Ja, so ist es: noch bin ich im Institut Benjamenta, noch habe ich die hier geltenden Satzungen zu fürchten, noch wird Unterricht erteilt, Fragen werden gestellt und beantwortet, noch fliegen wir alle auf Kommando, noch immer klopft morgens früh Kraus mit seinem ärgerlichen »Steh' auf, Jakob« und mit seinem zornig gebogenen Finger an meine Kammertüre, noch sagen wir Zöglinge: »Guten Tag, Fräulein,« wenn sie erscheint, und: »Gute Nacht«, wenn sie abends sich zurückzieht. Wir stecken noch immer in den eisernen Klauen der zahlreichen Vorschriften und ergehen uns immer noch in lehrhaften, eintönigen Wiederholungen. Ich bin übrigens jetzt endlich in den wirklichen innern Gemächern gewesen, und ich muß sagen, es existieren gar keine. Zwei Zimmer sind da, aber diese beiden Räume sehen nach nichts Gemachartigem aus. Sie sind möbliert wie die Sparsamkeit und Gewöhnlichkeit selber, und sie enthalten durchaus nichts Geheimnisvolles. Seltsam. Wie bin ich nur auf die wahnsinnige Idee gekommen, daß Benjamentas in Gemächern wohnen? Oder träumte ich, und habe ich jetzt ausgeträumt? Es sind allerdings Goldfische da, und Kraus und ich müssen das Bassin, in welchem diese Tiere schwimmen und leben, regelmäßig entleeren, säubern und mit frischem Wasser auffüllen. Ist das aber etwas nur entfernt Zauberhaftes? Goldfische können in jeder preußischen mittleren Beamtenfamilie vorkommen, und an Beamtenfamilien klebt nichts Unverständliches und Absonderliches. Wunderbar! Und ich habe so felsenfest an die innern Gemächer geglaubt. Ich dachte, es müsse da hinter der Türe, durch welche das Fräulein stets aus- und eingeht, von schloßartigen Zimmern und Gelassen wimmeln. Zierlich gewundene Wendeltreppen und breite steinerne, teppichbelegte andere Treppen sah ich im Geist hinter der einfachen Türe. Auch eine uralte Bibliothek war vorhanden, und Korridore, lange heitere, mattenbedeckte Korridore zogen sich in meiner Phantasie von einem Ende des »Gebäudes« zum andern. Ich kann mit all meinen Ideen und Dummheiten bald eine Aktiengesellschaft zur Verbreitung von schönen, aber unzuverlässigen Einbildungen gründen. Kapital, scheint mir, ist genug da, an Fonds wird es nicht fehlen, und Abnehmer solcher Papiere kommen überall vor, wo der Gedanke und Glaube ans Schöne noch nicht ganz ausgestorben ist. Was stellte ich mir nicht alles vor. Einen Park natürlich. Ohne Park kann ich doch gar nicht existieren. Ebenso eine Kapelle, aber merkwürdigerweise keine romantisch-ruinenhafte, sondern eine sauber renovierte, ein kleines protestantisches Gotteshaus. Der Pfarrer saß am Frühstückstisch. Und was noch alles. Man dinierte, man veranstaltete Jagden. Man tanzte abends im Rittersaal, an dessen hohen dunkelhölzernen Wänden die Bilder der Ahnen des Geschlechtes hingen. Was für eines Geschlechtes? Ich stammle das, denn in der Tat, ich kann es nicht sagen. Nun, ich bereue tief, derart geträumt und gedichtet zu haben. Schnee fliegen sah ich auch, nämlich in den Schloßhof. Es waren nasse, große Schneeflocken, und es war morgens früh, immer war es dunkle, winterliche Frühe. Ach, und etwas ganz Schönes, eine Halle, ja, eine Halle sah ich. Reizend! Drei edle vornehme Greisinnen saßen beim kichernden, knisternden Kaminfeuer. Sie häkelten. Welch eine Phantasie, nicht weiter zu sehen als bis dort, wo gestrickt und gehäkelt wird. Aber mich berauschte eben gerade das. Wenn ich Feinde hätte, würden sie sagen, das sei krankhaft, und sie würden Grund zu haben glauben, mich zu verabscheuen samt der lieben traulichen Häkelei. Dann gab es wieder ein wunderbares Nachtessen, wobei Kerzen von silbernen Leuchtern herabstrahlten. Die Tafelfreude glitzerte, blendete und plauderte. Ich stellte mir das wahrhaft schön vor. Und Frauen, was für Frauen. Die eine sah einer veritablen Prinzessin ähnlich, und sie war es auch. Ein Engländer war auch da. Wie die weiblichen Kleider rauschten, wie die Brüste, die nackten, auf und nieder wogten! Das Eßzimmer war von Parfüms wie von schlangenhaften Linien durchzogen. Die Pracht vereinigte sich mit der Sittsamkeit, der gute Ton mit dem Genuß, die Freude mit der Feinheit, und an der Eleganz hing der Adel der Geburt. Dann schwamm das wieder, und es kam anderes, Neues. Ja, die inneren Gemächer, sie lebten, und jetzt sind sie mir quasi gestohlen worden. Die karge Wirklichkeit: was ist sie doch manchmal für ein Gauner. Sie stiehlt Dinge, mit denen sie nachher nichts anzufangen weiß. Es macht ihr eben einmal, wie es scheint, Spaß, Wehmut zu verbreiten. Wehmut ist mir allerdings wieder sehr lieb, schätzens-, sehr schätzenswert. Sie bildet.
