117. Dieselbe erscheint in Folge dessen weder zufällig, noch willkürlich d. i. durch die Laune oder das Belieben des dichtenden Subjects, sondern nothwendig und naturgesetzlich d. i. wie ohne und unabhängig vom Willen des Dichters durch die Beschaffenheit des Inhalts der darzustellenden Handlung selbst, und zwar jeder folgende Moment durch den vorhergehenden, wie die unabänderliche Wirkung aus den gegebenen Ursachen herbeigeführt. Die dramatische Handlung (und zwar nicht blos, wie Schiller an Goethe schrieb, „die tragische”) steht unter der Herrschaft des Causalitätsgesetzes, nach welchem bestimmte Ursachen bestimmte Wirkungen und gegebene Ursachen unausbleiblich ihre nie fehlenden Wirkungen nach sich ziehen müssen. Dieselbe gewinnt dadurch als ästhetisches (d. i. Scheins-) Object den Schein eines beseelten d. i. von innen heraus bewegten Naturobjects; wie das Thier, das Geschöpf der Mutter Erde, von ihr losgelöst, Leben und selbstständige Bewegung an den Tag legt, so scheint das dramatische Kunstwerk, Geschöpf der dichterischen Einbildungskraft, von dieser und deren Träger, dem Dichter, losgelöst, inneres Leben und selbstständige, von innen heraus getriebene Beweglichkeit zu besitzen.
118. Was von dem dramatischen, muss von dem Kunstwerk jeder anderen Kunst (der epischen und lyrischen Poesie nicht weniger, wie der Ton- und bildenden Kunst) als ästhetischem Object gelten. Jedes derselben, wenn es für ein solches gehalten werden will, muss den Schein der Objectivität d. i. der beseelten Lebendigkeit und lebendigen Beseeltheit an sich tragen. Derselbe wird durch die Schönheit des beseelt scheinenden Objects, z. B. der Natur, keineswegs ersetzt (seelenlose Schönheit), durch die Abwesenheit solcher keineswegs aufgehoben (seelenvolle Hässlichkeit; „la belle laidron”). Das wirklich Beseelte hat daher vor dem ästhetischen nur scheinbar Beseelten zwar das Merkmal der Wirklichkeit voraus; da aber nicht diese, die ihrerseits für den Beschauer nur als Erscheinung in Betracht kommt, sondern der blosse Schein der Wirklichkeit ästhetisch ist, so bedeutet jener Vorzug, ästhetisch genommen, nichts und der schöne wirkliche Gegenstand ist daher nicht mehr und nicht minder schön als der blosse Schein schöner Wirklichkeit. Es wäre denn, man rechnete die materielle Wirklichkeit des wirklichen Schönen zu dessen ästhetischer statt zu dessen physischer Natur und verstünde unter ästhetischem d. i. dem Genuss des schönen Scheins (wie der platte Realismus und ästhetische Materialismus will) den materiellen d. i. den Genuss der schönen Materie (z. B. den physischen Genuss der weiblichen Schönheit).
119. Mit der Betrachtung des überwiegend Identischen, so wie des überwiegend Gegensätzlichen im theilweise Identischen ist die Aufzählung der ästhetisch in Betracht kommenden möglichen Fälle zwischen dem Was des Scheins statthabender Beziehungen erschöpft. Ein ausschliessend Gegensätzliches, das nicht zugleich bis zu einem gewissen Grade identisch wäre, kann es, da nur verwandte Vorstellungen, also solche, deren Inhalt mehr oder weniger unter denselben Begriff fällt, Bestandtheile der ästhetischen Vorstellungswelt ausmachen können, in dieser nicht geben. Auch die am stärksten entgegengesetzten Elemente der letzteren, die sogenannten contrastirenden oder einander contraponirten (Contrast und Contrapost) Vorstellungen (wie Riese und Zwerg, Licht und Schatten, forte und piano etc.) sind nicht blos dadurch mit einander verwandt, dass ihre Objecte zu der nämlichen Gattung gehören, sondern sie werden einander überdies noch durch das auszeichnende Merkmal nahegerückt, dass diese beiderseits Ausnahmen von der Regel, obgleich in entgegengesetzten Richtungen (der Riese eine Abweichung von der gewöhnlichen Menschengrösse nach oben, der Zwerg eine solche nach unten, das Licht das Maximum, die Finsterniss das Minimum der gewöhnlichen Helligkeit; das Fortissimo den höchsten, das Pianissimo den geringsten Grad der Intensität des Tones) darstellen. Obige Fälle machen daher zusammengenommen mit derjenigen, welche aus der Grösse oder Kleinheit des vorgestellten Objects abgeleitet wird, die Summe derjenigen Bedingungen aus, unter welchen ästhetischer Schein, er enthalte sonst welchen stofflichen Inhalt immer, unbedingt d. i. allgemein und nothwendig gefällt oder missfällt.
