ERSTES CAPITEL.
Das Nicht-Ich.
231. Was überhaupt Wirkliches, dass irgendwie Wirkliches, und was oder welcher Art das Wirkliche sei, ist weder so ausgemacht, noch so leicht auszumachen, als diejenigen, welche es lieben, die Wissenschaft vom Wirklichen als allein wirkliche Wissenschaft den „hohlen Träumen der Speculation” entgegenzusetzen, zu glauben sich anstellen oder Andere gern überreden möchten. Sofern und so lange es gewiss ist, dass der Weg zum Wirklichen für das wirkliche Vorstellen nur durch das wirklich Scheinende d. i. durch den Schein des Wirklichen führt, der Schein der Wirklichkeit für das Bewusstsein früher gegeben ist und demselben näher steht als die, wenn überhaupt vorhandene, hinter demselben stehende Wirklichkeit selbst: so lange bleibt es unbestreitbar, dass die Wissenschaft vom Wirklichen zunächst und vor allem mit dem anscheinend Wirklichen sich aus einander zu setzen hat, wenn sie nicht in Gefahr gerathen soll, blos scheinbar Wirkliches für das Wirkliche selbst, oder, was in den Ohren der Freunde der Wirklichkeit noch befremdender klingen müsste, den Schein für das einzige Wirkliche zu halten.
232. Ersteres ist die Ansicht des (gemeinen empirischen) Realismus, letzteres jene des (gleichfalls empirischen, obgleich nicht eben gemeinen) Idealismus. Jener geht davon aus, dass das wirklich Scheinende das Wirkliche, dieser davon, dass der Schein eines Wirklichen das einzige Wirkliche sei. Vom Gesichtspunkt des Realismus aus sind die Dinge nicht nur, wenn, sondern sie sind auch das, was sie zu sein scheinen; von dem Gesichtspunkt des Idealismus aus sind die Dinge, die scheinen, die einzigen, welche sind. Jener schliesst jede Möglichkeit eines Zwiespaltes zwischen Schein und Wirklichkeit aus dem Grunde aus, weil das scheinbar Wirkliche mit dem Wirklichen identisch, dieser dagegen aus dem Grund, weil ausser dem Schein kein Wirkliches vorhanden ist.
233. Ersterem steht die Thatsache im Wege, dass es wirklich Scheinendes gibt, dem doch keine Wirklichkeit entspricht, letzterem der Umstand, dass, wenn dem Schein kein Wirkliches gegenübersteht, es auch keinen Schein geben kann. Der Mond, der am Horizont emporsteigt, scheint wirklich grösser als derselbe Mond, wenn er im Zenith steht, ohne dass daraus folgte, dass er wirklich grösser sei. Der wirklich vorhandene Schein ist in diesem Fall eine nothwendige Täuschung, welche dadurch, dass sie nothwendig ist, nicht aufhört, Täuschung zu sein. Die scheinbare Bewegung des gestirnten Himmels um die Erde, welche der wirklichen Bewegung der Erde um ihre Axe gerade entgegengesetzt ist, ist der Schein einer Wirklichkeit, aber nicht diese selbst. Wie in den angeführten Fällen vertreten in allen sogenannten Sinnestäuschungen, denen entweder ein Anderes als das scheinbare Wirkliche (Illusionen), oder überhaupt kein Wirkliches entspricht (Hallucinationen), anscheinende die Stelle der wirklichen Dinge, während in den sogenannten Sinnesqualitäten (Färbung, Klang, Geruch, Geschmack, Härte, Weichheit u. dgl.) anscheinende Eigenschaften, die ihren Grund nur in der Beschaffenheit des wahrnehmenden Sinnesorgans, die Stelle wirklicher Eigenschaften vertreten, die ihren Grund in der Zusammensetzung, inneren und äusseren Structur, oder in der Beschaffenheit der Oberfläche der Körper selbst haben. So ist