Das Wetter wurde nun immer wärmer und die Erde üppiger, sie war mit einem dicken, blühenden Teppich von Wiesen überzogen, die Felder und Äcker dampften, die Wälder boten in ihrem schönen, frischen, reichen Grün einen entzückenden Anblick dar. Die ganze Natur bot sich dar, zog sich hin, dehnte, krümmte, bäumte sich, sauste und summte und rauschte, duftete und lag still wie ein schöner, farbiger Traum. Das Land war ganz dick, fett, undurchsichtig und satt geworden. Es streckte sich gewissermaßen aus in seiner üppigen Sattheit. Es war grünlich, dunkelbraun, schwarz gefleckt, weiß, gelb und rot und blühte mit einem heißen Atem, kam fast um vor Blühen. Es lag wie eine verschleierte Faulenzerin da, unbeweglich und zuckend mit seinen Gliedern und duftend mit seinen Düften. Die Gärten dufteten in die Straßen und hinaus ins Feld, wo Männer und Frauen arbeiteten; die Fruchtbäume waren ein helles, zwitscherndes Singen, und der nahe, runde, gewölbte Wald war ein Chorgesang von jungen Männern; die hellen Wege kamen kaum durch das Grün hindurch. In Waldlichtungen betrachtete man den weißen, verträumten, trägen Himmel, den man meinte herabsinken zu sehen und jubilieren zu hören, wie Vögel jubilieren, kleine Vögel, die man nie sah und die so natürlich paßten in die Natur. Man bekam Erinnerungen und man mochte sie doch nicht zergliedern und ausdenken, man vermochte es nicht, es tat einem süß weh, aber man war zu träge, um einen Schmerz ganz zu durchfühlen. Man ging so und blieb wieder so stehen und drehte sich so nach allen Seiten um, schaute in die Ferne, hinauf, hinweg, hinab, hinüber und zu Boden und fühlte sich betroffen von all der Mattigkeit dieses Blühens. Das Summen im Wald war nicht das Summen in der nackteren Lichtung, es war anders und erforderte wieder neue Stellungnahme zu neuen Träumereien. Man hatte immer zu kämpfen damit, zu trotzen, leise abzulehnen, zu sinnen und zu schwanken. Denn ein Schwanken war alles, ein Bemühen, und Sich-schwach-Finden. Aber es war süß so, nur süß, ein bißchen schwer, und dann wieder ein bißchen knauserig, dann scheinheilig, dann listig, dann nichts mehr, dann ganz dumm; zuletzt wurde es ganz schwer, noch irgend etwas schön zu finden, man konnte sich gar nicht mehr dazu veranlaßt finden, man saß, ging, schlenderte, trieb, lief und säumte so, man war ein Stück Frühling geworden. Konnte das Summen über sein Summen und Girren und Singen entzückt sein? War es dem Gras gegeben, seine eigenen schönen Schwankungen zu betrachten? Wäre es der Buche möglich gewesen, sich in ihren eigenen Anblick zu vergaffen? Man wurde nicht müde und stumpf, aber man ließ es so sein, so gehen, so hin und her schwanken. Die ganze Natur, so wie sie aussah, war eine Säumerin, ein Harren und Hangen! Die Düfte hingen und die ganze Erde harrte und wartete. Die Farben waren der selige Ausdruck davon. Man konnte etwas Frühmüdes und Ahnungsvolles im blühenden Strauch finden. Es war eine Art Nicht-mehr-weiter-Wollen, ein einziges Lächeln. Die blauen, verhauchten Waldberge klangen wie ferne, ferne Hörner, man fühlte die Landschaft ein wenig englisch, es war wie ein üppiger, englischer Garten, die Üppigkeit und das Weben und das Wogen der Stimmen führte die Sinne auf diese Verwandtschaft. Man dachte, so könnte es nun da und da auch aussehen, wie jetzt hier, die Gegend rief alle andern Gegenden einem ins Herz herbei. Es war komisch und weithintragend, forttragend und herbeibringend: Ein Bringen, wie junge Knaben bringen, ein Darbieten wie Kinder darbieten, ein Gehorchen und Aufhorchen. Man konnte sagen und denken, was man wollte, es blieb immer dasselbe Unausgesprochene, Unausgedachte! Es war leicht und schwer, wonnig und schmerzhaft, dichterisch und natürlich. Man begriff die Dichter, nein, eigentlich begriff man sie nicht, denn man wäre doch, indem man so ging, viel zu träge gewesen, um zu denken, daß man sie begriffe. Man hatte nicht nötig, irgend etwas zu begreifen, es begriff sich nie, und wieder begriff es sich ganz von selbst, indem es sich in das Horchen nach einem Klang auflöste, oder in das Sehen in die Ferne hinein, oder in die Erinnerung, daß es jetzt eigentlich Zeit sei, nach Hause zu gehen und eine, wenn auch ganz geringfügige Pflicht zu erfüllen, denn Pflichten wollen auch im Frühling erfüllt sein.