120. Aus dem quantitativen Gesichtspunkt entspringt die ästhetische Idee der (ästhetischen) Vollkommenheit. Dieselbe besteht darin, dass der ästhetische Schein, sowol was dessen Vorgestelltwerden, als was dessen Vorgestelltes betrifft, zum „Vollen kömmt” d. h. sowol das erstere zu dem höchstmöglichen Grade von Intensität als das letztere zu dem höchsten mit Rücksicht auf die Grenzen der Vorstellungsfähigkeit des vorstellenden Subjects erreichbaren Masse von Grösse erhoben wird. Ersteres geschieht, indem nicht nur jedes einzelne Vorstellen mit dem höchst erreichbaren Grade von Lebhaftigkeit erfolgt, sondern möglichst viel Vorstellen in kürzester Zeit bethätigt wird, aber auch, indem das Vorstellen selbst auf möglichst gesetzmässige und normale Weise sich vollzieht. Letzteres geschieht, indem das Vorgestellte, soweit dessen Natur es erheischt oder doch gestattet, in möglichster Grösse, Reichthum, Fülle und Wohlordnung vorgestellt und dadurch zwar nicht über (wie dies beim Erhabenen der Fall ist) aber bis an die erlaubten Grenzen des Vorstellenden erweitert wird. An dieselbe schliesst sich ein Verfahren an, dessen Tendenz dahin gerichtet ist, im ganzen Umkreis des das Bewusstsein ausfüllenden Vorstellens schwaches Vorstellen durch energisches, daher, da jede sinnliche Vorstellung die unsinnliche, jede concrete die abstracte, jede bildliche die unbildliche an Lebhaftigkeit übertrifft, unsinnliche durch sinnliche Vorstellungen, Begriffe durch Anschauungen, den eigentlichen Gedanken durch einen uneigentlichen (Tropus, Metapher), im Allgemeinen Begriffe durch Bilder (Symbole, Allegorien, Gleichnisse) zu ersetzen, die Energie des Vorstellens durch associirte, auf das Gemüth wirkende Nebenvorstellungen zu erhöhen, mit einem Wort die gesammte Vorstellungswelt des Bewusstseins entsprechend zu tonisiren. Resultat dieses Verfahrens ist ein im Ganzen und in jedem seiner Bestandtheile lebhaftes, reiches und wohlgeordnetes Vorstellungsleben, vollkommener ästhetischer Schein, welcher nicht mit dem Schein des Vollkommenen d. i. eines einem gewissen Zwecke oder einem gewissen Begriffe Entsprechenden, Zweck- oder Begriffsmässigen zu verwechseln ist. Jener gehört dem Vorstellen, dieser dem Vorgestellten an; jener drückt aus, dass vollkommen vorgestellt, dieser würde ausdrücken, dass Vollkommenes vorgestellt werde.
