»Ich glaube es auch,« sagte die Frau.

»Ich wollte,« fuhr Simon fort, »zuerst in die Berge gehen. Aber dieses schattige Zimmer ist schöner als selbst die weißesten Berge. Ich fühle mich ein bißchen matt und möchte mich eine Stunde hinlegen, darf ich das?«

»Ei, freilich! Es ist doch jetzt Ihr Zimmer!«

»Nicht doch!«

Und dann legte er sich schlafen.

Er hatte einen sonderbaren Traum, der ihn noch lange nachher beschäftigte:

Es war in Paris, aber warum es in Paris war, das wußte er nicht mehr. Zuerst ging er durch eine Straße, die war ganz mit grünem, saftigem Laub bedeckt, so daß die Schleppen der Damen das Laub rauschend hinter sich nachzogen. Immer fiel ein leiser grüner Regen von kleinen, flüsternden Blättern, und ein unaussprechlich sanfter Wind wehte daher, wie ein Hauch von Wolken. Die Häuser waren wunderbar hoch, bald grau, bald gelblich, bald schneeweiß. Die Männer, die auf der Straße dahergingen, trugen die Locken lang herunter, wo sie über die Schultern fielen, auch Zwerge mit schwarzen Fräcken und roten Hüten liefen, sie konnten den anderen zwischen den gekreuzten Beinen durchschlüpfen. Die Damen in ihren Schleppen waren herrliche Figuren, groß, viel größer als die Männer, die doch auch schlank erschienen. An den schlanken Büsten der Damen hingen Lorgnetten bis zum Leib hinunter und ein Bogen von schweren, üppigen Haaren überspannte ihre lieblichen Köpfe. Obenauf saßen winzige Hütchen mit noch winzigeren Federchen, aber einzelne trugen große, weit und herrlich herunterfallende Federn, die den ganzen Kopf zurückzubiegen schienen. Etwas Wundervolles waren die Hände und die Arme der Frauen, die mit langen, schwarzen Handschuhen bis über die zierlichen Ellbogen hinaus bedeckt waren. Es schien überhaupt, so weit man blickte, alles wundervoll. Die großen Häuser wollten sich immer auf und nieder bewegen wie seltsame natürliche Kulissen in einem Theater. Das Licht gehörte halb dem Tag und halb wieder der vorgerückten Nacht. Jetzt gelangte man zu einem Haus, das ganz mit wildem Grün überdeckt war. »Dort wohnen die schönsten Frauen von Paris«, wurde einem gesagt, wenn man frug. Auf einmal bog sich eine duftige, weiße Wolke in die Straße herunter. Wenn man erstaunt fragte: »Was ist das?« wurde geantwortet: »Sie sehen, es ist eine Wolke. Eine Wolke ist in den Pariserstraßen keine seltene Erscheinung. Sie aber sind wohl Ausländer, daß Sie sich noch darüber verwundern können.« Die Wolke blieb als ein weißer Schaum, ähnlich einem großen Schwane, auf der Straße liegen. Viele Damen liefen zu ihr hin und rupften kleine Stücke davon ab und setzten sie sich, unter wundervollen Armbewegungen, auf die Hüte oder warfen sie einander scherzend zu, daß sie an den Kleidern hängen blieben. Man dachte: »Seht doch, diese Pariser! Da lächeln sie leicht über den Ausländer, der sich wundert. Aber wundern sich die Pariser nicht selber jeden neuen Tag über die Schönheiten ihrer Stadt!« Dann kamen die bösen Pariser-Gassenjungen und kitzelten die Wolke mit brennenden Streichhölzchen, da flog die Wolke wieder auf, leicht und majestätisch in die Höhe, bis sie über den Häusern verschwand. Wieder beobachtete man die Straße. In den schönen, vorspringenden Restaurants servierten die Kellner in hellgrauen Fräcken und die Damen tranken Kaffee und plauderten mit ihren entzückenden Stimmen. Poeten standen auf erhöhten Brettern und sangen die Lieder, die sie zu Hause gedichtet hatten. Sie waren in braunen, edlen Samt gekleidet. Es waren keine lächerlichen Erscheinungen, nichts weniger als das. Man amüsierte sich mit dem, was sie zum besten gaben, ohne ihnen besondere Aufmerksamkeit zu schenken, was in Paris unmöglich wäre. Schöne, schlanke Hunde