Simon fing an, sich auf dem Lande einzurichten. Seine Koffer kamen mit der Post nach, worauf er alle seine Sachen auspackte. Vieles besaß er nicht mehr, ein paar alte Bücher, die er nicht hatte veräußern oder weggeben mögen, Wäsche, einen schwarzen Anzug und einen Knäuel von Kleinigkeiten wie Bindfaden, Seidenreste, Krawatten, Schuhbändel, Kerzenstümpchen, Knöpfe und Fadenteile. Man lieh sich bei der Nachbarsschullehrerin eine alte eiserne Bettlade, dazu eine Strohmatratze, das genügte, um auf dem Lande schlafen zu können. Diese Bettstelle wurde auf einem breiten Schlitten in der Nacht vom nächsten Dorf herbeigeführt. Hedwig und Simon setzten sich auf das sonderbare Fahrzeug; der Sohn der befreundeten Lehrerin, ein strammer Bursche, der eben den Militärdienst verlassen hatte, leitete den Schlitten bergab in die Einsenkung, in der sich das Schulhaus befand. Man lachte viel. Das Bett wurde im zweiten Zimmer aufgeschlagen und mit dem nötigen Bettzeug versehen und so für einen Menschen hergerichtet, der keine zu überspannten Ansprüche an ein Bett machte, was auch Simon keineswegs tat. Hedwig dachte im Anfang eine Weile: »Da kommt er nun zu mir, weil er sonst nirgendswo anders zu leben hat in der weiten Welt. Dafür bin ich ihm gut. Wenn er wüßte, wo schlafen und essen, er würde sich sicher seiner Schwester nicht erinnert haben.« Aber sie verscheuchte diesen Gedanken bald, der nur in einem Anflug von Trotz entstand, der ausgedacht wurde, weil er so kam, nicht, weil man ihn gerne dachte. Simon seinerseits schämte sich ein wenig, die Güte seiner Schwester in solcher Weise zu beanspruchen, aber auch nicht sehr lange; denn die Gewohnheit schluckte diese Empfindung bald auf, er gewöhnte sich daran, ganz einfach! Geld hatte er wirklich keines mehr, aber er ließ sofort, in den ersten Tagen schon, ein Schreiben an alle umliegenden Notare ergehen, mit der Bitte, ihm, einem gewandten Schönschreiber, Arbeiten zuzuweisen. Und was brauchte man auf dem Lande Geld! Viel jedenfalls nicht. Nach und nach sank jede empfindliche Scheidewand zwischen den beiden Bewohnern des Schulhauses, sie lebten, als wenn sie immer miteinander gelebt hätten, und teilten Entbehrung sowie Lustbarkeiten fröhlich miteinander.
Es war Vorfrühling. Man durfte schon mit weniger Zagheit die Fenster offen stehen lassen und brauchte den Ofen nur noch leichter zu heizen. Die Kinder brachten Hedwig ganze Sträuße von Schneeglöckchen mit in die Schule, so daß man in Verlegenheit geriet, wohin sie alle setzen, da nicht genug kleine Gefäße vorhanden waren. Die Ahnung des Frühlings duftete beklemmend in der Dorfluft. In der Sonne gingen schon Menschen spazieren. Simon war den einfachen Leuten bekannt geworden, ganz spurlos, so ganz nebenher, man fragte nicht viel, wer er sei, es hieß, es sei einer der Brüder der Lehrerin, das genügte, um ihm hier Achtung zu verschaffen. Er wird einige Zeit zu Besuch bleiben, dachte man. Simon ging ziemlich abgerissen umher, aber mit einer gewissen leichten, kleidsamen Eleganz, die die Ärmlichkeit der Stoffe, die er trug, hübsch verdeckte. Seine zerrissenen Schuhe machten nicht viel Aufsehen. Simon fand es reizend, auf dem Lande in defekten Schuhen zu gehen; denn darin spürte er eine der hervorragenden Annehmlichkeiten des ländlichen Lebens. Wenn er Geld bekäme, würde er leise daran denken, das Schuhwerk aufbessern zu lassen, nur ganz gemach und leise! Vielleicht würde er vierzehn Tage lang hinzaudern damit; denn was kommt es auf dem Lande auf vierzehn Tage an! In der Stadt mußte man alles schnell tun, aber hier hatte man die schöne Verpflichtung, alles von einem Tag auf den anderen zu verschieben, ja, es verschob sich ganz von selber; denn die Tage kamen so still und ehe man es denken konnte, war der Abend schon wieder da, dem eine innige Nacht folgte, ein wahrer Schlaf von einer Nacht, den der Tag leise wieder aufweckte, sorgsam und zärtlich. Simon liebte auch die meist schmutzigen Dorfwege, die kleinen, die über Geröll führten, und die großen, in denen man im Kot versank, wenn man nicht aufpaßte. Aber das war es ja eben! Man hatte Gelegenheit, aufzupassen, man konnte den Städter herauszeigen, der daran gewöhnt war, mit Sorgfalt und etwas posiertem Schrecken vor dem Schmutz eine Straße zu passieren. Die älteren Dorfweiber konnten denken, das sei ein