121. In Bezug auf das Vorgestellte drückt die Idee der Vollkommenheit aus, dass caeteris paribus dasselbe wohlgefälliger sei, wenn es als gross, als wenn es als klein vorgestellt wird. Der einschränkende Zusatz besagt, dass ein Vorgestelltes, das seiner Natur nach eine gewisse Grösse ausschliesst, auch nicht unter dieser vorgestellt werden dürfe, weil es sonst eben nicht dies, sondern ein anderes Vorgestelltes wäre. Das Niedliche, Zarte, Milde kann daher nicht als gross, darum aber darf es auch nicht kleiner vorgestellt werden, als seine Natur es gestattet. Dagegen bekundet sich die Wirkung des Grossen unwiderleglich in der Neigung der spielenden Einbildungskraft, die Grösse vorgestellter Objecte (Räume, Zeiten, Naturgegenstände, Helden und Göttergestalten) über das Mass des Erfahrenen und Wahrgenommenen, so wie des Natürlichen ins Unbestimmte, Schranken- und Grenzenlose, Un-, Ueber-, ja Widernatürliche zu erhöhen und sich ohne Rücksicht auf Möglichkeit oder gar Wirklichkeit an der Steigerung, Häufung und Vervielfältigung von Raum-, Zeit- und Naturgrössen zu ergötzen. Beispiele derselben finden sich vor allem in der Märchen- d. i. in der Lieblingswelt der Kinder- und Kindheitsvölkerphantasie, z. B. bei den Indern, deren Imagination sich in der endlosen Anreihung von Tausenden und aber Tausenden von Jahren und Meilen, sowie in der Ausmalung der übernatürlichen Grösse ihrer Götter- und Büssergestalten, deren Haupt in die Wolken reicht, während ihr Fuss auf der Erde wurzelt, durch deren Locken sich der Gangesstrom vom Himmel herab ergiesst, die hunderttausende von Jahren auf einem Beine stehen etc., gefällt, oder bei den baltischen Letten, deren Volkssage die Ewigkeit dadurch zu schildern sucht, dass, wenn der Diamantberg im Norden, an dessen Gipfel alle hundert Jahre ein winziges Vögelchen dreimal sein Schnäbelchen wetzt, in Folge dessen in Staub verwandelt sein, die erste Minute der Ewigkeit verflossen sein wird. In allen Götter- und Heldensagen kehrt die Vergrösserung der Leibesgestalt wieder, aber auch der irdische Held sucht durch Helm und wallenden Helmbusch und dessen Scheindarsteller, der Heldenspieler, durch den Kothurn seine natürliche Grösse wenigstens scheinbar zu vermehren.
122. Aus dem qualitativen Gesichtspunkte der theilweisen, aber überwiegenden und zwar derjenigen Identität, bei welcher Einseitigkeit der Uebereinstimmung des beiderseitigen Inhalts herrscht, ergibt sich die ästhetische Idee des Charakteristischen. Dieselbe besteht darin, dass derjenige Theil des ästhetischen Scheins, der als charakteristisch bezeichnet wird, zu jenem, als dessen Charakteristik er angesehen sein will, in dem Verhältnisse des Nachbildes zum Vorbilde, der Nachahmung zum Nachgeahmten, der Copie zum Originale steht, so dass alle wesentlichen Züge des letzteren sich an der ersteren wiederfinden und beide einander ihrer Inhaltsbestimmtheit nach so ähnlich werden, als es, ohne dass beide aufhören zwei, und dahin gelangen ein einziges zu sein, nur immer möglich ist. Das Wesen dieses ästhetisch Charakteristischen ist daher von jenem des in wissenschaftlichem Sinne Charakteristischen dadurch verschieden, dass in dem letzteren Fall das Charakterisirte stets ein wirkliches oder ein wahres oder doch ein für eins von beiden gehaltenes ist, während bei dem ersteren das Vorbild eben so gut ein erfundenes (als wahr oder wirklich nur fingirtes) sein kann. Dasselbe ahmt daher weder, wie die Kunst dem Aristoteles zufolge soll, die Natur — noch, wie Winkelmann lehrte, ausschliesslich die schöne Natur nach; das Wohlgefällige der charakteristischen Nachahmung ist sowol von der Wahrheit und Wirklichkeit wie von der Schönheit des Nachgeahmten unabhängig und beruht einzig und allein auf der Treue der Nachahmung. Dieselbe gestattet daher nicht nur die Nachahmung des Hässlichen, sondern diejenige Kunst, welche vornehmlich die Idee des Charakteristischen zum Leitstern nimmt, wählt sogar dasselbe mit Vorliebe, weil dadurch der Verdacht, als sei es ihr mehr darum zu thun, Schönes, als schön darzustellen, am gewissesten abgelenkt und das Streben nach Treue der Darstellung, worin ihr eigentliches Verdienst besteht, am energischesten hervorgehoben wird. Grosse Charakteristiker, auf allen künstlerischen Gebieten, pflegen daher lieber das von Goethe treffend als solches bezeichnete „Bedeutende” als das makellose Schöne, Charakterdarsteller vorzugsweise „Charaktere” d. i. mit hervorstechenden, die Kunst der Nachahmung herausfordernden Zügen ausgestattete Individuen (Richard III., Carl und Franz Moor, Hamlet, Othello, Mephistopheles u. A.) zum Gegenstande der Darstellung zu wählen; unter den Helden Homers hat auch der Thersites nicht gefehlt.
