Ich habe die etwas beleidigende Empfindung, als wenn ich in der Welt immer zu essen haben werde. Ich bin gesund, und ich werde es bleiben, und man wird mich stets zu irgend etwas brauchen können. Ich werde meinem Staat, meiner Gemeinde nie zur Last fallen. Das zu denken, d. h. zu denken, daß man als ein niedriger Mensch sein tägliches Brot zu essen haben wird, würde mich tief verwunden, wenn ich noch der frühere Jakob von Gunten wäre, wenn ich noch der Abkömmling, der Sproß meines Hauses wäre, aber ich bin ja ein ganz, ganz anderer geworden, ein gewöhnlicher Mensch bin ich geworden, und daß ich gewöhnlich geworden bin, das verdanke ich Benjamentas, und das erfüllt mich mit einer unnennbaren, vom Tau der Zufriedenheit glänzenden und tropfenden Zuversicht. Ich habe den Stolz, die Ehren-Arten gewechselt. Wie komme ich dazu, so jung schon so zu entarten? Aber ist das Entartung? In gewisser Hinsicht ja, andernteils ist es Erhaltung der Art. Ich bleibe vielleicht als irgendwo im Leben verlorner und verschollener Mensch ein echterer, stolzerer Gunten, als wenn ich, auf den Stammbaum pochend, zu Hause verdürbe, entherzte und verknöcherte. Nun, mag das sein, wie es sein will. Ich habe Wahl getroffen, und dabei bleibt es. In mir lebt eine sonderbare Energie, das Leben von Grund auf kennen zu lernen, und eine unbezwingliche Lust, Menschen und Dinge zu stacheln, daß sie sich mir offenbaren. Hier fällt mir Herr Benjamenta ein. Aber ich will an etwas anderes denken, d. h. ich mag an nichts mehr denken.
Ich habe eine Anzahl Menschen kennen gelernt, durch Johanns Freundlichkeit. Es sind Künstler darunter, und es scheinen nette Menschen zu sein. Nun, was kann man sagen bei so flüchtiger Berührung. Eigentlich gleichen sich die Leute, die sich bemühen, Erfolg in der Welt zu haben, furchtbar. Es haben Alle dieselben Gesichter. Eigentlich nicht, und doch. Alle sind einander ähnlich in einer gewissen, rasch dahinsausenden Liebenswürdigkeit, und ich glaube, das ist das Bangen, das diese Leute empfinden. Sie behandeln Menschen und Gegenstände rasch herunter, nur damit sie gleich wieder das Neue, das ebenfalls Aufmerksamkeit zu fordern scheint, erledigen können. Sie verachten niemanden, diese guten Leute, und doch, vielleicht verachten sie alles, aber das dürfen sie nicht zeigen, und zwar deshalb nicht, weil sie fürchten, plötzlich etwa eine Unvorsichtigkeit zu begehen. Sie sind liebenswürdig aus Weltschmerz und nett aus Bangen. Und dann will ja jeder Achtung vor sich selber haben. Diese Leute sind Kavaliere. Und sie scheinen sich nie ganz wohl zu befinden. Wer kann sich wohl befinden, wer auf die Achtungsbezeugungen und Auszeichnungen der Welt Wert legt? Und dann, glaube ich, fühlen diese Menschen, da sie doch einmal Gesellschafts- und durchaus keine Naturmenschen mehr sind, stets den Nachfolger hinter sich. Jeder spürt den unheimlichen Überrumpler, den heimlichen Dieb, der mit irgend einer neuen Begabung dahergeschlichen kommt, um Schädigungen und Herabsetzungen aller Art um sich herum zu verbreiten, und deshalb ist in diesen Menschenkreisen der ganz Neu-Auftretende immer der Gesuchteste und Bevorzugteste, und wehe den Älteren, wenn sich dieser Neue durch Geist, Talent oder Naturgenie irgendwie auszeichnet. Ich drücke mich übrigens etwas zu einfach aus. Es ist da noch etwas ganz anderes. Es herrscht unter diesen Kreisen der fortschrittlichen Bildung eine kaum zu übersehende und mißzuverstehende Müdigkeit. Nicht die formelle Blasiertheit etwa des Adels von Abstammung, nein, eine wahrhafte, eine ganz wahre, auf höherer und lebhafterer Empfindung beruhende Müdigkeit, die Müdigkeit des gesunden-ungesunden Menschen. Sie sind alle gebildet, aber achten sie einander? Sie sind, wenn sie ehrlich nachdenken, zufrieden mit ihren Weltstellungen, aber sind sie auch zufrieden? Übrigens gibt es reiche Menschen unter ihnen. Von denen rede ich hier