248. Das realistische Element, das Wirkliche neben dem Schein, als einzigem Wirklichen, ist sonach schon in die ursprünglichste Gestalt des Idealismus, und zwar so von Seite des Subjects, dem er scheint (des Geistes), wie von jener des Objects, das ihm scheint (der Gottheit), eingedrungen. Von jener aus angesehen, tritt das Wirkliche auf als Träger, von dieser aus angesehen, als Ursache des im Bewusstsein schwebenden Scheins. Während aber in dieser Gestalt des mit realistischen Elementen versetzten Idealismus der Träger des Scheins sich leidend (receptiv), die Ursache des Scheins allein thätig (spontan) sich verhält, sind daneben Auffassungen denkbar, nach welchen entweder der Träger sich gleichfalls wie die Ursache thätig, oder der Träger sich thätig, aber zugleich als einzige Ursache sich verhält, während eine dritte von jener ursprünglichen nur dadurch sich unterscheidet, dass als die Ursache des Scheins nicht ein geistiges d. i. ein solches Object, in dessen Natur es liegt, Subject d. i. vorstellendes Wesen zu sein, sondern ein seiner Qualität nach beliebiges Wirkliches betrachtet wird, dessen Beschaffenheit unbekannt bleibt, dessen Existenz jedoch von derjenigen des Subjects als Träger des Scheins völlig unabhängig ist.

249. Wird der Träger des Scheins d. i. das vorstellende Subject ebenso wie die Ursache des Scheins d. i. das vorgestellte Object als thätig d. i. jedes derselben als wirklich d. i. wirkend betrachtet, so stellt der im Bewusstsein schwebende Schein eines Wirklichen, die scheinbar wirkliche Welt (die Welt als Phänomenon), ein Product aus zwei Factoren, dem Subject des Vorstellens und dem Object der Vorstellung, dar, dessen Beschaffenheit sonach als solches von der Beschaffenheit seiner Factoren als solcher nothwendig abhängen muss. In dem Einfluss des Subjects auf die Beschaffenheit dieses Products besteht die Herrschaft des idealistischen, in dem Einfluss des Objects auf dieselbe jene des realistischen Elements in der phänomenalen Welt. Je nachdem jener Einfluss zur Vorherrschaft des einen oder des andern wird, nimmt diese Scheinwelt selbst vorwiegend idealistischen, auf die Seite blossen Scheines der Wirklichkeit, oder realistischen, auf die Seite der Wirklichkeit selbst hindeutenden Charakter an.

250. Der Einfluss des realistischen Objects auf das Zustandekommen der phänomenalen Welt im Bewusstsein ist der geringste, wenn dasselbe als Wirkliches durch seine Thätigkeit nichts weiter bewirkt, als dass überhaupt Schein, der als Material zum Aufbau einer phänomenalen Welt durch das vorstellende Subject verwendet werden kann, im Bewusstsein vorhanden ist. Dieser Fall tritt in jener Gestalt zu Tage, welche Kant dem Idealismus gegeben hat, und die Rolle, die das Object in obiger Darstellung spielt, ist die nämliche, die Kant seinem „Ding an sich” zugewiesen hat. Dasselbe hat ihm zufolge keine andere Bestimmung, als die Existenz, keineswegs aber die Qualität des im Bewusstsein schwebenden Scheins eines Wirklichen begreiflich zu machen. Dass ein Wirkliches ausser und neben dem vorstellenden Subjecte sei, wird durch die Thatsache der Existenz des Scheins eines solchen im Bewusstsein unzweifelhaft gemacht. Was das Wirkliche, das nebst und ausser dem vorstellenden Subjecte existirt, seiner Qualität nach sei, dagegen kann aus der Qualität des im Bewusstsein schwebenden Scheins nicht ausgemacht werden, weil diese letztere lediglich von der Qualität des vorstellenden Subjects abhängig ist. Das reale Object, „das Ding an sich”, ist der Grund, dass überhaupt im Bewusstsein Sinnesempfindungen (wie Gesichts-, Gehörs-, Geruchs-, Geschmacks- und Tastempfindungen) vorhanden sind; die Qualität des realen vorstellenden Subjects dagegen ist der Grund, dass im Bewusstsein gerade Empfindungen (wie Farben, Töne, Wohlgerüche, Wohlgeschmäcke, Härte, Weichheit) vorhanden sind. Wäre das erste nicht, so entstünde überhaupt kein Schein, wäre das letztere ein anderes, als es ist, so entstünde anderer Schein. Wie die Existenz des Scheins von jener des Objects, so hängt die Qualität des Scheins von jener des Subjects ab; der im Bewusstsein wirkliche Schein in seiner qualitativen Eigenthümlichkeit ist daher nur durch das gemeinsame Zusammenwirken des Dings an sich und der specifischen Organisation des vorstellenden Subjects d. i. (wie Kant nach der alten Terminologie seiner Wolf’schen Schulung sich ausdrückte) „des Erkenntnissvermögens” erklärlich.