reinlicher und achtsamer junger Mann und die Mädchen konnten lachen über die weiten Sprünge, mit denen Simon über Gräben und Pfützen hinübersetzte. Der Himmel war vielmals dunkel umwölkt, mit Wolken besetzt, die dick aufgeblasen waren, und köstliche Stürme wehten oft und schüttelten den Wald und rasten über das Moos, wo die Leute arbeiteten, die Erde stachen und die Pferde geduldig daneben standen. Oft auch lächelte der Himmel, daß alle Menschen, die es sahen, augenblicklich mitlächeln mußten. Hedwigs Gesicht nahm einen frohlockenden Ausdruck an, der Lehrer, der im oberen Stock wohnte, steckte seine Brille neugierig zum Fenster hinaus und genoß auf seine Weise das Entzücken eines freundlichen Himmels. Simon hatte sich in einem kleinen Laden eine billige Pfeife und dazu Tabak gekauft. Es erschien ihm schön und angemessen, auf dem Lande nur Pfeife zu rauchen, denn eine Pfeife konnte man stopfen, und dieses Stopfen war eine Bewegung, die zum offenen Feld, zum Wald paßte, wo er beinahe den ganzen hellen Tag verbrachte. Am warmen Mittag lag er im hellgelben Gras unter dem herrlichen sanften Himmel, am Flußufer hingestreckt und durfte nicht nur, sondern mußte sogar träumen. Aber er träumte von nichts Weitem, Entfernterem und Schönerem, sondern er sann und träumte glücklich in seine Umgebung hinein; denn er wußte von nichts Schönerem. Hedwig, die Nahe, war der Gegenstand seiner Träume. Er hatte die ganze übrige Welt vergessen und der Pfeifentabak, den er rauchte, führte ihn nur wieder ins Dorf, zu dem Schulhause, zu Hedwig. Er dachte von ihr: »Sie fährt mit einem in einem Nachen, der sie entführt hat. Der See ist klein wie ein Parkteich. Sie sieht immer in die großen, schwarzen, düsteren Augen des Mannes, der unbeweglich im Nachen sitzt, und denkt: »Wie doch seine Augen ins Wasser blicken. Mich sieht er nicht an. Aber das ganze, weite Wasser blickt mich mit seinen Augen an!« Der Mann hat einen struppigen Bart, wie die Räuber Bärte zu tragen pflegen. Dieser Mann kann galant sein, wie keiner. Er kann die Galanterie bis zum Verlust seines Lebens treiben, ohne mit einer Wimper zu zucken und gewiß ohne die Hand aufs Herz zu legen und sich mit seiner Tat zu brüsten. Dieser Mann würde sich nie brüsten. Er hat eine warme, wundervolle Männerstimme, aber er gebraucht sie nie, um eine Artigkeit zu sagen. Nie kommt eine Schmeichelei über seine stolzen Lippen und seine Stimme verdirbt er mit Absicht, daß sie rauh und herzlos töne. Aber das Mädchen weiß, daß er ein grenzenlos gutes Herz hat, und wagt es dennoch nicht, an sein Herz mit einer Bitte anzuschlagen. Eine Saite tönt über das Wasser mit langen Tonwellen. Hedwig meint sterben zu sollen in dieser tönenden Luft. Der Himmel über dem Wasser ist so, wie dieser leichte, wasserfarbene Himmel ist, der jetzt über mir schwebt. Ein schwebender, hängender See da oben, das paßt gut. Die Parkbäume im Bilde entsprechen den hohen, schwankenden Bäumen in dieser Gegend. Sie haben etwas Parkartiges, Herrschaftliches. Im Bilde jedoch ist alles gedrängter und zusammengesetzter, und ich schweife jetzt wieder darein hinüber, ohne den stillen Zusammenhang mit mir und dieser Gegend weiter zu würdigen. Der Mann erfaßt nun das Ruder und gibt damit dem Nachen einen rücksichtslosen Stoß. Hedwig fühlt, daß er seiner eigenen Wärme und Liebe in solcher Weise entgegenhandeln könnte. Wenn er Liebe und Zärtlichkeit in sich spürt, ist er beleidigt und er straft sich unbarmherzig, daß er sich erlaubt hat, ein weiches Gefühl in der Brust gehegt zu haben. So unnatürlich stolz ist er. Kein Mann, sondern eine Mischung von Knabe und Riese. Einen Mann verletzt es nicht, sich von Empfindungen überwältigt zu finden, aber einen Knaben, der mehr sein will als ein aufrichtig fühlender Mann, der ein Riese sein will, der nur stark sein will und nicht auch zuweilen schwach. Ein Knabe besitzt Tugenden der Ritterlichkeit, die der vernünftig und reif denkende Mann immer zur Seite wirft als unnütze Beigaben zum Feste der Liebe. Ein Knabe ist weniger feige als ein Mann, weil er weniger reif ist, denn die Reife macht leicht niederträchtig und selbstisch. Man muß nur die harten, bösen Lippen eines Knaben betrachten: der ausgesprochene Trotz und das bildliche Versteifen auf ein einmal sich selber im stillen gegebenes Wort. Ein Knabe hält Wort, ein