Simon und Klara saßen, in stille, lange Gespräche versunken, auf einer Bank. Sie hatten sich so viel zu sagen, hätten eigentlich endlos plaudern mögen. Klara würde immer über Kaspar gesprochen haben und Simon immer über die, die neben ihm saß. Er hatte eine seltsame, freie, offene Manier, über Menschen zu reden, die gerade seine Gefährten waren, die neben ihm saßen oder standen und ihm zuhorchten. Es kam von selber, er fühlte immer für die am stärksten, die ihn zum Sprechen veranlaßten, und sprach infolgedessen über sie und nicht über Abwesende. Klara dachte nur an den Abwesenden. »Quält es dich nicht,« fragte sie, »daß wir nur über ihn sprechen?« »Nein,« erwiderte Simon, »seine Liebe ist die meine. Ich habe mich immer gefragt, wird nie einer von uns lieben? Ich betrachtete es immer als etwas Wundervolles, für das wir beide zu schlecht wären. Ich las viel in Büchern über Liebe, ich liebte immer die Liebenden. Schon als Schulknabe lag ich über solchen Büchern stundenlang gebeugt und bebte und zitterte und erschrak mit meinen Liebenden. Da war fast immer eine stolze Frau und ein noch unbeugsamerer Charakter von Mann, ein Arbeiter in der Bluse oder ein simpler Soldat. Die Frau war immer eine vornehme Dame. Für ein Liebespaar von einfachen Leuten hätte ich damals keinen Sinn gehabt. Meine Sinne wuchsen mit diesen Büchern auf und gingen darin unter, wenn ich das Buch schloß. Dann kam ich ins Leben und vergaß das alles. Ich biß mich in Freiheitsgedanken fest, aber ich träumte davon, eine Liebe zu erleben. Was nützt es mir, böse zu sein, daß die Liebe nun da ist und nicht mir gilt? Wie kindisch. Beinahe bin ich sogar froh, daß sie nicht mich will, sondern einen andern, ich möchte sie zuerst gesehen haben und sie erst dann erleben. Doch ich erlebe sie nie. Ich glaube, das Leben will anderes von mir, hat anderes mit mir vor. Es läßt mich alles lieben, was es nur an Erscheinungen mir zuwirft. Ich darf dich doch lieben, Klara, auf andere, vielleicht dümmere Weise. Ist es nicht dumm, daß ich so genau weiß, daß ich, wenn du es willst, sterben könnte für dich, sterben wollte? Kann ich nicht sterben für dich? Ich würde es ganz selbstverständlich finden. Ich lege keinen Wert auf mein Leben, nur Wert auf anderer ihr Leben, und trotzdem liebe ich das Leben, aber ich liebe es deshalb, weil ich hoffe, daß es mir Gelegenheit verschafft, es anständigerweise wegzuwerfen. Nicht wahr, das ist töricht gesprochen? Laß mich deine beiden Hände küssen, damit du die Empfindung hast, daß ich dir angehöre. Natürlich bin ich nicht dein und du wirst nie etwas von mir verlangen wollen, denn was könnte dir einfallen, von mir zu verlangen. Aber ich liebe Frauen von deinem Schlag, und einer Frau, die man liebt, macht man gerne ein Geschenk, und so schenke ich dir mich, weil ich kein besseres Geschenk weiß. Ich kann dir vielleicht nützlich sein, ich kann springen für dich mit diesen meinen Beinen, ich kann den Mund halten, wo du wünschen solltest, daß einer für dich schweigen möchte, ich kann lügen, wenn du in den Fall kommst, dich eines schamlosen Lügners bedienen zu müssen. Es gibt edle Fälle dieser Art. Ich kann dich tragen in meinen Armen, wenn du umfallen solltest, und ich kann dich über Pfützen heben, damit du deinen Fuß nicht beschmutzest. Sieh einmal meine Arme an. Kommen sie dir nicht vor, als höben, als trügen sie dich schon? Was würdest du lächeln, wenn ich dich trüge, und ich würde