Die Nächte wurden herrlich. Der Mond verliebte sich in das Weiß der blühenden Gebüsche und Bäume und in die langen Windungen der Straßen, die er blenden machte. In den Brunnen spiegelte er sich und im fließenden Flußwasser. Den Kirchhof mit den stillen Gräbern machte er zu einem weißen Feenort, so daß man die Toten vergaß, die dort begraben lagen. Er drängte sich zwischen das Gewirr der herabfallenden, schmalen, haarähnlichen Äste und machte, daß man auf den Denksteinen die Inschriften lesen konnte. Simon ging um den Kirchhof herum, einige Male, dann schlug er einen weiteren Weg ins erhöhte, flache Feld hinein, drang durch niedriges, erleuchtetes Buschwerk, kam auf eine kleine abstürzende Wiese mitten in den Büschen und setzte sich da auf einen Stein, um darüber nachzudenken, wie lange er wohl dieses Leben des bloßen Beschauens und Sinnens noch weitertreiben werde. Bald mußte es gewiß ein Ende nehmen, denn es konnte nicht weitergehen. Er war ein Mann und gehörte einer strengen Pflichterfüllung an. Es mußte bald wieder gehandelt werden, das wurde ihm klar. Als er nach Hause kam, sagte er das in passenden Worten seiner Schwester. Er solle doch gar nicht an das denken, wenigstens jetzt noch nicht, sagte sie. Gut, erwiderte er, ich will noch nicht daran denken. Es war auch zu verlockend, noch ferner hier zu bleiben. Was wollte er denn eigentlich, und wonach trieb es ihn? Er würde kaum Reisegeld haben, irgendwohin zu reisen, und dort, wohin er gehen sollte, was erwartete ihn dort? Nein, er blieb gerne noch auf eine unbestimmte kleine Zeit da. Wahrscheinlich würde er sich toll zurücksehnen, wenn er fort wäre, und was wäre dann das? Nein, mit dem Sehnen müßte dann natürlich aufgeräumt werden; denn das würde sich ihm nicht ziemen. Aber machte man denn nicht oft Unziemliches? Übrigens, er blieb ja, und weiter wollte er sich den Gedanken die ihn belästigten, nicht hingeben.

So kamen wieder ein paar Tage und schwanden wieder. Die Zeit kam so geräuschlos und entfernte sich, ohne daß man es merkte. Auf diese Art verging sie eigentlich schnell, obgleich sie lange zauderte, ehe sie ging. Die beiden, Simon und Hedwig, schlossen sich jetzt noch lebhafter aneinander. Sie verbrachten plaudernd die Abende bei der Lampe und wurden nie des Redens müde. Sie sprachen während des Essens über das Essen, dessen Einfachheit und Delikatesse sie mit gesuchten Worten priesen, und während der Arbeit über die Arbeit, die sie mit Worten begleiteten, und während des Spazierens über die Freude und den Genuß des Spazierens. Sie vergaßen längst, daß sie nur Geschwister waren, sie kamen sich mehr durch das Schicksal als durch das gleiche Blut verbunden vor und verkehrten miteinander ungefähr wie zwei angeschlossene Gefangene, die sich bemühen, das Leben über der Freundschaft zu vergessen. Sie vertändelten viel Zeit, aber sie wollten sie so vertändelt wissen, weil jedes fühlte, daß der Ernst nur dahinter sich verborgen hielt, und daß jedes sehr wohl ernsthaft zu handeln und zu reden verstände, wenn es nur wollte. Hedwig empfand, daß sie sich ihrem Bruder immer mehr zu erkennen gab, und verhehlte sich den Trost nicht, den diese Empfindung ihr bereitete. Es schmeichelte ihr, daß er es nicht nur für klug und seiner Lage angemessen hielt, mit ihr zusammenzuleben, sondern auch für interessant, und sie dankte ihm dafür, indem sie ihn inniger, als früher, in das Herz schloß. Beide kamen sich so vor, als ob sie jedes für das andere bedeutend genug wären, um mit Stolz miteinander ein Stück Leben zu verbringen. Sie sprachen und dachten viel in Erinnerungen und versprachen sich, alles aufzutischen, was ihnen aus der frühen, entschwundenen Zeit, wo sie beide noch klein waren, noch einfiel. Weißt