Heinrich und Schilinski sind ausgetreten. Hand geschüttelt und adieu gesagt. Und fort. Sehr wahrscheinlich auf Niewiedersehen. Wie kurz die Abschiede sind. Man will etwas sagen, hat aber gerade das Passende vergessen, und so sagt man nichts oder irgend eine Dummheit. Abschiednehmen und -geben ist greulich. In solchen Momenten rüttelt es am Menschenleben, und man fühlt lebhaft, wie nichts man ist. Rasche Abschiede sind unliebevoll, und lange sind unerträglich. Was tut man? Nun, man sagt dann eben etwas Einfältiges. – Fräulein Benjamenta sagte mir etwas sehr Sonderbares. »Jakob,« sagte sie, »ich sterbe. Erschrick nicht. Laß mich zu dir ganz ruhig reden. Sag', warum bist du nur so mein Vertrauter geworden? Ich habe dich gleich von Anfang an, als du hier eintratest, für nett gehalten, für zart. Bitte, mach' keine falsch-aufrichtigen Einwendungen. Du bist eitel. Bist du eitel? Höre, ja, es geht zu Ende mit mir. Kannst du schweigen? Du mußt nämlich schweigen über das, was du jetzt erfährst. Vor allen Dingen darf dein Herr Vorsteher, mein Bruder, nichts wissen, präge dir das fest ein. Doch ich bin vollkommen ruhig, und du bist es auch, ich sehe es, und du wirst Wort halten und deinen Mund halten können, ich weiß es. Es nagt an mir, und ich sinke in etwas hinein, und ich weiß, was das ist. Das ist so traurig, mein lieber junger Freund, so traurig. Ich mute dir Stärke zu, nicht wahr, Jakob? Aber ich weiß es ja grad, daß du stark bist. Du hast Herz. Kraus würde mich nicht zu Ende anhören können. Ich finde es so hübsch, daß du nicht weinst. O es würde mich widerlich berühren, wenn jetzt schon, jetzt schon deine Augen feucht würden. Das alles hat noch Zeit. Und du horchst so schön. Du hörst meine elende Geschichte an wie etwas Kleines, Feines und Gewöhnliches, wie etwas, das einfach nur Aufmerksamkeit heischt, weiter nichts, und so horchst du. Du kannst dich ganz riesig gut benehmen, wenn du dir recht Mühe gibst. Freilich, hochmütig bist du ja, das kennen wir, nicht wahr? Still, keinen Ton jetzt. Ja, Jakob, der Tod (o was für ein Wort) steht dicht hinter mir. Sieh', so, wie ich jetzt dich anatme, so atmet er mir von hinten seinen kalten scheußlichen Atem an, und ich sinke, sinke vor diesem Atem. Die Brust preßt es mir ab. Habe ich dich traurig gemacht? Sprich. Ist das traurig für dich? Ein wenig, nicht wahr. Doch du mußt das alles jetzt noch vergessen, hast du gehört? Vergessen! Ich komme wieder zu dir, so wie heute, und dann sage ich dir, wie es mir geht. Nicht wahr, du wirst es zu vergessen suchen. Doch komm' her. Laß mich dir die Stirne berühren. Du bist brav.« – Sie zog mich ganz leicht an sich und drückte mir so etwas wie Hauch auf die Stirne. Von Berühren, wie sie sagte, war gar keine Rede. Dann entfernte sie sich still und überließ mich meinen Gedanken. Gedanken? I wo. Ich dachte wieder einmal daran, daß mir Geld mangle. Das war mein Gedanke. So bin ich, so roh und so gedankenlos. Und dann ist die Sache ja die: herzliche Erschütterungen senken etwas wie Eiseskälte in meine Seele hinein. Unmittelbar zur Trauer veranlaßt, entschlüpft mir die Trauer-Empfindung vollständig. Ich lüge nicht gern. Überhaupt mir gegenüber lügen: was hätte das für einen Sinn? Ich lüge wo anders, aber nicht hier, vor mir selber. Nein, weiß der Kuckuck, da lebe ich, und Fräulein Benjamenta sagt so etwas Entsetzliches, und ich, der ich sie anbete, weiß nichts von Tränen? Ich bin gemein, das ist es. Doch halt. Zu sehr heruntermachen will ich mich auch nicht. Ich bin stutzig, und deshalb – –. Lügen sind das, lauter Lügen. Ich habe das ja alles eigentlich gewußt. Gewußt? Das ist wieder eine Lüge. Es ist mir nicht möglich, mir die Wahrheit zu sagen. Jedenfalls gehorche ich Fräulein und schweige über diese Geschichte. Ihr gehorchen dürfen! So lange ich ihr gehorche, ist sie am Leben. –
Angenommen, ich wäre Soldat (und ich bin meiner Natur nach ein ausgezeichneter Soldat), gemeiner Fußsoldat, und ich diente unter Napoleons Fahnen, so marschierte ich eines Tages ab nach Rußland. Mit meinen Kameraden stünde ich gut, denn das Elend, die Entbehrungen und die vielen gemeinsam begangenen rohen Taten verbänden uns wie zu etwas zusammenhängend Eisernem. Grimmig würden wir vor uns herstarren. Ja, der Grimm, der unbewußte, stumpfe Zorn, der verbände uns. Und wir marschierten, immer das Gewehr umgehängt. In den Städten, durch die wir zögen, würde uns eine müßige, schlaffe, durch den Tritt unserer Füße entmoralisierte Menschenmenge begaffen. Aber dann würde es keine Städte mehr geben, oder nur noch ganz selten, sondern unabsehbare Länderstrecken würden sich vor unsern Augen und Beinen nach dem dünnen Horizont hinschleichen. Das Land kröche und schliche förmlich. Und nun würde der Schnee kommen und uns einschneien, aber immer würden wir weitermarschieren. Die Beine, das wäre jetzt alles. Stundenlang würde mein Blick zur nassen Erde gesenkt sein. Ich würde Muße haben zur Reue, zu endlosen Selbstanklagen. Doch immer würde ich Schritt halten, Beine hin und her werfen und vorwärtsmarschieren. Übrigens gliche unser Marschieren jetzt mehr einem Trotten. Hin und wieder erschien in weiter, weiter Ferne ein äffender Höhenzug, dünn wie die Kante eines Taschenmessers, eine Art Wald. Und da würden wir wissen, daß jenseits dieses Waldes, an dessen Rand wir nach vielen Stunden anlangten, sich weitere endlose Ebenen ausdehnten. Von Zeit zu Zeit fielen Schüsse. Bei diesen vereinzelten Tönen würden wir uns an das erinnern, was käme, an die Schlacht, die da eines Tages geschlagen werden würde. Und wir marschierten. Die Offiziere würden mit traurigen Mienen umherreiten, Adjutanten peitschten ihre Rosse, wie gejagt von ahnungsvollem Entsetzen, am Zug vorüber. Man würde an den Kaiser, an den Feldherrn denken, nur