127. Der qualitative Gesichtspunkt der Ausschliessung des Gegensatzes ergibt die Idee der ästhetischen Correctheit. Dieselbe besteht darin, dass keine mit einander unverträglichen Vorstellungen gleichzeitig im Bewusstsein vorhanden, oder, wenn vorhanden, aus demselben beseitigt sind. Jenes kann als natürliche, dieses als künstliche, also nur auf Zeit und nur für denjenigen, welcher den Gegensatz beseitigt hat, bestehende Correctheit bezeichnet werden. Da die Abwesenheit unverträglicher Vorstellungen im Bewusstsein zwar Missfallen verhindert, selbst aber keinerlei Wohlgefallen hervorruft, so ist die Correctheit im Gegensatze zu den Ideen der Vollkommenheit, des Charakteristischen und des Einklanges, welche als solche positiv beifällig sind, nur eine negative ästhetische Idee, deren Verletzung missfällt, deren Beobachtung jedoch gleichgiltig lässt. Dieselbe stellt daher zwar die conditio sine qua non des unbedingt Beifälligen, für sich allein aber weder als natürliche, noch (und zwar noch weniger) als künstliche ein Wohlgefälliges dar. Beispiel der natürlichen Correctheit ist der natürliche, Beispiel der künstlichen dagegen der sogenannte künstliche Anstand, von welchen der erstere auf der Einhaltung der durch das natürliche Schicklichkeitsgefühl gebotenen Grenzen, der letztere dagegen auf der ängstlichen Beobachtung der conventionellen, durch gesellschaftliche Uebereinkunft festgesetzten Formen und Gebräuche des geselligen Umganges beruht. Ein Beispiel aus der Kunstwelt liefert im Gegensatze zu der natürlichen Correctheit, welche im Drama Einheit der Handlung fordert, die dem französischen Nationalgeschmack entsprungene künstliche Correctheit des classischen Dramas der Franzosen, welche noch überdies die sogenannte Einheit der Zeit und des Ortes erheischt. Während daher die natürliche Correctheit eine allgemeine und nothwendige, drückt die künstliche eine zufällige, auf den Umkreis einer Nation oder eines Zeitalters beschränkte Eigenschaft des ästhetischen Scheines aus.

128. An die Idee der Correctheit schliesst sich ein Verfahren an, welches bestimmt ist, die Ausschliessung mit und unter einander unverträglicher Bestandtheile durch den ganzen Umkreis der ästhetischen Vorstellungswelt durchzuführen. Ergebniss desselben ist die ästhetische Reinheit d. i. die Abwesenheit alles Störenden in der ästhetischen Vorstellungswelt, welche, wenn die durchzuführende Correctheit eine natürliche ist, selbst als solche, ist sie dagegen eine künstliche, als künstliche Reinheit bezeichnet wird. Dieselbe ist, wie die Correctheit, nur eine negative Eigenschaft des schönen Scheins, durch welche, wenn sie eine natürliche ist, das Missfallen für Alle, überall und auf immer, wenn sie dagegen blos eine künstliche ist, nur für diejenigen nur an jenen Orten und nur für so lange vermieden wird, für welche, an welchen und so lange das conventionelle Uebereinkommen, auf das sie begründet ist, besteht. Beispiele der natürlichen Reinheit bietet der natürliche, der künstlichen dagegen der künstlich festgesetzte Sprachgebrauch in Regel und Schrift, wie der erste zum Beispiele in der deutschen, der letztere dagegen in Folge der Herrschaft des Dictionnaire de l’Académie in der französischen Literatur stattfindet.

129. Der qualitative Gesichtspunkt der Wiederherstellung des Seins aus dem an dessen Stelle getretenen und dasselbe verdunkelt habenden Schein ergibt die ästhetische Idee der Ausgleichung. Dieselbe besteht darin, dass die wirklich im Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen, welche, sei es durch Zufall, sei es durch Absicht, aus dem Bewusstsein verdrängt und durch andere, denselben entgegengesetzte ersetzt worden sind, ohne, ja wider den Willen des Vorstellenden in das Bewusstsein zurückkehren und ihrerseits diejenigen, die ihre Stelle eingenommen haben, verscheuchen. Der durch die Unwillkürlichkeit ihres Wiederauftauchens erzeugte Schein der Unabhängigkeit der Vorstellungen vom Vorstellenden wirft auf deren Vorgestelltes selbst den gleichen Anschein der Selbstständigkeit, inneren Lebens und Beseeltseins, so dass die Bewegung der wieder auftauchenden Vorstellungen im Bewusstsein nicht als eine durch den Vorstellenden hervorgerufene, sondern als eine den Vorstellungen selbst innewohnende, als Selbstbewegung des Vorgestellten, als lebendiger Schein erscheint d. h. das Geschöpf des Bewusstseins sich in Selbstbewusstsein verwandelt. Je nachdem die aus ihrer Verdunklung wieder hergestellten Vorstellungen entgegengesetzt oder harmonische waren, wird das Product des vollzogenen Ausgleiches entweder das Dasein entgegengesetzter oder harmonischer Vorstellungen d. h. der Ausgleich selbst entweder ein solcher mit disharmonischem oder harmonischem Ausgang sein. Ersterer schliesst zwar mit einer offenen Dissonanz (wie ein Heine’sches Lied oder eine Chopin’sche Phantasie), aber das Missfallen, welches der Geltung blossen Scheins für Sein anklebt, wenigstens ist vermieden. In letzterem Falle wird nicht blos letzteres Missfallen unmöglich gemacht, sondern die wieder hergestellte ursprüngliche Consonanz lässt den Process der Ausgleichung in einen volltönenden Accord ausklingen.