Mann findet es passender, es zu brechen. Der Knabe findet Schönheit an der Härte des Worthaltens (Mittelalter) und der Mann findet Schönheit darin, ein gegebenes Versprechen in ein neues aufzulösen, das er männlich verspricht zu halten. Er ist der Versprecher, jener ist der Vollstrecker des Wortes. Locken um die jugendliche Stirne und einen Todestrotz auf den geschwungenen Lippen. Augen wie Dolche. Hedwig zittert. Die Parkbäume sind so weich, sie verschwimmen in der hellblauen Luft. Dort unter den Bäumen sitzt der Mann, den sie verachtet. Den, der bei ihr ist und der lieblos ist, muß sie lieben, trotzdem er nichts verspricht. Er hat noch den Mund zu keinem Versprechen aufgetan, hat sich erlaubt, sie zu entführen, ohne ihr zum Ersatz auch nur eine Zärtlichkeit ins Ohr hineinzuflüstern. Flüstern, das ist des andern Sache, der da versteht es nicht. Und wenn er es auch verstünde, so würde er es doch nie tun, oder zu einer Gelegenheit tun, wo andere nicht mehr daran denken, noch etwas zu äußern. Aber sie gibt sich ihm, ohne zu wissen, warum. Sie hat nichts davon, darf sich keine Hoffnungen machen, wie Weiber sie sich gerne machen, sie darf nur auf schonungslose Behandlung gefaßt sein, auf die wilden Launen, womit ein Herrscher mit seinem Besitztum umzugehen pflegt. Aber sie fühlt sich beglückt, wenn er mit einer Stimme zu ihr spricht, barsch und achtlos, als ob sie schon die Seinige wäre. Sie ist es ja, und das weiß dieser Mann. Er achtet nicht mehr, was schon sein ist. Ihre Haare sind ihr aufgegangen, es sind wundervolle Haare, die an ihren schmalen, rötlichen Wangen wie flüssige Stoffe niederstürzen. »Binde sie,« befiehlt er, und sie bemüht sich, seinem Befehl zu gehorchen. Sie gehorcht mit Entzücken, und er sieht es natürlich, auch wenn er die Augen schlösse; denn dann würde er einen Seufzer von ihr hören wie ihn nur Glückliche ausstoßen können, und solche, die dabei hastig eine Arbeit verrichten, die ihren Händen vielleicht beschwerlich fällt, aber ihren Herzen schmeichelt. Sie steigen aus dem Nachen hinaus und treten ans Land. Das Land ist weich und senkt sich leicht unter den Tritten, wie ein Teppich, oder wie mehrere aufeinandergelegte Teppiche. Das Gras ist das gelbliche, dürre vom Vorjahre, wie es hier, wo ich meine Pfeife rauche, zu sehen ist. Da erscheint plötzlich ein Mädchen, ein ganz kleines, blasses, düster blickendes Mädchen auf der Szene. Es scheint eine Prinzessin zu sein; denn ihre Kleider sind prachtvoll und in die Breite gebauscht in einem schweren Bogen, aus dem die Brust wie eine kleine, prangende Knospe herausspringt. Die Kleider sind dunkelrot, sie haben das getrocknete Rot des Blutes. Ihr Gesicht ist von einer durchsichtigen Blässe, es hat die Farbe des Winterabendhimmels in den Gebirgen. »Du kennst mich!« Mit diesen Worten wendet sie sich an den betroffenen Mann, der starr dasteht. »Du wagst es, mich noch anzublicken? Geh, töte dich. Ich befehle es dir!« So spricht sie zu ihm. Der Mann macht Miene zu gehorchen. Was für eine Miene? Ja, eine solche Miene, die man macht, wenn etwas Unabänderliches getan werden soll. Man pflegt dabei eine Grimasse zu schneiden. Das Gesicht zuckt und man muß es zerbeißen und einkneten mit der ganzen Willenskraft. Es will auseinanderreißen. Ein Stück Nase will abfallen. Ähnliches geschieht jedenfalls bei solchen Gelegenheiten. Aber weiter mag ich mit dem tollen Mann nicht Miene machen, mich zu töten; denn es müßte mit einem langen Messer geschehen, und ich glaube, ich habe nur eine Tabakspfeife und kein Messer. Mein Traum hat mir im Anfang gefallen, aber jetzt, merke ich, will er ausarten und das paßt nicht zu Hedwig; denn Hedwig ist sanft und wenn sie leidet, leidet sie auf schönere und stillere Weise. Meinen Mann da im struppigen Bart würde sie schön auslachen, wenn er ihr so frech käme. Die Landschaft, die ich da gemalt habe, war indessen sehr nett, aber auch nur deshalb, weil ich sie in den großen Zügen dieser natürlichen Gegend hier herum entnommen habe. Man darf beim Träumen nie den Boden des Natürlichen aufgeben, auch bei Menschen nicht, denn sonst gelangt man sehr leicht zu dem Punkt, wo man eine der Figuren sprechen läßt: »Geh, töte dich.« Und dann muß einer Miene machen, und das Machen einer Miene ist lächerlich und ist geeignet, den schönsten Traum zu verderben!« –
