335. Wie in der Physik die quantitative Atomistik der qualitativen, an Stelle der qualitativ verschiedenen qualitativ gleichartige Atome entgegensetzt, so führt dieselbe in der Psychologie, den qualitativ unterschiedenen psychischen Elementarzuständen gegenüber, qualitativ ununterschiedene primitive psychische Vorgänge in die Betrachtung ein. Jene geht von der Voraussetzung aus, dass die sogenannten einfachen Stoffe in der Chemie, diese glaubt sich zu der Annahme berechtigt, dass die sogenannten einfachen Empfindungen im Bewusstsein nicht die ursprünglichen primitiven, sondern, die einen wie die andern, aus weiteren, wahrhaft letzten Elementen und zwar jene aus unter sich gleichartigen primitiven Körper-, diese aus gleichfalls unter einander homogenen primitiven Bewusstseinselementen zusammengesetzt seien. Wie die quantitative Atomistik in der Körperwelt, so strebt sie in der Bewusstseinswelt die qualitativen auf blos quantitative Unterschiede zurückzuführen; wie in der Chemie das Sauerstoffatom als eine Gruppe primitiver Atome und dadurch als verschieden vom Kohlenstoffatom, als einer anders geformten Gruppe derselben primitiven Atome, so geht sie darauf aus, in der Psychologie z. B. die Empfindung des Blauen als eine Gruppe primitiver Bewusstseinselemente und dadurch als verschieden von der Empfindung des Rothen, als einer anders geformten Gruppe derselben primitiven Bewusstseinselemente, hinzustellen. Das qualitativ specifische Atom (z. B. das Kohlenstoffatom) ist ihrer Auffassung zufolge eine räumlich, die qualitativ specifische Empfindung (z. B. die Empfindung des Roth oder die Empfindung des Tones C) eine zeitlich geordnete Gruppe, jene von neben-, beziehungsweise ausser einander im Raume gelagerten primitiven Atomen (etwa in Gestalt eines Würfels oder einer Kugel), diese von nach, beziehungsweise auf einander folgenden primitiven Bewusstseinsacten (etwa Billionen derselben für die Empfindung des Roth, 32 derselben für den Ton des tiefen C).
336. Wie diese Ansicht in der Physik durch die Entdeckung der typischen Körper und die chemische Typentheorie, so hat dieselbe in der Psychologie durch die Entdeckung von Helmholtz, dass unsere vermeintlich einfachen Tonempfindungen zusammengesetzter Natur seien, eine Bestärkung erhalten. Jene hat es wahrscheinlich gemacht, dass die bis jetzt für einfach gehaltenen chemischen Stoffe sich in weitere zerlegen lassen und deren Analysen schliesslich zu der Annahme eines Grundstoffs führen werden; diese lässt die Vermuthung zu, dass, wie die Ton-, so auch die Empfindungen anderer Sinnesorgane sich als zusammengesetzt und schliesslich als quantitative Combinationen einer und derselben Grundempfindung erweisen werden. Mehr als jene Wahrscheinlichkeit und diese Vermuthung auszusprechen, lässt weder der gegenwärtige Stand der äussern noch jener der innern Erfahrung zu, obgleich nicht geleugnet werden kann, dass die quantitative Atomistik, wie sie der Erfahrung über die Körperwelt sich am bequemsten anschmiegt, so auch einer consequenten Betrachtung der Bewusstseinswelt Vortheile in Aussicht stellt.
337. Einer und zwar nicht der geringste besteht darin, dass durch die Zurückführung der vermeintlich specifisch verschiedenen elementaren Bewusstseinsvorgänge auf ursprünglich gleichartige die schwer empfundene Unvergleichbarkeit physischer Vorgänge, wie es die Nervenreize, und psychischer, wie es die unmittelbar durch dieselben ausgelösten und auf dieselben bezüglichen Empfindungen sind, auf das geringste denkbare Mass herabgesetzt wird. Werden, wie längst in der physischen, so nun auch in der psychischen Welt die Verschiedenheiten sämmtlicher Phänomene auf rein quantitative Bestimmungen zurückgeführt, so steht nichts im Wege, die quantitativen Bestimmungen der physischen jenen der correspondirenden psychischen Vorgänge als gleich oder doch (wie das Weber-Fechner’sche Gesetz in einem einzelnen Falle versucht hat) als irgendwie proportional zu denken und dadurch die Unvergleichbarkeit beider auf die allerdings durch nichts zu beseitigende Unvergleichbarkeit des ursprünglichen physischen (der als solcher ein extensiver) und des gleichfalls ursprünglichen psychischen Vorgangs (der als solcher ein intensiver ist) zu beschränken. Stellt der Gehirn- oder Nervenvorgang, welcher die nächste Voraussetzung der Empfindung bildet, in der Reihe der sich stufenförmig über einander erhebenden physischen Vorgänge des mechanischen, chemischen und organischen Geschehens das oberste, so stellt die unmittelbar, obgleich unvergleichbar an jene sich anschliessende, primitive Empfindung in der Reihe der sich stufenweise über einander erhebenden Formen des psychischen Geschehens das unterste oder Anfangsglied dar, aus welchem, wie dort aus der Wechselwirkung der kleinsten Körpertheilchen (physikalische Atome, Molecüle) alle höheren physischen, so durch Umbildung und Wechselwirkung alle höheren psychischen Bildungen sich entwickeln.