nicht, denn das Geld, das ein Mann besitzt, zwingt zu ganz andern, ganz neuen Voraussetzungen zu der Beurteilung solch eines Mannes. Doch es sind alles höfliche und in ihrer Art bedeutende Menschen, und meinem Bruder muß ich sehr, sehr dankbar sein, daß er mich ein Stück Welt hat kennen lernen lassen. Man liebt es jetzt schon, mich dort, nämlich in jenen Kreisen, den kleinen von Gunten zu nennen, zum Unterschied von Johann, den sie den großen von Gunten getauft haben. Das sind Späße, die Welt liebt eben Späße. Ich nicht, aber das alles ist ja so unbedeutend. Ich fühle, wie wenig mich das angeht, was man Welt nennt, und wie mir groß und hinreißend vorkommt, das, was ich Welt nenne, ganz im stillen. Mein Bruder hat sich indes Mühe gegeben, mich unter Menschen zu führen, und es ist Pflicht für mich, mir viel daraus zu machen. Und es ist ja auch viel. Mir ist alles, sogar das Kleinste, viel. Ein paar Menschen vollkommen kennen zu lernen, dazu bedürfte es eines Menschenlebens. Das sind nun wieder Benjamentasche Grundsätze, und wie unähnlich sind Benjamentas dem, was Welt bedeutet. Ich will schlafen gehen.
Ich vergesse nie, daß ich ein Abkömmling bin, der nun von unten, von ganz unten anfängt, ohne doch die Eigenschaften, die nötig sind, emporzugelangen, zu besitzen. Vielleicht, ja. Es ist alles möglich, aber ich glaube nicht an die eitlen Stunden, in denen ich mir Glück, verbunden mit Glanz, vorspiegle. Ich habe gar keine Emporkömmlingstugenden. Ich bin manchmal frech, aber nur aus Laune. Der Emporkömmling aber ist von einer permanenten bescheiden-tuenden Frechheit, oder von einer frechen, fortwährend frechen Unbedeutendheitsgebärde. Und es gibt viele Emporkömmlinge, und was sie errungen haben, das halten sie stupide fest, und das ist ausgezeichnet. Sie können auch nervös sein, ungehalten, verdrießlich und »all der Dinge« müde, aber der Überdruß dringt nicht tief beim wahrhaften Emporkömmling. Emporkömmlinge sind Herren, und solch einem Herrn, einem vielleicht etwas protzigen Herrn, werde ich Abkömmling, oder was ich sonst bin, dienen, und ehrenhaft dienen, treu, verläßlich, fest, ganz gedankenlos, ganz unerpicht auf persönliche Vorteile, denn nur so, nämlich ganz anständig, werde ich überhaupt jemandem dienen können, und jetzt merke ich, daß ich Verwandtes mit Kraus habe, und ich schäme mich beinahe ein wenig. Nie und nimmer erreicht man mit Empfindungen, wie die sind, mit denen ich der Welt gegenüberstehe, je Großes, es sei denn, man pfeife aufs glitzernde Große und nenne das groß, was ganz grau, still, hart und niedrig ist. Ja, dienen werde ich, und Verpflichtungen, deren Erfüllung nichts weniger als schimmert, werde ich immer und immer übernehmen, immer wieder, und ich werde kreuzdumm vor Seligkeit erröten, wenn man mir leichthin Dank sagt. Dumm ist das, aber durchaus wahr, und ich bin nicht fähig, über diese Wahrnehmung traurig zu sein. Ich muß es bekennen: ich bin nie traurig, ich fühle mich nie, nie vereinsamt, und auch das ist dumm, denn mit der Sentimentalität, mit dem, was man den Schrei nennt, macht man die besten, die emporkömmlichsten und bekömmlichsten Geschäfte. Aber ich bedanke mich für die Mühseligkeiten, für die unfeinen Anstrengungen, auf solche Art zu Ehre und Ansehen zu gelangen. Zu Hause, bei Vater und Mutter, duftete es alle Wände entlang nach Takt. Nun gut, das meine ich nur so. Es war vornehm bei uns zu Hause. Und so hell. Der ganze Haushalt glich einem graziösen, gütigen Lächeln. Mama ist ja so fein. Schon gut. Also Abkömmling und verurteilt, zu dienen und die Person sechsten Ranges im Weltleben zu spielen. Meiner Ansicht nach paßt das, denn, o wie sagte doch Johann: »Die Mächtigen, das sind die Verhungerten.« – Ich glaube so etwas nicht gern. Und hab' ich es überhaupt nötig, mich trösten zu lassen? Kann man einen Jakob von Gunten trösten? So lange ich gesunde Glieder habe, ist das ausgeschlossen.