du noch! So fingen öfters ihre Gespräche an. So versanken sie in die köstlichen Bilder der Vergangenheit und waren immer bemüht, was es auch sein mochte, ihr Gefühl und ihren Verstand daran zu belehren, auch ihr Lachen daran zu wetzen und bei traurigen Anlässen heiter zu bleiben, wie es sich auch ziemte. Die Vergangenheit selbst machte ihnen wiederum die Gegenwart deutlicher und empfindlicher, und diese empfundene Gegenwart war, wie von einem Spiegel verdoppelt und verdreifacht, inhaltsreicher und lebhafter und zeigte auch gerader und sichtbarer den Weg in die Zukunft, die sie sich oft ausmalten, um sich daran auf eine leichte Art zu berauschen. Eine erträumte Zukunft war immer eine schöne, und die Gedanken, die sie dachten, heitere und leichte.

Zehntes Kapitel.

Hedwig sagte eines Abends: »Ich möchte bald meinen, daß ich wie durch eine leichte, aber undurchsichtbare Scheidewand vom Leben getrennt bin. Aber ich kann nicht traurig darüber sein, sondern ich kann nur darüber nachdenken. Andern Mädchen geht es vielleicht ebenso, ich weiß es nicht. Vielleicht habe ich meinen Lebensberuf verfehlt, als ich meinte, einen Beruf für das Leben lernen zu sollen. Wir Mädchen lernen ja doch nur halb, es ist uns nicht um das Lernen zu tun. Wie sonderbar mir das jetzt vorkommt, daß ich Lehrerin geworden bin. Warum bin ich nicht Modistin geworden oder sonst etwas? Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, welche Gefühle mich dazu getrieben haben, einen solchen Beruf zu ergreifen, wie diesen. Was war es denn so Wunderbares, so Verheißungsvolles, das mich damals erfaßte? Glaubte ich gar, eine Wohltäterin zu werden, und glaubte ich, es werden zu müssen, die Verpflichtung, die Sendung spüren zu müssen, es zu werden? Man glaubt so Vieles, wenn man unerfahren ist, und die Erfahrungen machen einen wieder an anderes glauben. Wie merkwürdig. Es liegt eine Härte gegen sich selbst darin, das Leben so ernst aufzufassen, wie ich es aufgefaßt habe. Ich muß es dir sagen, Simon: ich habe es zu ernst und zu heilig aufgefaßt; ich habe nicht daran gedacht, daß ich ein Mädchen bin, als ich unternahm, was nur Männer unternehmen sollten. Niemand hat mir gesagt, daß ich ein Mädchen bin. Niemand hat mir geschmeichelt mit einer solchen Bemerkung. Es hat niemand meiner so gedankenvoll gedacht, als es wäre nötig gewesen, mir eine solche einfache Bemerkung zu machen, auf die ich gehorcht hätte, wenn ich im ersten Augenblick auch die Empörte gespielt hätte. Ich würde darauf gehorcht haben, wenn der Ton aus einem Herzen gekommen wäre. Aber ich hörte nur Worte, oberflächliche und leicht hingesprochene: »Tu das, tu das. Das ist gut, daß du einen Beruf ergreifen willst. Macht dir alle Ehre.« Und so weiter. Eine sonderbare Ehre, ein unglückliches, innerlich armes und sehnsüchtiges Mädchen zu sein, wie jetzt ich mit dieser Ehre von Beruf. Ein Beruf ist eine Last durchs Leben für einen Mann mit starken Schultern und vorwärtsstrebendem Willen, ein Mädchen wie mich erdrückt er. Habe ich Freude an meinem Beruf? Gar keine Spur, und ich bitte dich, erschrick nur nicht über dieses Geständnis, das ich dir mache, weil du einer bist, dem man mit einer Art Lust Geständnisse macht. Du verstehst mich, ich weiß es. Andere würden mich vielleicht ebensogut verstehen, aber nicht gern, aus diesem oder jenem Grunde. Du verstehst gern, weil du keine Gründe hast, über einfache und offene Geständnisse zu erschrecken. Du lebst mein ganzes Leben in dir mit, mit mir, deiner Schwester. Du bist eigentlich zu gut dazu, nur mein Bruder zu sein. Es ist schade, daß du mir nicht mehr sein kannst: Auch das würdest du gerne sein; denn du nickst mit deinem Kopfe. Laß mich weiter erzählen. Wenn man dich als Zuhörer