ebenfalls lächeln, denn ein Lächeln, wenn es kein unzartes ist, zwingt immer das andere hervor. Dieses Geschenk, das ich dir mache, ist ein bewegliches und ewiges; denn der Mensch, auch der simpelste, ist ewig. Ich werde dir noch angehören, wenn du längst nichts mehr bist, nicht einmal ein Stäubchen; denn das Geschenk überdauert immer den Beschenkten, damit es trauern kann, das es seinen Besitzer verloren hat. Ich bin zum Geschenk geboren, ich gehörte immer jemandem an, es verdroß mich, wenn ich einen Tag lang umherirrte und niemanden fand, dem ich mich anbieten konnte. Nun gehöre ich dir an, obgleich ich weiß, daß du dir wenig machst aus mir. Du bist gezwungen, dir wenig aus mir zu machen. Geschenke pflegt man bisweilen zu verachten. Ich zum Beispiel, wie verächtlich denke ich in meiner Seele von Geschenken. Ich hasse förmlich das Beschenktwerden. Deshalb will es auch das Schicksal, daß mich niemand liebt; denn gut und allsehend ist das Schicksal. Ich würde Liebe nicht ertragen können, denn ich kann Lieblosigkeit ertragen. Den darf man nicht lieben, der lieben will, sonst würde man ihn nur stören in seiner Andacht. Ich möchte nicht, daß du mich liebtest. Und sieh, daß du den andern liebst, macht mich so glücklich; denn nun, versteh mich, gibst du mir die Bahn frei, dich lieben zu dürfen. Ich liebe Gesichter, die sich von mir ab, einem andern Gegenstand zu wenden. Die Seele, die eine Malerin ist, liebt diesen Reiz. Ein Lächeln ist so schön, wenn es über eine Lippe geht, die man ahnt, nicht sieht. So wirst du mir gefallen. Glaubst du, daß du nicht nötig hättest, mir zu gefallen? Doch jetzt fällt es mir ein: Du brauchst mir nicht zu gefallen, du hast es wirklich nicht nötig; denn ich bin dir gegenüber keines Urteils fähig, höchstens einer Bitte; doch ich weiß nicht mehr, was ich rede.«

Klara weinte über seine Erklärung. Sie hatte ihn längst nahe zu sich herangezogen und befühlte mit ihren schönen Händen, die von der Nachtluft kühl geworden waren, seine brennenden Wangen. »Was du mir da sagtest, hättest du gar nicht zu sagen brauchen, ich wußte es ja doch, wußte es ja doch, wußte – es – ja – doch.« – Ihre Stimme nahm diejenige Zärtlichkeit an, die man anwendet, wenn man Tieren, denen man ein bißchen weh getan hat, wieder Liebe und Zutraulichkeit einflößen will. Sie war glücklich, und ihre Stimme lispelte in den langgezogenen und hohen Tönen der Freudigkeit. Ihr ganzer Körper schien mitzusprechen, als sie sagte: »Du tust so gut daran, mich zu lieben, jetzt, da ich lieben muß. Ich werde jetzt noch einmal so freudig lieben. Vielleicht werde ich einmal unglücklich sein, aber mit welcher Wonne werde ich unglücklich sein. Es macht uns Frauen nur einmal im Leben Freude, unglücklich zu sein, aber wir verstehen es, das Unglück auszukosten. Aber wie kann ich von Schmerzen zu dir sprechen. Sieh, es empört mich bereits, davon nur gesprochen zu haben. Wie kann ich es wagen, dich bei mir zu haben und nicht an mein Glück zu glauben? Du machst einen glauben, du machst, daß man glauben darf. Bleibe immer mein Freund. Du bist mein süßer Knabe. Deine Haare gleiten durch meine Hände, und dein Kopf voll so unergründlicher Gedanken der Freundschaft liegt mir im Schoße. Ich komme mir schön vor so; du machst mich das empfinden. Du mußt mich küssen. Auf meinen Mund mußt du mich küssen. Ich will eure Küsse vergleichen, Kaspars und deine. Ich will denken, daß er mich küßt, wenn du mich