ganz dunkel, aber immerhin, man würde ihn sich vorstellen, und das gewährte Trost. Und immer weiter marschierte man. Zahllose kleine, aber furchtbare Unterbrechungen hemmten für kurze Zeiten den Marsch. Doch das würde man kaum merken, sondern marschierte weiter. Dann kämen mir die Erinnerungen, nicht deutliche, und doch überdeutliche. Sie würden mir am Herzen fressen wie Raubtiere an der willkommenen Beute, sie würden mich ins Heimatlich-Trauliche versetzen, an den goldenen, von zarten Nebeln bekränzten, rundlichen Rebhügel. Ich würde Kuhglocken schallen und ans Gemüt schlagen hören. Ein liebkosender Himmel böge sich wasserfarbig und tonreich über mir. Der Schmerz würde mich beinahe verrückt machen, doch ich marschierte weiter. Meine Kameraden zur linken und zur rechten Hand, der Vorder- und der Hintermann, das bedeutete alles. Das Bein würde arbeiten wie eine alte, aber immer noch gefügige Maschine. Brennende Dörfer würden den Augen ein täglich wiederholter, schon ganz uninteressanter Anblick sein, und über Grausamkeiten unmenschlicher Art würde man sich nicht wundern. Da fiele eines Abends, in der immer bitterer werdenden Kälte, mein Kamerad, er könnte ja Tscharner heißen, zu Boden. Ich würde ihm aufhelfen wollen, aber: »Liegen lassen!« würde der Offizier befehlen. Und man marschierte weiter. Dann, eines Mittags, sähen wir unsern Kaiser, sein Gesicht. Doch er würde lächeln, er würde uns bezaubern. Ja, diesem Menschen fiele es nicht ein, seine Soldaten durch eine düstere Miene zu entnerven und zu entmutigen. Siegesgewiß, zum voraus schon zukünftige Schlachten gewonnen, marschierten wir in dem Schnee weiter. Und dann, nach endlosen Märschen, würde es endlich zum Schlagen kommen, und es ist möglich, daß ich am Leben bliebe und wieder weitermarschierte. »Jetzt geht es nach Moskau, du!« würde einer in unserer Reihe sagen. Ich verzichtete aus ich weiß nicht was für Gründen darauf, ihm zu antworten. Ich wäre nur noch der kleine Bestandteil an der Maschine einer großen Unternehmung, kein Mensch mehr. Ich wüßte nichts mehr von Eltern, nichts von Verwandten, Liedern, persönlichen Qualen oder Hoffnungen, nichts vom heimatlichen Sinn und Zauber mehr. Die soldatische Zucht und Geduld würde mich zu einem festen, undurchdringlichen, fast ganz inhaltlosen Körper-Klumpen gemacht haben. Und so ginge es weiter, nach Moskau zu. Ich würde das Leben nicht verfluchen, dazu wäre es längst zu fluchwürdig geworden, kein Weh mehr empfinden, das Weh mit all seinen jähen Zuckungen würde ich längst ausempfunden und fertigempfunden haben. Das ungefähr, glaube ich, hieße Soldat unter Napoleon sein.
»Du bist mir ein Rechter, du!« sagte Kraus zu mir, eigentlich ganz ungerechtfertigt, »du gehörst zu denen, die sich, so wertlos sie sein mögen, über gute Lehren erhaben vorkommen wollen. Ich weiß es schon, schweig' nur. Du willst in mir einen sauren Pädagogen und Rechthaber erblickt haben. Geh' mir. Und was fühlst du denn, du und deinesgleichen, Prahlhanse, was ihr seid, was ernst-sein und achtsam-sein eigentlich sagen will. Du bildest dir auf deine springerische und tänzerische Leichtfertigkeit ganz gewiß, und mit ohne Zweifel ebenso viel Recht, nicht wahr, Königreiche ein? Du Tänzer, o ich durchschaue dich. Immer lachen über das Richtige und Ziemliche, das kannst du, das verstehst du vortrefflich, ja, ja, darin seid ihr, du und deine Stammesbrüder, Meister. Aber gebt acht, gebt acht. Euch zuliebe sind die Ungewitter, Blitz und Donner und Schicksalsschläge, gewiß noch nicht abgeschafft worden. Wegen eurer Grazie, ihr Künstler, was ihr doch seid, bieten sich dem Schaffenden, überhaupt Lebendigen, gewiß nicht plötzlich weniger Schwierigkeiten. Lerne du auswendig, das, was dir als Lektion vorschweben sollte, statt mir zeigen zu wollen, daß du auf mich herablachen kannst. Ist das ein Herrchen! Es will mir dartun, daß es sich brüsten kann, wenn es ihm paßt. Laß dir sagen, daß Kraus solche armseligen Schauspielereien einfach verachtet. Mach' etwas! Man kann dir das nicht dutzendmal genug auf die hochmütige Nase binden. Weißt du was, Jakob, Herr des Daseins: laß mich in Ruhe. Ziehe auf Eroberungen. Ich bin überzeugt, es fallen dir welche vor die Füße, und du wirst sie nur aufzulesen brauchen. Alles schmeichelt euch ja, alles kommt euch entgegen, euch Besenbinder. Was? Du hast die Hände noch in der Tasche? Zwar, ich begreife es. Wem gebratene Tauben in den Mund fliegen, warum sollte der sich noch je überhaupt Mühe geben, so auszusehen wie einer, auf den eine Tat, eine Arbeit, eine händefordernde Anstrengung hinzutreten könnte? Bitte, gähne noch ein wenig. Es macht sich dann besser. So siehst du zu gefaßt, zu beherrscht, zu bescheiden aus. Oder willst du mir ein paar Vorschriften erteilen? Tu's nur. Ich bin sehr gespannt. Ach, mach' daß du wegkommst. An deiner albernen Gegenwart werde ich sonst noch ganz und gar an mir selbst irre, du altes – – – ich hätte jetzt doch bald mal etwas gesagt. Verleitet einen zu sündhaften Ausdrücken, der Ärgerniserreger, was er ist. Mach' dich unsichtbar oder beschäftige dich mit etwas. Und allen Anstand verlierst du auch, ja du, vor Vorstehers. Ich hab's schon gesehen. Aber wozu rede ich mit einem Lachbenzen? Gestehe, daß du ganz nett wärest, wenn du kein Narr wärst. Wenn du mir das gestehst, will ich dir um den Hals fallen.« – »O Kraus, liebster aller Menschen,« sagte ich, »du höhnst, du spottest? Kann das Kraus? Ist das möglich?« – Ich lachte hell auf und schlenderte in meine Kammer. Bald ist hier im Institut Benjamenta alles überhaupt nur noch ein Schlendern. Es sieht hier aus, als wenn so etwas wie »die Tage gezählt« wären. Aber man irrt sich. Vielleicht irrt sich auch Fräulein Benjamenta. Vielleicht auch Herr Vorsteher. Wir irren uns vielleicht alle.