hat, erzählt man gerne. So höre denn weiter, daß ich entschlossen bin, meine Schulkarriere aufzugeben, und zwar bald; denn meine Kräfte halten dies Leben nicht lange mehr aus. Ich glaubte, es wäre ein schönes Leben, Kinder in die Welt hineinzuführen, sie zu unterrichten, ihnen die Seelen für die Tugenden zu öffnen, sie zu überwachen und zu belehren. Es ist ja auch eine ganz schöne Aufgabe, aber sie ist viel zu schwer für mich Schwache; ich bin ihr nicht gewachsen, lange nicht. Ich glaubte, ich wäre es, aber ich sehe das Gegenteil ein: mich zusammensinken sehe ich unter meiner Aufgabe, die mir eine tägliche Erholung sein sollte und die mir nur eine Last ist, die ich als ungebührlich und ungerecht empfinde. Das, was einen niederdrückt, empfindet man als ungerecht. Unrecht, dieses zu empfinden, sollte ich haben? Liegt nicht in meiner Empfindung das Maß für mir zugefügtes Unrecht? Und was kann ich denn dafür, daß das Unrecht in seiner Art unschuldig und süß ist: die Kinder? Die Kinder! Ich kann sie nicht mehr ertragen. Ich freute mich in der ersten Zeit über alle ihre Gesichter, über ihre kleinen Bewegungen, über ihren Eifer und selbst über ihre Fehler. Ich freute mich über den Gedanken, mich dieser jungen, schüchternen und hilflosen Menschenschar gewidmet zu haben. Aber kann ein solcher einziger Gedanke über ein Leben hinwegtäuschen, kann man ein ganzes Leben mit einer Idee hinwegdenken? Wehe, wenn diese Idee und dieses Opfer einem eines Tages gleichgültig werden, wenn man den Gedanken, der einem alles ersetzen soll, nicht mehr mit so inniger Leidenschaft zu denken vermag, als es nötig ist, um den Tausch in der Seele zu rechtfertigen. Wehe, wenn man überhaupt einen Tausch merkt. Dann fängt man an zu grübeln, zu unterscheiden, abzuschätzen, mit Wehmut und Zorn zu vergleichen, und ist unglücklich, so wankelmütig und untreu geworden zu sein, und ist froh, wenn nur immer ein Tag zu Ende ist, um in der Stille weinen zu können. Einmal nur mit einem Hauch treulos, will man mit dem Lebensgedanken, der nur auf vollkommener Hingabe beruht, nichts mehr zu tun haben und sagt sich: Ich tu meine Pflicht, weiter denke ich an nichts mehr! Die Kinder blieben mir immer lieb, sie sind mir immer lieb geblieben. Wem könnten Kinder nicht lieb sein? Aber wenn ich unterrichte, denke ich an anderes, an ferneres und weiteres, als ihre kleinen Seelen sind, und das ist der Verrat, den ich an ihnen begehe, den ich nicht mehr mit ansehen will. Eine Schullehrerin muß in den kleinen Dingen mit ihrer ganzen Liebe untergehen, sonst vermag sie nicht Gewalt auszuüben, und ohne Gewalt bleibt sie wertlos. Vielleicht ist das übertrieben gesprochen, und ich bin auch fest davon überzeugt, daß alle, oder die meisten Menschen, zu denen ich so spräche, diese Sprache übertrieben finden würden. Diese Sprache aber entspricht meiner Auffassung vom Leben; da ist es wohl unmöglich, daß ich anders sprechen könnte. Ich habe es noch nicht gelernt, eine Zufriedenheit, eine Genugtuung, ein Wohlbefinden zu lügen, das ich nicht empfinde, und ich glaube, man irrt sich, wenn man annimmt, daß ich das je lernen werde. Ich bin zu schwach, um täuschen und heucheln zu können, und ich erblicke, so scharf ich auch nachdenke, keine Gründe, die das Vorlügen rechtfertigten. Wenn ich mit dir jetzt so rede, so ist das nur die Ausnutzung eines Augenblickes, nach dem ich mich schon lange gesehnt habe, um meine ganze Schwäche einmal entladen zu können. Es tut einem so wohl, seine Schwäche eingestehen zu dürfen, nach den Monaten der peinigenden Zurückhaltung, die eine Stärke verlangte, deren ich nicht fähig bin. Ich bin der Pflichterfüllung, die mir nicht schmeichelt, auf die Dauer nicht fähig, und ich suche jetzt nach