298. Einen thatsächlichen Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme liefert die Herrschaft, welche die Atomistik einerseits als philosophische über die philosophische, andererseits als physikalische über die empirische Wissenschaft vom Wirklichen gewonnen hat. In der ersteren ist dieselbe als zugleich realistische und pluralistische Grundlegung der phänomenalen Welt an die Stelle der sowol idealistischen als monistischen einstigen „Naturphilosophie”, in der letzteren ist sie, wie Fechner eben so gründlich als scharfsinnig ausgeführt hat, längst mit Recht an die Stelle der (noch von Kant begünstigten) einstigen dynamischen Naturauffassung getreten. So wenig, wie Fechner selbst zugestanden hat, die philosophische Atomenlehre mit der physikalischen identisch, so gewiss ist dieselbe mit der letzteren verträglich d. h. bietet die Existenz einer unbestimmten Vielheit einfacher wirklicher und unausgesetzt wirkender Wesen einen realen Anknüpfungspunkt dar für die Zurückführung der gesammten Phänomene der körperlichen Welt auf die Existenz unbestimmt vieler untheilbarer und daher gleichfalls „einfach” genannter, mit rastlos thätigen Kräften ausgestatteter Elemente. Dass die letzteren ihrer behaupteten Einfachheit ungeachtet von Fechner als „körperliche” bezeichnet werden, ist nur als Beleg anzusehen, dass die empirische Wissenschaft vom Wirklichen, welche innerhalb der Grenzen des sinnlich Erfahrbaren bleibt, der philosophischen, welche von Haus aus über dieselben hinaus führt, zwar stetig sich nähert, aber sie noch nicht berührt.
299. Aber nicht nur der empirischen Wissenschaft von der körperlichen, auch jener von der Bewusstseinswelt sowol des Einzel- wie des gesellschaftlichen Subjects bietet die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen, jener in dem einfachen Wirklichen eine reale, dieser in der unbestimmten Menge realer Bewusstseinsträger eine reale und pluralistische Grundlage dar. Wie die unbestimmte Vielheit einfacher Wirklicher den haltbaren Boden für den aus einer eben so unbestimmten Vielheit atomistischer Elemente zusammengesetzten Stoff der physischen Welt, so bildet das einzelne individuelle Wirkliche den haltbaren Mittelpunkt, in welchem der aus einer unbestimmten Menge elementarer Bewusstseinsvorgänge bestehende Stoff der psychischen Welt im Phänomen der Einheit des Ich’s wie in einem Brennpunkt zusammenfliesst, und macht die Vielheit individueller Wirklichen der letztgenannten Art, deren jedes für sich ein Bewusstseinscentrum abgibt, die unentbehrliche Grundlage dessen aus, was als Vereinigung durch ein gemeinsames Band unter einander verknüpfter, bewusster oder doch bewusstseinsfähiger Individuen den Stoff der Gesellschaft und der Entwickelung derselben in den Grenzen des Raums und in der Folge der Zeit d. i. der Geschichte ausmacht.