251. Erklärlich aber auch, dass bei dieser Sachlage der jeweiligen thatsächlichen Beschaffenheit des sogenannten Erkenntnissvermögens an dem Zustandekommen und der Gestaltung der phänomenalen Welt der Löwenantheil zufallen muss. Liefert der objective Factor, das Ding an sich, nichts weiter als den Stoff, ja nicht einmal diesen selbst, sondern nur die Veranlassung, dass ein solcher, aus welchem die phänomenale Welt aufgebaut werden soll, überhaupt im Bewusstsein vorhanden ist, so muss der Grund der gesammten Form, in welcher der Stoff zum Aufbau zusammengeordnet, ja sogar der Form, in welcher derselbe zum Baue verwendet wird, gänzlich in dem subjectiven Factor d. i. in der Beschaffenheit des vorstellenden Subjectes d. i. in jener seines sogenannten Erkenntnissvermögens gesucht werden. Letzteres, als Baumeister der phänomenalen Welt, baut sozusagen auf eigene Hand, nicht nur nach eigenem Plan, sondern auch mit selbstgeformtem Material; das „Ding an sich” als Bauherr ist nur die Ursache, dass überhaupt gebaut wird und dass die erforderlichen Mittel zum Baue vorhanden sind.

252. Der Organismus des sogenannten Erkenntnissvermögens ist es, welchen Kant seiner „Kritik der reinen Vernunft” zu Grunde gelegt und als dessen nothwendige Folgen die kritischen Ergebnisse dieser letzteren entsprungen sind. Insofern derselbe den idealistischen Factor der phänomenalen Welt repräsentirt, hat Kant seine Philosophie als Idealismus, insofern deren Ergebnisse auf die Betrachtung desselben als der Quelle der Bedingungen aller Erkenntniss gestützt sind, als Transcendentalphilosophie, und jenen Idealismus selbst (im Gegensatz zu dem gemeinen, empirischen) als transcendentalen Idealismus bezeichnet. Die Differenz seines und des empirischen Idealismus beschränkte sich jedoch nicht auf den genannten Unterschied, sondern wurzelte zugleich in der Verschiedenheit des vorstellenden Subjectes, welches den idealistischen Factor der phänomenalen Welt ausmacht, und welches im empirischen Idealismus das individuelle Einzelsubject, in dem seinen dagegen das allgemeine Gattungssubject, oder, nach Kant’s Ausdruck, das sogenannte transcendentale Subject ist. Folge davon ist, dass die Form der phänomenalen Welt, insofern dieselbe aus der Beschaffenheit des vorstellenden Subjectes stammt, im empirischen Idealismus nur eine individuelle, zufällige, für die Vorstellungswelt des Einzelsubjectes bestimmende, im transcendentalen Idealismus dagegen eine allgemeine und nothwendige, die Vorstellungswelt aller vorstellenden Einzelsubjecte derselben Gattung bestimmende sein muss. Durch diese Einführung der Form als einer allgemeinen und nothwendigen an der Stelle der blos zufälligen und singulären überwindet Kant den Hume’schen Skepticismus, der sich an die Sohlen des empirischen Idealismus geheftet hat, und verwandelt die phänomenale Welt d. i. die Welt der Erfahrung aus einer nur für den Einzelnen giltigen und nur zufällig (durch dessen individuelle Gewöhnung) entstandenen in eine für Alle identische und nothwendig (d. i. als unausbleibliche Folge der allen gemeinsamen Organisation des Erkenntnissvermögens) entstehende Erfahrung.