130. Wie die Idee der Correctheit, so ist jene der Ausgleichung keine positive, unbedingten Beifall begründende, sondern blos negative, unbedingtes Missfallen verhütende Idee. Weder die Vermeidung des Störenden, noch die Wiederherstellung des Ursprünglichen ist an und für sich beifalls-, aber die Gegenwart des Unerträglichen und der Bestand der Lüge für Wahrheit sind an und für sich verwerfenswerth. Beide Ideen bilden daher zwar Bedingungen, ohne welche kein Schönes sein, durch welche allein aber nichts zum Schönen werden kann.

131. An die ästhetische Idee des Ausgleichs schliesst sich ein Verfahren an, welches dieselbe durch den ganzen Umkreis des ästhetischen Scheins durchzuführen, allenthalben das Sein an die Stelle des Scheins zu setzen und die ursprünglich gegebenen anstatt der für dieselben eingeschobenen Elemente der ästhetischen Vorstellungswelt wieder herzustellen bemüht ist. Ergebniss desselben ist der durch die gesammte Welt des ästhetischen Scheins verbreitete Anschein selbstständiger Lebendigkeit, inwohnender Beseelung und Bewegung, Ablösung des Vorgestellten vom vorstellenden Subjecte d. i. die ästhetische Idee der Objectivität als Beseeltheit und Seelenhaftigkeit des ästhetischen Objectes. Dieselbe geht darauf aus, die Geschöpfe des vorstellenden Subjects als Geschöpfe ihrer selbst d. i. als sich selbst den Leib ihrer äusseren Erscheinung, Bewegung und Handlung bauende und bestimmende seelenhafte Subjecte, die gesammte Welt des ästhetischen Scheins als beseelte Welt, das Kunstwerk der Phantasie wie ein Naturwerk erscheinen zu lassen. Ausdruck dieses Strebens ist die dramatische, nach der natürlichen Verkettung von Ursachen und Wirkungen aus den gegebenen Charakteren und der gegebenen Situation mit innerer Nothwendigkeit hervorspringende, scheinbar ohne Wissen und Willkür des Dichters, wie „auf eigenen Füssen” einherschreitende dramatische Handlung. Die aus dem Hirn des Dichters entsprungenen scheinbar lebendig wandelnden Gestalten gleichen den Steinen Deukalion’s, welche zu Menschen geworden sind.

132. Keine der angeführten ästhetischen Ideen ist das ganze Schöne, aber jede derselben bezeichnet ein Element des Schönen. Weder das Grosse, noch das Charakteristische oder Harmonische, noch weniger das Correcte oder das Ausgeglichene für sich erschöpft das Gebiet des unbedingt Wohlgefälligen, aber jedes der drei ersten, die eben darum die positiven Merkmale des Schönen ausmachen, stellt ein solches dar; die beiden letzteren dienen demselben wenigstens als negative Kriterien. Unter einander verglichen lassen die Eigenschaften der Vollkommenheit, Wahrheit, Einheit und Reinheit als ruhendes, lässt sich dagegen die Beseelung, Bewegung und Objectivität als bewegtes Schönes bezeichnen. Die Gesammtheit sämmtlicher ästhetischer Ideen zu einem Totalbilde vereinigt prägt dem ästhetischen Schein, wenn derselbe von geringerem, ja von dem geringsten denkbaren Umfang ist, den Stempel der Schönheit, wenn derselbe von grösserem, ja von dem grössten denkbaren Umfang ist, durch die Erweiterung der einfachen ästhetischen Ideen mittels des sich an dieselben anschliessenden Verfahrens: der Grösse zur Vollkommenheit, des Charakteristischen zur Wahrheit, des Einklangs zur Einheit, der Correctheit zur Reinheit und der Ausgleichung zur Objectivität, die nie und nirgends erlöschende Marke der Classicität auf.