300. Letzteren, den dreifachen Stoff, den die Betrachtung der körperlichen, der Bewusstseins- und der geschichtlichen Welt liefert, aber vermag die Wissenschaft vom Wirklichen nicht der philosophischen, sondern nur der empirischen Wissenschaft von diesem zu entlehnen. Der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen kann es nicht beikommen, die unausgefüllte Kluft, welche zwischen den äussersten erlaubten Consequenzen des Denknothwendigen und den äussersten Grenzen des Erfahrbaren übrig bleibt, durch Conjecturen ausfüllen, oder den Uebergang von dem einen zum andern durch Einbildungen ebnen zu wollen, welche weder mehr in der Nothwendigkeit des Denkens, noch schon in der Möglichkeit der Erfahrung eine Rechtfertigung zu finden im Stande sind. Dieselbe hat zwar die Aufgabe, die Erfahrung zu befragen und, wenn deren Antwort ihr unbefriedigend, sei es der Form nach unvollkommen, sei es dem Inhalt nach unvollständig dünkt, dieselbe den Normen des Denknothwendigen gemäss der ersten nach zu berichtigen, dem zweiten nach deren Ergänzung abzuwarten, aber sie hat weder die Mittel dieselbe aus Eigenem zu ersetzen, noch, wenn sie nicht vom Taumel orphischen Hochmuths ergriffen ist, jemals die Anmassung, die Erfahrung überflüssig machen zu wollen. Indem sie sonach an die selbst aus der Erfahrung geschöpfte Eintheilung des erfahrbaren Wirklichen in ein solches, dessen Kenntniss aus der sogenannten äusseren (Physisches) ein solches, dessen Kenntniss aus der sogenannten inneren (Psychisches), und in ein solches, dessen Kenntniss aus der äussern und innern Erfahrung zugleich stammt (Sociales, Geschichtliches) sich unbedenklich anschliesst, begnügt sie sich, jedes der drei genannten Gebiete des Erfahrbaren mit dem auf Grund der Erfahrung, aber durch Hinausgehen über dieselbe als denknothwendig erkannten, wahren Wirklichen zu vermitteln und in einer an logischem Faden ungezwungen fortlaufenden Anordnung des durch die Erfahrung gebotenen Stoffs eine systematische Uebersicht des erfahrbaren Wirklichen in der Körper-, in der Geistes- und in der geschichtlichen Welt zu entwerfen. Jenes macht den Inhalt der philosophischen Betrachtung der sogenannten bewusstlosen Welt, oder des Nicht-Ich, das zweite den Inhalt der Betrachtung der bewussten Welt, des Ich, das dritte den Inhalt der Betrachtung einer gleichfalls bewussten, aber in dem Bewusstsein einer Mehrheit zur Einheit verknüpfter, bewusster Individuen d. i. einer Gesellschaft sich abspielenden Welt des socialen oder geschichtlichen Ich aus.
301. Die Betrachtung des Nicht-Ich beginnt mit jener des letzten, was auf dem Wege der Erfahrung, oder vielmehr schon nur durch einen Sprung, der über die wirkliche Erfahrung hinausführt, erreichbar ist, des Atoms. Dasselbe ist nach der Ansicht der Physiker (Ampère, Moigno u. A.) zwar einfach aber doch „körperlich” (Fechner); jenes bedeutet, dass dasselbe untheilbar oder doch wenigstens für jetzt nicht weiter als getheilt angesehen sein soll, dieses, dass dasselbe nichts desto weniger als materiell d. i. dem körperlichen Stoff (Materie), dessen letzten Bestandtheil es ausmacht, als gleichartig gelten soll. Erstere Eigenschaft nähert, letztere dagegen entfernt das physikalische Atom von dem philosophischen, welches letztere zwar im strengsten Sinn des Wortes seiner Qualität nach als einfach, dessen Qualität selbst aber als schlechterdings unbekannt d. h. auch nicht, wie jene des physikalischen Atoms, etwa als materiell zu denken ist. Je nachdem empirische Naturbetrachtung von der Ansicht ausgeht, dass sämmtliche Atome unter einander der Qualität nach gleich, oder einige derselben ursprünglich und unveränderlich ihrer qualitativen Beschaffenheit nach von jener der anderen verschieden sind, scheidet sich dieselbe in eine rein quantitative und in eine ganz oder doch zum Theile qualitative Atomistik, deren erstere nicht nur alle Verschiedenheiten der Körper, sondern auch sämmtliche Erscheinungen der körperlichen Welt aus den Verschiedenheiten rein quantitativer Beziehungen unter der Qualität nach homogenen, die letztere dagegen dieselben ganz oder doch theilweise aus der verschiedenen qualitativen Natur die Elemente der Körper, so wie die Grundlage körperlicher Erscheinungen ausmachender, unter einander heterogener Atome abzuleiten bemüht ist.