253. Die beziehungsweisen Antheile des idealistischen Factors d. i. des in Allen identischen transcendentalen Subjectes einer- und des realistischen Factors d. i. des für Alle identischen (als seiner Qualität nach unbekanntes x hinter der phänomenalen Welt stehenden) Dings an sich an dem Zustandekommen einer allgemein giltigen Erfahrung sind es, welche Kant als das a priori und das a posteriori der Erfahrung bezeichnet. Zu dem letzteren gehört nach der Auffassung Kant’s nichts weiter als der sinnliche Stoff, zu welchem das „Ding an sich” den äusseren Anstoss gegeben hat; zu dem ersteren gehören sämmtliche Formen, welche demselben in aufsteigender Reihe durch die (im Sinne der alten Wolf’schen psychologischen Theorie) einander übergeordneten Stufen des sogenannten Erkenntnissvermögens, des Sinnes, des Verstandes und der Vernunft zu Theil werden sollen. Als solche betrachtete Kant bekanntlich die zwei von ihm sogenannten „reinen Anschauungsformen”, welche dem Sinn, die (zwölf) von ihm construirten „Urtheilsformen”, welche dem Verstande, und die (drei) von ihm anerkannten (Schlussformen), welche der Vernunft erb und eigen seien. Durch die Anwendung der erstgenannten, und zwar der reinen Anschauungsform des Raumes d. i. des Nebeneinander auf den durch die äusseren Sinne, der reinen Anschauungsform der Zeit d. i. des Nacheinander auf den durch den sogenannten inneren Sinn gegebenen Stoff entsteht der Schein räumlich und zeitlich verschieden angeordneter Gruppen sinnlichen Vorstellungsmaterials, welche durch die Anwendung der reinen Urtheilsformen und der daraus deducirten Stammbegriffe (Kategorien) des Verstandes den Schein wirklicher Einzeldinge, und zwar solcher erhalten, die als Substanzen Träger von Eigenschaften, und entweder als Ursachen Urheber von anderen ihresgleichen als Wirkungen, oder selbst als Wirkungen durch andere ihresgleichen als Ursachen hervorgebracht sind. Durch die Anwendung endlich der reinen Schlussformen und der daraus abgeleiteten Ideen der Vernunft entsteht der Schein solcher Wirklicher, die entweder (wie die Seele) das einheitliche Subject zu allen möglichen Prädicaten, oder (wie die Welt) die Totalität aller Ursachen und Wirkungen, oder (wie die Gottheit) als ens realissimum die Summe aller möglichen Prädicate darstellen.

254. In dem Nachweis der Nothwendigkeit der Entstehung obiger Gattungen des wirklich Scheinenden besteht das positive, in dem gleichzeitigen Erweis, dass obige Gattungen des wirklich Scheinenden nur eben so viele Gattungen vom Schein eines Wirklichen seien, das negative Resultat des Transcendentalidealismus. Hauptsächlich um des letzteren willen ist Kant der „alles Zermalmer” genannt worden. Es ist aber nicht zu übersehen, dass von anderer Seite aus angesehen Kant’s Philosophie dem negativen Ergebniss des Idealismus, der alles sogenannte Wirkliche in Schein auflöst, gegenüber ein sehr positives Ergebniss durch die nachdrückliche Betonung der Unentbehrlichkeit einer realen Unterlage der phänomenalen Welt in der Existenz des „Dings an sich” bietet, durch welche sich, wie Schopenhauer richtig gesehen hat, die zweite Auflage der „Kritik der reinen Vernunft” sehr merklich von der ersten, welche fast ausschliesslich der Hervorkehrung des idealistischen Factors gewidmet ist, unterscheidet. Nachdem diejenigen Wirklichen, welche Kant selbst als die eigentlichen Gegenstände der alten Metaphysik bezeichnet hat, Seele, Welt und Gott, sich unter dem Prisma der Kritik in blosse Scheinwirkliche aufgelöst haben, bleibt als Rest des Wirklichen das Ding an sich allein übrig, welches man mit Recht als den Rest der alten Metaphysik in Kant’s Philosophie, und dessen zu einem Minimum zusammengeschrumpfte Beschreibung man als den Inhalt dessen betrachten kann, was im eigentlichen Sinne des Wortes Kant’s Metaphysik heissen darf.