338. Für die primitive Empfindung d. i. für den dem elementaren Vorgang im Nervenreiz entsprechenden elementaren Vorgang im Bewusstsein hat Lotze den Ausdruck „ictus” geprägt. Derselbe macht anschaulich, dass die Wirkung eines kleinsten extensiven Vorgangs, z. B. einer einzelnen Aetherschwingung, ein kleinster intensiver Vorgang, die einer solchen entsprechende und daher im Innern so oft sich wiederholende Empfindung sein kann, als der sie veranlassende physische Vorgang, die Aetherschwingung, im äussern sich wiederholt. Wie die Empfindung selbst von der veranlassenden Schwingung, so hängt die Zahl der sich wiederholenden gleichen Empfindungen von der Zahl sich wiederholender gleicher Schwingungen ab, und wie durch die letztere in den Augen des Physikers der specifische Charakter des physischen Phänomens (z. B. durch die Zahl von 745 Billionen Schwingungen in der Secunde jener des rothen Lichtes), so erscheint durch die Zahl der sich wiederholenden primitiven Empfindungen der specifische Charakter des psychischen Phänomens (in obigem Fall der Empfindung des Rothen) in den Augen des Psychologen gegeben. Die Zahl der Schwingungen innerhalb einer bestimmten Zeiteinheit drückt für den Physiker das Quale, die Grösse der Schwingung (amplitude) die dynamische Intensität des Physischen (z. B. der Farbe) aus; eben so stellt in den Augen des Psychologen die Zahl der innerhalb derselben Zeiteinheit sich wiederholenden primitiven Empfindungen das Quale, die Stärke des einzelnen ictus durch ihr multiplum die dynamische Intensität des psychischen Phänomens (z. B. der Gesichtsempfindung des Rothen) dar. Die quantitative Bestimmung dort (das Vielfache der Schwingungen) und die quantitative Bestimmung hier (das Vielfache der primitiven Empfindungen) lassen, vorausgesetzt dass die Zeiteinheit dieselbe sei (z. B. die Secunde), der Unvergleichbarkeit der beiderseitigen Quales (der Schwingung einer- und des ictus anderseits) ungeachtet, eine Vergleichung der beiderseitigen Quanta zu und gestatten die eine durch die andre zu messen.
339. Dieselbe Voraussetzung macht es aber auch möglich, nicht nur das Verhältniss der primitiven Empfindungen selbst, sondern auch das aller aus denselben abgeleiteten psychischen Phänomene, ähnlich wie das Verhalten der körperlichen Elemente und aller daraus abgeleiteten physischen Phänomene, mit Rücksicht auf die in denselben enthaltenen quantitativen Bestimmungen und deren Relationen zu einander einer mathematischen Behandlung zu unterwerfen. Wie die Atome der Körperwelt sich als Kräfte betrachten lassen, die im Verhältniss ihrer Stärke anziehend oder abstossend auf einander wirken, so lassen die primitiven Empfindungen mit Rücksicht auf den Grad ihnen eigener Intensität als Kräfte sich ansehen, welche sich unter Voraussetzung gleichartiger Richtung verstärken, unter Voraussetzung entgegengesetzter ganz oder theilweise hemmen werden. Die exacte Naturwissenschaft trachtet die gesammten Erscheinungen der körperlichen Welt, auch die verwickeltesten, die sogenannten Lebenserscheinungen, nicht ausgeschlossen, in ihrem letzten Grunde auf Annäherungen und Entfernungen der kleinsten Theilchen der körperlichen Masse (der Molecüle und physikalischen Atome) nach statischen und mechanischen Gesetzen zurückzuführen; eine exacte Psychologie wird das gleiche Ziel, die Reduction der gesammten Bewusstseinserscheinungen auf gegenseitige Verstärkung oder Hemmung der primitiven Bewusstseinserscheinungen („Bewusstseins-Atome”) nach statischen und mechanischen Gesetzen vor Augen haben.