einer Arbeit, die meinem Stolz und meiner Schwäche zusagen wird. Ob es mir gelingen wird? Ich weiß es wahrhaftig nicht, aber ich weiß nur, und das bestimmt, daß ich suchen muß, bis ich die Überzeugung gefunden habe, daß es ein Glück und eine Pflicht gibt, beides eines! Ich will Erzieherin werden und habe bereits einer reichen, italienischen Dame brieflich meine Dienste angeboten, in einem vielleicht zu langen Briefe, in welchem ich ihr geschrieben habe, daß ich imstande sei, zwei Kinder, ein Mädchen und einen Knaben, in allem Wünschenswerten zu unterrichten. Ich habe in dem Briefe, ich weiß nicht, was alles, gesagt, daß ich die Schulstube gerne mit der Kinderstube vertauschen möchte, daß ich die Kinder liebe und achte, daß ich Klavier spielen und schöne Sachen sticken könne und daß ich ein Mädchen sei, dem man nur mit Strenge zu begegnen brauche, um ihm eine Wohltat zu erweisen. Ich habe mich sehr stolz in dem Schreiben ausgedrückt, habe der Dame gesagt, daß ich zu lieben, zu gehorchen verstände, aber nicht zu schmeicheln, daß ich wohl schmeicheln könnte, aber nur dann, wenn ich es selber mir beföhle; daß ich mir meine zukünftige Herrin lieber stolz und streng, als nachgiebig vorstelle, daß es mir Schmerz und Enttäuschung bereiten würde, wenn ich sie so fände, daß man sie, wenn man die Absicht hätte, leicht und frech hintergehen könnte; daß ich nicht die Absicht hätte, zu ihr zu kommen, um bei ihr auszuruhen, sondern daß ich hoffe, Arbeit für mein Herz und auch für meine Hände zu bekommen. Ich habe ihr das Geständnis gemacht, daß ich schon jetzt, in der Vorausahnung, ihre beiden Kinder innig liebe, daß es mir an der nötigen Achtung vor Kindern nicht fehle, um dieselben streng und zugleich hingebungsvoll zu erziehen, daß ich erwarte, daß man mich gewähren lasse, ihr, der Dame, in diesem Sinn zu dienen, daß ich eine zugleich heftige und gelassene Auffassung vom Dienen hätte und daß ich nicht dazu zu bewegen wäre, von meiner Auffassung abzuweichen. Zu glattem und speichelleckerischem Dienst sei ich nicht zu gebrauchen, ebensowenig hätte ich das Talent, auf eine unzarte, unstolze Weise zuvorkommend zu sein. Daß ich aber auf eine milde Behandlung zu Gunsten einer kalten und strengen, wenn es nur zugleich keine beleidigende sei, gern verzichtete, daß ich meinen Stand sehr wohl und zu jeder Zeit von dem ihrigen abzumessen verstände, daß ich keine Gerechtigkeit aber Stolz verlange, der ihr verbieten würde, mir ungerecht zu begegnen und daß ich in meiner Seele entzückt wäre, wenn sie mir, wenn auch nur einmal im Jahr, ein Zeichen gütiger Zufriedenheit gäbe, das ich mehr zu schätzen wüßte als Vertraulichkeit, die für mich erniedrigend und keine Gnade wäre, daß ich hoffe, eine Dame zu finden, an der ich emporblicken könne, um zu lernen, wie man sich in allen Fällen zu benehmen habe und daß sie nicht zu fürchten brauche, in mir eine Schwätzerin in ihren Dienst zu nehmen, der es ein Vergnügen wäre, ihre Geheimnisse auszuplaudern. Ich sagte ihr, daß ich nicht imstande sei, zu sagen, wie gern ich sie bewundern und ihr gehorchen möchte und ihr zeigen möchte, in welcher Weise ich es verstünde, ihr niemals lästig zu fallen. Ich sprach dann die Befürchtung und zugleich die Hoffnung aus, daß ich die Sprache ihres Landes, obwohl ich sie noch gar nicht kenne, doch sicher bald lernen würde, wenn man mir nur zeigte, wie ich mich dabei zu verhalten habe. Sonst wisse ich nichts, was mich nicht dazu berechtige, in ihr Haus zu treten, sagte ich zum Schluß, als vielleicht die Schüchternheit, die meinem Auftreten noch anklebe, die ich aber zu überwinden hoffe; das Linkische und Unbeholfene sei sonst nicht meine Natur – –«

»Hast du den Brief schon abgeschickt?« fragte Simon.