302. Die erfahrungsmässig gegebenen Verschiedenheiten der Körper d. i. der räumlich und zeitlich begrenzten zusammengehörigen Gruppen von Atomen, also die Unterschiede einerseits des belebten (organischen) oder leblosen (unorganischen) Körpers, ferner die Unterschiede der letzteren, als zusammengesetzte, die sich in weitere, der Qualität nach verschiedene Bestandtheile zerlegen, und einfache (die sogenannten einfachen Stoffe der Chemie), die sich in solche nicht weiter auflösen lassen, ferner die Unterschiede der letzteren selbst je nach ihrer qualitativen Beschaffenheit (z. B. des Sauerstoffs vom Wasserstoff, des Stickstoffs vom Kohlenstoff, des Calcium vom Magnesium u. s. w.) werden von der qualitativen Atomistik auf eine fundamentale qualitative Verschiedenheit der den Stoff der Körper ausmachenden letzten Elemente zurückgeführt, so dass dieselben bei den organischen Körpern andere als bei den unorganischen und ebenso bei jedem der einfachen Körper, welche die letzten qualitativ unterschiedenen Bestandtheile der zusammengesetzten abgeben, andere als bei den übrigen seien. Dieselbe betrachtet als sogenannte biologische Atomistik jeden belebten Körper als bestehend aus gleichfalls lebendigen Atomen, den sogenannten Zellen, während der leblose Körper bis in seine letzten Elemente hinab aus gleichfalls leblosen Elementen bestehend vorgestellt wird. Als sogenannte chemische Atomistik sieht dieselbe nicht nur den zusammengesetzten Körper, z. B. das Wasser, für bestehend aus qualitativ verschiedenen und zwar aus Atomen von zweierlei Art an, davon die einen sauerstoff-, die andern wasserstoffartig und davon jene mit diesen nach einem bestimmten Verhältniss, so dass auf je zwei Atome Wasserstoff ein Atom Sauerstoff (H2O) gerechnet wird (dem sogenannten stöchiometrischen Verhältniss), unter einander verbunden sind. Wird letztere Ansicht auch auf die sogenannten organischen Körper ausgedehnt, so dass diese als zusammengesetzt aus einfachen Stoffen gedacht werden, welche unter andern Verhältnissen die Bestandtheile unorganischer Körper ausmachen z. B. aus Sauerstoff, Wasserstoff, Kohlenstoff und hauptsächlich Stickstoff, so schwindet zwar der qualitative Unterschied zwischen belebten und unbelebten Körpern, aber derjenige zwischen den einfachen Körpern bleibt bestehen d. h. die Atome des Sauerstoffs sind nach wie vor qualitativ verschieden von jenen des Wasserstoffs, die des Azots von jenen des Carbons u. s. w. Zeigen nun Körper, ungeachtet die qualitativen Bestandtheile derselben die nämlichen sind, dennoch verschiedene Eigenschaften (die sogenannte Isomerie), so werden, da diese Verschiedenheit nicht mehr aus der Verschiedenheit der qualitativen Beschaffenheit der Elemente sich erklären lässt, quantitative Verschiedenheiten der (qualitativ gleichen) Körper und zwar solche, welche entweder aus dem arithmetischen Gesichtspunkt der Menge oder aus dem geometrischen der (räumlichen) Lage der Elemente entlehnt sind, zur Erklärung herangezogen. (Wie dies z. B. bei der Weinsteinsäure, welche auf die Polarisationsebene des Lichtes eine drehende Wirkung ausübt, bei der Thatsache der Fall ist, dass eine Gattung derselben unter übrigens ganz gleichen Verhältnissen jene Ebene nach rechts, eine andere dagegen dieselbe nach links dreht. In diesem Falle wird angenommen, dass die Atome der rechtsdrehenden Weinsteinsäure eine Lagerung nach rechts, jene der letzteren eine solche nach links besitzen.)