Wenn ich will, wenn ich es mir befehle, kann ich alles verehren, sogar das schlechte Benehmen, aber es muß von Gold strotzen. Die üblen Manieren müssen Zwanzigmarkstücke hinter sich fallen lassen, dann verneige ich mich vor, sogar noch hinter ihnen. Herr Benjamenta ist übrigens auch dieser Meinung. Er sagt, es sei unrichtig, das Geld und den Vorteil, die aus unschönen Händen kommen, zu verachten. Ein Eleve des Institutes Benjamenta soll das Meiste eben achten, nicht verachten. – Zu was anderem. Turnen, das ist schön. Ich liebe es leidenschaftlich, und ich bin selbstverständlich ein guter Turner. Mit einem edlen Menschen Freundschaft schließen und Turnen, das sind wohl zwei der schönsten Sachen, die es auf der Welt gibt. Tanzen, und einen Menschen finden, der mir Achtung entlockt, ist mir ein und dasselbe. Ich bewege so gern die Geister und Glieder. Nur allein Beinschwingen, ist das doch hübsch! Turnen ist auch dumm, es führt auch zu nichts. Muß denn eigentlich alles, was ich liebe und bevorzuge, zu nichts führen? Aber horch! Was ist das? Man ruft mich. Ich muß abbrechen.
»Strebst du auch noch aufrichtig, Jakob?« fragte mich die Lehrerin. Es war gegen Abend. Es war irgendwo etwas Rötliches, wie ein Abglanz von einem gewaltig-schönen Sonnenuntergang. Wir stunden an meiner Kammertüre. Ich hatte eben eintreten und mich meinen Ahnungen so ein wenig überlassen wollen. »Fräulein Benjamenta,« sagte ich, »zweifeln Sie am Ernst und an der Ehrlichkeit meines Strebens? Bin ich ein Schwindler, ein Gaukler in Ihren hochverehrten Augen?« – Ich glaube, ich blickte geradezu tragisch, als ich das sagte. Sie wandte mir ihr schönes Gesicht zu und sagte: »Bewahre, aber bewahre. Du bist ein netter Junge. Heftig bist du, aber du bist mir lieb, recht, anständig und angenehm. Bist du zufrieden? He? Was? Du bringst auch dein Bett immer noch hübsch jeden Morgen in Ordnung? Nicht? Und den Vorschriften allen gehorchst du wohl auch schon längst nicht mehr? Auch nicht? Oder doch? O du bist ein ganz braver Mensch, ich glaube es. Und man kann dich nicht genug mit Lobeserhebungen überschütten. Nicht genug. Ganze Eimer voll schmeichelnder Lobsprüche, denke, ganze Kübel und Kannen voll. Mit dem Besen muß man sie zusammenwischen, die vielen anerkennenden schönen Worte, die dein Betragen betreffen. Nein, Jakob, jetzt ganz im Ernst, höre. Ich muß dir etwas ins Ohr sagen. Magst du's hören, oder willst du jetzt lieber da hinein in deine Kammer schlüpfen?« – »Sprechen Sie, gnädiges Fräulein. Ich höre,« sagte ich voll angstvoller Erwartung. Die Lehrerin schauderte plötzlich jählings zusammen. Sie faßte sich aber rasch und sagte: »Ich gehe, Jakob, ich gehe. Es geht mit mir. Doch ich kann es dir nicht sagen. Vielleicht ein anderes Mal. Ja? Ja, nicht wahr, vielleicht morgen, oder in acht Tagen erst. Es ist dann noch immer Zeit genug, es dir zu sagen. Sage mir, Jakob, hast du mich ein wenig lieb? Bedeute ich deiner Brust, deinem jungen Herzen irgend etwas?