Ich bin jetzt ein Krösus. Zwar, was das schätzenswerte Geld anbetrifft – – still, nicht von Geldern reden. Ich führe ein sonderbares Doppelleben, ein geregeltes und ein ungeregeltes, ein kontrolliertes und ein unkontrollierbares, ein einfaches und ein höchst kompliziertes. Was will Herr Benjamenta sagen, wenn er bekennt, noch nie einen Menschen geliebt zu haben? Was hat es zu bedeuten, daß er mir, seinem Eleven und Sklaven, das sagt? Nun ja, Eleven sind Sklaven, junge, den Zweigen und Stämmen entrissene, dem unbarmherzigen Sturmwind überlieferte, übrigens schon ein wenig gelbliche Blätter. Ist Herr Benjamenta ein Sturmwind? Sehr wohl denkbar, denn ich habe ja schon oft Gelegenheit gehabt, das Brausen und Zürnen und dunkle Sichentladen dieses Sturmwindes zu spüren. Und dann ist er ja so allmächtig, und ich Zögling, wie winzig bin ich. Still, nicht von Allmacht reden. Man irrt sich stets, wenn man große Worte in den Mund nimmt. Herr Benjamenta ist der Erschütterung und Schwäche so fähig, so sehr fähig, daß es beinahe zum Lachen, vielleicht sogar zum Grinsen ist. Ich glaube, alles, alles ist schwach, alles muß wie Würmer zittern. Nun ja, und diese Erleuchtung, diese Gewißheit macht mich zum Krösus, d. h. zum Kraus. Kraus liebt und haßt nichts, daher ist er ein Krösus, es grenzt etwas in ihm ans Unanfechtbare. Wie ein Felsen ist er, und das Leben, die stürmische Welle, zerspritzt sich an seinen Tugenden. Seine Natur, sein Wesen ist ganz voll behangen von Tugenden. Man kann ihn kaum lieben, von hassen schon gar keine Rede. Das Hübsche, Anziehende mag man gern, und daher ist auch das Schöne und Hübsche der Gefahr des Gefressenwerdens oder Mißbrauchtwerdens in so hohem Maße ausgesetzt. An Kraus heran wagen sich keine verzehrenden, fressenden Lebens-Zärtlichkeiten. Wie verloren eigentlich, aber doch, wie fest, wie unnahbar steht er da. Wie ein Halbgott. Doch das versteht niemand, und auch ich – – – manchmal rede und denke ich geradezu über den eigenen Verstand. Ich hätte daher vielleicht Pfarrer, Anführer einer religiösen Sekte oder Strömung werden sollen. Nun, das kann ich ja noch. Ich kann noch alles Mögliche aus mir machen. Aber Benjamenta? – Ich weiß es genau, er wird mir jetzt bald einmal seine Lebensgeschichte erzählen. Es wird ihn drängen zu Offenheiten, zu Erzählungen. Sehr wahrscheinlich. Und merkwürdig: manchmal ist mir, als wenn ich mich von diesem Mann, diesem Riesen, nie trennen sollte, nie mehr, als ob wir beide in Eines verschmolzen wären. Aber man irrt sich ja immer. Gefaßt, einigermaßen gefaßt sein, das will ich. Auch nicht zu sehr, nein. Zu sehr gefaßt sein hieße zu frech sein. Wozu Bedeutsames im Leben gewärtigen? Muß das sein? Ich bin ja etwas so Kleines. Daran, daran halte ich ungebunden fest, daran, daß ich klein, klein und nichtswürdig bin. Und Fräulein Benjamenta? Wird sie wirklich sterben? An das wage ich nicht zu denken, und ich darf auch nicht. Ein höheres Empfinden verbietet es mir. Nein, ich bin kein Krösus. Und was das Doppelleben betrifft, so führt jedermann eigentlich ein solches. Wozu sich da brüsten? Ach, all diese Gedanken, all dieses sonderbare Sehnen, dieses Suchen, dieses Hände-Ausstrecken nach einer Bedeutung. Mag es träumen, mag es schlafen. Ich lasse es einfach nun kommen. Mag es kommen.