303. Das Charakteristische der quantitativen Atomistik besteht darin, dass sie diejenige Hypothese, welche die qualitative nur in Ausnahmsfällen, wie z. B. in jenem der Isomerie, zu Hilfe ruft, der gesammten Erklärung der Körperwelt als alleinige zu Grunde legt. Während dieser zufolge die Verschiedenheit der Körper in der Regel auf der qualitativen Verschiedenheit ihrer Elemente d. h. auf der Verschiedenheit ihres Stoffes und nur in einigen Fällen auf der Verschiedenheit der Zusammensetzung ihrer übrigens gleichen Elemente d. i. auf jener der Form beruht, macht jene letztere Ausnahme zur Regel d. h. betrachtet die Isomerie als eine Grund- und gemeinsame Eigenschaft aller sonst wie immer unterschiedenen Körper und leitet sämmtliche Verschiedenheiten der letztern ausschliesslich aus der Verschiedenheit ihrer Zusammensetzung aus übrigens gleichen Elementen d. i. aus der Form ab. Ihr zufolge sind daher nicht nur die Elemente des belebten nicht von jenen des unbelebten Körpers, sondern auch die Elemente irgend eines einfachen Stoffes nicht von jenen jedes beliebigen andern Stoffes verschieden. Letzteres setzt voraus, dass die gleichwol unbestreitbare Unterschiedenheit sowol der nächsten — durch die Analyse organischer Körper erreichbaren — Bestandtheile von den — durch Analyse sogenannter unorganischer Körper darstellbaren — Stoffen (z. B. des Eiweissstoffes, des Proteïns, des Caffeïns, Theïns u. dgl. von Oxygen, Hydrogen, Gold, Eisen, Platin u. s. w.) wie die gleichfalls unleugbare Unterschiedenheit der einfachen Stoffe selbst gleichwol nur eine scheinbare, der Grund derselben lediglich in der verschiedenen Art der Verbindung ursprünglich durchaus homogener Elemente zu einem Ganzen zu suchen, der sogenannte organische Körper zwar in seinen nächsten und näheren, keineswegs aber in seinen entfernten und entferntesten Bestandtheilen von den unbelebten unterschieden, so wie dass die ganze bekannte und noch zu ergänzende Reihe sogenannter einfacher d. i. weiter nicht zerlegbarer Stoffe nur als eine Reihe der Form nach unterschiedener Umbildungen eines einzigen (sei es eines der bereits bekannten Stoffe oder eines bisher unbekannten Stoffes) anzusehen sei. Erstere Behauptung, die der stofflichen Identität der lebendigen und leblosen Körper, hat in der Naturwissenschaft unserer Tage bereits weite Verbreitung gefunden; letztere Behauptung, welche auf einem weiten Umwege in exacter Weise die Ansicht der Urmutter der Chemie, der Alchymie, von der Transformationsfähigkeit der verschiedenen Körper in einander erneuert, hat in der sogenannten „Philosophie der Chemie” (J. B. Dumas) ihren Platz und durch die Aufstellung der sogenannten Typentheorie und die Entdeckung der sogenannten typischen Körper, durch welche von Einigen die grosse Zahl der bisher als einfach angenommenen Stoffe bereits bis auf acht herabgemindert scheint (Ciancian), bereits eine empirische, wenigstens annähernde Bestätigung erhalten.
304. Die Aufgabe einer logischen Uebersicht des empirischen Stoffs kann es nicht sein, über die Geltung der einen oder der andern beider entgegengesetzten Formen der Atomistik, über welche nur Thatsachen zu entscheiden vermögen, einen Ausspruch zu thun. Die logische Consequenz d. i. die innere Uebereinstimmung mit der durch die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen gelegten realen Grundlage der phänomenalen Welt hat, wie es augenscheinlich ist, die quantitative Atomistik in höherem Grade als die qualitative für sich. Ist es überhaupt richtig, dass die vielen unbedingt gesetzten einfachen Wirklichen unter einander die kleinste denkbare qualitative Verschiedenheit d. i. keine andere besitzen als diejenige, welche in deren räumlichen und zeitlichen Bestimmtheiten sich ausdrückt, so ist es nur folgerichtig, auch die Gesammtheit der letzten realen Elemente, welche zusammengenommen den Stoff der Körperwelt ausmachen, der physikalischen Atome, als einen Inbegriff qualitativ gleichartiger Elementarbestandtheile der Körper zu betrachten. Das elementare Atom, dessen Qualität eben diejenige des einzigen wirklichen Grundstoffs ist, wird sodann gleichsam die unterste Stufe einer aufsteigenden Reihe bilden, als deren einzelne Glieder nach einander die Atome der bisher sogenannten einfachen Stoffe (das Sauerstoff-Atom, das Stickstoff-Atom, das Gold-Atom u. s. w.) auftreten würden, deren jedes für sich durch eine eigenthümliche Combination, sei es von Atomen des Urstoffs, sei es von solchen, die selbst schon durch dergleichen gewonnen wären, repräsentirt würde. Die Aufstellung dieser Reihe, welche die übliche Zerlegung organischer und unorganischer Körper in deren sogenannte einfache Bestandtheile über die Grenze der bis zu diesem Augenblicke als einfach betrachteten Stoffe hinaus durch die erreichte oder doch versuchte Zerlegung dieser selbst bis zu dem schlechterdings letzten nicht blos relativ, sondern absolut einfachen Grundstoff ausdehnt, würde sodann das Ziel der Chemie als Wissenschaft ausmachen.
