groß und ruhig vor sich hin, auf mich und überhaupt in die Welt hinein, daß ich mich unmöglich habe zwingen können, an Ihnen vorüberzugehen, ohne gewagt zu haben, Ihnen etwas Artiges und Schmeichelhaftes zu sagen, was Sie mir hoffentlich nicht übel nehmen werden, obschon ich fürchten muß, daß ich wegen meiner Leichtfertigkeit Strafe und Mißbilligung verdiene. Als ich Sie sah, kam ich augenblicklich auf den Gedanken, daß Sie Schauspielerin gewesen sein müßten, und heute, so dachte ich bei mir, sitzen Sie nun hier an der einfachen, wenn auch gleich schönen Straße, vor dem hübschen kleinen Laden, als dessen Inhaberin Sie mir vorkommen. Sie sind vielleicht bis heute noch von keinem Menschen hier so ohne alle Umstände angeredet worden. Ihr freundliches und zugleich anmutiges Äußeres, Ihre liebenswürdige, schöne Erscheinung, Ihre Ruhe, Ihre feine Gestalt und Ihr edles, munteres Aussehen bei vorgerücktem Alter, das Sie mir erlauben wollen anzumerken, haben mich ermutigt, ein zutrauliches Gespräch auf offener Straße mit Ihnen anzufangen. Auch hat der schöne Tag, dessen Freiheit und Heiterkeit mich beglücken, eine Fröhlichkeit in mir angezündet, mit welcher ich vielleicht der unbekannten Dame gegenüber etwas zu weit gegangen bin. Sie lächeln! Dann sind Sie also über die ungezwungene Sprache, die ich führe, keineswegs böse. Es dünkt mich, wenn ich so sagen darf, schön und gut, daß dann und wann zwei unbekannte Menschen frei und harmlos miteinander reden, wozu wir Bewohner dieses irrenden, seltsamen Planeten, der uns ein Rätsel ist, ja schließlich Mund und Zunge und die sprachliche Fähigkeit haben, welch letztere an und für sich schon so schön und seltsam ist. Jedenfalls haben Sie mir, als ich Sie sah, sogleich herzlich gut gefallen; doch ich muß mich nun respektvoll entschuldigen, und ich möchte Sie bitten, überzeugt zu sein, daß Sie mir die wärmste Ehrfurcht einflößen. Kann das offene Geständnis, daß ich sehr glücklich war, als ich Sie sah, Sie veranlassen, mir zu zürnen?«

»Vielmehr muß es mich freuen«, sagte die schöne Frau heiter; »aber bezüglich Ihrer Vermutung muß ich Ihnen eine Enttäuschung bereiten. Ich bin nie Schauspielerin gewesen.«

Worauf ich mich bewogen fühlte, zu sagen: »Ich bin vor einiger Zeit in diese Gegend aus kalten, traurigen, engen Verhältnissen, krank im Innern, ganz und gar ohne Glauben, ohne Zuversicht und Zutrauen, ohne jegliche schönere Hoffnung hergekommen, mit der Welt und mit mir selber entfremdet und verfeindet. Ängstlichkeit und Mißtrauen nahmen mich gefangen und begleiteten jeden meiner Schritte. Stück um Stück verlor ich dann das unedle, häßliche Vorurteil. Ich atmete hier wieder ruhiger und freier – und wurde wieder ein schönerer, wärmerer, glücklicherer Mensch. Die Befürchtungen, die mir die Seele erfüllten, sah ich nach und nach verschwinden; Trauer und Öde im Herzen und die Hoffnungslosigkeit verwandelten sich allgemach in heitere Befriedigung und in einen angenehmen, lebhaften Anteil, den ich von Neuem fühlen lernte. Ich war tot, und jetzt ist es mir, als habe mich jemand gehoben und gefördert. Wo ich viel Unschönes, Hartes und Beunruhigendes erfahren zu müssen geglaubt habe, treffe ich den Liebreiz und die Güte an und finde ich alles Ruhige, Zutrauliche und Gute.«