Ich habe von Kraus Abschied nehmen müssen. Kraus ist gegangen. Ein Licht, eine Sonne ist geschwunden. Mir ist es, als wenn es von jetzt ab in der Welt und Umwelt nur noch Abend sein könnte. Bevor eine Sonne untertaucht, wirft sie noch rötliche Strahlen über die dunkelnde Gegenwart, ähnlich Kraus. Er hat mich, bevor er ging, rasch noch einmal ausgescholten, und der ganze veritable Kraus ist dabei noch ein letztes Mal zum leuchtenden Vorschein gekommen. »Adieu, Jakob, bessere dich, ändere dich,« sagte er zu mir, indem er mir, beinahe ärgerlich darüber, daß er es tun mußte, die Hand reichte. »Ich gehe jetzt fort, in die Welt, in den Dienst. Das wirst auch du hoffentlich bald tun müssen. Schaden wird es dir sicher nicht. Ich wünsche dir Hiebe auf deinen Unverstand hinauf. Man soll dich tüchtig bei den ungezogenen Ohren nehmen. Lache nur nicht noch beim Abschied. Übrigens ziemte dir das. Und wer weiß, vielleicht sind die Verhältnisse dieser Welt so töricht, daß sie dich in die Höhe heben. Dann kannst du in der Unverschämtheit, im Trotz, in der Überhebung und in der lächelnden Trägheit, in Spott und allen möglichen Sorten Unarten ruhig und frech fortfahren und sorgenlos bleiben, was du bist. Dann kannst du dich brüsten bis zum Zersprengen, mit all dem, was du dir hier im Institut Benjamenta nicht hast abgewöhnen wollen. Aber ich hoffe, daß Sorgen und Mühen dich in ihre harte, untugendenzerschmetternde Schule nehmen. Sieh', Kraus spricht hart. Und doch meine ich es vielleicht besser mit dir Bruder Lustig, als die, die dir Glück in den Schoß und ins offene Maul wünschen würden. Arbeite mehr, wünsche weniger, und noch etwas: bitte vergiß mich ganz. Ich würde mich nur ärgern, wenn ich dächte, du habest für mich irgend einen abgelegten alten, schäbigen, solch einen tänzelnden Komm' ich heute nicht-komm' ich morgen-Gedanken übrig. Nein, Bürschchen, merke dir's, Kraus braucht keinen von deinen von Guntenschen Späßen.« – »Liebloser, lieber Mensch,« rief ich voller banger Abschiedsahnungen und -empfindungen aus. Und ich wollte ihn umarmen. Doch er verhinderte das auf die einfachste Art der Welt, indem er sich rasch, und für immer, entfernte. »Heute noch ein Institut Benjamenta und morgen keines mehr,« sprach ich laut zu mir selber. Ich trat zu Herrn Vorsteher herein. Es war mir, als wenn die Welt einen glühend-zündend-klaffenden Riß von einer räumlichen Möglichkeit bis zur entgegengesetzten andern bekommen hätte. Mit Kraus war die Hälfte des Lebens gegangen. »Von jetzt ab ein anderes Leben!« murmelte ich. Es ist übrigens ganz einfach: ich war betrübt und ein wenig bestürzt. Wozu sich in großen Worten ergehen? Vor dem Vorsteher verneigte ich mich förmlicher als je, und es erschien mir schicklich, »guten Tag, Herr Vorsteher« zu sagen. »Bist du toll, alter Junge?« rief er. Er kam mir entgegen und würde mich umarmt haben, aber ich verhinderte das, indem ich ihm einen Schlag auf den ausgestreckten Arm versetzte. »Kraus ist gegangen,« sagte ich tiefernst. Wir schwiegen und begnügten uns, uns ziemlich lange anzuschauen.