305. Wie der quantitativen Atomistik für die stoffliche Beschaffenheit sämmtlicher Elemente der Körperwelt eine einzige Qualität, so genügt ihr für die Art und Weise des Wirkens derselben ein einziges Gesetz; die qualitative Atomistik, insofern sie eine Mehrheit qualitativ unterschiedener Classen körperlicher Bestandtheile zulässt, bedarf für die qualitativ verschiedene Art des Wirkens jeder einzelnen derselben eben so vieler specifisch verschiedener Gesetze. So lange die Elemente organischer Körper selbst als organisch, die unorganischer Körper dagegen als unorganisch gelten, kann das Gesetz, welches das Wirken der erstern, mit jenem, welches das der letzteren beherrscht, so wenig wie das Wirken jener „lebendigen” Elemente (die Lebenskraft) mit jenem der „leblosen” Elemente (der todten Naturkraft) identisch sein. Eben so wenig kann das Wirken, welches seinen Grund in der qualitativen Verwandtschaft (Affinität) der Körper hat (chemische Anziehung) das nämliche sein mit demjenigen, das auch bei völliger Nichtverwandtschaft (Disparatheit, Heterogeneität) der Körper erfolgt (mechanische Anziehung) und folglich eben so wenig das Gesetz, welches jenes (Affinitätsgesetz, Wahlverwandtschaft), identisch mit demjenigen, welches dieses regelt (Gravitationsgesetz, Schwere). Mit der Aufhebung qualitativer Verschiedenheit der Körper tritt der umgekehrte Fall ein. Das Gesetz, welches das Wirken der Elemente organischer Körper bestimmt, braucht fortan von demjenigen, von welchem das Wirken der Elemente unorganischer Körper abhängt, eben so wenig verschieden zu sein, als das Wirken, das seinen Grund in der Verwandtschaft der Körper hat, als das Wirken der ursprünglichen Elemente d. h. als dasjenige betrachtet werden kann, für welches Gleichartigkeit oder Ungleichartigkeit derselben gleichgiltig und das daher eben so wenig durch die qualitative Aehnlichkeit wie durch den qualitativen Gegensatz der Körper bedingt ist. Sind die Elemente belebter und unbelebter Körper qualitativ dieselben, so ist auch deren Wirken und folglich dessen Gesetz dasselbe; ist das Wirken in Folge der Verwandtschaft nicht dasjenige der ursprünglichen Elemente, so ist auch dessen Gesetz nicht mit dem Gesetz des Wirkens dieser letzteren, und da diese die wahren, weil letzten Elemente der Körper sind, nicht mit jenem der wahren Körperelemente identisch. Wird daher, wie die quantitative Atomistik thut, auf die in der That letzten Bestandtheile der Körperwelt, die unter einander qualitativ nicht weiter unterschiedenen Atome zurückgegangen, so muss das Gesetz, welches das Wirken dieser letzteren regelt, das nämliche und einzige für das Wirken der gesammten Körperwelt sein. Die Aufstellung dieses Gesetzes, welches die Zerlegung der scheinbar unter einander grundverschiedenen Wirkungsweisen der scheinbar von einander qualitativ unterschiedenen Körper bis zur Auflösung der ersteren in die überall in gleicher Weise erfolgende Wirkungsweise der wahren d. i. in allen Körpern qualitativ identischen Elemente der Körperwelt verfolgt und dadurch die gesammte phänomenale Welt als unter der Herrschaft eines und desselben, wenn gleich nicht selten in so verwickelter Form auftretenden Gesetzes, dass es den Anschein eines neuen Gesetzes erhält, stehend erweist, müsste das Ziel der Physik als mechanischer Wissenschaft ausmachen.