liefen hinter den Menschen her und betrugen sich so, als wüßten sie, daß man sich in Paris gut aufführen muß. Jegliche Figur und Erscheinung schien mehr zu schweben, als zu gehen, mehr zu tanzen, als zu schreiten, mehr zu fliegen als zu laufen. Und doch lief, ging, sprang, schritt und marschierte alles ganz natürlich. Die Natur schien sich in dieser Straße niedergesetzt zu haben. Ganze Schafherden durchzogen mit Geläute, das immer bim-bim machte, die Straße wie ein abendliches Tal, den dunkelgekleideten Hirten voran. Dann kamen Kühe mit großen Glocken: bim-bam und: bum-bum! Und doch war es eine Straße und gar keine Bergweide, mitten in Paris war es, im Herzen der europäischen Eleganz. Allerdings, die Straße war breit wie ein großer, breiter Strom. Jetzt auf einmal wurden die Lichter angezündet, von kleinen, behenden Jungen, die lange Anzünderstäbe trugen. Mit diesen machten sie die Hähne oben an den Laternen auf, daß das Gas herausströmte aus den Leitungen und zündeten dann an. So sprangen sie von einer Laterne zur andern, bis alle angezündet waren. Nun schimmerten die Lichter überall hervor und schienen zu wandern mit den beweglichen Menschen. Was war das für ein zauberhaftes, weißes Licht, und diese Teufelsjungen, die es entzündeten, wo sprangen sie her, wo hin, wo weg, wo hinaus? Wo waren sie zu Hause, hatten sie auch Eltern, Brüder, Schwestern, gingen sie auch zur Schule, konnten sie auch groß werden, Frauen heiraten, Kinder erzeugen, alt werden und sterben? Sie waren alle in blaue kurze Röcke gekleidet gewesen und schienen Gummischuhe getragen zu haben, denn man hörte sie nur huschen, nicht gehen. Weg waren sie. Nun sah man, so wie es Abend wurde, wunderbar-merkwürdige Frauengestalten auf der wandelnden Straße. Sie trugen übergroße Haarfüllen, mit hellgelben und tiefschwarzen Haaren. Ihre Augen glänzten und schimmerten, daß es einem weh tat. Das Herrlichste an ihnen waren die Beine, die nicht von Schleppen oder Röcken bedeckt waren, sondern sich zeigten bis zur Kniehöhe, von wo an eine spitzenrauschende Hose sie umhüllte. Die Füße, bis hinauf beinahe zu den biegsamen Knieen, waren mit hohen, aus feinstem Leder geschaffenen Schuhen bekleidet. Die Schuhe selbst waren das Zarteste, was sich dazu eignen konnte, einen bewegsamen Frauenfuß zu umschließen. Man mußte nur sehen und aus dem Herzen heraus lachen. Der Gang dieser Frauen hatte etwas zum Jubeln Schwebendes, wieder Schweres und wieder Tanzendes. Wie die gingen, das war zum Nachzeichnen und Mitfühlen, das hob einen mit, und zog einen nach, machte einen mit den Augen das Süße anträumen, machte die Seele erwachen und nachdenken darüber, wie es komme, daß Gott die Frauen so schön erschaffen. Man fühlte lebhaft: »Wenn die Götter irgendwo heimisch sein könnten auf der Erde, was zwar nicht denkbar, so müßte dieser Ort Paris sein.« Auf einmal, ohne daß er es sich versah, befand sich Simon auf einer aus dunklem Holz gezimmerten und geschnitzten Treppe, die ihn in ein Zimmer hinaufführte, wo auf einem Diwan ein schlafendes Mädchen lag. Wie er näher zusah, war es Klara. Ein Kätzchen schlummerte neben ihr, und die Schlafende hielt es mit dem Arm umschlungen. Ein Diener, ein Neger, trug ein Abendessen herein, und Simon setzte sich an den Tisch, während aus der Zimmerdecke hernieder, wie das Geplätscher eines kostbaren, erfinderischen Brunnens, eine leise, gedämpfte Musik rauschte, die bald in der Ferne und bald neben seinem Ohr erklang. »In Paris wird seltsam serviert,« dachte Simon, indem er es sich, wie in einem Märchen von Gebrüder Grimm, wohlschmecken ließ. Da erwachte die Schlafende. »Komm, ich will dir etwas zeigen,« lispelte sie ihm zu. Er erhob sich, und sie öffnete mit einem Zauberstab, wie es schien, eine Flügeltüre, wenigstens sah man nicht, daß sie eine ihrer Hände dazu gebrauchte. »Ich bin jetzt eine Zauberin geworden,« lächelte sie den erstaunten Simon an, »zweifle nicht daran, aber laß es dich auch keineswegs erschrecken. Ich zeige dir nichts Abstoßendes.