»Ich habe,« sagte dann Herr Benjamenta in ruhigem, männlichem Ton, »den andern allen, deinen Kameraden, heute Stellungen verschafft. Nur noch wir drei, du, ich und sie, die da drinnen auf dem Bett liegt, bleiben noch hier. Die Tote (warum nicht ruhig über die Toten reden? Sie leben ja. Nicht wahr?), sie wird morgen abgeholt werden. Das ist ein häßlicher, aber notwendiger Gedanke. Heute sind wir drei noch zusammen. Und wir werden die Nacht über wach bleiben. Wir beide werden reden an ihrem Lager. Und wenn ich nun so denke, wie du da eines Tages mit der Bitte, Forderung und Frage anlangtest, in die Schule aufgenommen zu werden, packt mich eine unerhörte Lebens- und Lachlust. Ich bin über Vierzig. Ist das alt? Es war alt, doch jetzt, wie du so da bist, Jakob, bedeutet es grünende und kräftig knospende Jugend, dieses Vierziger-Alter. Mit dir, du Gemüt von einem Jungen, ist frisches, ist überhaupt erst Leben über mich und in mich hineingekommen. Ich habe hier, siehst du, hier im Bureau, schon verzweifelt, bin hier schon ganz eingetrocknet, habe mich hier geradezu begraben. Ich haßte, haßte, haßte die Welt. Unsagbar ist von mir alles dies Wesen, Bewegen und Leben gehaßt und gemieden worden. Da tratest du ein, frisch, dumm, unartig, frech und blühend, duftend von unverdorbenen Empfindungen, und ganz natürlich schnauzte ich dich mächtig an, aber ich wußte es, so wie ich dich nur sah, daß du ein Prachtbursche seiest, mir, wie es mir vorkam, vom Himmel heruntergeflogen, von einem alleswissenden Gott mir gesandt und geschenkt. Ja, dich brauchte ich gerade, und ich lächelte immer heimlich, wenn du von Zeit zu Zeit zu mir eintratest, um mich mit deinen reizenden Frechheiten und Grobheiten, die mir wie gutgelungene Gemälde erschienen, zu belästigen. O nein, zu betören. Ruhig, Benjamenta, ruhig. – Hast du es, sage mir das, nie bemerkt, daß wir Zwei Freunde waren? Doch still. Und wenn ich dann so meine Würde vor dir bewahrte, o dann hätte ich sie zerreißen mögen, zerreißen in Fetzen. Wie rasend förmlich du dich sogar heute noch vor mir verbeugt hast! Doch höre, wie ist es eigentlich nur mit dem Wutanfall von neulich? Habe ich dir wehtun wollen? Wollte ich mir selber einen tödlichen Streich versetzen? Vielleicht weißt du es, Jakob? Ja? Dann, bitte, kläre mich sofort auf. Sofort, hast du verstanden! Wie ist mir? Wie? Was sagst du?« – »Ich weiß es nicht. Ich hielt Sie für wahnsinnig, Herr Vorsteher,« sagte ich. Es überlief mich kalt angesichts der überströmenden Zärtlichkeit und Lebenslust, die aus den Augen des Mannes hervorbrachen. Wir schwiegen eine Weile. Plötzlich kam mir der Einfall, Herrn Benjamenta an die Geschichte seines Lebens zu erinnern. Das war sehr gut. Das konnte ihn unter Umständen zerstreuen, ihn von mörderischen neuen Anfällen abhalten. Ich war in diesem Moment fest überzeugt, daß ich mich in den Krallen eines halb-Verstandlosen befände, und ich sagte daher rasch, indem mir der Schweiß über die Stirne herabrann: »Ja, Ihre Geschichte, Herr Vorsteher? Wie ist es damit? Wissen Sie, daß ich Andeutungen verabscheue? Sie haben mir dunkel angedeutet, daß Sie ein entthronter Herrscher seien. Nun wohlan. Bitte, drücken Sie sich deutlich aus. Ich bin sehr gespannt.« – Er kraute sich ganz verlegen hinter dem Ohr. Dann wurde er plötzlich geradezu böse, kleinlich böse, und er herrschte mich im Feldwebelston an: »Abtreten. Mich allein lassen!« – Nun, ich ließ mir das nicht zweimal sagen, sondern verschwand augenblicklich. Schämte er sich, grämte er sich um irgend etwas, dieser König Benjamenta, dieser Löwe im Käfig? Jedenfalls war ich wieder einmal recht froh, draußen im Korridor stehen und lauschen zu können. Es herrschte Totenstille. Ich ging in die Kammer, zündete einen Kerzenstumpf an und vertiefte mich in den Anblick des Bildes von Mama, das ich stets sorgsam aufbewahrt hatte. Später klopfte es an die Türe. Es war der Vorsteher, er war ganz schwarz angezogen. »Komm,« befahl er mit eiserner Strenge. Wir gingen ins Wohnzimmer, um bei der Entschlafenen zu wachen. Herr Benjamenta wies mir mit einer leichten Handbewegung meinen Platz an. Wir setzten uns. Gottlob, ich spürte wenigstens gar keine körperliche Müdigkeit. Das war mir sehr lieb. Das Gesicht der Toten war schön geblieben, ja, es schien sogar noch anmutiger geworden zu sein, und noch etwas: von Moment zu Moment schien immer mehr Schönheit, Rührung und Anmut darauf niederzufallen. Etwas wie lächelnde Vergebung jeder Art Fehltrittes schien im Wohnzimmer zu schweben und leise zu tönen. Es zirpte so. Und es war auf so helle, lichte Art ernst in der Stube. Nichts, nichts Unheimliches. Mir wurde es schön zumut, denn schon das allein, daß ich hier wachte, ließ mich die Ruhe, die in einer stillen Pflichterfüllung liegt, angenehm empfinden.