133. Wie jeder der logischen Ideen, so steht jeder der ästhetischen Ideen ihr Gegenbild zur Seite. Der ästhetischen Idee der Vollkommenheit steht die der Unvollkommenheit, der des Grossen die des Kleinen, jener des Charakteristischen die des Charakterlosen, jener des Einklangs die des Missklangs gegenüber. Wie das Grosse, Reiche und Wohlgeordnete gefällt, so missfällt das Kleine, Dürftige und Zusammenhangslose. Wie das sein Vorbild in bezeichnenden und wesentlichen Zügen wiedergebende Nachbild Wohlgefallen erregt, so folgt der unbestimmten, verblasenen und verschwommenen, kaum kenntlichen Nachahmung das Missfallen auf dem Fusse. Wie das Harmonische, wo und an wem es sich findet, unbedingt Lob, so zieht das Disharmonische, wenn es nicht als Vorbereitung zu einem Harmonischen um dieser seiner dem Schönen dienenden Stellung willen geduldet wird, unbedingt Tadel nach sich. Die Gegensätze des Correcten und Ausgeglichenen sind durch die Missfälligkeit des gleichzeitig vorhandenen Unverträglichen und der Geltung des Scheins für Sein selbst als unbedingt missfällig gekennzeichnet: Incorrectheit und Trug erscheinen als unbedingt verwerflich.

134. Eine Ausnahme macht die Stellung des an sich unbedingt Missfälligen, Unverträglichen, in der Idee der Ausgleichung mit harmonischem Ausgang. Weil in diesem Fall das Ursprüngliche und am Schluss des Processes Wiederhergestellte ein Harmonisches ist und der Eindruck dieses letzteren durch die vorangegangene Verdunklung, durch dessen disharmonisches Gegentheil, wie die Erfahrung zeigt, der auflösenden Consonanz durch die vorangegangene Dissonanz, des neugeborenen Lichtes durch die vorhergegangene Finsterniss, auf das vorstellende Subject, den Beschauer und Hörer, erhöht und bestärkt wird, so tritt in diesem Fall das an sich, wenn es als Zweck gedacht wird, unbedingt auszuschliessende Missfällige (die Dissonanz, das Nachtdunkel) in die Rolle eines die Erscheinung des Harmonischen, welches als Selbstzweck nicht nur möglich, sondern gefordert ist, vorbereitenden und fördernden Mittels zurück und wird um dieser seiner dem Harmonischen nützlichen Beschaffenheit willen nicht nur zugelassen, sondern, um den schliesslichen Effect des Harmonischen auf jede mögliche Weise und zu jedem erreichbaren Grade zu steigern, mit Wissen und Willen als Hilfsmittel verwendet. Von dieser Art ist der Gebrauch der Dissonanzen in der Musik, des Licht- und Schattencontrastes, so wie der Farbengegensätze in der Malerei, des tragischen d. i. das Gerechtigkeitsgefühl beleidigenden Schicksalsverhängnisses in der Tragödie, die Einführung sittlich verwerflicher Charaktere (moralischer Schlagschatten, Bösewichter, Intriguanten) in die dramatische oder epische Handlung etc.

135. Wie die Zusammenfassung der ästhetischen Ideen das Schöne, jede derselben für sich ein Schönes, so stellen die Gegenbilder der einzelnen ästhetischen Ideen jedes für sich ein Hässliches, die Zusammenfassung aller in einem Totalbilde das Hässliche dar. Werden die Gegenbilder der einzelnen ästhetischen Ideen durch ein dem Verfahren bei den ersteren entgegengesetztes auf den ganzen Umkreis der ästhetischen Vorstellungswelt ausgedehnt, so dass in demselben durchgängig statt der Vollkommenheit Unvollkommenheit, statt der Grösse Kleinlichkeit, statt der Wahrheit Unwahrscheinlichkeit, statt der Einheit Verwirrung, statt der Reinheit Rohheit und statt der sich selbst beseelenden und tragenden Objectivität gesetzlose Willkür und genial scheinen wollender Subjectivismus herrscht, so wird, wie durch jene dem Totalbild der Stempel der Classicität, so durch diese demselben das Gepräge der ungebundenen Individualität d. i. des romantischen Subjects, die formlose Form der Romantik aufgeprägt.

136. Mit der Aufstellung der ästhetischen Ideen und ihrer Gegenbilder, der einen zur Nachahmung, der andern zur Abschreckung für jedes Schaffen, das Schönes d. i. unbedingt Wohlgefälliges hervorbringen, unbedingt Missfälliges vermeiden will d. h. mit der Aufzählung der normalen und anormalen Formen, welche Normen des ästhetischen Vorstellens und künstlerischen Producirens sind, ist das Geschäft der Aesthetik als allgemeiner Wissenschaft vom Schönen vollendet.