« – Sie stand mit wütend zusammengekniffenen Lippen vor mir da. Ich beugte mich schnell auf ihre Hand, die unsagbar wehmütig an ihrem Gewand herabhing, hinunter und küßte sie. Ich war so glücklich, es ihr so sagen zu dürfen, was ich für sie immer empfunden hatte. »Schätzest du mich?« fragte sie mit ganz hoher, nach der Höhe zu schon fast erstickter, gestorbener Stimme. Ich sagte: »Wie können Sie zweifeln? Ich bin unglücklich.« – Aber mich empörte es, daß ich fast weinen mußte. Ich ließ ihre Hand schroff fahren und nahm respektvolle Haltung an. Und sie ging, indem sie mich beinahe bittend anschaute. – Wie hat sich hier im einst so herrischen Institut Benjamenta alles verändert! Es schrumpft alles zusammen, die Übungen, der Schneid, die Vorschriften. Lebe ich in einem Toten- oder in einem überirdischen Freuden- und Wonnenhause? Etwas ist los, aber ich fasse es noch nicht.
Ich wagte es, Kraus gegenüber eine Bemerkung über Benjamentas fallen zu lassen. Es mute mich, sagte ich, wie eine Trübung des Glanzes an, den das Institut immer besessen habe. Was das sei? Ob Kraus vielleicht etwas wisse? – Er wurde ärgerlich und sprach: »Mensch, du bist wohl schwanger mit albernen Einbildungen. Was für Ideen. Schaff du. Mach du, dann fällt dir nichts Auffallendes auf. Dieser Schnüffler. Will sich in Meinungen und Ansichten hineinschnüffeln. Geh' mir aus den Augen. Ich kann dich bald überhaupt nicht mehr ansehen.« – »Seit wann bist du grob?« sagte ich, doch ich zog es vor, ihn in Ruhe zu lassen. – Im Laufe des Tages hatte ich Gelegenheit, mich mit Fräulein Benjamenta über Kraus zu unterhalten. Sie sagte mir: »Ja, Kraus ist gar nicht wie andere Menschen. Er sitzt da, bis man seiner bedarf, ruft man ihn, dann kommt er in Bewegung und kommt herbeigesprungen. Von solchen Menschen, wie er einer ist, macht man kein Rühmens und Aufhebens. Man rühmt Kraus eigentlich nie, und kaum ist man ihm dankbar. Man verlangt nur von ihm: Tu' das, und dann wieder: Tu' dies. Und man spürt kaum, daß man, und wie vollkommen, bedient worden ist, so vollkommen ist man bedient worden. Die Person Kraus ist gar nichts, nur der Schaffer, der Ausüber Kraus ist etwas, aber der macht sich gar nicht bemerkbar. Z. B. dich, Jakob, lobt man, es macht einem Freude, dir wohl zu tun. Für Kraus hat man kein Wort, keine Neigung übrig. Du bist ganz liederlich, Jakob, gegenüber Kraus. Doch du bist der Nettere. Anders sage ich es dir nicht, denn das würdest du nicht verstehen. Und Kraus verläßt uns jetzt bald. Das ist ein Verlust, Jakob, o das ist ein Verlust. Wenn kein Kraus mehr da ist, wer ist dann noch da? Du, ja. Das ist ja eigentlich wahr, und du bist mir jetzt böse, nicht wahr. Ja, du bist mir böse, weil ich betrübt bin, daß Kraus weggeht. Bist du eifersüchtig?« – »Nicht doch. Auch ich bedaure lebhaft, daß Kraus uns verläßt,« sagte ich. Ich sprach mit Absicht sehr förmlich. Auch mir war es weh zumut geworden, doch ich fand es passend, ein wenig Kälte zu zeigen. Später versuchte ich, mit Kraus ins Gespräch zu kommen, aber er verhielt sich unglaublich ablehnend. Finster saß er am Tisch und sprach zu niemandem ein Wort. Auch er empfindet, daß irgend etwas hier nicht gut geht, er sagt nur nichts, nur sich sagt er es.