255. Dieselbe setzt sich mit Ausnahme der Behauptung der leeren Existenz durchaus aus negativen Prädicaten zusammen. Dem Ding an sich können weder quantitative noch qualitative Bestimmungen beigelegt werden. Dasselbe kann in ersterer Hinsicht weder als Eins, noch als Vieles, in letzterer Hinsicht weder als raumlos, noch als räumlich (also auch weder als unendlich, noch als endlich, weder als ausgedehnt, noch als unausgedehnt), noch als zeitlos, oder zeitlich (also auch weder als in der Zeit entstanden, noch als ewig), noch als geistig (immateriell) oder körperlich (materiell) bezeichnet werden. Alles, was der transcendentale Idealismus von demselben weiss und auszusagen berechtigt ist, beschränkt sich darauf, zu behaupten, dass es sei, aber nicht, was es sei.

256. Aber auch dies nur aus dem Grunde, weil der sinnliche Stoff als wirklicher Schein eine im Bewusstsein vorhandene Wirkung ist und daher als solche zur Ursache ein Wirkliches haben muss. Die Voraussetzung, dass jede Wirkung ihre zureichende Ursache haben müsse (das von Leibnitz sogenannte principium rationis sufficientis) gehört zu den fundamentalen Axiomen des Denkens, nach Kant insbesondere zu den dem Organismus des Erkenntnissvermögens wesentlichen Urtheilsformen des Verstandes. Aus ersterem folgt, dass sich ein Denken, für welches obiger Satz fundamentale Geltung besitzt, von einem in dieser Hinsicht anders geartet sein sollenden Denken d. i. einem solchen, für welches derselbe jene Giltigkeit nicht besässe, schlechterdings keine Vorstellung zu machen im Stande sei. Aus letzterem folgt, dass ein im Kantschen Sinn organisirtes Erkenntnissvermögen der Folgerung, dass jeder angeblichen Wirkung eine derselben genügende Ursache entsprechen müsse, schlechterdings nicht zu entrathen vermag, ohne sich selbst aufzuheben. Beides zusammen macht einleuchtend, dass die auch vom Idealismus unbestrittene Thatsache der Existenz wirklichen Scheins zu dem Schlusse führen muss, dass auch als Ursache desselben irgend ein Wirkliches existire.

257. „Wie der Rauch auf die Flamme, deutet Schein auf Sein”; in diesen Worten Herbart’s ist obiger Schluss am prägnantesten ausgesprochen. Allerdings mit dem Seitenblick, dass dieses angedeutete Sein nicht inner-, sondern ausserhalb desjenigen Wirklichen, welches den Träger des Scheins darstellt, d. i. des vorstellenden Subjects zu suchen sein möchte. Hier ist der Punkt, wo die Nachfolger Kant’s, die, wie er, auf dem Boden des Transcendentalidealismus stehen, in die einander entgegengesetzten Richtungen eines Idealismus, der sich auf das Subject des Scheins (den idealistischen Factor) d. i. eines idealistischen, und eines solchen, der sich auf das Object des Scheins (den realistischen Factor) stützt, d. i. eines realistischen Idealismus (der im Vergleiche mit jenem auch Realismus heissen kann) aus einander gehen. Aber auch die Stelle, wo diejenigen, die nicht wie Kant auf dem Boden des transcendentalen Idealismus beharren, sondern mit Umgehung des idealistischen Factors das Wirkliche unmittelbar, weder durch einen Schluss von der Wirkung auf die Ursache, noch überhaupt durch einen Act eines wie immer gearteten Denkens, sondern auf einem von diesem gänzlich verschiedenen Wege (etwa durch das Gefühl wie Jacobi, oder durch den Willen wie Schopenhauer) ergreifen zu können glauben, sich von jenen trennen und zu einem das Denken transcendirenden (deshalb fälschlich transcendental genannten) Realismus gelangt sind.