»Später, Jakob,« ergriff der Vorsteher das Wort, indem wir so saßen, »später erzähle ich dir alles. Wir werden ja doch zusammenbleiben. Ich glaube ganz fest, sogar felsenfest an deine Zustimmung. Du wirst morgen, wenn ich dich nach deinen Entscheidungen frage, nicht nein sagen, das weiß ich. Für heute muß ich dir sagen, daß ich kein wirklicher abgesetzter König bin, ich meinte, ich sagte dir das nur so, des Bildes halber. Wohl aber gab es Zeiten, wo dieser Benjamenta, der hier neben dir sitzt, sich als Herr, als Eroberer und als König fühlte, wo das Leben vor mir zum Erfassen dalag, wo alle meine Sinne an Zukunft und an Größe glaubten, wo meine Schritte mich elastisch dahin wie über teppichähnliche Wiesen und Begünstigungen trugen, wo ich besaß, was ich anschaute, genoß, an was ich nur flüchtig dachte, wo alles bereit war, mich mit Befriedigung zu krönen, mit Erfolgen und Errungenschaften mich zu salben, wo ich König war, ohne es kaum zu ahnen, groß, ohne daß ich nötig hatte, mir eine bewußte Rechenschaft davon abzulegen. In diesem Sinne, Jakob, bin ich hoch gewesen, d. h. einfach jung und vielversprechend, und in diesem Sinne geschah die Entfürstung und Entthronung. Ich stürzte. Und ich zweifelte an mir und an allem. Wenn man verzweifelt und trauert, lieber Jakob, ist man so jammervoll klein, und immer mehr Kleinheiten werfen sich über einen, gefräßigem, raschem Ungeziefer gleich, das uns frißt, ganz langsam, das uns ganz langsam zu ersticken, zu entmenschen versteht. Also das mit dem König war eine Phrase. Ich bitte dich, kleiner Zuhörer, um Entschuldigung, wenn ich dich an Szepter und Purpurmantel habe glauben machen. Doch glaube ich, daß du es eigentlich wußtest, wie es mit diesen gestammelten und geseufzten Königreichen im Grunde gemeint war. Nicht wahr, ein wenig gemütlicher komme ich dir jetzt vor? Jetzt, da ich kein König mehr bin? Denn das gibst du doch selbst zu, daß solche Herrscher, wenn sie genötigt sind, Unterricht usw. zu erteilen und Institute zu eröffnen, gewiß unheimliche Patrone wären. Nein, nein, ich war nur zukunftsstolz und -froh: das sind meine Ländereien und königlichen Einkünfte gewesen. Dann war ich lange, lange Jahre entmutigt und entwürdigt. Und nun bin ich wieder, d. h. fange an, wieder ich selber zu sein, und es ist mir, als hätte ich eine Million geerbt, ach was, Million geerbt, nein, es ist mir, als wäre ich – – zum Herrscher erhoben und gekrönt worden. Allerdings kommen mir immer wieder die dunklen, grauenhaft dunklen Stunden, wo mir alles schwarz vor den Augen und hassenswert vor dem gleichsam, versteh' mich, verbrannten und verkohlten Gemüt wird, und in solchen Stunden zwingt es mich, zu zerreißen, zu töten. O meine Seele, du, würdest du, trotzdem du das nun weißt, bei mir bleiben? Könntest du dich, vielleicht aus einfacher menschlicher Neigung zu mir, oder aus irgend einer andern dir zusagenden Empfindung, dazu entschließen, der Gefahr, die dir mit dem Zusammensein mit mir Unmenschen droht, zu trotzen? Kannst du hohen Herzens trotzen? Bist du solch ein Trotzkopf? Und nimmst du das alles nicht übel? Übel? Ach was, Dummheiten. Übrigens weiß ich es ja, Jakob, daß wir zusammen leben werden. Es ist entschieden. Wozu dich noch fragen? Siehe, ich kenne doch ja meinen früheren Zögling. Jetzt, Jakob, bist du nicht mehr mein Zögling. Ich will nicht mehr bilden und lehren, sondern ich will leben und lebend etwas wälzen, etwas tragen, etwas schaffen. O, es läßt sich so herrlich, so herrlich leiden mit solch einem Herzen von Kameraden. Ich besitze, was ich besitzen wollte, und drum ist mir, könnte ich alles, ertrüge und litte ich fröhlich alles. Kein Gedanke, kein Wort mehr. Bitte, schweige. Du sagst mir morgen, nachdem man mir dieses Leben da, das da auf dem Bett liegt, weggetragen hat, nachdem ich die rein äußerliche Feierlichkeit habe abstreifen dürfen und in eine innerliche habe umwandeln dürfen, deine Meinung. Du sagst ja, oder du sagst nein. Wisse, du bist ja jetzt vollkommen frei. Du kannst sagen und tun, was dir beliebt.