Oft habe ich die Empfindung von einer großen innern Niederlage. Dann stelle ich mich mitten in der Stube auf und treibe Unfug, übrigens ganz kindischen Unfug. Ich setze Kraus' Mütze auf meinen Kopf, oder ein volles Glas Wasser usw. Oder Hans ist da. Mit Hans kann man gemeinschaftlich Hüte auf Köpfe hinauflancieren, daß sie oben sitzen und kleben bleiben. Wie verachtet uns Kraus jedesmal dafür. Schacht ist in Stellung gewesen, drei Tage, aber er ist wieder zurückgekehrt, voll Mißmut und allerhand zornigen, schmerzlichen Ausflüchten. Habe ich es nicht früh schon gesagt, daß es Schacht draußen in der Welt übel ergehen wird? Er wird immer in Ämter, Aufgaben und Stellungen hineinzappeln, und es wird ihm nirgends gefallen. Jetzt sagt er, er habe zu schwer arbeiten müssen, und er erzählt von listigen, boshaften, faulen Halb-Vorgesetzten, die es gleich bei seinem Antritt unternommen hätten, ihn mit ungebührlichen Pflichten schalkhaft zu überhäufen und ihn zu Boden zu quälen und zu übervorteilen. Ach, ich glaube das Schacht. Nur zu willig, d. h. ich halte für absolut wahr, was er sagt, denn kränklichen, empfindsamen Leuten gegenüber ist die Welt ja so unbegreiflich roh, gebieterisch, launisch und grausam. Nun, Schacht wird vorläufig wieder hier bleiben. Ein wenig ausgelacht haben wir ihn, als er ankam, das muß auch sein, Schacht ist ein junger Mensch, und er darf schließlich auch nicht der Meinung sein, für ihn gäbe es besondere Stufen, Vorteile, Handhaben und Rücksichten. Er hat jetzt eine erste Enttäuschung erlebt, und ich bin überzeugt, daß er zwanzig Enttäuschungen hintereinander erleben wird. Das Leben mit seinen wilden Gesetzen ist überhaupt für gewisse Personen nur eine Kette von Entmutigungen und schreckenerregenden bösen Eindrücken. Menschen wie Schacht sind zur fortlaufenden, leidenden Abneigung geboren. Er möchte anerkennen und willkommen heißen, aber er kann eben einmal nicht. Das Harte und Mitleidlose tritt ihm zehnfach hart und unmitleidvoll entgegen, er empfindet es eben schärfer. Armer Schacht. Er ist ein Kind, und er sollte in Melodien schwelgen und sich in gütige, weiche, sorgenlose Dinge betten können. Für ihn sollte es heimliches Plätschern und Vogelgezwitscher geben. Ihn sollten blasse zarte Abendhimmelwolken tragen in das Reich: »Ach, wie ist mir?« – Seine Hände taugen zu leichten Gebärden, nicht zur Arbeit. Vor ihm sollten Winde wehen, und hinter ihm sollten süße freundliche Stimmen flüstern. Seine Augen sollten selig geschlossen bleiben dürfen, und Schacht sollte wieder ruhig einschlummern dürfen, wenn er des Morgens in den warmen, lüsternen Kissen erwachte. Für ihn gibt es im Grunde genommen keine ziemliche Tätigkeit, denn jede Beschäftigung ist für ihn, der so aussieht, unziemlich, widernatürlich und unpassend. Ich bin der reine grobknochige Knecht gegen Schacht. Ah, zerschmettert wird er werden, und eines Tages wird er im Krankenhaus verenden, oder er wird, verdorben an Leib und Seele, in einem von unsern modernen Gefängnissen schmachten. Jetzt drückt er sich so in den Ecken der Schulstube herum, schämt sich und zittert vor dem ihm widerwärtigen, unbekannten Zukünftigen. Das Fräulein sieht ihn besorgt an, doch ist sie jetzt vom eigentümlichen Eigenen viel zu sehr in Anspruch genommen, als daß sie sich sehr um Schacht bekümmern könnte. Übrigens könnte sie ihm nicht helfen. Ein Gott müßte und könnte das vielleicht tun, doch es gibt keine Götter, nur einen Einzigen, und der ist zu erhaben zur Hilfe. Zu helfen und zu erleichtern, das würde dem Allmächtigen gar nicht ziemen, so fühle ich wenigstens.
