»O ja! Aber es ist hübsch, einsam zu sein!«
Und er schloß das Fenster, während die beiden Weiber in ein Gelächter ausbrachen. Was konnte er mit ihnen reden, was nicht unflätig gewesen wäre. Heute war er nicht aufgelegt. Die Veränderung, die wieder in sein Leben eingerissen war, hatte ihn ernst gestimmt. Er zog die weißen Vorhänge vor, zündete die Lampe an, und las in dem Roman von Stendhal weiter, den er auf dem Land, bei Hedwig, nicht hatte fertig lesen können.
Vierzehntes Kapitel.
Nachdem er eine Stunde gelesen hatte, löschte er die Lampe aus, öffnete das Fenster, ging zum Zimmer hinaus, zu der Haustüre hinaus, auf die steile Straße. Eine schwere, warme Dunkelheit empfing ihn. Das alte Stadtviertel war voll von kleinen Wirtschaften, so daß einem beim Gehen die Wahl schwer werden konnte. Er ging noch einige Schritte in der lebhaft von Menschen erfüllten Straße und trat dann in eine Kneipe ein. Um einen runden Tisch herum war eine kleine, fröhliche Gesellschaft versammelt, deren Mittelpunkt ein kleiner Spaßmacher sein mußte; denn alles lachte, sowie er nun den Mund auftat. Es mußte einer jener Menschen sein, die, was sie auch sagen mochten, stets komisch und lachmuskelerregend wirkten. Simon setzte sich zu zwei noch jungen Männern an den gleichen Tisch und horchte unwillkürlich auf das, was sie sprachen. Sie sprachen ernsthaft und in ziemlich klugen Ausdrücken miteinander. Der Gegenstand ihrer Auseinandersetzung schien ein junger, unglücklicher Mann zu sein, den sie beide mochten näher gekannt haben. Jetzt aber ließ der eine von ihnen den andern, ohne ihn zu unterbrechen, erzählen, und Simon hörte folgendes:
»Ja, er war ein prachtvoller Kerl! Schon als Knabe, als er noch langes Haar und kurze Hosen trug und an der Hand eines Kindermädchens durch die Straßen der kleinen Stadt spazieren ging. Die Leute sagten, indem sie sich nach ihm umsahen: »Welch ein bildhübscher, kleiner Kerl!« Seine Aufgaben hat er mit viel Talent gemacht, ich meine seine Schüleraufgaben. Seine Lehrer haben ihn geliebt; denn er war sanft und gut zu erziehen. Seine Klugheit machte es ihm spielend leicht, seine Pflichten in der Schule zu erfüllen. Er hat prachtvoll geturnt, gezeichnet und gerechnet. Wenigstens weiß ich, daß ihn die Lehrer den später nachkommenden Schülergenerationen und sogar den weiter vorgeschrittenen Klassen als ein Muster gepriesen haben. Seine weichen Gesichtszüge mit den wundervollen Augen voll männlicher Ahnung bestrickten alle, die mit dem Knaben zu tun hatten. Er genoß eine gewisse Berühmtheit, als ihn seine Eltern auf die höhere Schule schickten. Von der Mutter verzärtelt, was jedermann begriff, und von allen bewundert, mußte sein Geist frühzeitig jene Weichheit der Bevorzugten und Anerkannten erhalten, jenes Gehenlassen, jene schöne Sorglosigkeit, die dem jungen Menschen gestattet, sich der Genüsse des Lebens spielend zu bemeistern. In die Ferien brachte er glänzende Zeugnisse und eine Schar junger Kameraden mit nach Hause und berauschte das Ohr seiner Mutter mit Erzählungen von seinen mannigfachen Erfolgen. Natürlich verschwieg er seiner Mutter die Erfolge, die er schon damals begann, bei den leichtfertigen Mädchen zu machen, die ihn schön und liebenswürdig fanden. Die Ferien benutzte er zu Wanderungen im Tiefland; auf den ausgedehnten, hohen Bergen, die ihn lockten, weil sie so hoch hinauf und so weit in die unbestimmteste Ferne sich hineindehnten, verbrachte er Tage, nicht nur Stunden, mit der ausgelassenen Gesellschaft von gleich schwärmerisch Gesinnten wie er selber. Er bannte und bezauberte sie alle. – Er glich in seiner Gesundheit und Schmiegsamkeit, sowohl seelisch wie