Simon ging nach Hause. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, jeden Tag gegen Abend zu einer bestimmten Zeit nach Hause zu schlendern, den Blick meist zu der braunen, schwärzlichen Erde gesenkt, um zu Hause den Tee zu kochen, und hatte im Teekochen eine Handfertigkeit bekommen, die stets das richtige Maß traf, denn es kam darauf an, nicht zu wenig und nicht zu viel von der feinen, wohlriechenden Pflanze für einmal zu gebrauchen, das Geschirr stets ziemlich sauber zu halten und es in appetitlicher und anmutiger Art auf den Tisch zu stellen, das Wasser auf der Weingeistflamme nicht zerkochen zu lassen und es mit dem Tee in vorgeschriebener Weise zu vermischen. Für Hedwig war das eine kleine Erleichterung, da sie jetzt nur schnell aus der Schulstube hinaus zum Tee zu eilen brauchte, um wieder zur Arbeit zu gehen. Am Morgen, nach dem Aufstehen, brachte Simon sein Bett in Ordnung, ging dann in die Küche und bereitete den Kakao, und zwar zu Hedwigs Vergnügen sehr schmackhaft; denn er lauerte auch bei dieser Arbeit auf den richtigen Kniff, der immer einer Verrichtung, und wäre sie noch so geringfügig, die nötige Vollendung gibt. Auch übernahm er es, und zwar ganz wie von selbst, ohne jede Vorstudien oder Anstrengungen, den Ofen zu feuern und das Feuer zu unterhalten, Hedwigs Zimmer zu reinigen, wobei ihm die Gewandtheit, mit der er einen langen Besen zu handhaben wußte, sehr zustatten kam. Die Fenster öffnete er, um frische Luft in die Stube hineinzulassen, aber er schloß sie, wenn es ihm Zeit schien, auch gehörig wieder zu, damit er eine warme und zugleich angenehm duftende Stube bekäme. Überall im Zimmer, in kleinen Töpfen, blühten die Blumen weiter, die der Natur draußen entrissen wurden, und verbreiteten Duft in die Enge der vier Wände. Die Fenster hatten einfache aber zierliche Gardinen die zu der Helligkeit und Freundlichkeit im Zimmer vieles beitrugen. Am Boden lagen warme Teppiche, die Hedwig aus zusammengerafften Stoffresten von armen Zuchthäuslern hatte verfertigen lassen, die dergleichen Arbeiten vortrefflich ausführten. Ein Bett stand in einer Ecke und in der andern ein Piano, dazwischen ein altes Sofa mit geblümtem Tuchüberzug, ein genügend großer Tisch davor, Stühle daneben; und dann befand sich im Zimmer noch ein Waschtisch, ein kleiner Schreibtisch mit Schreibunterlage und Büchergestell, das vollbesetzt mit Büchern war, eine kleine umgestürzte Kiste am Boden, mit weichem Tuch überzogen zum Sitzen und Lesen, da manchmal beim Lesen das Bedürfnis entstand, nahe am Boden zu sein und sich orientalisch vorzukommen, weiter ein Nähtischchen mit Nähkörbchen, in denen sich all das wunderliche Zeug befand, das einem Mädchen mit häuslichen Sitten unentbehrlich ist, ein runder merkwürdiger Stein mit Poststempel und Marke versehen, ein Vogel, ein Haufen Briefe und Ansichtskarten und an der Wand ein Horn zum Blasen, ein Becher zum Trinken, ein Stock mit einem großen Hacken, ein Rucksack mit Feldflasche und eine Schwanzfeder von einem Falken. An den Wänden hingen außerdem noch Bilder, die Kaspar gemalt hatte, darunter eine Abendlandschaft mit Wald, ein Dach, von einem Fenster aus gesehen, eine neblige, graue Stadt (besonders schön für Hedwig), eine Flußpartie in üppigen Abendfarben, ein Feld im Sommer, ein Ritter Don Quichote und ein Haus, das so an einen Hügel gedrückt war, daß man wohl mit einem Dichter sprechen konnte: »Da hinten liegt ein Haus.« Auf dem Piano, dessen Deckel mit einem Seidentuch überdeckt war, befand sich eine Büste von Beethoven in grünlichem Bronceton, einige Photographieen und ein kleines, feines Schmuckkästchen ohne Inhalt, eine Erinnerung an die Mutter. Ein Vorhang, der wie ein Bühnenvorhang aussah, trennte beide Zimmer voneinander und beide Schlafenden. Am Abend sah das Zimmer der Lehrerin besonders traulich aus, wenn die Lampe angezündet wurde und die Läden zugedrückt wurden; und am Morgen weckte die Sonne dort eine Schläferin, die nicht gern aus dem Bett herauswollte und doch am Ende mußte.
Die Notare ließen Simon im Stich, keiner ließ etwas von sich hören. Infolgedessen sah er sich gedrängt, auf andere Weise etwas Geld zu verdienen, womit er hoffte, seiner Schwester den guten Willen zu zeigen, auch etwas zum Haushalte mitzusteuern. Er nahm ein Blatt Papier zur Hand und schrieb darauf:
Landleben.