« Er ging mit ihr in das andere Zimmer, sie hauchte ihn mit ihrem duftenden, warmen Atem an, und auf einmal erblickte er seinen Bruder Klaus, wie er dasaß und an seinem Schreibtische schrieb. »Er ist fleißig und schreibt an seinem Lebenswerke,« sprach Klara mit leiser, hindeutender Stimme. »Siehst du, wie er ein gedankenvolles Gesicht macht. Er geht in seinen Betrachtungen über den Lauf der Flüsse, die Geschichte und das Alter der Berge, die Windungen der Täler und der Erdschichten unter. Aber dazwischen denkt er jetzt seines Bruders, er denkt an dich! Sieh, wie seine Stirne sich faltet. Du scheinst ihm Sorgen zu machen, du Böser! Er kann leider nicht sprechen, sonst würden wir beide hören, wie er denkt über dich und was er zu deinem Tun meint, das ihn bekümmert. Er liebt dich, sieh ihn nur an! Ein solcher Mensch liebt seinen Bruder und möchte ihn in der Welt als braven, geachteten Mann wissen. Aber das Bild löst sich, wie ich sehe, schon auf. Komm. Ich zeige dir jetzt etwas anderes.« – Indem sie das sagte, öffnete sie zugleich eine zweite, etwas kleinere Türe mit ihrem Stäbchen, das sie wirklich in der Hand trug, und Simon erblickte seine Schwester Hedwig ausgestreckt auf einem mit weißen Linnen bedeckten Lager. Es duftete wundervoll nach Kräutern und Blumen in diesem Gemach. »Sieh sie an,« sagte Klara, und ein Zittern ließ ihre klare, leise Stimme erbeben, »sie ist gestorben. Das Leben tat ihr zu weh. Weißt du, was es heißt, Mädchen sein und leiden? Ich habe ihr einen Brief geschrieben, einen langen, heißen, sehnsuchtsvollen Brief, damals, du weißt, und sie hebt nie mehr die Hand, um mir zu antworten. Sie geht, ohne auf die Frage der Welt: »Warum kommst du nicht?« geantwortet zu haben. Wie sie wortlos scheidet: so mädchen- und blumenhaft! Wie lieb sie war. Du als Bruder empfindest das lange nicht so, wie ich als Freundin. Siehst du, wie sie lächelt! Wenn sie noch reden könnte, würde sie sicher freundlich reden. Sie redete streng. Sie hat sich jammernd auf die Lippen gebissen. Das siehst du aber ihrem Mund nicht an. Der Tod muß sie geküßt haben, daß sie immer noch lächeln kann, im Tode! Es war ein tapferes Mädchen. Wie eine Blume ist sie gestorben, die stirbt, wenn sie welkt. Laß uns weiter gehen. In meinem Zauberreich darf man nicht gaffen. Habe ich dir weh getan, sag mal? Nein doch: was ist Schmerzendes an einem so schönen Tod? Ihr ließt sie leiden, das, das war schmerzhaft. Ich will dir nicht weh tun. Komm, jetzt wirst du noch etwas anderes sehen.« Und mit diesen Worten ließ sie eine dritte Tür aufspringen, und Simon schaute in ein geräumiges Maleratelier. Er spürte den Geruch von Ölfarben, und an den Wänden sah er seines Bruders Bilder herumhängen, er selber, Kaspar, arbeitete, den Rücken zeigend, an einer Staffelei, ganz versunken, wie es schien, in die Arbeit. »Still, störe ihn nicht, er arbeitet,« sagte Klara, »man darf Schaffende nicht stören. Ich wußte immer, daß er nur für die Kunst lebte, schon damals, als ich noch glaubte, ihm zu folgen, ihm folgen zu können. Nein, es ist besser so. Ich würde ihn nur aufgehalten und gehindert haben. Er muß alles um sich her vergessen, selbst das Liebste, wenn er will, daß er schaffen kann. Solch ein Schaffen verlangt Abtötung alles Lieben und Innigen, um eine Liebe und eine Innigkeit ganz auf das Schaffen zu übertragen. Das verstehst du nicht, das versteht nur er. Wenn du mich ihn so sehen siehst, glaubst du da nicht, daß es mich drängt, mich ihm in die Arme zu werfen? Zu hören, was er mir sagt, wenn ich ihn flüsternd und voll Bangen frage: »Liebst du mich, Kaspar?