123. An die Idee des Charakteristischen schliesst sich ein Verfahren an, welches dieselbe nicht blos in einem einzelnen vorschwebenden Theile, sondern im ganzen Umfange der ästhetischen Vorstellungswelt (des Scheins) zur Geltung zu bringen d. h. welches, wo und was immer vorgestellt werde, charakteristisch vorzustellen trachtet. Wenn die Uebereinstimmung des Vorzustellenden mit der wirklichen Vorstellung im Allgemeinen als Wahrheit, wenn dieselbe in dem besonderen Falle, da das Vorzustellende ein äusseres, ein Object der Aussenwelt ist, als äussere (geschichtliche oder naturgeschichtliche) Wahrheit bezeichnet wird, so kann jene Tendenz, in der gesammten Welt des Scheins Uebereinstimmung zwischen Vorbild und Nachbild herrschen zu machen, Streben nach innerer d. h. da das Vorbild auch ein erdichtetes sein kann, poetische Wahrheit heissen. Dasselbe geht sonach nicht darauf aus, im Sinne der äusseren Wahrheit wahr zu sein d. h. einen äusseren Gegenstand treu wiederzugeben, wohl aber darauf, im Sinne derselben wahr zu scheinen d. h. einen (gleichviel ob erfundenen oder erfahrenen) Gegenstand so treu nachzubilden, dass diese Nachahmung, wenn jener Gegenstand ein äusserer wäre, im Sinne der äusseren Wahrheit wahr genannt werden müsste. In diesem Sinne der inneren, nicht in jenem der äusseren Wahrheit hat Aristoteles' Poetik die Tragödie philosophischer als die Geschichte genannt, weil jene das Geschehende als Mögliches und daher aus innerlichen Gründen Begreifliches, diese dagegen dasselbe lediglich als Geschehenes, seinen inneren Gründen nach erst zu Errathendes darstellt; jene sonach ihren Werth in der Uebereinstimmung der Wirkungen mit ihren Ursachen d. h. in der Abspiegelung der letzteren durch die ersteren, die Geschichte dagegen lediglich in der Uebereinstimmung ihrer Darstellung mit der äusseren Wirklichkeit sucht.
124. Der qualitative Gesichtspunkt der theilweisen, aber überwiegenden, und zwar derjenigen Identität, welche in der gegenseitigen Uebereinstimmung des beiderseitigen Inhaltes sich offenbart, ergibt die ästhetische Idee des Harmonischen oder des (ästhetischen) Einklangs. Dieselbe besteht darin, dass jedes Glied des Verhältnisses, indem es das andere in sich abbildet, seinerseits ebenso von dem anderen abgebildet wird. Das Wesen des ästhetischen Einklanges unterscheidet sich daher von jenem des Charakteristischen dadurch, dass, während bei dem letzteren das Abbild zwar ganz im Vorbilde, nicht aber umgekehrt dieses in jenem enthalten ist, hier jedes Glied zugleich Nachbild und Vorbild des anderen ist. Beide Glieder enthalten einen gemeinsamen Bestandtheil, durch den sie verknüpft, und ausserdem einen entgegengesetzten, durch welchen sie aus einander gehalten werden. Je wichtiger der erste im Gegensatz zum zweiten, um desto bedeutender der Einklang, um desto nachdrucksvoller das Lustgefühl. Jenes dritte Gemeinsame stellt gleichsam den Exponenten des harmonischen Verhältnisses dar und wird, wenn die im Einklang befindlichen Glieder beide Gedanken z. B. das eine die Vorstellung der Sache, mit welcher eine andere, das andere die Vorstellung des Anderen, das mit jener verglichen werden soll, ausmacht, der Vergleichungspunkt (tertium comparationis) genannt. So bildet in der Metapher, die das Kameel als Schiff der Wüste bezeichnet, das Merkmal, dass beide, Kameel wie Schiff, als Transportmittel durch eine unwirthbare Wüste benutzbar sind, das verknüpfende — dagegen das Merkmal, dass diese Wüste bei dem einen wasserlose Sand-, bei dem anderen eine uferlose Wasserwüste ist, das trennende Element beider Gedanken. Je nachdem die harmonirenden Glieder des Einklanges Ton-, Farben-, Formen- oder eigentliche Gedankenvorstellungen sind, welche letzteren allein sich in Worten ausdrücken lassen, wird der Einklang selbst als musikalische, Farben-, Formen- oder Gedankenharmonie, je nachdem die vorhandene, aber verborgene Aehnlichkeit des Verschiedenen leicht, blitzähnlich, oder in gleichsam visionärer Intuition an den Tag tritt, als Witz oder als Tiefsinn (die sonach beide ebensowol innerhalb der Ton-, Farben- und Formen-, wie der Gedankenwelt vorkommen können) bezeichnet.