Ich bin hier mit dem Schnee in ein Haus auf dem Lande gekommen, und obschon ich nicht der Herr dieses Hauses bin, noch die Absicht hege, es zu werden, kann ich mich doch als solcher fühlen und bin vielleicht glücklicher als der Besitzer einer Staatswohnung. Nicht einmal das Zimmer, in dem ich wohne, gehört mir, sondern einer sanften, lieben Lehrerin, die mich beherbergt und mir, wenn ich hungrig bin, zu essen gibt. Ich bin gerne ein solcher Kerl, der von anderer Menschen freundlicher Gnade abhängt, weil ich überhaupt gerne von jemandem abhängig bin, um den Jemand lieb zu haben und aufzuhorchen, ob ich seine Güte noch nicht verscherzt habe. Man muß ein eigenes Betragen für diesen Zustand der holdesten aller Unfreiheiten annehmen, ein Benehmen zwischen Frechheit und zarter, leiser, natürlicher Aufmerksamkeit, und ich verstehe das vortrefflich. Man darf vor allen Dingen den Gastgeber nie fühlen lassen, daß man ihm dankbar ist; damit zeigte man eine Schüchternheit und Feigheit, die den Gebenden beleidigen müßte. Im Herzen betet man den Gütigen an, der einen unter das Dach ruft, aber es spräche von wenig Empfindung, wollte man ihm so vorlaut den Dank zeigen, den er gar nicht empfangen will, da er nicht gegeben hat und noch gibt, um irgend etwas Bettelhaftes dafür einzuheimsen. Dank unter gewissen Umständen ist einfach Bettel. Weiter nichts. Und dann noch eines: Auf dem Lande ist der Dank mehr schweigend und still als geschwätzig. Der zum Dank Verpflichtete hat seine Art Betragen, weil er sieht, daß sein Gegenstück ebenfalls so eine Art hat. Feine Geber sind beinahe noch schüchterner als der Nehmer, und sie sind froh, wenn die Nehmer unbefangen hinnehmen, damit sie, die Geber, mit Anstand und ohne viel Federlesens geben können. Meine Lehrerin ist übrigens meine Schwester, aber dieser Umstand hinderte sie nicht daran, mich Tagedieb fortzujagen, wenn sie den Wunsch dazu in sich verspürte. Sie ist tapfer und aufrichtig. Sie hat mich mit einem Gemisch von Liebe und Mißtrauen empfangen, freilich, denn sie mußte denken, daß der Lump von Bruder nur daher gesegelt und gewackelt komme, zu ihr, der seßhaften Schwester, weil er in Gottes Welt nicht mehr wußte, wohin! Das mußte etwas Störendes und Verletzendes für sie haben, der ich, wenn es darauf ankam, monate-, ja jahrelang keinen Brief geschrieben habe. Sie mußte ja denken, daß ich nur komme, um meinen eigenen Leib zu pflegen, für den es wahrhaftig zeitweise nicht schade wäre, wenn er geprügelt würde, und nicht deshalb, um mit Sorgen eine Schwester aufzusuchen. Das hat sich indessen geändert, die Empfindlichkeiten sind gestorben und wir leben jetzt nicht mehr wie Blutsverwandte, sondern wie Kameraden zusammen, die trefflich miteinander auskommen. Ach, auf dem Lande ist es zwei Menschen leicht, gut miteinander auszukommen. Es gibt da eine Art, schneller alle Heimlichkeiten und alles Mißtrauen abzuwerfen und eine Art, sich heller und lustiger zu lieben, als in der gedrängten Stadt voll drängender Menschen und Tagessorgen. Auf dem Lande kennt selbst der Ärmste weniger Sorgen, als der viel weniger Arme in der Stadt; denn dort wird alles am Gerede und Tun der Menschen gemessen, während hier die Sorge ruhig weitersorgt und der Schmerz in Schmerzen seinen natürlichen Untergang findet. In der Stadt geht alles darauf los, reich zu werden, deshalb sind so viele, die sich bitter arm vorkommen, aber auf dem Lande wird, wenigstens zum großen Teil, der Arme nicht durch den immerwährenden Vergleich mit dem Reichtum verletzt. Er kann ruhig mit seiner Armut weiteratmen; denn er hat einen Himmel, zu dem er aufatmen kann. Was ist in der Stadt der Himmel! – Ich selbst besitze nur noch ein kleines Silberstück an Geld, und das muß für die Wäsche reichen. Auch meine Schwester, die vor mir keinerlei Geheimnisse, als ganz unsagbare, hat, gesteht mir, daß ihr Geld ausgegangen sei. Nun, wir sind ganz ruhig. Wir bekommen saftiges Brot und frische Eier und duftenden Kuchen, soviel wir nur wollen. Die Kinder bringen uns das alles, denen es die Eltern für die Lehrerin mitgeben. Auf dem Lande weiß man noch zu geben, daß es denjenigen ehrt, der nimmt. In der Stadt muß man sich nachgerade vor dem Geben fürchten, weil es den Nehmer zu schänden angefangen hat, ich weiß wahrhaftig nicht aus welchen Gründen, vielleicht, weil man in der Stadt unverschämt wird dem gütigen Geber gegenüber. Man hütet sich da, ein edles Mitempfinden für den Darbenden an den Tag zu legen und gibt nur verstohlen, oder unter unschönen Reklamen. Welch eine heillose Schwäche, sich vor den Armen zu fürchten und seinen Reichtum so selbst zu verzehren, statt ihm den Glanz zu verleihen, den eine Königin bekommt, wenn sie ihre Hand einer schlechten Bettlerin entgegenstreckt. Ich halte es für ein Unglück, in der Stadt arm zu sein, weil man nicht bitten darf, da man fühlt, daß das Geben voll Güte nicht an der Tagesordnung ist. Eines bleibt wenigstens wahr: Lieber nicht geben und gar kein Mitleiden mehr fühlen, als es unwillig tun, mit