»Ja,« fuhr Hedwig fort »was hätte mich daran sollen verhindern können. Ich werde vielleicht bald von hier fortgehen, und die Abreise macht mir Kummer; denn ich verlasse viel und werde vielleicht nichts dafür bekommen, das mich das Weggeworfene und im Stich Gelassene vergessen ließe. Trotzdem bin ich fest entschlossen wegzugehen; denn ich mag nicht mehr allein sein mit meinen Träumen. Auch du gehst ja bald fort, und was sollte ich dann noch hier? Du lassest mich wie einen Brocken, wie einen schlecht gewordenen Gegenstand zurück, oder vielmehr so: der ganze Ort, das Dorf, alles hier ist dann der Brocken, der verlassene, unbeachtete und weggeworfene Gegenstand, und ich dann noch mitten drin? Nein, ich habe mich zu sehr daran gewöhnt, das Leben, das wir hier führen, mit Hilfe deiner Augen anzusehen, es schön zu finden, so lange du es schön fandest; und du fandest es schön, und so fand ich es auch noch schön. Aber weiter würde ich es nicht mehr schön und groß genug für mich finden, ich würde es verachten, weil es eng und stumpf wäre, und es wäre auch eng und stumpf durch meine gleichgültige Verachtung. Ich kann nicht leben und mein Leben verachten. Ich muß mir ein Leben suchen, ein neues, und wenn das ganze Leben auch nur in einem einzigen Suchen nach Leben bestehen sollte. Was ist das: geachtet zu sein, gegen das andere: glücklich zu sein und den Stolz des Herzens befriedigt zu haben. Auch unglücklich zu sein ist noch schöner als geachtet zu sein. Ich bin unglücklich, trotz der Achtung, die ich genieße; ich verdiene vor mir diese Achtung also nicht; denn in meinen Augen ist nur das Glück achtenswert. Infolgedessen muß ich versuchen, ob es möglich ist, glücklich zu sein, ohne Achtung zu beanspruchen. Vielleicht gibt es ein Glück dieser Art für mich und eine Achtung, die man der Liebe und der Sehnsucht zollt, nicht der Klugheit. Ich will nicht deshalb unglücklich sein, weil mir der Mut fehlte, mir einzugestehen, daß man unglücklich werden kann, weil man versuchte, glücklich zu werden. Solches Unglück ist achtenswert, das andere nicht; denn Mangel an Mut kann man nicht achten. Wie kann ich länger zusehn, daß ich mich zu einem solchen Leben verdamme, das nur Achtung einbringt und nur Achtung von Andern, die einen immer so haben wollen, wie es ihnen am besten paßt! Warum soll es das? Und warum muß man die Erfahrung machen, daß das, was es einem eingebracht hat, zum Schluß nichts wert ist? Da hat man dann gesorgt und gehütet und gewartet und ist nur genarrt worden. Es ist bitter unklug, auf etwas warten zu wollen; es kommt nicht zu uns, wenn wir nicht hingehen und es uns holen. Freilich, es wird einem so viel Furcht eingejagt von Fürchtlingen, die um einen besorgt scheinen. Ich hasse sie jetzt beinahe, die den Kopf schütteln, sobald man nur etwas Mutiges sagt. Wie würden die sich erst betragen, wenn sie hörten, daß man das Mutheischende zur Ausführung gebracht hat. Wie diese vielen