körperlich, einem Gott, der nur zum Vergnügen eine Zeitlang auf dem Gymnasium zu studieren schien. Wenn er ging, sahen ihm die Mädchen nach, als würden sie von seinen zurückgeworfenen Blicken an ihn herangezogen. Auf seinem blonden, schönen Kopf trug er kokett die blaue Studentenmütze. Er war entzückend leichtsinnig. Einmal, es war gerade Jahrmarkt, und der große Platz, wo sonst das Vieh zusammengetrieben wird, stand voller Buden, Hütten, Karussells, Rutschbahnen und Reitbahnen, schoß er mit einem scharf geladenen Vogelgewehr, statt mit einer der üblichen, unschädlichen Flinten, in eine Schießbude hinein, vor der er immer zu sehen war, da ihn das Mädchen, das dort die Gewehre darreichte, entzückte. Die kleine Kugel drang durch die Leinewand der Bude hindurch, in den Wagen hinein, der dicht dahinter stand, und soll dort um ein Haar ein in einer Wiege schlafendes, kleines Kind verletzt haben. Es war der Wagen, den diese herumziehenden Leute als Familienwohnung benutzten. Der Streich kam natürlich aus, mehrere andere Streiche kamen zu dem einen, und das nächste Mal, als wieder Ferien waren, stand in dem Zeugnis des jungen Studenten eine bissige Bemerkung des Rektors, der gleichzeitig den Eltern einen Brief, großzügig und voll Feierlichkeit, schrieb, worin er ihnen ans Herz legte, ihren Sohn freiwillig aus der Schule zu nehmen, da sonst die Notwendigkeit bevorstünde, denselben auszuweisen. Gründe: sinnloses Betragen, Ansteckung, böse Einwirkung, Unverantwortlichkeit, hohe Verantwortung, Pflichten und doch Rücksichten und alles jenes, was eben für einen solchen Fall immer Gründe sind: die Sittlichkeit in Gefahr und: Schutz der noch Unverdorbenen, und so weiter.« –
Der erzählende Mann schwieg eine Weile.
Diese Gelegenheit benutzte Simon, um sich bemerkbar zu machen und sagte:
»Ihre Erzählung interessiert mich aus manchem Standpunkt. Bitte, gestatten Sie mir, daß ich Ihnen ferner zuhören darf. Ich bin ein junger, eben aus seiner Lebensstellung herausgetretener Mann und lerne vielleicht einiges aus Ihrer Erzählung; denn mir scheint, daß man immer gewinnt beim Anhören einer wahrhaften Geschichte.« –
Die beiden Männer sahen sich Simon aufmerksam an, doch schien er ihnen keinen unguten Eindruck zu machen, vielmehr bat ihn der, der erzählt hatte, nur zuzuhören, wenn es ihm Spaß machen könne, und jener erzählte weiter:
»Die Eltern des Jünglings gerieten natürlich ob dieser Ausweisung in große Bestürzung und in noch größeren Kummer; denn wo gäbe es Eltern, die so gleichgültig wären, daß sie sich in einem so betrübenden Fall, wie dieser war, in alltäglicher Weise benehmen könnten. Sie meinten zuerst, daß es am besten sei, den Schlingel ganz aus der gelehrten Laufbahn fortzunehmen, und ihn einen harten Beruf, wie Mechaniker oder Schlosser, lernen zu lassen. Das Wort und Land Amerika kam ihnen schon in den Sinn, es mußte ihnen angesichts der Lage ihres Sohnes beinahe von selbst zufliegen. Aber es kam anders. Wiederum siegte die Zärtlichkeit der Mutter, wie schon so oft, wenn der Vater energisch einzuschreiten gesonnen war, so auch bei dieser Gelegenheit. Der junge Mann wurde in ein entlegenes, einsames Seminar geschickt, wo er sich auf den Lehrerberuf vorzubereiten hatte. Es war ein französisches Seminar, wo der Junge gar nicht anders konnte, als sich, wie es sich geziemte, aufzuführen. Wenigstens ging er von da aus, nach Ablauf seiner Zeit, als praktischer, jugendlicher Lehrer in die Welt. In der Nähe seiner Heimatstadt bekam er eine vorläufige Stelle als Lehrer. Er unterrichtete die Kinder so gut, als er nur vermochte, las, wenn es ihm die Zeit erlaubte, zu Hause die französischen und