Ich schreibe in fliegender Hast. Ich bebe am ganzen Körper. Es flackert vor meinen Augen wie auf und ab tanzende Irrlichter. Etwas Furchtbares ist geschehen, scheint geschehen, kaum bin ich meiner selber und dessen bewußt, was vorfiel. Herr Benjamenta hat einen Anfall gehabt und hat mich – erwürgen wollen. Ist das wahr? O weh, alle meine Gedankenkräfte schwinden, und ich kann mir nicht sagen, ob alles das wahr ist, was da vorging. Aber ich merke an der Zerrüttung, die mich beherrscht, daß es wahr ist. Der Vorsteher kam in eine unbeschreibliche Wut hinein. Er glich einem Simson, jenem Mann aus der Geschichte Palästinas, der an den Säulen eines hohen, menschenerfüllten Hauses rüttelte, bis der festliche, lüsterne Palast, bis der steinerne Triumph, bis die Bosheit zusammenstürzte. Zwar hier, d. h. vor kaum einer Stunde, war ja durchaus keine Bosheit, keine Niedertracht umzuwerfen, und Säulen und Pfeiler gab es ebenfalls keine, aber es sah doch so aus, genau so, und ich geriet in eine nie vorher gekannte, hasenartige, schreckliche Angst hinein. Ja, ein Hase war ich, und in der Tat, ich hatte auch Ursache zur hasenartigen Flucht, sonst wäre es mir sicher elend ergangen. Ich entschlüpfte mit, ich kann es nicht anders sagen, wunderbarer Behendigkeit seinen zusammenschnürenden Fäusten, und ich glaube, ich habe ihn, den großen Herrn Benjamenta, den Riesen Goliath, sogar in den Finger gebissen. Vielleicht rettete der rasche, energische Biß mir das Leben, denn es ist leicht möglich, daß der Schmerz, den die Wunde ihm beibrachte, ihn plötzlich wieder an Art und Weise, an Vernunft und Menschlichkeit erinnerte, derart, daß ich einer groben Verletzung des zöglinghaften Anstandes möglicherweise das Leben zu verdanken habe. Gewiß, die Gefahr, erdrückt zu werden, lag nahe, aber, wie ist das alles gekommen, wie war das alles möglich? Gleich einem Rasenden hat er sich auf mich gestürzt. Geworfen hat er sich mit seinem mächtigen Körper auf mich wie ein dunkles Stück verrückt gewordenen Jähzornes; wie eine Meerwelle kam es auf mich zu, um mich zu zerschmettern an den harten Wasserwänden. Ich fable da von Wasser. Das ist Unsinn, gewiß, aber ich bin eben noch ganz benommen, ganz verwirrt und erschüttert. »Was machen Sie da, verehrter, lieber Herr Vorsteher? He?« schrie ich aus und rannte wie besessen zur Bureautüre hinaus. Und da horchte ich wieder. So wie ich mit heiler Haut im Korridor stand, schob ich, allerdings zitternd mit all meinen Gliedern, mein Ohr ans Schlüsselloch und horchte. Da hörte ich's leise lachen. Ich stürzte hierher an den Schultisch, und hier bin ich, und ich weiß nicht, ob ich das geträumt, oder ob ich das tatsächlich erlebt habe. Nein, nein, es ist, es ist Tatsache. Wenn doch nur Kraus käme. Mir ist doch ein wenig bange. Wie nett wäre es, wenn der gute Kraus käme und mir wieder ein wenig, wie schon so oft, die Leviten läse. Ich möchte ein wenig ausgeschimpft, abgekanzelt, verknurrt und verdonnert werden, das würde mir unsagbar wohltun. Bin ich ein Kind? –
Ich war eigentlich nie Kind, und deshalb, glaube ich zuversichtlich, wird an mir immer etwas Kindheitliches haften bleiben. Ich bin nur so gewachsen, älter geworden, aber das Wesen blieb. Ich finde an dummen Streichen noch ebenso viel Geschmack wie vor Jahren, aber das ist es ja, ich habe eigentlich nie dumme Streiche gemacht. Meinem Bruder habe ich ganz früh einmal ein Loch in den Kopf geschlagen. Das war ein Geschehnis, kein dummer Streich. Gewiß, Dummheiten und Jungenhaftigkeiten gab es die Menge, aber der Gedanke interessierte mich immer mehr als die Sache selber. Ich habe früh begonnen, überall, selbst in den dummen Streichen, Tiefes herauszuempfinden. Ich entwickle mich nicht. Das ist ja nun so eine Behauptung. Vielleicht werde ich nie Äste und Zweige ausbreiten. Eines Tages wird von meinem Wesen und Beginnen irgend ein Duft ausgehen, ich werde Blüte sein und ein wenig, wie zu meinem eigenen Vergnügen, duften, und dann werde ich den Kopf, den Kraus einen dummen, hochmütigen Trotzkopf nennt, neigen. Die Arme und Beine werden mir seltsam erschlaffen, der Geist, der Stolz, der Charakter, alles, alles wird brechen und welken, und ich werde tot sein, nicht wirklich tot, nur so auf eine gewisse Art tot, und dann werde ich vielleicht sechzig Jahre so dahinleben und -sterben. Ich werde alt werden. Doch ich habe kein Bangen vor mir. Ich flöße mir durchaus keine Angst ein. Ich respektiere ja mein Ich gar nicht, ich sehe es bloß, und es läßt mich ganz kalt. O in Wärme kommen! Wie herrlich! Ich werde immer wieder in Wärme kommen können, denn mich wird niemals etwas Persönliches, Selbstisches am Warmwerden, am Entflammen und am Teilnehmen verhindern. Wie glücklich bin ich, daß ich in mir nichts Achtens- und Sehenswertes zu erblicken vermag. Klein sein und bleiben. Und höbe und trüge mich eine Hand, ein Umstand, eine Welle bis hinauf, wo Macht und Einfluß gebieten, ich würde die Verhältnisse, die mich bevorzugten, zerschlagen, und mich selber würde ich hinabwerfen ins niedrige, nichtssagende Dunkel. Ich kann nur in den untern Regionen atmen.