306. Als dieses Gesetz sieht die moderne Naturwissenschaft das Gravitationsgesetz Newton’s an. Die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen bestimmt, wie oben gezeigt, das Wirken der Atome als eine Function ihres räumlichen Abstandes von einander. Die empirische geht über diese Allgemeinheit des Inhalts hinaus und bestimmt letztere näher als Abnahme des Wirkens im Quadrate der Entfernung. Dieselbe bleibt jedoch keineswegs bei der Bestimmung des Wirkens seinem Quantum nach stehen, sondern schreitet zu der Erweiterung derselben seinem Quale nach fort, indem sie dasselbe in den relativ grössten Abständen der Atome von einander als Anziehung, Attraction, in den relativ kleinsten als Abstossung, Repulsion charakterisirt. Erstere bewirkt, dass die Atome auch in den relativ weitesten Abständen von einander noch zusammengehalten, letztere macht, dass dieselben in Eins zusammen zu fallen verhindert werden. In Folge der Attraction bilden sämmtliche durch dieselbe an einander geknüpfte Atome ein nicht nur in Gedanken, sondern durch ein physisches Band zusammenhängendes Ganzes; in Folge der Repulsion bilden dieselben, weil die letztere die Annäherung der Atome an einander über das Mass einer gewissen (kleinsten) Entfernung hinaus unmöglich macht, ein discretes Ganzes. Während der Raum, der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen zufolge, demnach stetig mit „philosophischen” Atomen d. i. im strengsten Sinne des Wortes einfachen Wirklichen erfüllt gedacht werden muss, erscheint derselbe in der empirischen Wissenschaft vom Wirklichen nur in der Weise mit „physikalischen” Atomen d. i. mit im physikalischen Sinn letzten Elementen der Körperwelt erfüllt, dass zwischen je zwei derselben leerer Raum d. h. ein Zwischenraum vorhanden ist, in dem keine weiteren „physikalischen” Atome sich befinden. Dass mit der Einschiebung desselben die Schwierigkeit des Begreifens einer actio in distans d. i. eines Wirkens durch den leeren Raum hindurch wiederkehrt, pflegt, da dieselbe ja nur eine „philosophische” ist, der empirischen Physik selten Verlegenheit zu bereiten.
307. Dagegen hat sich dieselbe auf Grund der sogenannten „Imponderabilien” veranlasst gesehen, durch die Einführung eines weiteren gleichfalls körperlichen, jedoch, mit den physikalischen Atomen verglichen, relativ „unkörperlichen” Stoffs, des sogenannten „Aethers”, in die leer gelassenen Zwischenräume der physikalischen Atome, welche letzteren in demselben gleichsam, wie die Sterne am Firmament, zerstreut zu schweben, oder, wie die Fische im Wasser, in unregelmässigen Abständen zu schwimmen scheinen, der Ansicht der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen von dem stetigen Erfülltsein des Raumes durch einfache Wirkliche, um einen beträchtlichen Schritt näher zu kommen. Die Elemente desselben, die sogenannten Aetheratome, verhalten sich zu den physikalischen gleichsam wie Atome zweiter zu solchen erster Ordnung. Dieselben werden zwar eben so wenig wie diese ohne leere Zwischenräume, letztere selbst aber werden im Verhältniss zu diesen als „unendlich klein” und das von den Aetheratomen ausgehende Wirken wird zwar gleichfalls wie das der Körperatome als Anziehung und Abstossung, jedoch als nur in der kleinsten Entfernung wirksam vorgestellt. Jedes Körperatom erscheint wie von Aetheratomen eingehüllt, welche dasselbe in Gestalt einer Sphäre von allen Seiten umgeben und mit jenem zusammen unter der Form winziger Kügelchen, deren vergleichsweise dichten Kern das Körperatom, deren dünnere Peripherie die Aetheratome ausmachen, die reale durch den Raum discret vertheilte Grundlage der sogenannten Materie bilden.