englischen Klassiker in ihrer Sprache; denn er hatte für Sprachen ein wahrhaft wunderbares Talent, dachte heimlich an eine andere Karriere, schrieb Briefe nach Amerika zwecks einer Anstellung als Hauslehrer, die indessen erfolglos blieben, und trieb ein Leben zwischen Pflicht und scheuer Ungebundenheit. Da es Sommer war, ging er mit seinen Schülern öfters im tiefen, reißenden Kanal baden. Er badete dann selber mit, um seinen Schülern zu zeigen, wie man es anzustellen hatte, wenn man schwimmen lernen wollte. Eines Tages aber riß ihn der Wasserstrudel derart fort, daß es aussah, wie wenn er jetzt ertrinken mußte. Die Schüler rannten schon in das Städtchen zurück, wo sie schrieen: »Unser Lehrer ist ertrunken.« Aber der junge, kräftige Mann arbeitete sich aus den Wirbeln des tückischen Wassers heraus und kam wieder nach Hause. Nach einiger Zeit befand er sich indessen an einem anderen Ort, und zwar mitten in den Bergen, in einem kleinen, aber doch reichen Dorf, wo er angenehme Menschen fand, die ihn weniger als Lehrer wie vielmehr als Menschen respektierten. Er war ein vorzüglicher Klavierspieler und flotter Geselle überhaupt, der in einer Gesellschaft von einigen Menschen den Zauberfaden der Unterhaltung ganz nur um sich herum zu drehen verstand. Ein sehr liebes, aber schon nicht mehr junges Fräulein verliebte sich in den Lehrer, derart, daß sie ihm alles nur Mögliche an Bequemlichkeit und Komfort zukommen ließ und ihn mit den ersten Leuten im Dorf bekannt machte. Sie stammte aus einer alten Offiziersfamilie, deren Vorfahren einst in fremden Ländern Kriegsdienste verrichtet hatten. So schenkte sie ihm denn eines Tages zum Andenken einen zierlichen Galanterie-Degen, der immerhin eine nicht ungefährliche Waffe gewesen sein mochte und der vielleicht gar zu seiner Zeit einmal in Blut getaucht worden war. Es war ein feines Stück, und das gute, liebe Fräulein überreichte ihm den Zierrat mit niedergeschlagenen Augen, wobei sie vielleicht einen tiefen Seufzer unterdrückte. Sie hörte ihm zu, wenn er, in romantisch edler Haltung, am Klavier saß und darauf spielte, und konnte kein Auge von seiner Gestalt abwenden. Oft fuhr sie mit ihm zusammen, da es Winter war, auf dem hochgelegenen, kleinen Bergsee Schlittschuh, und beide freuten sich dieses schönen Vergnügens. Aber der junge Mann wünschte bald wieder abzureisen, um so mehr, da er nur zu lebhaft die warmen, verlockenden Bande fühlte, die ihn so gern für immer an das Dorf gefesselt hätten, denen er aber entfliehen mußte, wenn er irgendwie noch den Wunsch besaß, nach etwas Großem in der Welt zu streben. Er reiste, und zwar mit dem Gelde des Fräuleins, die reich war, und die sich eine wehmütige und kummervolle Freude daraus machte, es ihm ohne jeden Vorbehalt zu geben. So ging er nach München, wo er ein ziemlich flottes Leben führte, nach Art der dortigen Studenten, kam wieder heim, sah sich nach einer Stelle um, und erhielt eine solche in einem Privatinstitut, das am Fuße einer tannenwaldgeschmückten Bergkette lag. Dort mußte er junge Bürschlein aus allen Erdteilen, reicher Leute Kinder, unterrichten, tat es eine Zeitlang mit großer Liebe und viel Interesse, bekam Händel mit seinem Vorgesetzten, dem Inhaber des Institutes, und reiste wieder weg. Dann kam Italien an die Reihe, wohin er sich als Hauslehrer begab, und dann England, wo er auf einem Gutsitze zwei aufwachsende Mädchen unterrichtete, mit denen er indessen nur Tollheiten trieb. Er kam wieder heim, wilde Ideen spukten in seinem Kopf, und in seinem leer gewordenen Herzen brannten nur noch hilflose Phantasieen, die keine Rechte auf die Wirklichkeit besaßen. Seine Mutter, in deren Schoß