« Er würde mich dann sicher streicheln, aber ich würde voll Ahnung einen Zug des Mißmutes auf seiner schönen Stirne entdecken. Und diese Entdeckung würde mich, wie eine für immer Verdammte, tausend Höhen vor ihm in einen unwürdigen, schmutzigen Abgrund hinunterwerfen. Nein, das macht Klara nicht. Sie ist mir zu gut zu so etwas, und er ist mir zu gut und zu lieb, so, wie er ist. So stehe ich hinter seinem Rücken, und darf ruhig ahnen, wie er schafft, wie er die große, feurige, dampfende Kugel, die Kunst, vorwärtswälzt, einem herrlichen Ringer gleich, der seinen letzten Atemzug hergibt, um zum Siege über den Gegner zu gelangen. Siehst du, wie es ihn hinreißt, den Pinsel zu führen, womit er an der tausendtönigen Glocke seiner Farben läutet, jede Linie linienhafter, jede Farbe farbiger, jeden Druck bestimmter, und jede Sehnsucht sehnsuchtsvoller hinzumalen. Sein Blick, den ich so liebte, war von jeher in den Formen, und er bedarf hier in Paris nur einer einfachen Stube, um die Welt in Bildern zu erfassen. Die Natur hat er wie eine üppige Geliebte in seine Arme gefaßt und drückt nun Küsse um Küsse auf ihren Mund, daß beiden der Atem vergeht, ihm und der Natur. Es will mir beinahe scheinen, als sei die Natur, echten Künstlern gegenüber, machtlos und ohnmächtig vor Hingebung, wie eine solche Geliebte, von der man alles verlangt, was man will. Auf jeden Fall, und du siehst es, hat Kaspar zu tun, mit Kopf, Gefühl und mit beiden Händen; wie ein wildes, ungebändigtes Pferd zerrt und arbeitet er, und wenn er nachts schläft, so arbeitet er in wilden Träumen noch immer fort; denn die Kunst ist hart und scheint mir die schwerste Aufgabe, die sich ein ehrenhafter und aufrichtiger Mensch stellen kann. Störe ihn nie an seiner heiligen Aufgabe; denn er schafft für die Lust späterer Geschlechter. Wenn ich ihm nun so meine schwache, arme Liebe aufdrängen wollte, was wäre das für eine unschöne, verdammenswerte Sache. Eine Frau mag auch nicht gerne da küssen, wo sie fühlen muß, daß verletzte Gedanken zwischen den Küssen zucken, die sterben, die von den Küssen erwürgt werden. Welch eine unüberlegte Mörderin wäre man! So aber ist alles schön; ein bißchen weh tut es einem, hinter einem Rücken und hinter Schultern und Locken stehen zu sollen, aber man hört in seiner Seele dafür Glocken läuten und empfindet die süße Berechtigung und Makellosigkeit seiner Stellung in der Welt. Irgendwo müssen die Gefühle gedämpft und geordnet werden und Stellung behaupten. Selbst eine schwache Frau wird genau wissen, was sie in einem solchen Fall zu tun hat. Einem Künstler zuzuschauen, jeder seiner Bewegungen gedankenvoll zu folgen, ist schöner, als ihn beeinflussen zu wollen, als ob man gierig wollte, daß man auch etwas abbekäme, etwas bedeutete für ihn und die Welt. Jede Stellung hat ihre Bedeutung, aber das unbefugte Dreinreden und Einmischen niemals! Vieles müßte ich dir noch sagen. Aber komm jetzt.« – Wieder tönte eine wundersame, unbegreifliche Musik, aus allen Zimmern, zu allen Decken und Wänden heraus, wie ein fernes, aus einem kleinen Wäldchen kommendes, tausendstimmiges Vogelgezwitscher, als Simon von Klara weggeführt wurde. Sie traten wieder in das erste Gemach und sahen das schwarze Kätzchen mit seiner Pfote in einen dünnhalsigen Milchkrug hineingreifen. Als es aber die beiden Menschen sah, sprang es fort und kauerte sich hinter einen Stuhl, wo es mit seinen brennend-gelben Augen aufmerksam hervorguckte. Klara öffnete ein Fenster, und: wunderbarer Anblick! Es