« – Ich sagte ganz leise, zitternd vor Verlangen, diesen mir etwas allzu zuversichtlichen Menschen ein wenig zu erschrecken: »Aber der Brotkorb, Herr Vorsteher? Den andern verschaffen Sie Unterkommen, und gerade mir nicht? Das finde ich seltsam. Das ist nicht recht. Und ich bestehe darauf. Es ist Ihre Pflicht, mir einen ordentlichen Arbeitsposten zu vermitteln. Ich will unbedingt in Stellung und Amt gehen.« – Ah, er zuckte zusammen. Er erschrak. Wie mußte ich innerlich kichern. Teufeleien sind doch das Netteste am Leben. Herr Benjamenta sagte traurig: »Du hast recht. Es ziemt sich, dir auf Grund deines Abgangszeugnisses eine Stelle zu verschaffen. Gewiß, du hast vollkommen recht. Nur dachte ich, nur – dachte ich – –, du machtest eine Ausnahme.« – Ich rief wie in zündender Entrüstung: »Ausnahme? Ich mache keine Ausnahmen. Niemals. Das schickt sich nicht für den Sohn eines Großrates. Meine Bescheidenheit, meine Geburt, alles, was ich empfinde, verbietet mir, mehr zu wollen, als was meine Schulgenossen bekommen haben.« – Von da an sprach ich kein Wort mehr. Mir gefiel es, Herrn Benjamenta einer sichtbaren, für mich schmeichelhaften Unruhe zu überlassen. Den Rest der Nacht verbrachten wir schweigend.

Aber während ich so saß und wachte, überfiel mich doch der Schlaf. Zwar nicht lang, eine halbe Stunde, oder vielleicht noch etwas länger, war ich der Wirklichkeit entrückt. Mir träumte (der Traum schoß von der Höhe, ich erinnere mich, gewaltsam, mich mit Strahlen überwerfend, auf mich nieder), ich befände mich auf einer Bergmatte. Sie war ganz dunkelsamtgrün. Und sie war mit Blumen wie mit blumenhaft gebildeten und geformten Küssen bestickt und besetzt. Bald erschienen mir die Küsse wie Sterne, bald wieder wie Blumen. Es war Natur und doch keine, Bildnis und Körper zugleich. Ein wunderbar schönes Mädchen lag auf der Matte. Ich wollte mir einreden, es sei die Lehrerin, doch sagte ich mir rasch: »Nein, das kann es nicht. Wir haben keine Lehrerin mehr.« Nun, dann war es halt jemand anderes, und ich sah förmlich, wie ich mich tröstete, und ich hörte den Trost. Es sagte deutlich: »Ah bah, laß das Deuten.« – Das Mädchen war schwellend und glänzend nackt. An dem einen der schönen Beine hing ein Band, das im Wind, der das Ganze liebkoste, leise flatterte. Mir schien, als wehe, als flattere der ganze spiegelblanke süße Traum. Wie war ich glücklich. Ganz flüchtig dachte ich an »diesen Menschen«. Natürlich war es Herr Vorsteher, an den ich so dachte. Plötzlich sah ich ihn, er war hoch zu Roß und war bekleidet mit einer schimmernd schwarzen, edlen, ernsten Rüstung. Das lange Schwert hing an seiner Seite herunter, und das Pferd wieherte kampflustig. »Ei, sieh da! Der Vorsteher zu Pferd',« dachte ich, und ich schrie, so laut ich konnte, daß es in den Schluchten und Klüften ringsum widerhallte: »Ich bin zu einem Entschluß gekommen.« – Doch er hörte mich nicht. Qualvoll schrie ich: »Heda, Herr Vorsteher, hören Sie.