Fräulein Benjamenta spricht nun jeden Tag ein paar Worte mit mir, sei es in der Küche, sei's in der manchmal ganz stillen und vereinsamten Schulstube. Kraus tut, als wenn er noch ein Jahrzehnt gewärtigte, hier im Institut zu verbleiben. Er lernt seine Lektionen trocken und unverdrossen, ja doch, eigentlich verdrossen, aber verdrossen hat er ja immer ausgesehen, das will nichts zu bedeuten haben. Dieser Mensch ist keiner Voreiligkeit, keiner Ungeduld fähig. »Abwarten,« so steht es ihm auf der ruhigen Stirn beinahe hoheitsvoll geschrieben. Ja, Fräulein sagte das auch schon einmal, sie sagte, Kraus besitze Hoheit, und das ist wahr, die Unscheinbarkeit seines Wesens hat etwas Unsichtbar-Herrscherartiges. Zu meinem Fräulein wagte ich gestern zu sagen: »Wenn ich Ihnen nur ein einziges, nur ein verschwindend kleines einziges Mal selbstbewußter gegenübergetreten bin, als ganz befangen von Gefühlen und Fesseln der lautersten Ehrfurcht, so will ich mich hassen, verfolgen, an Stricken aufhängen, mit Giften tötendster Art vergiften, mit Messern, gleichviel was für welchen, mir den Hals abschneiden. Nein, es ist ganz unmöglich, Fräulein. Ich konnte Sie nie verletzen. Schon Ihre Augen. Wie sind sie mir immer der Befehl und das unantastbare schöne Gebot gewesen. Nein, nein, ich lüge nicht. Ihr Erscheinen an der Türe! Ich habe hier nie einen Himmel nötig gehabt, nie Mond, Sonne und Sterne. Sie, ja Sie sind mir die höhere Erscheinung gewesen. Ich rede wahr, Fräulein, und ich muß annehmen, daß Sie empfinden, wie fern von aller, aller Schmeichelei diese Worte sind. Ich hasse alles zukünftige Wohlergehen, ich verabscheue das Leben. Ja, ja. Und doch muß ich bald auch, wie Kraus, austreten, ins hassenswerte Leben hinaus. Sie sind mir die körperliche Gesundheit gewesen. Habe ich in einem Buch gelesen, so waren Sie es, nicht das Buch, Sie waren das Buch. Doch, doch. Oft habe ich mich unartig benommen. Ein paarmal mußten Sie mich vor dem Hochmut, der mich fressen und unter Trümmer unschicklicher Einbildungen begraben wollte, warnen. Wie sank er da, wie blitzschnell. Wie habe ich dem gelauscht, was das Fräulein Benjamenta sprach. Sie lächeln? Ja, das Lächeln, es ist mir immer ein Antrieb zum Guten, Tapfern und Wahren gewesen. Wie sind Sie stets gut zu mir gewesen. Viel, viel zu gut zu mir Trotzkopf. Und an Ihrem Anblick herunter stürzten meine vielen Fehler, um Verzeihung flehend, herunter, zu Ihren Füßen. Nein, ich mag nicht in das Leben, nicht in die Welt hinaustreten. Ich verachte alles Zukünftige. Wenn Sie in die Stube eintraten, war ich froh, dann schalt ich mich stets einen Dummkopf. Oft habe ich Sie, denken Sie sich, ja, ich muß es gestehen, im geheimen der Würde und der Größe berauben wollen, aber ich fand in all meinem zusammengepeitschten Geist kein Wort, nicht ein einziges kleines Wort der Schmähung und Schmälerung dessen, was ich ein wenig verletzen wollte. Und die Strafe war jedesmal meine Reue und Unruhe. Ja, immer, Fräulein, immer habe ich Sie verehren müssen. Sind Sie ungehalten, daß ich so spreche? Ich, ich bin froh, daß ich so spreche.« – Sie schaute mich blinzelnd an und lächelte. Sie spottete ein wenig, war aber doch ganz zufrieden. Außerdem, das merkte ich, war sie in Gedanken mit etwas Fernabliegendem beschäftigt. Sie war wie geistesabwesend, und daher, einzig daher habe ich ja auch nur so zu sprechen gewagt. Ich werde mich hüten, es wieder zu tun.