sich zu werfen es ihn verlangte, starb zu dieser Zeit. Er war leer und trostlos. Er bildete sich ein, sich jetzt auf die Politik werfen zu sollen, aber er besaß für dieses Fach weder die genügende Übersicht und Ruhe, noch auch nur den nötigen Schliff und Takt mehr. Er schrieb auch Börsenberichte, aber ohne Sinn; denn er dichtete sie, und zwar aus einem bereits zerstörten Geiste heraus. Er verfaßte Gedichte, Dramen und musikalische Kompositionen, malte, zeichnete, aber dilettantisch und kindlich. Inzwischen hatte er wiederum Stellung genommen, freilich nur für kurze Zeit, und dann wieder Stellung, und dann wieder! An einem halben Dutzend Orten trieb er sich herum, glaubte und sah sich überall betrogen und verletzt, verlor den Anstand vor den Schülern, lieh Geld von ihnen; denn er besaß nie Geld. Noch war er ein schlanker, schöner Mensch, sanft und vornehm von Ansehen und immer noch edel in seinem Betragen, solange er mit seinem Kopf oben war. Aber das war nur noch selten der Fall. Nirgends in der Welt konnte man ihn lange gebrauchen, man schickte ihn fort, sowie man hinter sein Wesen kam, oder er ging von selber aus ganz absonderlichen, selbst zusammengedichteten Ursachen. Das mattete und lähmte ihn natürlich vollends herunter. Aus Italien hatte er noch begeisterungsfrohe, ideale Briefe an seinen Bruder geschrieben. In London, wo er Not litt, war er einmal in das Kontor eines sehr reichen Seidenhändlers, eines Onkels von ihm, mit der Bitte getreten, man möchte ihm in seiner elenden Lage beistehen, und bat um Geld, vielleicht nicht gerade mit Worten, aber man merkte, was er wollte, und schickte ihn achselzuckend fort, ohne ihm etwas zu geben. Wie mußte sein schöner, sanfter Menschenstolz schon gelitten haben, wenn er den Mut fand, Unwürdige anbetteln zu gehen. Doch was mußte er nicht tun, da er Not litt! Man kann von Stolz sprechen, man muß aber auch all der Zufälle des Lebens gedenken, wo es unmenschlich ist, von einem Menschen noch Stolz zu verlangen. Und der, der gebeten hatte, war weich! Er hatte von jeher ein kindlich weiches Herz, und dem Schmerz und der Reue über ein verlornes Leben war es ein Leichtes, dieses Herz zu zerstören. Eines Tages, nach all den Umherwanderungen, erschien er wieder zu Hause, blaß, matt, müde und in seinen Kleidern heruntergerissen. Sein Vater empfing ihn wahrscheinlich herzlos, seine Schwester so gut, als sie durfte vor des entrüsteten Vaters Augen. Er gedachte, einen kleinen Redakteurposten zu erhalten, und trieb sich inzwischen in der Stadt herum, wo er allen Mädchen Ringe schenkte und zu ihnen sagte, er wolle sie heiraten. Er war ganz offenbar schon kindisch. Man munkelte natürlich und lachte. Dann ging er noch einmal fort, in eine Lehrerstelle, aber dort erwies es sich, daß er für die Welt unmöglich geworden war. Er kam eines Tages mit einem nackten Fuß in die Schulstunde, Schuh und Strumpf fehlten an dem einen seiner Füße. Er wußte nicht mehr, was er tat, oder er tat eben das, was sein anderer, irrer Geist ihm zu tun befahl. Zu derselben Zeit radierte er in seinem militärischen Dienstbuch die dort notierte Degradation aus, die ihm eines begangenen, schweren Fehlers wegen schon früher zudiktiert worden war. Infolgedessen wurde er, da dieses kühne Vergehen ans Licht kam, ins Gefängnis gesperrt. Von dort wurde er, da man über seinen Geisteszustand zur Klarheit gelangte, in ein Irrenhaus gebracht, wo er heute noch ist. Ich weiß das alles, da ich oft mit ihm zusammen gewesen bin, in vielen Jahren, im Zivil sowohl wie beim Militär, und auch geholfen habe, ihn dahin abzuführen, wo er sich jetzt befindet und wohin er leider gebracht werden mußte.«