340. Wie die Gesammtheit der physikalischen Atome den Stoff der Körper-, so bildet die Gesammtheit primitiver Bewusstseinsvorgänge den Stoff der Welt des individuellen Bewusstseins. Wie jene erfahrungsgemäss eine begrenzte d. h. so weit reichende ist, als nach unserer Erfahrung das physische Band reicht, welches als Gravitation die Elemente der Materie zusammenhält, so ist die Menge des psychischen Materiales erfahrungsgemäss für jedes individuelle Bewusstsein eine begrenzte, deren Beginn mit dem Zeitpunkt des erwachenden (Geburt), deren Ende mit jenem des erlöschenden Bewusstseins (Tod) des Individuums zusammenfällt. Jene wie diese stellt ein Stoffquantum dar, das sich weder vermehren noch vermindern lässt, dessen Form jedoch im Laufe der Zeit, und zwar die des physischen Stoffs während der Dauer des sichtbaren Universums, die des primitiven Bewusstseinsmaterials während der Dauer des psychischen Individuums, Aenderungen in ununterbrochener Folge erfahren kann und, wie die Erfahrung, die äussere durch Beobachtung der Entwickelungsgeschichte des Weltalls, die innere durch Beobachtung der Processe im Bewusstsein des Individuums, zeigt, thatsächlich erfährt. So wenig jemals dem Begriff unbedingten Gesetztseins entsprechend das Denken ein Sein d. h. Realität hervorzubringen vermag, so wenig vermag der atomistische Träger des Bewusstseins auch nur eine einzige primitive Empfindung aus sich selbst d. i. ohne durch anderes Wirkliche gegebene Veranlassung zu erzeugen. So gewiss das Wirkliche als unbedingt Gesetztes durch das Denken zwar als solches anerkannt, aber nicht aufgehoben zu werden vermag, so gewiss kann ein einmal stattgehabtes wirkliches Geschehen (eine primitive Empfindung im Bewusstsein) durch Verleugnung von Seite des Wirklichen, in dem es geschehen ist, zwar verdunkelt, aber niemals ungeschehen gemacht werden.
341. Wie die Totalität des körperlichen Stoffs und aller daraus näher oder entfernter sich entwickelnden Erscheinungen den Inhalt des räumlich und zeitlich ausgedehnten Weltalls, so bildet die Gesammtheit des Bewusstseinsmaterials und aller näher oder entfernter daraus abgeleiteten Bewusstseinsphänomene den Inhalt des nicht räumlich, wol aber zeitlich ausgedehnten Bewusstseins. Jenes besitzt obige Eigenschaft, weil dessen Bestandtheile nicht nur ausser einander, sondern auch nach einander, dieses nur die letztere, weil dessen Bestandtheile zwar nicht blos nach einander, sondern auch mit einander, in dieser letzteren Eigenschaft aber niemals ausser einander sein können. Letzteres nicht, weil das atomistische Wirkliche, dessen Zustände sie sind, keinen Raum darbietet für eine gleichzeitige „itio in partes”. So gut die gleichzeitig existirenden Elemente des körperlichen Stoffs ihres räumlichen Aussereinander ungeachtet durch das physische Band, das sie an einander fesselt, gezwungen sind, als Theile desselben physischen Weltalls mit einander in Zusammenhang zu bleiben, so gut sind die gleichzeitig vorhandenen Elemente des individuellen Bewusstseins durch die atomistische Beschaffenheit ihres gemeinsamen Trägers gezwungen, als Theile desselben Bewusstseins unter einander in realen Zusammenhang zu treten. So wenig ein Weltkörper, durch das Band der Schwere gehalten, aus dem sichtbaren Universum und seinem Verband mit anderen Weltkörpern sich entfernen, so wenig kann irgend ein Bestandtheil des Bewusstseins der Berührung mit den gleichzeitig mit ihm in demselben Bewusstsein vorhandenen Bestandtheilen ausweichen. Derselbe ist, wohl oder übel, gezwungen, sich mit denselben, sei es feindlich oder freundlich, in Contact zu setzen.