Es geht mich ja gar nichts an, gewiß, aber es fällt mir auf, daß keine neuen Schüler ins Institut eintreten. Sollte der Ruf, den Herr Benjamenta in der Umwelt als Erzieher genießt oder genossen hat, im Abnehmen oder gar im Verschwinden sein? Das wäre traurig. Doch vielleicht ist das alles nur meine überreizte Empfindung. Ich bin hier ein wenig nervös geworden, wenn man eine gewisse Spannung und zugleich Mattigkeit der Beobachtungskräfte so nennen darf. Es ist hier alles so zart, und man steht wie in der bloßen Luft, nicht wie auf festem Boden. Und dann dieses immerwährende Gefaßt- und Bewußtsein, auch das macht es vielleicht aus. Leicht möglich. Man wartet hier immer auf etwas, nun, das schwächt doch schließlich. Und wieder verbietet man sich streng das Horchen und Warten, weil das unzulässig ist. Nun, auch das nimmt Kräfte in Anspruch. Oft steht das Fräulein am Fenster und sieht lange hinaus, als lebe sie schon anderswo. Ja, das ist es, das nicht ganz Gesunde und Natürliche, was hier webt: wir alle, Herrschaft sowohl wie Elevenschaft, wir leben beinahe schon anderswo. Es ist, als wenn wir nur noch vorübergehend hier atmeten, äßen, schliefen und wach stünden und Unterricht erteilten und genössen. Etwas wie treibende, schonungslose Energie schlägt hier rauschend die Flügel zusammen. Horchen wir alle hier auf das Spätere? auf irgend welches Nachherige? Auch möglich. Und was dann, wenn wir jetzigen Zöglinge alle ausgetreten sind und doch keine neuen mehr kommen? Was dann? Sind dann Benjamentas arm und verlassen? Wenn ich mir das ausmale, werde ich krank, einfach krank. Nein, niemals, niemals. Das, das wird nicht sein dürfen. Und doch wird es sein müssen. Sein müssen?
Rüstig sein heißt, sich nicht lange besinnen, sondern rasch und ruhig hineingehen in das, was erfüllt werden soll. Naß werden von den Regengüssen des Bemühens, hart und stark werden an den Stößen und Reibungen dessen, was die Notwendigkeit fordert. Ich hasse solche klugen Redensarten. Ich wollte an etwas ganz anderes denken. Aha, ich habe es, es betrifft Herrn Benjamenta. Ich war wieder bei ihm im Bureau. Ich necke ihn immer wegen der zu erlangenden, baldigen Anstellung. So frug ich ihn auch diesmal wieder, wie's denn jetzt sei, ob ich gewärtigen dürfe usw. Er wollte wütend werden. O, er will auch jetzt immer noch wütend werden, und ich bin stets sehr kühn, wenn ich ihn reize. Ganz laut, barsch und unverschämt fragte ich. Der Vorsteher wurde ganz verlegen, er fing sogar an, sich hinter den großen Ohren zu reiben. Er hat natürlich nicht das, was man große Ohren zu nennen pflegt, seine Ohren sind verhältnismäßig durchaus nicht zu groß, nur ist eben alles groß an dem Mann, folglich auch seine Ohren. Schließlich trat er auf mich zu, lachte mich merkwürdig gutmütig an und sprach: »In die Arbeit hinaus willst du treten, Jakob? Ich aber sage dir, bleib' du lieber noch. Hier ist es doch für dich und deinesgleichen ganz schön. Oder nicht? Zögere du noch ein wenig. Ich möchte dir sogar anraten, ein wenig schlendrianisch, vergeßlich und gedankenträge zu werden. Denn siehst du, das, was man Untugenden nennt, das spielt im Dasein des Menschen eine so große Rolle, das ist so wichtig, fast möchte ich sagen, notwendig. Wenn Untugenden und Fehler nicht wären, es würde der Welt an Wärme, Reiz und Reichtum fehlen. Die Hälfte der Welt, und vielleicht die im Grunde schönere, würde