schneite in der sommerlichen, grünen Straße, und zwar so dicht, so sehr Flocke an Flocke, daß ein Hindurchschauen unmöglich war. »Das ist hier in Paris keine Seltenheit,« sagte Klara, »es schneit hier mitten im heißen Jahr, es gibt hier keine bestimmten Jahreszeiten, so wie es auch keine bestimmten Redensarten gibt. In Paris muß man auf alles schnell gefaßt sein. Wenn du längere Zeit hier wohnst, wirst du es auch lernen und wirst dir das Staunen, das nicht am Platz ist, abgewöhnen. Hier ist alles ein schnelles, graziöses, bescheidenes Erfassen. Achtung vor der Welt: das gilt hier als das Höchste und Feinste. Du wirst es schon lernen. Zum Beispiel, dieser Schnee: Was glaubst du wohl; wirst du dir denken können, daß er bis über die hohen Häuser hinaufkommen wird? Es ist so, und aller Wahrscheinlichkeit nach liegen wir jetzt einen Monat lang im Schnee begraben. Was tut es viel: wir haben Beleuchtung und eine warme Stube. Ich werde meistens schlafen; denn eine Zauberin muß eben viel schlafen; du wirst mit dem Kätzchen spielen oder ein Buch lesen, ich habe die schönsten Pariserromane hier in meiner Bibliothek. Die Pariserdichter schreiben entzückend, du wirst sehen. Und dann nach einem Monat, apropos: wir haben ja auch Musik, nicht wahr, und dann, wie gesagt, nach einem Monat ist Frühling in den Pariserstraßen. Da wirst du sehen, wie nach der langen Eingeschlossenheit sich die Menschen auf offener Straße umhalsen und Tränen der Wiedersehensfreude weinen werden. Es wird alles ein Umschlingen sein. Die Lust, die lange zurückgehaltene, wird zu den glänzenden Augen, zu den Lippen und Stimmen herausbrechen, und geküßt wird werden im Mai, aber du wirst es an dir selber erfahren. Stelle dir vor, die Luft wird ganz blau und warmfeucht in die Straßen hinuntersinken, der Himmel geht dann in Paris spazieren und mischt sich unter die entzückten Menschen. Die Bäume blühen an einem Tag empor und duften wunderbar, Vögel werden singen, Wolken werden tanzen und Blumen durch die Luft schwirren wie ein Regen. Und das Geld wird sich in den Taschen, selbst in den ärmsten und zerrissensten vorfinden. Aber ich will jetzt schlafen. Siehst du, wie ich schon schläfrig werde. Benutze du indessen die Zeit und studiere eines der Werke, das du finden wirst und das geeignet ist, dich einen ganzen Monat lang zu fesseln. Es gibt solche Bücher. Gute Nacht!« – Und damit schlief sie ein. Die Katze aber wollte sich zu ihr hinauf legen, Simon sprang ihr nach, sie entfloh, er ihr nach, und immer entwischte sie ihm aus den Händen, wenn er sie schon erfaßt hatte. Er sprang sich in eine furchtbare Atembeklemmung hinein, aus der er schließlich erwachte.

»Ich habe da einen wehmütigen Traum gehabt,« dachte er, als er sich vom Bette erhob.


Es war inzwischen Abend geworden. Er ging an das Fenster und schaute zum ersten Mal in die Gasse hinunter, die tief unter ihm lag. Zwei Männer gingen dort unten, sie hatten gerade Platz zwischen den hohen Mauern, um bequem nebeneinander herzugehen. Sie sprachen, und der Klang ihrer Worte drang seltsam deutlich zu seinen Ohren hinauf, die Mauern entlang die den Klang weitertrugen. Der Himmel war von einem goldenen, tief-satten Blau, das eine unbestimmte Sehnsucht erweckte. Simon gerade gegenüber tauchten jetzt im Fenster des andern Hauses zwei Weibergestalten auf und berührten ihn mit ihren ziemlich frechen, lachenden Blicken. Es war ihm, als würde er mit unsauberen Händen angerührt. Die eine der Gestalten sagte zu ihm hinüber, mit ganz gewöhnlich-lauter Stimme, – denn es war, als säße man zusammen zu Dritt in einem Zimmer, in dem sich nur zufällig ein schmales Band freier Himmelsluft befände: »Sie sind wohl sehr einsam!«