die Farbe, die dem gemeinen Realismus als eine wirkliche Eigenschaft der Körper gilt, in Wahrheit nur eine scheinbare Eigenschaft derselben, weil sie denselben nur insofern und nur unter der Voraussetzung zukommt, inwiefern und dass ein sehendes Auge vorhanden sei, welches den Eindruck des von der Oberfläche des Körpers reflectirten Lichts auf der empfindlichen Netzhaut empfängt und in Empfindung der Farbe verwandelt. So ist der Klang, der nach derselben Anschauungsweise zu den realen Eigenschaften des tönenden Körpers gehört, nichts weiter, als die in Folge innerer oder äusserer Erschütterung der kleinsten Theile desselben hervorgebrachte periodische Wellenbewegung der atmosphärischen Luft, welche dem Hörnerven sich mittheilt und im Centralorgan des empfindlichen Nervensystems in die Sprache des Bewusstseins, in dem Reiz heterogene aber correspondirende Empfindung, aus Gehörreiz in Gehörsempfindung sich umsetzt. Ohne Augen, lässt sich sagen, wäre das All der Dinge dunkel, ohne Gehörsorgan stumm. Sämmtliche sogenannte wirkliche Eigenschaften, welche der Körperwelt Sinnlichkeit, sichtbare Gestalt für das Auge, hörbaren Reiz für das Ohr und entsprechende Wahrnehmbarkeit für die übrigen Sinnesorgane verleihen, werden denselben viel mehr von dem aufnehmenden mit Sinnesorganen ausgerüsteten Träger des Bewusstseins aufgeprägt, als diesem von jenem übermittelt, und verdienen daher mit weit grösserem Recht anscheinende d. h. den Dingen nur scheinbar anhaftende, in Wirklichkeit denselben nur angedichtete Eigenschaften zu heissen.
234. Folgt aus obiger Betrachtung, dass nicht alles wirklich Scheinende wirklich, so folgt daraus doch nicht, dass der Schein des Wirklichen das einzige Wirkliche sei. Jene Erwägung begründet den Unterschied eines scheinbar Wirklichen, dem Wirkliches, und eines ebensolchen, dem kein Wirkliches entspricht; letztere Behauptung möchte denselben verwischen und alles wirklich Scheinende in blossen Schein eines Wirklichen, somit das Wirkliche selbst in ein Unwirkliches verwandeln. Dieselbe geht von der Ansicht aus, dass, was nicht im Bewusstsein gegenwärtig, auch nicht für dasselbe vorhanden sei; dass aber, weil das im Bewusstsein vorhandene nichts anderes sein kann als Bewusstseinsvorgang, auch das für dasselbe Vorhandene ausschliesslich Bewusstseinsvorgänge sein können. Da nun, was im Bewusstsein (also als Vorstellung) vorhanden sein kann, nicht das Wirkliche selbst (die von der Vorstellung der Sache verschiedene Sache), sondern nur der Schein eines solchen (die als wirklich gedachte Sache d. i. der Gedanke der Sache) zu sein vermag, so könne alles für das Bewusstsein Vorhandene unmöglich das Wirkliche selbst, sondern nur dessen Schein, somit für dasselbe das einzige Wirkliche ausschliesslich der Schein eines Wirklichen sein. Statt daher hinter dem Schein ein imaginäres Wirkliches zu suchen, trachtet der Idealismus den Schein als nur scheinbar Unwirkliches, in Wahrheit als einziges Wirkliches festzuhalten, so dass, mit dem Realismus verglichen, das Verhältniss des Scheinbaren zum Wirklichen sich umkehrt, das in den Augen des Realismus Unwirkliche (der Schein, die Vorstellung, idea) für wirklich, dagegen das in dessen Augen Wirkliche (die Sache, dasjenige, was mehr als blosse Vorstellung ist, res) für unwirklich erklärt wird.