dem Bewußtsein, sich einer Schwäche hingegeben zu haben. Auf dem Lande ist man nicht schwach, wenn man gibt, sondern man will geben und gibt sich manchmal geradezu eine Ehre, geben zu dürfen. Wer sich vor dem Geben hütet, wird sicherlich einmal, wenn der Fall eintritt, daß er niedergeworfen von Schicksalen aller Art wird, und bitten muß, schlecht bitten und ungraziös und verlegen, also wirklich bettelhaft in Empfang nehmen. Wie abscheulich von den mit Gütern Gesegneten, die Armen ignorieren zu wollen. Besser, man peinige sie, zwinge sie zu Fronen, lasse sie Druck und Schläge fühlen, so entsteht doch ein Zusammenhang, eine Wut, ein Herzklopfen und das ist auch eine Art Verbindung. Aber sich in eleganten Häusern, hinter goldenen Gartengittern verkrochen zu halten und sich zu fürchten, den Hauch warmer Menschen zu spüren, keinen Aufwand mehr treiben zu dürfen, aus Furcht, er könnte von den erbitterten Gedrückten wahrgenommen werden, drücken und doch den Mut nicht besitzen, zu zeigen, daß man ein Unterdrücker ist, seine Unterdrückten noch zu fürchten, sich in seinem Reichtum weder wohl zu fühlen, noch andere wohl sein zu lassen, unschöne Waffen zu gebrauchen, die keinen echten Trotz und Mannesmut voraussetzen, Geld zu haben, nur Geld, und doch damit keine Pracht: Das ist gegenwärtig das Bild der Städte, und es scheint mir ein unschönes, der Verbesserung bedürftiges Bild zu sein. Auf dem Lande ist es noch nicht so. Hier weiß der arme Teufel besser, woran er ist; er darf mit einem gesunden Neid zu den Reichen und Wohlhabenden emporblicken und man gestattet ihm das, denn das vermehrt die Würde desjenigen, der von solchen Blicken betroffen wird. Die Sehnsucht, ein eigenes Heim zu besitzen, ist auf dem Lande eine tiefbegründete und reicht bis zu Gott hinauf. Denn hier, unter dem geöffneten weiten Himmel, ist es eine Wonne, ein schönes geräumiges Haus zu besitzen. Das ist in der Stadt nicht so. Dort kann der Emporkömmling neben dem Grafen aus uraltem Geschlecht wohnen, ja, das Geld kann Wohnungen und heilige alte Gebäude wegreißen, wie es will. Wer möchte in der Stadt Besitzer eines Hauses sein? Das ist dort bloß ein Geschäft, nicht ein Stolz und eine Freude. Die Häuser sind bis oben hinauf von den verschiedenartigsten Menschen bewohnt, die alle aneinander vorübergehen, ohne sich zu kennen, ohne den Wunsch zu äußern, sich kennen lernen zu dürfen. Ist das ein Haus? Und lange, lange Straßen sind dort voll solcher Häuser, denen man, um sie richtig zu bezeichnen, einen merkwürdigen neuen Namen geben müßte. Auf dem Lande geschieht im Grunde genommen auch mehr, als in der Stadt; denn dort liest man die Geschehnisse kalt und gelangweilt aus der Zeitung, während sie hier von Mund zu Mund fieberisch und atemlos erzählt werden. Vielleicht kommt auf dem Lande jedes Jahr einmal etwas vor, aber dann war es ein Miterlebnis für alle. Ein Dorf in allen seinen versteckten Winkeln ist überhaupt fast immer belebter und mit Intelligenz gefüllter, als der Städter meist anzunehmen beliebt. Wie manche alte Frau mit Gesichtszügen, die für eines jeden Menschen Großmutter vielleicht passen würden, sitzt nicht hinter der weißen Gardine eines Fensters und könnte Dinge von innigem Zauber erzählen, und manches Dorfkind ist viel weiter vorgeschritten in der Bildung des Gemütes und Verstandes als man gerne voraussetzen möchte. Schon oft ist es vorgekommen, daß ein solches Dorfkind, wenn es in die Stadtschule versetzt wurde, seine neuen Kameradinnen in Erstaunen ob seines gut entwickelten Geistes gesetzt hat. Aber ich will die Stadt nicht schmähen und das Land nicht über Gebühr preisen. Hier sind die Tage nur so schön, daß man leicht die Stadt vergessen lernt. Sie wecken eine stille Sehnsucht in die Weite, aber man möchte doch nicht weitergehen. Es ist ein Gehen in allem und ein Kommen in allem. Wenn die Tage Abschied nehmen, so geben sie die wundervollen Abende dafür, an denen man spazieren geht, auf Wegen, die der Abend scheint entdeckt zu haben, und die man entdeckt für den Abend. Die Häuser treten weiter hervor, und die Fenster glänzen. Selbst wenn es regnet, bleibt es schön; denn da denkt man, es ist gut, daß es regnet. Seit ich hierher gekommen bin, ist es beinahe Frühling geworden und es wird immer mehr Frühling, die Türen und Fenster dürfen offen gelassen werden, wir fangen an, den Garten umzustechen, die andern haben es alle schon getan. Wir sind die Spätesten, und das schickt sich auch für uns. Ein ganzes Fuder schwarzer, feuchter, teurer Erde hat man bei uns abgeladen, diese Erde muß mit der bereits vorhandenen Gartenerde vermengt werden. Das wird eine Arbeit für mich geben, auf die ich mich, so unwahrscheinlich es klingt, wenn ich es sage, freue. Ich bin kein geborner Faulenzer, nein, ich bin nur ein Tagedieb, weil mich verschiedene Amtstuben und Notare nicht beschäftigen wollen, weil sie keine Ahnung davon haben, was ich ihnen nützen könnte. Ich klopfe alle Sonnabende die Teppiche aus, auch eine Arbeit, und bin befleißigt, das