Ich gehe durchaus mit den Vorschriften, die hier – immer noch – gelten, einig, wenn sie befehlen, daß die Augen des Zöglings und Lebenslehrlings glänzen müssen vor Munterkeit und gutem Willen. Ja, Augen müssen Festigkeit der Seele ausstrahlen. Ich verachte Tränen, und doch habe ich geweint. Allerdings mehr innerlich, aber das ist vielleicht gerade das Schauderhafteste. Fräulein Benjamenta sagte zu mir: »Jakob, ich sterbe, weil ich keine Liebe gefunden habe. Das Herz, das kein Würdiger zu besitzen, zu verwunden begehrt hat, es stirbt jetzt. Ich sage dir adieu, Jakob, schon jetzt. Ihr Knaben, Kraus, du und die andern, ihr werdet dann ein Lied singen am Bett, in dem ich liegen werde. Klagen werdet ihr, leise klagen. Und jeder von euch, ich weiß es, wird eine frische, vielleicht gar vom Naturtau noch feuchte Blume auf das Laken legen. Laß mich dich, junges Menschenherz, ganz ins geschwisterliche, ins lächelnde Vertrauen ziehen. Ja, dir, Jakob, etwas anzuvertrauen, das ist so natürlich, denn man meint, du, der du so aussiehst wie jetzt, du müßtest für alles und jedes, selbst für das Unsagbare und Unhörbare, ein Ohr, eine horchende Brust, ein Auge, eine Seele und ein mitleidendes, mitempfindendes Verständnis haben. Ich gehe am Unverständnis derjenigen, die mich hätten sehen und fassen sollen, am Wahn der Vorsichtigen und Klugen, und an der Lieblosigkeit des Zauderns und des Nicht-recht-mögens zugrunde. Man glaubte mich eines Tages zu lieben, und mich zu haben zu wünschen, doch man zauderte, man ließ mich stehen, und auch ich zauderte, aber ich bin ja ein Mädchen, ich mußte zaudern, ich durfte und sollte es. Ah, wie hat mich die Untreue betrogen, wie haben mich Leerheit und Fühllosigkeit eines Herzens gepeinigt, an das ich glaubte, weil ich glaubte, es sei voll von echten, drängenden Gefühlen. Etwas, das überlegen und unterscheiden kann, ist kein Gefühl. Ich spreche zu dir von dem Mann, an den anmutige süße Träume mich glauben, unbedenklich glauben hießen. Ich kann dir nicht alles sagen. Laß mich lieber schweigen. O das Vernichtende, das mich tötet, Jakob. Die Trostlosigkeiten alle, die mich brechen! – Doch genug. Sage, hast du mich lieb, wie junge Brüder Schwestern lieb haben? Schon gut. Jakob, nicht wahr, es ist alles ganz gut, so wie es ist? Nein, nicht wahr, wir beide, wir wollen nicht grollen, nicht zweifeln? Und nicht wahr, nie wieder irgend etwas zu begehren haben, ist schön? Oder nicht? Ja, ja doch. Das ist schön. Komm' und laß mich dich küssen, ein einziges unschuldiges Mal. Sei weich. Ich weiß, du weinst nicht gern, aber jetzt laß uns ein wenig zusammen weinen. Und ganz still jetzt, ganz still.« Sie fügte nichts mehr hinzu. Es war, als wenn sie vieles noch hätte sagen wollen, doch als wenn sie für ihre Empfindungen keine Worte mehr fände. Draußen im Hof schneite es in nassen großen Flocken. Das erinnerte mich an den Schloßhof, an die innern Gemächer, wo es ebenfalls in nassen großen Flocken geschneit hatte. Die innern Gemächer! Und ich dachte mir immer, Fräulein Benjamenta sei die Herrin dieser innern Gemächer. Ich habe sie mir immer als zarte Prinzessin gedacht. Und jetzt? Fräulein Benjamenta ist ein leidender feiner weiblicher Mensch. Keine Prinzessin. Sie wird also eines Tages da drinnen im Bett liegen. Der Mund wird starr sein, und um die leblose Stirne werden sich die Haare trügerisch kräuseln. Doch wozu sich das ausmalen? Jetzt gehe ich zum Vorsteher. Er hat mir sagen lassen, ich solle zu ihm kommen. Auf der einen Seite eine Mädchenklage und -leiche, auf der andern Seite ihr Bruder, der noch gar nicht gelebt zu haben scheint. Ja, Benjamenta kommt mir wie ein ausgehungerter, eingesperrter Tiger vor. Und wie? Ich, ich begebe mich in den gähnenden Rachen hinein? Nur hinein! Mag er seinen Mut kühlen an einem wehrlosen Zögling. Ich stehe ihm zur Verfügung. Ich fürchte ihn, und zugleich ist etwas in mir, das ihn auslacht. Außerdem ist er mir ja noch die Erzählung seiner Lebensgeschichte schuldig. Er hat mir das fest versprochen, und ich werde ihn daran zu erinnern wissen. Ja, so kommt er mir vor: noch gar nicht gelebt hat er. Will er sich jetzt etwa an mir ausleben? Nennt er etwa gar Verbrechenausüben Ausleben? Das wäre dumm, sehr dumm, und gefährlich. Aber es zwingt mich! Ich muß zu diesem Menschen hineingehen. Eine Seelengewalt, die ich nicht verstehe, nötigt mich, ihn immer wieder von neuem aushorchen, ausforschen zu gehen. Mag mich der Vorsteher fressen, mit andern Worten, mir Leid und Schmach antun. Jedenfalls bin ich dann an etwas Großherzigem zugrunde gegangen. Hinein jetzt ins Kontor. Die arme Lehrerin! –