mit den Lässigkeiten und Schwächen dahinsterben. Nein, sei du träge. Nun, nun, versteh' mich bitte recht, sei so, wie du bist und hier wurdest, aber spiele, bitte, ein wenig den Saumseligen. Willst du? Sagst du ja? Mich würde es freuen, dich ein wenig den Träumereien verfallen zu sehen. Hänge den Kopf, sei voll Gedanken, blicke betrübt, nicht wahr? Denn du bist mir fast ein wenig zu voll von Willen, zu voll von Charakter. Und stolz bist du, Jakob! Was denkst du dir eigentlich? Meinst du, in der offenen Welt Großes erreichen, erringen zu können? Zu müssen? Hast du ernstliche Absichten auf etwas Bedeutungsvolles? Fast machst du mir – leider – diesen etwas gewaltsamen Eindruck. Oder dann willst du vielleicht, vielleicht wie zum Trotz, ganz klein bleiben? Auch das mute ich dir zu. Du bist ein bißchen zu festlich, zu heftig, zu triumphatorisch aufgelegt. Doch das alles ist ja so gleichgültig, du bleibst noch, Jakob. Dir gebe ich keine Stelle, dir verschaffe ich noch lange nichts derartiges. Weißt du, mich verlangt, dich noch zu haben. Kaum besitze ich dich Burschen, so willst du fortrennen? Das gibt es nicht. Langweile dich hier im Institut so gut als du eben kannst. O, kleiner Welteroberer, in der Welt, draußen in der Welt erst, im Beruf, im Streben, im Erringen, da, da werden dir Meere von Langeweile, Öde und Vereinsamung entgegengähnen. Bleib' du hier. Sehne du dich noch ein Weilchen. Du glaubst ja gar nicht, welch eine Seligkeit, welch eine Größe im Sehnen, also im Warten, liegt. Also warte. Laß es dich immerhin innerlich drängen. Aber nicht zu sehr. Höre, mich würde dein Weggehen schmerzen, es würde mir eine Wunde, eine ganz unheilbare, beibringen, es würde mich fast töten. Töten? Ich muß dich bitten, mich auszulachen, aber fest. Lach' mich ganz unverschämt aus, Jakob. Ich erlaube es dir. Doch, sage du, was habe jetzt eigentlich ich dir zukünftig noch zu gestatten und zu verbieten? Ich, der ich dich soeben davon überzeugt habe, daß ich fast, fast abhängig von dir bin? Mich schaudert's, mich empört und beglückt es zu gleicher Zeit, Jakob, was ich da angestellt habe. Doch ich liebe zum erstenmal einen Menschen. Doch das fassest du nicht. Geh'. Marsch. Mach' daß du hinauskommst. Ungezogener, wisse, daß ich noch strafen kann. Fürchte dich.« – Nun, da hatte ich es, er war eben mit einmal wieder wütend geworden. Rasch verschwand ich aus seinen finster mich durchbohrenden Augen. Das sind Augen, das! Die des Herrn Vorstehers. Ich muß hier bemerken, daß ich im Verduften aus einem Lokal eine unglaubliche Fertigkeit besitze. Ich bin förmlich zum Kontor hinausgeflogen, nein, hinausgepfiffen, wie Wind pfeift, als der Herr mir sagte: »Fürchte dich.« O ja, man muß sich schon zuweilen vor ihm fürchten. Ich würde es unanständig finden, wenn ich keine Furcht kennte, denn dann hätte ich ja auch gar keinen Mut, der doch nichts anderes ist als das Furchtüberwindende. Wieder horchte ich draußen im Korridor am Schlüsselloch, und wieder blieb es ganz still. Ich streckte sogar ganz läppisch und echt zöglinghaft die Zunge heraus, und dann mußte ich lachen. Ich glaube, ich habe noch nie so gelacht. Natürlich ganz leise. Es war das denkbar echteste unterdrückte Gelächter. Wenn ich so lache, nun, dann steht nichts mehr über mir. Dann bin ich etwas an Umfassen und Beherrschen nicht zu Überbietendes. Ich bin in solchen Momenten einfach groß.