küssest. Ein Kuß ist doch etwas Wundervolles. Wenn du mich jetzt küssest, küßt mich eine Seele, kein Mund. Hat dir Kaspar gesagt, wie ich ihn geküßt habe und wie ich ihn bat, daß er mich küssen solle? Er muß anders küssen, er soll küssen lernen wie du, doch nein, warum sollte er küssen wie du? Er küßt so, daß ich ihn gleich wieder küssen muß, du küssest so, daß man sich noch einmal von dir küssen läßt, so, wie du es jetzt tust. Behalte mich lieb, sei immer so lieb, und küsse mich noch einmal, daß ich, wie du vorhin gesagt hast, die Empfindung habe, daß du mir angehörst. Ein Kuß macht das so verständlich. Wir Frauen wollen so belehrt werden. Du verstehst Frauen eigentlich sehr gut, Simon. Man sollte es dir nicht anmerken. Komm nun, wir wollen gehen!«

Sie erhoben sich, und als sie eine Weile gegangen waren, trafen sie auf die drei andern. Hedwig nahm Abschied von ihren Brüdern und Frau Klara. Sebastian begleitete das Mädchen. Als die beiden sich entfernt hatten, fragte Klara Kaspar leise: »Darfst du deine Schwester der Begleitung dieses Herrn anvertrauen?« Kaspar antwortete: »Würde ich es tun lassen, wenn ich es nicht ruhig dürfte?«

Als sie nach Hause kamen, hörten sie im Wald einen Schuß fallen. »Er schießt wieder,« sagte leise Klara. »Was will er mit seinem Schießen?« fragte Kaspar, und Simon kam lachend mit der raschen Antwort zuvor: »Er schießt, weil es ihm noch sonderbar vorkommt. Es liegt noch bis jetzt eine Art Idee dahinter. Wann es aufgehört hat, interessant zu sein, wird er es schon bleiben lassen.« Schon hörte man wieder einen Schuß. Klara runzelte die Stirn und seufzte, und versuchte dann, die Ahnungen, die sie hatte, in einem Lachen zu ersticken. Aber es war ein grelles Lachen, und die Brüder erbebten auf einen Augenblick.

»Du benimmst dich seltsam,« sagte Agappaia, der plötzlich unter der Haustüre erschien, eben, als sie eintreten wollten, zu seiner Frau. Diese schwieg, als hätte sie nichts gehört. Dann legten sie sich alle schlafen.

Noch in derselben Nacht schrieb Klara, die keinen Schlaf fand, an Hedwig:

»Sie, liebes Mädchen, Schwester meines Kaspars, ich muß Ihnen schreiben. Ich kann nicht schlafen, finde keine Ruhe. Ich sitze hier, halb ausgezogen, vor meinem Schreibtisch, und bin gezwungen, so hin und her zu träumen. Es deucht mich, daß ich an alle Menschen Briefe schreiben könnte, an jeden beliebigen Unbekannten, an jedes Herz; denn alle Menschenherzen zittern für mich vor Wärme. Heute, als Sie mir die Hand reichten, sahen Sie mich so lange an, fragend, und mit einer gewissen Strenge, als wüßten Sie bereits, wie es mit mir steht, als fänden Sie, daß es schlimm mit mir stehe. Sollte es in Ihren Augen schlimm mit mir stehen? Nein, ich glaube nicht, daß Sie mich verdammen, wenn Sie alles wissen werden. Sie sind so ein Mädchen, vor dem man keine Geheimnisse haben mag, dem man alles sagen will, und ich will Ihnen alles sagen, damit Sie alles wissen, damit Sie mich lieben können; denn Sie werden mich lieb haben, wenn Sie mich kennen, und ich begehre darnach, von Ihnen geliebt zu werden. Ich träume davon, alle schönen und klugen Mädchen um mich geschart zu sehen, als Freundinnen und Beraterinnen und auch als meine Schülerinnen. Sie wollen, hat mir Kaspar gesagt, Lehrerin werden und sich der Erziehung der kleinen Kinder opfern. Ich möchte auch Lehrerin werden, denn Frauen sind zu Erzieherinnen wie geboren. Sie wollen etwas werden, wollen