Ein wenig verächtlich, muß ich sagen, sonst aber ganz zutraulich (ja, eben deshalb so zutraulich, weil verächtlich), klopfte mir der Vorsteher mit der Hand auf die Schulter und lachte mich mit seinem breiten aber wohlgeformten Mund an. Die Zähne kamen dabei zum Vorschein. »Herr Vorsteher,« sagte ich unglaublich zornig, »ich muß bitten, mich mit etwas weniger kränkender Freundlichkeit zu behandeln. Noch bin ich Ihr Zögling. Im übrigen verzichte ich, und das nicht ausdrücklich genug, auf Gnaden. Seien Sie einem Lumpen gegenüber herablassend und gütig. Mein Name ist Jakob von Gunten, und das ist ein zwar junger, aber trotzdem seiner Würde bewußter Mensch. Ich bin nicht zu entschuldigen, das sehe ich, aber auch nicht zu beleidigen, das verhindere ich.« – Und mit diesen geradezu lächerlich anmaßenden Worten, mit diesen so wenig ins gegenwärtige Zeitalter passenden Worten stieß ich die Hand des Herrn Vorstehers zurück. Darauf lachte Herr Benjamenta noch fröhlicher und sagte: »Ich muß mich einfach halten, ich muß dich anlachen, Jakob, und ich muß mich halten, daß ich dich nicht küsse, du prachtvoller Bursche.« – Ich rief aus: »Mich küssen? Sind Sie verrückt geworden, Herr Vorsteher? Ich will nicht hoffen.« – Ich staunte selber über die Ungeniertheit, mit der ich das sagte, und ich trat, wie um einem Hieb auszuweichen, unwillkürlich einen Schritt zurück. Herr Benjamenta aber, die Güte und Schonung selber, sagte mit vor seltsamer Genugtuung bebenden Lippen: »Junge, Knabe, du bist köstlich. Mit dir zusammen in Wüsten oder auf Eisbergen im nördlichen Meere zu leben, das würde mich locken. Komm' her. Ei, der Teufel, fürchte dich doch, bitte, nicht vor mir. Nichts tu' ich dir. Was könnte, was vermöchte ich dir denn anzutun? Dich wertvoll und selten empfinden, sieh, das muß ich, das tu' ich, aber davor brauchst du doch keine Angst zu haben. Im übrigen, Jakob, und jetzt ganz ernsthaft gesagt, höre: Willst du ganz, ganz bei mir bleiben? Du verstehst das nicht recht, also laß dir das ruhig auseinandersetzen. Hier geht es zu Ende, verstehst du das?« – Ich platzte dumm heraus mit den Worten: »Ah, Herr Vorsteher, meine Ahnungen!« – Er lachte von neuem und sprach: »Sieh da, geahnt hast du es schon, daß das Institut Benjamenta gleichsam heute noch lebt und morgen nicht mehr. Ja, so kann man sagen. Du bist der letzte Schüler gewesen. Ich nehme keine Zöglinge mehr an. Blick' mich an. Mich freut es so mächtig, verstehst du, daß ich dich, den jungen Jakob, noch habe kennen lernen dürfen, einen so rechtgearteten Menschen, bevor ich hier zuschließe für immer. Und nun frage ich dich, Schelm, der du mich mit so eigenartigen fröhlichen Ketten fesselst, willst du mit mir gehen, wollen wir zusammenbleiben, zusammen irgend etwas anfangen, etwas unternehmen, wagen, schaffen, wollen wir beide, du der Kleine, ich der Große, zusammen versuchen, wie wir das Leben bestehen? Bitte, antworte sogleich.« – Ich erwiderte: »Meiner Ansicht nach hat die Beantwortung dieser Frage noch Zeit, Herr Vorsteher. Aber was Sie sagen, interessiert mich, und ich werde mir die Sache, etwa bis morgen, überlegen. Doch glaube ich, daß ich mit ja antworten werde.« – Herr Benjamenta konnte sich, wie es schien, nicht enthalten, zu sagen: »Du bist entzückend.« – Nach einer Pause nahm er das Wort wieder und sagte: »Denn schau', mit dir ließe sich so etwas wie eine Gefahr, wie ein kühnes, abenteuerliches, entdeckerisches Unternehmen bestehen. Aber es kann ruhig auch irgend etwas Feines und Sittsames sein, das wir machen können. Du bist von beiderlei Blut, von zartem und unerschrockenem. Mit dir vereint wagt man entweder etwas Mutiges oder etwas sehr Delikates.« – »Herr Vorsteher,« sagte ich, »schmeicheln Sie mir nicht, das ist garstig und erregt Verdacht. Und dann halt! Wo ist die Geschichte Ihrer Vergangenheit, die Sie mir zu erzählen versprochen haben, wie Sie sich wohl noch erinnern werden?« – In diesem Augenblick riß jemand die Türe auf. Kraus, er war es, stürzte atemlos, ganz blaß im Gesicht, und unfähig, die Meldung, die er offenbar auf den Lippen hatte, vorzutragen, ins Zimmer herein. Er machte nur eine hastige Geste, wir sollten kommen. Wir alle drei traten in die dunkelnde Schulstube. Was wir hier sahen, machte uns erstarren.