Ratgeber schwinden vor der Herzensgewalt einer frei vollbrachten Tat! Und wie sie einen knechten mit ihrer süßlichen Liebe, wenn man diesen Mut nicht findet und sich ihnen ausliefert. Man wird mich hier mit vielem Bedauern wegziehen sehen und es nicht verstehen wollen, warum ich einen so angenehmen und ersprießlichen Platz verlasse; und auch ich verlasse das Land mit einem Gefühl, das mich noch immer überreden möchte, hier zu bleiben. Ich habe geträumt, Bäuerin zu werden, einem Mann anzugehören, einem einfachen und zarten Menschen, ein Heim zu besitzen mit einem Stück Land und Stück Garten, wozu ein Stück Himmel gehört hätte, zu bauen und zu pflanzen, keine weitere Liebe als Achtung zu verlangen und das Entzücken zu haben, meine Kinder aufwachsen zu sehen, womit ich mich für allen Verlust einer tieferen Liebe entschädigt gefunden hätte. Der Himmel würde die Erde berührt haben, ein Tag hätte den andern in die Zeiten hinuntergerollt, und ich wäre unter Sorgen eine alte Frau geworden, die an sonnigen Sonntagen unter der Haustüre gestanden und die Vorübergehenden beinahe schon verständnislos angeblickt hätte. Ich würde dann nie wieder nach Glück gestrebt und heißere Empfindungen vergessen haben, hätte meinem Manne und seinen Geboten und dem gehorcht, was mir als Pflicht würde vorgeschwebt haben. Und ich hätte gewußt, was einer Bäuerin Pflicht wäre. Meine Träume wären mit den Tagen wie Abende eingeschlafen und würden nie mehr wieder etwas gefordert haben. Ich würde zufrieden und heiter gewesen sein, zufrieden, weil ich nichts anderes gewußt, und heiter, weil es sich nicht geziemt hätte, meinem Manne eine unmutige Stirne mit dunklen Sorgen zu zeigen. Mein Mann würde vielleicht den Takt besessen haben, in der ersten Zeit, da noch vieles heißer gedrängt und gepocht hätte, mich zu schonen und mich sanft für meine kommende Aufgabe zu erziehen, was ich dankbar würde haben geschehen lassen mit mir; dann wäre es auch gegangen, und eines Tages würde ich verwundert an mir die Beobachtung gemacht haben, daß ich innerlich Frauen von heftiger und sehnsüchtiger Gemütsart, das heißt, solche von meinem eigenen früheren Schlag, nicht mehr dulden mochte, weil ich sie für gefährlich und schädlich hielte. Mit einem Wort: ich würde geworden sein wie die andern und würde das Leben verstanden haben, wie die andern es verstehen. Doch das alles blieb nur ein Traum. Einem andern als dir würde ich mich hüten, so etwas zu sagen. Vor dir werden Träumende nicht lächerlich, auch verachtest du niemanden, weil er träumt, denn du verachtest überhaupt niemanden. Ich bin auch sonst gar nicht ein so überspanntes Mädchen. Wie käme ich dazu! Ich habe jetzt nur ein wenig zu viel gesprochen, und wenn ich so spreche, spreche ich leicht etwas zu viel. Man möchte alle seine Gefühle erläutern und kann es doch nie, man redet sich nur in eine Heftigkeit hinein. Komm, gehen wir zu Bett.« –

Sie sagte sanft und ruhig Gute Nacht.