etwas sein: das paßt zu Ihnen, das entspricht dem Bilde, das ich mir von Ihnen mache. Er entspricht auch der Zeit, in der wir leben, und der Welt, die ein Kind dieser Zeit ist. Das ist schön von Ihnen, und wenn ich ein Kind hätte, würde ich es zu Ihnen in die Schule schicken, würde es ganz Ihnen überlassen, so daß es sich daran gewöhnen müßte, Sie als eine Mutter zu verehren und zu lieben. Wie werden die Kinder zu Ihnen emporblicken, um zu sehen, an Ihren Augen, ob Sie strenge blicken oder gütig. Wie werden sie jammern in ihren kleinen, blühenden Herzen, wenn sie Sie mit Sorgen im Gesicht in die Stunde kommen sehen; denn Kindern ist Ihre Seele verständlich. Sie werden nicht lange mit unartigen Kindern zu tun haben; denn ich denke mir, selbst die unartigsten und verzogensten unter ihnen werden sich in kurzer Zeit ihrer Unarten vor Ihnen schämen und es bereuen, Ihnen Schmerz eingeflößt zu haben. Ihnen gehorchen, Hedwig, wie muß das süß sein. Ich möchte Ihnen gehorchen, möchte ein Kind werden und die Lust empfinden, Ihnen folgsam sein zu dürfen. Sie wollen in ein kleines, stilles Dorf ziehen! Um so schöner. Dann werden Sie Dorfkinder zu unterrichten haben, die noch besser zu erziehen sind als die Kinder der Städte. Aber Sie würden auch in der Stadt Erfolge erzielen. Sie sehnen sich nach dem Lande, nach den niederen Häusern, nach den Gärtchen vor den Häusern, nach den Menschengesichtern, die man dort sieht, nach dem Fluß, der vorbeirauscht, nach dem einsamen, entzückenden Seeufer, nach den Pflanzen, die man im stillen Walde sucht und findet, nach den Tieren auf dem Lande, nach der Welt auf dem Lande. Sie werden alles finden; denn Sie passen dahin. Man paßt dahin, wohin man sich sehnt. Gewiß finden Sie dort eines Tages die Antwort auf die Frage, wie man es zu machen habe, daß man glücklich sei. Sie sind jetzt schon glücklich, und ich fühle wohl, wie gern ich Ihre Munterkeit besitzen möchte. Wenn man Sie sieht, möchte man glauben, daß man Sie schon längst gekannt hätte und daß man auch wüßte, wie Ihre Mutter aussieht. Andere Mädchen findet man hübsch, ja schön, aber von Ihnen möchte man gekannt und geliebt sein, sowie man Sie nur ansieht. Sie haben etwas Lockendes, beinahe Großmütterliches in Ihrem jungen, hellen Gesicht; vielleicht ist das das Ländliche, was Sie an sich haben. Ihre Mutter war Bäuerin? Sie muß eine schöne, liebe Bäuerin gewesen sein. Sie hat viel gelitten in der Stadt, sagte mir einmal Kaspar; das glaube ich; denn ich meine sie vor mir sehen zu sollen, diese Ihre Mutter. Sie soll sich stolz betragen haben und darunter gelitten haben. Freilich; denn in der Stadt darf sich ein Mensch nicht so stolz betragen wie auf dem Lande, wo sich eine Frau leicht als freie Herrin vorkommt. Ich möchte Ihnen ein bißchen damit gefallen daß ich von Ihrer Mutter spreche, die Sie, als die Arme gebrochen und krank war, gepflegt und besorgt haben. Ich habe auch ein Bild Ihrer Mutter gesehen und verehre und liebe sie, wenn Sie mir erlauben, das zu tun. Mit Ihrer Erlaubnis würde ich es dann noch viel inniger tun. Könnte ich sie sehen, könnte ich ihr zu Füßen fallen und ihre Hand nehmen und meine Lippen darauf pressen. Wie wohl würde mir das tun. Es gliche einem einstweiligen, teilweisen, armen Schuldenbezahlen; denn ich bin ihre Schuldnerin und auch Ihre, Hedwig. Ihr Bruder Kaspar wird oft lieblos und rauh zu Ihnen gewesen sein; denn junge Männer müssen oft hart zu denen