Nach Verlauf von drei Wochen befand sich Simon, frei aller Verpflichtungen, in einer engen, steilen, heißen Gasse und überlegte, ob er in ein Haus treten solle, oder nicht. Die Mittagssonne brannte hinunter und preßte alle üblen Dünste aus den Mauern heraus. Kein Lüftchen wehte. Wo hätte ein Lüftchen in diese Gasse eindringen können. Draußen in den modernen Straßen mochte es wehen, aber hier schien schon seit Jahrhunderten kein Windzug mehr getrieben und gefegt zu haben. Simon hatte eine kleine Summe Geld in der Tasche. Sollte er in die Eisenbahn steigen und in die Berge reisen? Es reiste jetzt alles in die Berge. Seltsame, fremde Menschen, Männer und Frauen, zogen einzeln, paar- oder gruppenweise durch die weißen, hellen Straßen. Von den Hüten der Damen flatterten lustige Schleier herab und die Männer gingen in Kniehosen, und gelben Sommerschuhen. Sollte sich nicht Simon dazu entschließen, diesen Fremden in die Berge nachzureisen? Kühl wäre es sicher dort oben, und in einem hochgelegenen Hotel würde er sicher Arbeit finden. Er konnte ja den Führer spielen, stark war er genug dazu, und auch klug genug, um bei Gelegenheit sagen zu können: »Sehen Sie, meine Damen und Herren, diesen Wasserfall, oder diesen Bergsturz, oder dieses Dorf, oder diese Felswand, oder diesen blauen, schimmernden Fluß.« Er würde das Zeugs dazu haben, um den reisenden Herrschaften mit Worten eine Landschaft zu schildern. Auch könnte er ja, wenn der Fall einträte, eine ermüdete und ängstliche Engländerin in seinen Armen tragen, wenn es gälte, einen Paß von drei Schuh Breite zu überschreiten. Lust dazu hätte er ja. Überhaupt, die Amerikanerinnen und die Engländerinnen: er würde englisch sprechen lernen, und das war nach seinen Begriffen eine süße Sprache, die so gelispelt und gehaucht klang, so schroff und weich zugleich.
Aber er ging nicht in die Berge, sondern in das alte, hohe, dicke, finstere Haus in der Gasse, klopfte an eine Türe, und fragte eine Frau, die herauskam, um zu sehen, wer klopfe, ob hier ein Zimmer zu vergeben sei.
»Ja, es sei eines.«
»Ob er es wohl ansehen könne, und ob es wohl ein Zimmer sei, nicht zu groß, nicht zu teuer, für einen ärmeren Menschen?«
Nachdem sie ihm das Zimmer gezeigt hatte, fragte die Frau:
»Was sind Sie?«
»O, ich bin nichts. Stellenlos bin ich. Aber ich werde mir eine Stelle suchen. Seien sie unbesorgt. Ich bezahle Ihnen diese Summe hier zum voraus, damit Sie einigermaßen ruhig sein können. Hier, bitte!«
Und er gab ihr ein größeres Geldstück als Vorausbezahlung in die Hand. Es war eine fette Frauenhand, und die Frau, die zufrieden war, sagte:
»Leider ist das Zimmer nicht sonnig, es geht auf die Gasse.«
»Das ist mir sehr lieb,« erwiderte Simon, »ich liebe den Schatten. Ich würde jetzt die Sonne im Zimmer nur hassen, bei dieser warmen Jahreszeit. Das Zimmer ist sehr hübsch, und ich muß sagen, sehr billig. Es ist für mich wie geschaffen. Das Bett scheint gut zu sein. O ja. Bitte. Untersuchen wir es nicht erst lange. Hier ist auch ein Kleiderschrank, der mehr Kleider fassen könnte, als ich besitze, und hier bemerke ich zu meinem freudigen Erstaunen einen Lehnsessel zum bequemen Sitzen. In der Tat, wenn das Zimmer solch einen Sessel aufweist, so ist es in meinen Augen überreich ausgestattet. Dort hängt sogar ein Bild an der Wand: ich liebe das, wenn nur ein einziges Bild im Zimmer hängt, man kann es um so inniger betrachten. Einen Spiegel sehe ich auch, um mein Gesicht darin zu betrachten. Es ist ein gutes Glas und gibt die Züge deutlich wieder. Es gibt viele Spiegelgläser, die die Züge verzerrt wiedergeben, wenn man hineinschaut. Dieser Spiegel ist ganz vortrefflich. Hier an diesem Tisch werde ich meine Offertschreiben abfassen, die ich an verschiedene Geschäftshäuser absenden will, um eine Anstellung zu erlangen. Ich hoffe, es wird mir glücken. Ich sehe gar nicht ein, warum es mir nicht glücken sollte, da es mir schon so oft geglückt ist. Sie müssen wissen, ich habe öfters die Stellen gewechselt. Das ist ein Fehler, den ich hoffe beiseite legen zu können. Sie lächeln! Ja, das ist aber sehr ernst. Mit dem Zimmer haben Sie mir sozusagen eine Gnade erwiesen, denn es ist ein Zimmer, worin sich ein Mensch, wie ich bin, glücklich fühlen kann. Ich werde mich immer bemühen, meinen Verpflichtungen Ihnen gegenüber prompt nachzukommen.«