Kochen zu lernen, auch ein Streben. Nach dem Essen trockne ich das Geschirr ab und plaudere mit der Lehrerin; denn es gibt vieles zu sagen und zu erörtern zwischen uns und ich plaudere gern mit einer Schwester. Am Morgen kehre ich die Stube aus und trage Pakete auf die Post, komme heim und sinne darüber nach, was weiter zu tun ist. Gewöhnlich ist nichts zu tun und so gehe ich in den Wald hinunter und sitze dort solange unter den Buchen, bis es Zeit ist, oder bis ich glaube, daß es Zeit ist, wieder nach Hause zu gehen. Wenn ich die Menschen arbeiten sehe, so schäme ich mich unwillkürlich, keine Beschäftigung zu haben, aber ich finde, daß ich nicht mehr tun kann, als das eben empfinden. Der Tag kommt mir vor wie mir zugeworfen von einem gütigen Gott, der gern einem Taugenichts etwas hinwirft. Mehr als arbeiten wollen und eine Arbeit ergreifen, sobald ich eine vor mir sehe, verlange ich nicht von mir, da ich sehe, daß es so ganz gut geht. Das paßt nämlich wundervoll zum Leben auf dem Lande. Man darf hier nicht allzuviel tun, sonst verlöre man den Überblick über das schöne Ganze, verlöre den Anstand des Zuschauenden, der nun einmal auch in der Welt sein muß. Der einzige Schmerz wird mir von meiner Schwester bereitet, der ich die Schuld nicht abzahlen kann und die ich mühsam ihre saure Pflicht erfüllen sehe, während ich träume. Die spätesten Zeiten werden mich strafen für diese Schlenderei, wenn es die früheren nicht tun, aber ich glaube, ich bin meinem Gott angenehm so; Gott liebt die Glücklichen, er haßt die Traurigen. Meine Schwester ist niemals lange traurig; denn ich heitere sie fortwährend auf und gebe ihr zu lachen, indem ich mich vor ihr lächerlich mache, worin ich Talent habe. Aber es ist auch nur meine Schwester, die über mich lacht, in deren Augen ich eine freundliche Komik besitze, den andern gegenüber benehme ich mich mit Würde, wenn auch nicht steif. Man hat die Pflicht, nach außen hin sein Dasein durch ein ernsthaftes Betragen zu rechtfertigen, wenn man nicht als Gauner gelten will. Das Landvolk ist sehr empfindlich für das Benehmen junger Leute, die es gerne gesetzt, zuvorkommend und bescheiden sehen will. Ich schließe ab und hoffe, mit diesem Aufsatz einiges Geld verdient zu haben, wenn nicht, so hat es mich doch lebhaft interessiert, ihn zu schreiben, und einige Stunden sind mir über dem Schreiben dahingeflossen. Einige Stunden? Jawohl! Denn auf dem Lande schreibt man langsam, man wird öfters unterbrochen, die Finger sind ungelenkiger geworden und die Gedanken wollen auch in ländlicher Weise denken. Lebt wohl Städter!
Neuntes Kapitel.
Simon trug den Brief zur Post. Am nächsten Sonntag erschien Klaus, der ältere Bruder, zu Besuch. Es war ein regnerischer Tag, es fror einen, zu sehen, wie die kalten Regentropfen die schon erwachten Blüten peitschten. Klaus machte ein ziemlich erstauntes Gesicht, als er bei seiner Schwester den Simon eingerichtet sah, den er irgendwo im Ausland vermutet hatte, doch blieb er so freundlich, als er nur vermochte; denn er mochte den Sonntag nicht verderben. Sie blieben alle drei ziemlich still, standen sich oft gegenüber, ohne zu sprechen, und schienen nach Worten zu suchen. Mit Klaus kam eine gewisse nachdenkliche Befremdung in die Wohnung Hedwigs hinein. Man drehte und fand allerlei, das allerdings nicht am Platze war. Der Gegenstand war natürlich Simons Hiersein. Klaus wollte heute keine Vorwürfe machen, obgleich es ihn wahrlich lebhaft genug dazu antrieb, aber er vermied die entzweiende Bemerkung. Er sah seinen Bruder fragend und bedeutsam an, als wolle er sagen: »Ich bin erstaunt über dein Betragen. Sollte man glauben, daß du ein erwachsener Mensch bist. Ist es ehrenhaft für dich, die Lage deiner Schwester dazu zu benutzen, um den Müßiggänger zu spielen? Wahrlich, keine Ehre, das! Ich würde es dir auch offen heraussagen, aber ich schone Hedwig, die ich dadurch verletzte. Ich will nicht den Sonntag verderben!« Simon verstand ihn schon. Er wußte ganz genau, was dieser Blick, diese steife, unnatürliche Wärme beim Wiedersehen, dieses Schweigen und Verlegensein bedeuteten. Er war nur froh, daß Klaus schwieg; denn er hätte antworten müssen, was ihm längst zuwider war, als Rechtfertigung vorzubringen. Freilich, freilich! Verdammenswert war seine Lage für einen jungen Mann, wie er war, und sein Betragen gewiß nicht zu entschuldigen. Aber schön war es auch, hier zu sein, schön, schön. Plötzlich von Weichheit ergriffen, sagte er zu Klaus: »Ich weiß wohl, was und wie du denkst über mich, aber ich schwöre dir, daß es bald aufhört. Ich glaube, du kennst mich ein wenig. Glaubst du mir?