sein, von denen sie am meisten geliebt werden, um sich eine Bahn in die offene Welt zu brechen. Ich begreife, daß ein Künstler oft Liebe als etwas ihn Hemmendes abschütteln muß. Sie haben ihn als ganz jung gesehen, als einen Schulknaben, der zur Schule gegangen ist, haben ihm seine Unarten vorgehalten, haben sich mit ihm gestritten, haben ihn bemitleidet und beneidet, beschützt und gewarnt, ausgescholten und gelobt, haben mit ihm seine ersten, erwachenden Empfindungen geteilt und ihm gesagt, daß es schön sei, Empfindungen zu hegen; haben sich von ihm zurückgezogen, als Sie merkten, daß er anderes, als Sie, im Sinne trug; haben ihn gehen und machen lassen und gehofft, daß er gedeihen möchte und nicht fallen möchte. Sie sehnten sich, als er fort war, nach ihm und flogen ihm an den Hals, als er eines Tages zurückkehrte, und fingen auch schon wieder an, ihn in Ihre Obhut zu nehmen; denn er ist solch ein Mensch, daß er der Obhut zu bedürfen, beständig zu bedürfen scheint. Ich danke Ihnen. Ich habe nicht Atem genug, nicht Herz genug und kein Wort, um Ihnen zu danken. Und ich weiß nicht, ob ich Ihnen danken darf. Vielleicht wollen Sie nichts von mir wissen. Ich bin eine Sünderin, aber vielleicht verdienen Sünderinnen, daß man ihnen gestattet, zu lernen, was man zu tun hat, um demütig zu erscheinen. Ich bin demütig, nicht geknickt, nicht etwa gebrochen, aber voll flammender, bittender, flehender Demut. Ich will mit Demut gut machen, was ich mit Liebe verbrochen habe. Wenn Sie Wert darauf legen, eine Schwester zu haben, die froh ist, Ihre Schwester zu sein, so gehorche ich Ihnen. Wissen Sie, was Ihr Bruder Simon mir gegeben hat? Sich selbst hat er mir geschenkt, er hat sich weggeworfen an mich, und ich möchte mich wegwerfen an Sie. Aber, Hedwig, wegwerfen kann man sich an Sie nicht. Das hieße ja: Ihnen wenig geben zu wollen. Doch ich bin viel, seit ich Kaspar umarmt habe. Ich fange an, mich zu brüsten und stolz reden, das will ich nicht. Ich will jetzt versuchen, ob ich schlafen kann. Der Wald schläft ja auch, warum müssen Menschen nicht schlafen können. Doch ich weiß, daß ich jetzt schlafen kann!« – Während die Frau den Brief schrieb, saßen Simon und Kaspar bei der Lampe, die sie angezündet hatten. Sie hatten noch keine Lust, sich zu Bett zu legen und sprachen noch miteinander. Kaspar sagte: »Seit den letzten Tagen male ich überhaupt nicht mehr, und ich werde, wenn das so weiter geht, meine ganze Kunst an den Nagel hängen und Bauer werden. Warum nicht? Muß es denn gerade die Kunst sein? Könnte man denn nicht anders leben? Vielleicht ist es nur eine Angewohnheit, daß man sich einbildet, um alles willen künstlerisch zu arbeiten. Ja, vielleicht nach zehn Jahren wieder damit beginnen! Man würde alles anders ansehen, viel einfacher, viel weniger phantastisch, und das könnte nicht schaden. Man müßte den Mut und das Vertrauen besitzen. Das Leben ist kurz, wenn man mißtraut, aber lang, wenn man vertraut. Was kann einem entgehen? Ich fühle, daß ich von Tag zu Tag träger werde. Sollte ich mich da aufraffen und wie ein Schulbub mich zwingen, meine Pflicht zu erfüllen? Habe ich der Kunst gegenüber irgend eine Pflicht zu erfüllen? Das ließe sich so oder so umwenden, man könnte es drehen, wie es einem gerade behagte. Bilder malen! Das kommt mir jetzt so stupide vor, ist mir so gleichgültig. Man muß sich gehen lassen. Ob ich hundert Landschaften male oder zwei, ist das nicht