235. Die Widerlegung des Realismus bestand darin, dass in dem scheinbar Wirklichen, welches derselbe seinem Grundsatz gemäss, dass zwischen dem Inhalt des wirklich Scheinenden und jenem des Wirklichen kein Unterschied bestehe, für wirklich erklärt, Fälle aufgezeigt wurden, in welchen das anscheinend Wirkliche unmöglich für wirklich genommen werden konnte. Die Widerlegung des Idealismus, wenn sie denselben Weg einschlüge und in dem Inhalt des Scheins, den der letztere für das einzig Wirkliche erklärt, Widersprüche nachwiese, hätte damit nur dargethan, dass sich im Schein, also im Unwirklichen, keineswegs aber, dass sich im Wirklichen, also in dem, was mehr ist als Schein, Widersprüche vorfinden. Die bekannten Antinomien, welche Kant in Bezug auf die Möglichkeit aufstellt, dass die Welt Grenzen im Raum und einen Anfang in der Zeit, aber auch, dass sie keine Grenzen im Raume und keinen Anfang in der Zeit habe, stammen daher, weil die eine wie die andere beider einander ausschliessender Behauptungen einem Gegenstande gilt, welcher als solcher nicht der realen, sondern der Scheinwelt angehört, von einem solchen aber sich gleichzeitig einander Ausschliessendes behaupten lässt, ohne dadurch mit der Natur des Scheines, der ja als solcher ein Unwirkliches ist, also das Widersprechende erträgt, in Widerstreit zu gerathen.
236. Die Widerlegung des Idealismus, wenn überhaupt möglich, muss auf anderem Wege gesucht werden. Kann dieselbe nicht aus dem Umstande geschöpft werden, dass der Inhalt des Scheines in seinen Bestandtheilen sich unter sich selbst, so kann sie vielleicht ihren Ausgangspunkt nehmen von der Betrachtung, dass der Begriff eines Scheines, der neben sich selbst kein Wirkliches zulässt, sich selbst widerspricht. Da nun ein Scheinen undenkbar ist ohne ein Etwas, welches scheint (objectiver Schein) oder ein Etwas, welchem es scheint (subjectiver Schein) vorauszusetzen, so muss entweder dasjenige, welches scheint (das Object) und dasjenige, welchem scheint (das Subject) abermals Schein und als solcher eines weiteren, sei es Objects, sei es Subjects des Scheinens bedürftig sein, welcher Regressus sich sofort in infinitum wiederholt, oder es muss, sei es das Object, sei es das Subject, näher oder entfernter etwas anderes als Schein d. i. ein Wirkliches sein, womit die Behauptung des Idealismus, dass Schein das einzige Wirkliche sei, sich von selbst aufhebt.
237. Allerdings nur unter der Annahme, dass das nach den Gesetzen des Denkens Undenkbare unmöglich d. h. dass das nach den Gesetzen des Denkens nicht als wirklich Denkbare auch nicht wirklich sei. Folgt aus der Natur des Denkens zwar, dass der Denkende einen gewissen Denkinhalt mit Nothwendigkeit denken müsse, so folgt daraus keineswegs, dass der Seinsinhalt mit diesem nothwendigen Inhalt des Denkens eins sein müsse. So lange es kein Mittel gibt, den Inhalt des Seins mit dem Inhalt des Denkens zu vergleichen, um denjenigen Denkinhalt, der mit dem Seinsinhalt als congruent sich herausstellt, als Wissen zu fixiren (und dass es kein solches gibt, hat die Betrachtung der logischen Ideen zur Evidenz gebracht), so lange bleibt die Möglichkeit offen, dass die Dinge in der Wirklichkeit sich anders verhalten, als die Gesetze des Denkens letzteres nöthigen, das Verhalten derselben mit Nothwendigkeit zu denken d. h. dass der unvermeidliche und durch die Gesetze des Denkens demselben aufgenöthigte Denkinhalt des Denkens und der um seiner Unzugänglichkeit willen stets unbekannt bleibende Inhalt des Seins unter einander nicht übereinstimmen, ja vielleicht, was weder wahrscheinlich, noch unwahrscheinlich, sondern eben nur möglich ist, sich unter einander sogar widersprechen.