»Ich bin doch froh,« sagte sie am andern Morgen, »daß ich noch hier bin. Wie kann man sich nur so stürmisch von einer Stelle wegwünschen. Als ob es hierauf ankäme! Ich muß beinahe lachen und schäme mich ein wenig, gestern so mitteilsam gewesen zu sein. Und doch bin ich froh; denn einmal muß man sich aussprechen. Wie du gestern mir nur so geduldig zuhören konntest, Simon! So beinahe andächtig! Und doch bin ich auch darüber froh. Am Abend ist man nicht wie am Morgen, nein, so ganz anders, so verschieden im Ausdruck und im Empfinden. Eine einzige Nacht ruhig geschlafen zu haben, das kann, habe ich gehört, einen Menschen ganz verändern. Ich glaube es wohl. Gestern so gesprochen zu haben, kommt mir heute am hellen Morgen wie ein ängstlicher, übertriebener, trauriger Traum vor. Was war es denn nur! Soll man denn die Dinge so reizbar schwernehmen? Denke gar nicht mehr daran! Ich muß gestern müde gewesen sein, so wie ich immer des Abends müde bin, aber jetzt bin ich so leicht, so gesund, so frisch, wie neu geboren. Ich habe ein so gelenkiges Gefühl, als hebe mich jemand empor, als trüge mich etwas, wie man jemand trägt in einer Sänfte. Mach die Fenster auf, indes ich noch im Bett liege. Es ist so schön, im Bett zu liegen, wenn die Fenster aufgemacht werden, so wie du es jetzt tust. Wo nehme ich nur all die Fröhlichkeit her, die mich jetzt ganz einhüllt. Draußen scheint mir die schöne Gegend zu tanzen, die Luft dringt zu mir hinein. Ist es heute Sonntag? Wenn nicht, so ist es ein Tag wie geschaffen zum Sonntag. Siehst du die Geranien? Sie stehen so schön vor dem Fenster. Was wollte ich gestern? Glück? Habe ich es denn nicht schon jetzt? Soll man erst suchen müssen in der unbekannten Ferne, unter den Menschen, die gewiß gar keine Zeit haben, an das Glück zu denken? Es ist gut, wenn man für Vieles nicht Zeit hat, recht gut, denn, hätte man Zeit, so würde man ja sterben vor lauter Anmaßung. Wie hell ist mir jetzt im Kopf. Nicht ein einziger Gedanke mehr, der nicht, wie seine Herrin, nämlich ich, froh und leicht daläge, ganz ebenso wie ich. Willst du mir das Frühstück ans Bett bringen, Simon? Es würde mir Spaß machen, mich von dir bedienen zu lassen, wie wenn ich eine portugiesische Noblesse wäre und du ein Mohrenkind, das meinen leisesten Wink verstände. Natürlich bringst du mir das Verlangte. Warum solltest du dich weigern, mir eine Aufmerksamkeit zu erweisen? Seit wie lange bist du jetzt bei mir? Warte einmal, es war Winter, als du ankamst, der Schnee fiel, ich weiß es noch so gut, und seitdem, wie viele schöne und regnerische Tage sind schon vorbeigegangen. Jetzt wirst du bald gehen; aber mir das Vergnügen stehlen, dich noch ein paar weitere Tage bei mir zu haben, das darfst du nicht. Nach drei Tagen werde ich zu dir sagen: »Bleib noch drei«, und du wirst dich ebensowenig widersetzen können, als jetzt, da du mir das Frühstück an mein Bett bringst. Du bist ein merkwürdig widerstandsloser und skrupelloser Mensch. Was man von dir verlangt, das tust du. Du willst alles, was man will. Ich glaube, man könnte von dir viel Ungebührliches verlangen, ehe du es einem übel nähmest. Man kann sich eines gewissen verächtlichen Gefühles dir gegenüber nicht enthalten. Ein ganz klein wenig verachte ich dich, Simon! Aber ich weiß, es macht dir nichts wenn man so zu dir spricht. Ich halte dich übrigens für einer Heldentat fähig, wenn es dir darauf ankommt. Sieh, ich denke doch ganz gut von dir. Dir gegenüber erlaubt man sich alles. Dein Betragen erlöst anderer Betragen von jeder Art Unfreiheit. Ich habe dir früher Ohrfeigen gegeben, ich habe dich stets der Mutter zur Bestrafung angezeigt, wenn du Übeltaten verrichtetest, jetzt bitte ich dich, mir einen Kuß zu geben, oder so: laß mich dir lieber einen geben. Auf die Stirn, ganz behutsam! So! Ich bin wie eine Heilige heute am Tag gegen gestern am Abend. Ich habe ein Gefühl für kommende Zeiten und lasse nun alles kommen. Lache nur nicht! Es würde mich übrigens freuen, wenn du lachtest; denn das ist für den frühen, blauen Morgen der passendste Laut. Nun bitte ich dich, aus dem Zimmer zu gehen und mir die Freiheit zu lassen, mich anzukleiden.« –