Am Boden lag das entseelte Fräulein. Der Vorsteher ergriff ihre Hand, ließ sie aber, wie von Schlangen gebissen, fahren und schauderte, von Entsetzen gepackt, zurück. Dann kam er wieder in die Nähe der Toten, schaute sie an, entfernte sich wieder, um gleich wieder heranzutreten. Kraus kniete zu ihren Füßen. Ich hielt den Kopf der Lehrerin in beiden Händen, damit er den harten Boden nicht zu berühren brauchte. Die Augen standen noch offen, nicht sehr weit, sondern gleichsam blinzelnd. Herr Benjamenta schloß sie. Auch er kniete am Boden. Wir alle drei sprachen kein Wort, aber wir waren nicht in »tiefe Gedanken versunken«. Wenigstens ich konnte an nichts Ausgeprägtes denken. Aber ich war ganz ruhig. Ich kam mir sogar, so eitel das auch klingt, gut und schön vor. Ich hörte von irgend woher ein ganz dünnes Geriesel von Melodien. Linien und Strahlen bogen sich vor meinen Augen hin und her. »Ergreift sie,« sagte leise Herr Vorsteher, »kommt. Tragt sie ins Wohnzimmer. Sachte, sachte, o sachte anfassen. Sorgsam, Kraus. Um Gotteswillen, nicht so rauh. Jakob, gib acht, ja? Nicht irgendwo anstoßen. Ich will euch helfen. Ganz langsam vorwärts. So. Und einer strecke die Hand aus und öffne die Türe. So, so. Es geht. Nur sorgfältig.« – Er sprach meiner Ansicht nach überflüssige Worte. Wir trugen Fräulein Lisa Benjamenta aufs Bett, dessen Decke der Vorsteher rasch wegriß, und nun lag sie da, wie sie es mir zum voraus gleichsam angekündigt hatte. Und dann kamen die Schulkameraden, und alle sahen es, und dann standen wir alle so da, am Bett. Herr Vorsteher gab uns einen verständlichen Wink, und wir Eleven und Knaben fingen an, im Chor gedämpft zu singen. Das war die Klage, die das Mädchen gewünscht hatte zu vernehmen, wenn sie auf dem Lager läge. Und jetzt, so bildete ich es mir ein, vernahm sie den leisen Gesang. Es war uns, glaube ich, allen, als wäre es Unterrichtsstunde, und wir sängen auf Befehl der Lehrerin, der wir immer so rasch gehorchten. Als das Lied zu Ende gesungen war, trat Kraus aus dem Halbkreis, den wir gebildet hatten, vor und sprach, ein wenig langsam, aber um so eindringlicher, folgendes: »Schlafe, ruhe süß, verehrtes Fräulein. (Er sprach sie, die Tote, mit du an. Mir gefiel das.) Entwunden bist du den Schwierigkeiten, entfesselt vom Bangen, befreit von den Sorgen und Schicksalen der Erde. Wir haben dir am Bett gesungen, Verehrte, wie du es befahlst. Sind wir, deine Zöglinge, nun verlassen? So scheint es, so ist es. Doch du, Frühgestorbene, wirst unsern Gedächtnissen nie, nie entschwinden. Du wirst am Leben bleiben in unsern Herzen. Wir, deine Knaben, die du gemeistert und beherrscht hast, wir werden uns im flatterhaften und mühevollen Leben, Gewinn und Unterkommen suchend, zerstreuen, so, daß vielleicht alle alle nie wieder finden und sehen. Aber wir alle werden an dich denken, Erzieherin, denn die Gedanken, die du uns eingeprägt, die Lehren und Kenntnisse, die du in uns befestigt hast, werden uns immer an dich, die Schöpferin des Guten, was in uns ist, erinnern. Ganz von selber. Essen wir, so wird uns die Gabel sagen, wie du wünschtest, daß wir sie führen und handhaben sollen, und wir werden anständig zu Tisch sitzen, und das Bewußtsein, daß wir das tun, wird uns an dich zurückdenken machen. In uns herrschest, gebietest, lebst, erziehst und fragst und tönst du weiter. Irgend einer von uns Zöglingen, der es etwas weiter als der andere im Leben bringt, wird vielleicht seinen zurückgebliebenen ärmeren Kameraden, wenn er ihn antrifft, nicht mehr kennen wollen. Gewiß. Doch dann denkt er unwillkürlich ans Institut Benjamenta zurück und an die Herrin, und er wird sich schämen, deine Grundsätze so rasch und so hochmütig verleugnet und vergessen zu haben. Und er wird dem Kameraden, dem Bruder, dem Menschen ohne alle Überlegung die Hand zum Gruß reichen. Was lehrtest du uns, Verblichene? Du sagtest uns stets, wir sollten bescheiden und willig bleiben. Ah, das werden wir nie vergessen, so wenig wie wir die liebe Person, die es ausgesprochen hat, werden überwinden und vergessen können. Schlaf' wohl, du Verehrte. Träume! Schöne Einbildungen mögen dich flüsternd umschweben. Die Treue, die glücklich ist, dir nahe zu sein, beuge ihr Knie vor dir, und die dankbare Anhänglichkeit und das erinnerungslüsterne, zärtliche Nie-Vergessen-Können streuen Blüten, Zweige, Blumen und Worte der Liebe dir um Stirne und Hände. Wir, deine Zöglinge, wir wollen jetzt noch eines singen, und dann haben wir die Gewißheit, daß wir an deinem Totenlager, das uns das Lustlager frohen und hingebungsvollen Gedenkens sein wird, gebetet haben. So lehrtest ja du uns beten. Du sagtest: Singen sei Beten. Und du wirst uns hören, und wir werden uns einbilden, du lächeltest. Uns will es die Herzen zerschneiden, dich hier liegen zu sehen, dich, deren Bewegungen uns vorgekommen sind wie dem Durstigen frisches, belebendes Quellwasser. Ja, schmerzvoll ist das. Doch wir beherrschen uns, und gewiß wünschtest auch du das. So sind wir gefaßt. So gehorchen wir dir und singen.« – Kraus trat vom Lager zu uns zurück und wir sangen noch ein Lied, das ebenso leise dahin- und daherklang wie das erste. Dann traten wir, einer hinter dem andern, ans Bett, und jeder drückte einen Kuß auf die Hand des toten Mädchens. Und jeder von den Eleven sprach etwas. Hans sagte: »Ich will es Schilinski erzählen. Und Heinrich muß es auch wissen.« – Schacht meinte: »Lebe wohl, du warst immer so gut.« Peter: »Ich will deine Gebote befolgen.« Dann traten wir in die Schulstube zurück, indem wir den Bruder bei der Schwester, den Vorsteher bei der Vorsteherin, den Lebendigen bei der Toten, den Einsamen bei der Einsamen, den Schmerzgebeugten bei der Vollendeten, Herrn Benjamenta bei Fräulein Benjamenta allein ließen.