« Nein, er wandte mir den Rücken. Sein Blick war in die Ferne, ins Leben hinab- und hinausgerichtet. Und nicht einmal den Kopf bog er nach mir. Mir scheinbar zuliebe rollte jetzt der Traum, als wenn er ein Wagen gewesen wäre, Stück um Stück weiter, und da befanden wir uns, ich und »dieser Mensch«, natürlich niemand anders als Herr Benjamenta, mitten in der Wüste. Wir wanderten und trieben mit den Wüstenbewohnern Handel, und wir waren ganz eigentümlich belebt von einer kühlen, ich möchte sagen, großartigen Zufriedenheit. Es sah so aus, als wenn wir beide dem, was man europäische Kultur nennt, für immer, oder wenigstens für sehr, sehr lange Zeit entschwunden gewesen seien. »Aha,« dachte ich unwillkürlich, und wie mir schien, ziemlich dumm: »Das war es also, das!« – Aber was es war, was ich da dachte, konnte ich nicht enträtseln. Wir wanderten weiter. Da erschien ein Haufe von uns feindlich gesinnten Menschen, wir aber zerstreuten ihn, ohne daß ich eigentlich sah, wie das zuging. Die Erdgegenden schossen mit den Wandertagen blitzartig vorüber. Ich empfand die Erfahrung von ganzen vorüberwinkenden, langen, schwer zu ertragen gewesenen Jahrzehnten. Wie war doch das eigentümlich. Die einzelnen Wochen sahen sich an wie kleine, glitzernde Steinchen. Es war lächerlich und herrlich zugleich. »Der Kultur entrücken, Jakob. Weißt du, das ist famos,« sagte von Zeit zu Zeit der Vorsteher, der wie ein Araber aussah. Wir ritten auf Kamelen. Und die Sitten, die wir sahen, entzückten uns. Es war etwas Unverständlich-Mildes und Zartes in den Bewegungen der Länder. Ja, mir war es, als marschierten, nein eher, als flögen die Länder. Das Meer zog sich majestätisch dahin wie eine große blaue nasse Welt von Gedanken. Bald hörte ich Vögel schwirren, bald Tiere brüllen, bald Bäume über mir rauschen. »Also bist du nun doch mitgekommen. Ich wußte es ja,« sagte Herr Benjamenta, den die Indier zum Fürsten erhoben hatten. Wie toll! So grauenhaft überspannt es ist: Tatsache war, daß wir in Indien Revolution machten. Und scheinbar glückte uns der Streich. Es war so köstlich zu leben, das fühlte ich in allen Gliedern. Das Leben prangte vor unsern weitausschauenden Blicken wie ein Baum mit Zweigen und Ästen. Und wie stunden wir fest. Und durch Gefahren und Erkenntnisse wateten wir wie in eiskaltem, aber unserer Hitze wohltuendem Flußwasser. Ich war immer der Knappe, und der Vorsteher war der Ritter. »Schon gut,« dachte ich mit einmal. Und wie ich das dachte, erwachte ich und schaute mich im Wohnzimmer um. Herr Benjamenta war ebenfalls eingeschlafen. Ich weckte ihn, indem ich ihm sagte: »Wie können Sie einschlafen, Herr Vorsteher. Doch erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß ich mich entschlossen habe, mit Ihnen zu gehen, wohin Sie wollen.« – Wir gaben einander die Hand, und das bedeutete viel.

Ich packe. Ja, wir beide, der Vorsteher und ich, wir sind mit Packen, mit richtigem Zusammenpacken, Abbrechen, Aufräumen, Auseinanderzerren, Schieben und Rücken beschäftigt. Wir werden reisen. Schon gut. Mir paßt dieser Mensch, und ich frage mich nicht mehr, warum. Ich fühle, daß das Leben Wallungen verlangt, nicht Überlegungen. Meinem Bruder werde ich heute Adieu sagen. Ich werde hier nichts hinterlassen. Mich bindet nichts, verpflichtet nichts, zu sagen: »Wie wär's, wenn ich – –« Nein, es gibt nichts mehr zu wären und zu wennen. Fräulein Benjamenta liegt unter der Erde. Die Eleven, meine Kameraden, sind zerstoben in allerlei Ämtern. Und wenn ich zerschelle und verderbe, was bricht und verdirbt dann? Eine Null. Ich einzelner Mensch bin nur eine Null. Aber weg jetzt mit der Feder. Weg jetzt mit dem Gedankenleben. Ich gehe mit Herrn Benjamenta in die Wüste. Will doch sehen, ob es sich in der Wildnis nicht auch leben, atmen, sein, aufrichtig Gutes wollen und tun und nachts schlafen und träumen läßt. Ach was. Jetzt will ich an gar nichts mehr denken. Auch an Gott nicht? Nein! Gott wird mit mir sein. Was brauche ich da an ihn zu denken? Gott geht mit den Gedankenlosen. Nun denn adieu, Institut Benjamenta.