342. Letztere Nöthigung enthält den Grund der sogenannten Ideenassociation d. i. der Vergesellschaftung der gleichzeitig in demselben Bewusstsein vorhandenen Phänomene. Derselbe ist ein „mechanischer”, demjenigen vergleichbar, dessen Wirkung wie durch einen Druck von aussen auf mittels desselben zusammengehaltene Körper ausgeübt wird, und steht so wenig, wie dieser zu der qualitativen Beschaffenheit der Körper, zu der qualitativen Beschaffenheit der associirten Phänomene in Beziehung. Nicht der Umstand, dass sie dem Inhalt nach ähnlich oder unähnlich, sondern allein die Thatsache, dass sie gleichzeitig Bestandtheile desselben Bewusstseins sind, knüpft die Erscheinungen an einander und dehnt ihre Wirksamkeit nachhaltig auch auf solche Bestandtheile des Bewusstseins aus, welche nicht ganz, sondern nur theilweise mit den eben im Bewusstsein anwesenden Erscheinungen gleichzeitig sind. Letzteres macht erklärlich, warum in demselben Bewusstsein auf einander folgende Erscheinungen, vorausgesetzt dass dieselben schon einzutreten angefangen haben, bevor die gegenwärtigen gänzlich geschwunden sind, sich mit den letzteren gleichfalls und, wenn obige Voraussetzung sich erfüllt, alle einander succedirenden Bewusstseinsphänomene sich unter einander associiren.
343. Treten daher gewisse Bewusstseinsphänomene (z. B. primitive Empfindungen) thatsächlich zugleich oder in der Weise nach einander ins Bewusstsein ein, dass die vorangehende noch fortdauert, wenn die folgende schon eintritt, so müssen sich dieselben unter einander verbinden, und zwar desto inniger, je öfter das gleichzeitige oder successive Eintreten derselben sich wiederholt. Sind nun Gründe vorhanden, welche bewirken, dass gewisse Phänomene niemals anders als gleichzeitig oder in derselben Ordnung nach einander ins Bewusstsein eintreten können, so muss diese Nöthigung, sich unter einander zu verbinden, zuletzt eine so unwiderstehliche werden, dass jene Phänomene schlechterdings nicht mehr ohne einander gedacht d. h. dass dieselben nur als ein zusammengehöriges Ganzes d. i. als Aggregat von Bewusstseinsphänomenen gedacht werden können, dessen Theile zwar eben so wenig wie die des mechanischen Körpers durch Gleichartigkeit oder Gegensatz unter einander verwandt sein müssen, aber eben so wie diese durch mechanischen Druck und Cohäsion, so durch den Zwang der Simultaneität oder Succession mit einander verbunden sind.
344. Aggregate dieser Art sind von Herbart „Complicationen” genannt worden. Das Charakteristische derselben liegt darin, dass die Beschaffenheit des Inhalts des Verbundenen gleichgiltig, der Grund der Verbindung einzig die Gleichzeitigkeit oder Aufeinanderfolge des Verknüpften ist. Daraus folgt, dass auf diesem Wege eben so gut verwandte, als gänzlich disparate Bewusstseinsphänomene zur Verbindung gelangen, und nicht nur Heterogenes, sondern selbst Widersprechendes durch die blosse Thatsache der Gleichzeitigkeit oder der Succession zu einem (im letzteren Falle sogar widerspruchsvollen) Ganzen zusammengewürfelt und durch den Zwang der Ideenassociation zusammengeschweisst werden kann. So wenig der nur mechanisch zusammengesetzte physische Körper aus qualitativ gleichartigen Elementen, so wenig braucht die Complication aus solchen zu bestehen; so gewiss aber vom Standpunkt der quantitativen Atomistik aus der chemisch einfache Körper (z. B. das Sauerstoffatom), da derselbe nichts weiter als eine eigenartig geformte Gruppe primitiver physikalischer Atome ist, nichts anderes als ein blosses Aggregat sein kann, weil bei dessen Zusammensetzung die Qualität seiner Bestandtheile noch keine Rolle spielt, so gewiss kann die im Sinne der bisherigen Psychologie einfach genannte Empfindung (z. B. die Empfindung Roth oder Ton C), wenn dieselbe nichts weiter als eine eigenartige Gruppe primitiver Bewusstseinsacte (ictus) sein soll, nichts anderes sein, als eine Complication, weil bei derselben von einer Rücksicht auf qualitative Beschaffenheit ihrer primitiven Elemente keine Rede sein kann. Das Sauerstoffatom stellt in diesem Fall unter den möglichen Gruppirungen, welche physikalische Atome überhaupt einnehmen können, eine solche dar, welche thatsächlich gegeben und von der äusseren Erfahrung unter dem Namen des Sauerstoffes fixirt worden ist; eben so möchte die vermeintlich einfache Empfindung des Rothen eine Complication primitiver Bewusstseinsacte ausdrücken, welche unter den zahllosen möglichen Combinationen primitiver Bewusstseinselemente thatsächlich gegeben und von der inneren Erfahrung durch den Namen des Roth-Empfindens vor andern ihrer Gattung ausgezeichnet worden ist.