125. Geht die beiderseitige Identität der Verhältnissglieder so weit, dass beide sich nur durch die entgegengesetzte Lage im Raume unterscheiden d. h. dass das eine rechts und links gleichweit entfernt von einem idealen Mittelpunkt, oder nach oben gleichweit über, wie nach unten gleichweit unter einer idealen Ebene gedacht wird, so geht der Einklang in die Symmetrie oder den blos räumlichen Contrast (Contrapost) — wenn dagegen der Gegensatz zwischen den Verhältnissgliedern so gross, dass nur das Mass ihrer räumlichen Entfernung von einem gemeinsamen Mittelpunkt oder einer gemeinsamen Ebene dasselbe, ihre beiderseitige Richtung im Raume aber gleichfalls entgegengesetzt ist, so geht dieselbe in den nicht blos räumlichen, sondern eigentlichen (stofflichen) Contrast über. Unter die erstere fällt zum Beispiele die Anordnung gleicher Thürme in gleicher Entfernung von der Mittelaxe der Kirche nach entgegengesetzten Weltgegenden (wie z. B. beim Kölner- oder beim Stephansdom). Unter den letzteren füllt die Anordnung eines noch unverwundeten und eines schon verschiedenen Sohnes in gleicher Entfernung von der Mittelaxe der Gruppe nach entgegengesetzten Richtungen bei der Darstellung des Laokoon. Beide können wie in räumlicher, so auch in zeitlicher Anordnung, wenn an die Stelle des idealen Mittelpunktes im Raume ein eben solcher in der Zeit, und statt der räumlichen Richtung nach rechts und links, oben und unten, die zeitliche nach der Vergangenheit und nach der Zukunft hin eingeführt wird, Anwendung finden. So kehrt in der Tanzmusik nach der Coda die ursprüngliche Melodie, im Ritornell und Strophenlied der Refrain wieder und baut sich im Fortschritte der dramatischen Handlung Schürzung und Lösung vor und nach dem Knoten symmetrisch auf.
126. An die ästhetische Idee des Einklanges schliesst sich ein Verfahren an, welches dieselbe im ganzen Umfange des dem Bewusstsein vorschwebenden Scheins durchzuführen d. h. welches nur solche Bestandtheile in demselben zuzulassen bemüht ist, die unter einander nicht nur verwandt (homogen), sondern überwiegend identisch sind. Das Resultat dieses Verfahrens ist die ästhetische Einheit, welche je nach der specifischen Natur des die ästhetische Vorstellungswelt ausmachenden Scheins bald als musikalische (d. i. als Einheit der Tonwelt, des Tongeschlechts, der Tonleiter), bald als malerische (d. i. als Einheit der Licht- und Farbenwelt, der Beleuchtungsquelle, des Farbengeschlechtes u. dgl.), bald als bildnerische (d. i. Einheit der Formenwelt: der schlanken, aufstrebenden und im Spitzbogen sich wölbenden in der germanischen; der Quader, des Halbrund und der flachgewölbten Kuppel in der römischen; des horizontalen Architravs, der Säule und des Giebels in der griechischen Baukunst etc.), in der poetischen Welt bald als lyrische (d. i. als Einheit der Gemüthsstimmung), epische (d. i. als Einheit der Zeitlinie, an welcher die Begebenheiten aufgereiht werden), bald als dramatische (d. i. als Einheit der Handlung) sich kundgibt.