ganz gleichgültig? Es kann einer immer malen und bleibt doch ein Stümper, dem es nie einfällt, seinen Bildern einen Hauch von seinen Erfahrungen einzugeben, weil er keine Erfahrungen gemacht hat, so lange er lebte. Wenn ich erfahrener sein werde, werde ich auch den Pinsel geistvoller und gedankenvoller führen, und dieses ist mir nicht gleichgültig. Was kommt's auf die Anzahl an. Und trotzdem: irgend ein Gefühl sagt mir, daß es nicht gut ist, auch nur einen Tag lang außer Übung zu bleiben. Das ist die Faulheit, die verdammte Faulheit!« – – –

Er sprach nicht weiter; denn in diesem Augenblick tönte durch die Wände ein langer, furchtbarer Schrei. Simon ergriff die Lampe und beide stürzten die Treppe hinunter, in das Gemach, wo sie wußten, daß sie schlief. Den Schrei hatte Klara ausgestoßen. Agappaia war auch herbeigesprungen, und sie fanden die Frau ausgestreckt am Boden liegen. Sie hatte sich, wie es schien, ausziehen wollen, um zu Bett zu gehen, und war, von einem heftigen Anfall gepackt, umgefallen. Ihre Haare waren aufgelöst und die herrlichen Arme zuckten fieberisch am Boden. Ihre Brust hob und senkte sich stürmisch, während ein verwirrtes Lächeln um ihren Mund flog, der weit geöffnet war. Alle drei Männer bogen sich zu ihr nieder, hielten ihre Arme fest, bis die Zuckungen allmählich sich verloren. Weh hatte sie sich beim Umfallen nicht getan, was leicht hätte geschehen können. Man hob die Bewußtlose auf und legte sie, halb angekleidet, wie sie war, auf ihr Bett, das säuberlich abgedeckt war. Sie wurde ruhiger, als man ihr das Korsett öffnete. Sie atmete erleichtert auf und schien jetzt zu schlafen. Und immer schöner lächelte sie und fing an zu schwärmen in Lispeltönen, die wie Glocken aus weiter Ferne daherklangen, scharf, und doch kaum vernehmbar. Man horchte gespannt und beratschlagte, ob es einen Zweck hätte, aus der Stadt einen Arzt heraufzuholen. »Bleiben Sie doch noch,« sagte Agappaia ruhig zu Simon, der sogleich sich auf den Weg machen wollte, »es wird vorübergehen. Es ist nicht das erste Mal.« Sie saßen und horchten weiter und sahen einander bedeutend an. Aus Klaras Munde war nicht viel zu verstehen, als etwa kurze, abgerissene, halb gesungene, halb gesprochene Sätze: »Im Wasser, nein, sieh doch, tief, tief. Das hat lange gebraucht, lange, lange. Und du weinst nicht. Wenn du wüßtest. Es ist so schwarz und so schlammig um mich herum. Aber sieh doch. Ein Veilchen wächst mir zum Munde heraus. Es singt. Hörst du? Hörst du's? Man sollte meinen ich wäre ertrunken. So schön, so schön. Gibt es nicht ein Liedlein darauf? Die Klara! Wo ist sie nun? Such sie, such sie doch. Aber du müßtest ins Wasser gehen. Hu, schauert dich, nicht wahr? Schauert mich gar nicht mehr. Ein Veilchen. Ich sehe die Fische schwimmen. Ich bin ganz still, ich mache gar nichts mehr. Sei doch lieb, sei gut. Du blickst böse. Die Klara liegt da, da. Siehst du, siehst du? Ich hätte dir noch etwas sagen wollen, aber ich bin froh. Was hätte ich dir sagen wollen? Weißt es nicht mehr. Hörst du mich klingen? Mein Veilchen ist es, das klingelt. Ein Glöckchen. Das habe ich immer gewußt. Sage es nur nicht. Ich höre ja nichts mehr. Bitte, bitte« – –

»Gehen Sie nur zu Bett. Wenn es schlimmer wird, werde ich Sie wecken,« sagte Agappaia.

Es wurde nicht schlimm. Am andern Morgen war Klara wieder munter und wußte nichts davon, was mit ihr geschehen war. Sie hatte etwas Kopfschmerzen, das war alles.