« Klaus reichte ihm die Hand und der Sonntag war gerettet. Es wurde bald zu Mittag gegessen, und Hedwig merkte wohl, heimlich lächelnd, die veränderte Lage zwischen den Brüdern. »Er ist doch gut, Klaus! Klaus ist gut,« dachte sie und sie trug das wohlschmeckende Essen mit größerem Vergnügen auf. Es gab eine herrliche Suppe, auf deren feine Zubereitung sich Hedwig trefflich verstand, dann Schweinefleisch mit Sauerkohl und zuletzt einen mit Speck gespickten Braten. Simon plauderte unbefangen über Welt und Menschen, zog seinen Bruder in Gespräche von der verschiedensten Art und lobte mit komischer Begeisterung wieder das herrliche Essen, was Hedwig jedes Mal, wenn er es tat, so zum Lachen brachte, daß sie ganz fröhlich wurde und alles vergaß, was etwa noch hätte eine Sorge genannt werden können. Am Nachmittag, trotz des trüben Wetters, wurde ein kleinerer Spaziergang gemacht. Das Feld, durch das man langsam ging, war naß, so daß man bald wieder zurückkehrte. Alle waren wieder still am Abend. Simon versuchte eine Zeitung zu lesen, Klaus sprach wie absichtlich von den nebensächlichsten Dingen, worauf Hedwig zerstreut antwortete. Vor dem Abschiednehmen sagte Klaus zu dem Mädchen, das er in die Küche rief, ein paar Worte, auf die der Drinnenstehende nicht horchen mochte. Was mochte es denn sein. Mochte es sein, was es wollte. Dann ging Klaus. Als die beiden, nachdem sie ein Stück Weges den zu Gast Dagewesenen auf den Heimweg begleitet hatten, wieder allein zu Hause saßen, war ihnen unwillkürlich wieder froher ums Herz, wie Schülern, die den gestrengen Inspektor wieder fort wissen. Sie atmeten freier und fühlten sich wieder als die Alten. Hedwig sprach, und eine Besorgnis um dessen, was sie jetzt sprechen wollte, machte ihre Stimme inniger und höher klingen: »Klaus ist doch immer derselbe. Man hat immer eine kleine Angst auszustehen, wenn er da ist. Seine Gegenwart macht einen unwillkürlich zur schuldbewußten Schülerin, die eine Strafrede erwartet, weil sie leichtsinnig gewesen ist. Man ist immer leichtsinnig gewesen in seinen Augen, wenn man noch so ernsthaft meint gehandelt zu haben. Seine Augen sehen ganz anders, sehen die Welt so seltsam besorgniserregend an, als müßte man sich beständig vor irgend etwas fürchten. Er schafft sich selber und andern immer Sorgen. Aus seinem Munde kommt solch ein Ton heraus, der aus tausend rücksichtsvollen Bedenken zusammengesetzt ist, so wenig vertrauensvoll ist er zur Welt und zu den Fäden, die einen an die Welt spannen, ganz von selber. Er sieht aus, als ob er schulmeistern möchte, und sieht doch wieder so genau ein, daß er schulmeistert, ohne es zu wissen: er möchte nicht schulmeistern und tut's doch, wider seinen Willen, aus seiner Natur heraus, wofür man ihn nicht schuldig machen darf. Er ist so über alle Bedenken gut und zart, aber er bedenkt immer, ob es wohl angebracht sei, gut und milde zu sein. Die Strenge steht ihm absolut nicht, und doch glaubt er, mit der Strenge etwas erreichen zu sollen, was er glaubt, mit Güte verfehlt zu haben. Er meint: Güte sei unvorsichtig, und ist doch so gütig. Er verbietet sich, harmlos und gütig zu sein, was er doch am liebsten sein möchte, weil er immer fürchtet, dadurch etwas zu verderben, dadurch in den Augen der Welt als leichtsinnig dazustehen. Er sieht nur Augen, die ihn betrachten, und nicht Augen, die ruhig in seine sehen möchten. Man kann nicht ruhig in seine Augen blicken, weil man fühlt, daß ihn das beunruhigt. Er denkt immer, man denke etwas über ihn, und er möchte heraus haben, was man denkt. Wenn er nicht irgend einen Fehler an einem bemerkt, den er tadeln kann, scheint ihm nicht wohl zu sein. Und er ist doch so gut! Er ist nicht glücklich. Wenn er das wäre, würde er anders reden, im Nu, ich weiß es. Er neidet anderer Glück nicht gerade, aber es reizt ihn doch beständig, das Glück und die Unbefangenheit anderer zu bekritteln, was ihm doch sicher nur weh tut. Er mag nicht von Glück reden hören, ich begreife, warum nicht. Das liegt auf der Hand, und jedes Kind kann es verstehen: Selbst nicht froh, haßt man die Fröhlichkeit anderer. Wie muß ihn das oft schmerzen, ihn, der edel genug ist, um zu fühlen, daß er damit ein Unrecht begeht. Er ist durchaus edel, aber, wie soll ich sagen, ein bißchen verdorben in seinem Innern, ein ganz klein wenig, durch das Zurückgesetztsein und durch das Bemühen, sich nichts aus diesem Zurückgesetztsein zu machen. Ach, freilich ist er zurückgesetzt vom Schicksal, für dessen Launen und Kälten er viel zu wertvoll ist. So möchte ich es sagen; denn er tut mir weh! Zum Beispiel du, Simon! Ach Gott. Für dich empfindet man ganz anders, du ewig lustiger Bruder! Weißt du, über dich denkt man immer: Er sollte Prügel bekommen, so recht scharfe Prügel, das verdiente er! Man erstaunt über dich und begreift nicht, daß du noch nicht in einen Abgrund gefahren bist. Mitleid für dich empfinden, käme einem nie in den Sinn. Man hält dich allgemein für einen sorglosen, frechen, glücklichen Burschen. Ist das wahr?« –
Simon lachte laut auf, und damit war ein Ton angeschlagen, der eine Stunde lang anhielt. Da klopfte es draußen an der Türe. Die beiden erhoben sich, Simon ging, um zu sehen, wer draußen sei. Es war die Nachbarslehrerin. Sie kam verweint dahergelaufen. Ihr Mann, ein roher, rücksichtsloser Mensch, hatte die Frau wieder einmal geprügelt. Man suchte sie zu trösten, und es gelang.