345. Qualitativ verschiedene Empfindungen der Art (Farbenempfindungen wie Roth, Blau, Grün; Tonempfindungen wie Violinton g, h; Geruchsempfindungen wie Rosengeruch, Veilchengeruch etc.), welche selbst schon Complicationen primitiver Bewusstseinsacte sind, verhalten sich zu diesen letzteren, wie sich die qualitativ verschiedenen sogenannten einfachen chemischen Stoffe (Sauerstoffatom, Kohlenstoffatom) als Gruppen ursprünglicher Molecüle zu diesen letzteren selbst verhalten. Dieselben nehmen die nach den primitiven Bewusstseinsacten nächste Stufe unter den Bildungen des Bewusstseins, wie die chemischen einfachen Stoffe die nach den physikalischen Atomen nächste Stufe unter den Körperbildungen des Naturlebens ein und können, wie diese letzteren zu „Gemengen” einfacher Stoffe (wie die atmosphärische Luft ein solches von Sauerstoff und Stickstoff darstellt), so zu neuen Complicationen, sei es gleichartiger, sei es ungleichartiger Empfindungen sich verbinden. Wie aus der Verbindung chemisch gleichartiger Atome ein homogener Körper, so entsteht aus der Verbindung gleichartiger Empfindungen, z. B. durchgehends Empfindungen rothen Lichts, eine homogene, wie aus der Verbindung ungleichartiger Atome ein chemisches Stoffgemenge, so aus der Verknüpfung heterogener Empfindungen eine heterogene Complication. Complicationen dieser Art, die also eben so bereits fertige Empfindungen, wie diese letzteren primitive Bewusstseinsacte zur Voraussetzung haben, sind die sogenannten Anschauungen, die als solche entweder reine d. h. aus durchaus homogenen, oder gemischte d. i. aus heterogenen Empfindungen zusammengesetzt sind. Von jener Art ist die Anschauung des Rothen, von dieser die Anschauung z. B. des Goldes. Jene entsteht dadurch, dass vermöge der flächenförmigen Ausbreitung des Sehnervs als Netzhaut auf der Oberfläche des kugelförmigen Augapfels bei der Einwirkung rothen Lichts auf denselben niemals eine vereinzelte Empfindung des Rothen, sondern stets, da mehrere Punkte der Netzhaut zugleich von rothem Licht getroffen werden, eine Summe von Roth-Empfindungen d. h. eine durch Gleichzeitigkeit verknüpfte Complication unter einander homogener Empfindungen zum Vorschein kommen muss. Diese entsteht dadurch, dass mehrere unter einander verschiedene Sinne durch das angeschaute Object zugleich, jeder in seiner Weise, der Sehnerv z. B. durch den Glanz und die gelbe Farbe des Goldes, der Hörnerv durch dessen Metallklang, der Tastnerv durch dessen Glätte und Kälte u. s. w. in Erregung versetzt werden und so eine Gruppe heterogener Empfindungen gebildet wird, die unter einander durch Gleichzeitigkeit verknüpft und als Complication mit dem gemeinsamen Namen des Goldes belegt werden.
346. Wie chemisch disparate Körperbestandtheile, die zu einander keinerlei Affinität besitzen und lediglich durch mechanischen Druck zusammengehalten werden, in ihrem Verbande beharren, aber auch nur so lange beharren, als jener währt, chemisch verwandte Körperbestandtheile aber in Folge dieser Verwandtschaft eine viel innigere, und zwar so weit gehende Verbindung unter einander eingehen, dass dieselbe nicht wieder auf mechanischem, sondern nur auf chemischem Wege in Folge stärkerer Verwandtschaft mit einem anderen Körper gelöst werden kann: so bleiben reine Anschauungen, deren Bestandtheile homogen, also dem Inhalt nach unter einander verwandt sind, auf dem Niveau einer durch blosse Gleichzeitigkeit verknüpften Complication nicht stehen, sondern gehen deren Elemente in Folge ihrer Homogeneität unter einander allmälig eine viel innigere Verbindung ein, während die gemischten Anschauungen, deren Elemente unter einander disparat d. h. dem Inhalt nach gegen einander indifferent sind, fortfahren, ausschliesslich durch das Band blosser Gleichzeitigkeit vereinigt zu sein. Jene innigere Verbindung homogener Empfindungen, welche im Gegensatz zu der durch Gleichzeitigkeit erzeugten, durch deren Gleichartigkeit hervorgebracht wird, ist von Herbart treffend „Verschmelzung” genannt und dadurch von der blossen Complication in ähnlicher Weise wie die chemische Verbindung von der mechanischen unterschieden worden. Das Charakteristische derselben liegt darin, dass sie wol auf Veranlassung des gleichzeitigen Vorhandenseins homogener Bewusstseinsvorgänge, aber nicht durch diese Gleichzeitigkeit entsteht d. h. dass die gleichzeitig gegebenen gleichartigen Empfindungen zwar nicht verschmelzen könnten, wenn sie nicht gleichzeitig wären, jedoch nicht verschmelzen, weil sie gleichzeitig, sondern weil sie gleichartig sind.
347. Wie mit der Einführung des qualitativen Unterschieds der körperlichen Elemente ein neuer Gesichtspunkt in der Betrachtung der physischen Welt eröffnet und damit eine neue Stufe im Aufbau des Naturlebens erreicht wird, so treten mit der Berücksichtigung des qualitativen Unterschieds der Bewusstseinselemente nicht nur die einzelnen psychischen Bildungen, sondern auch deren Beziehungen zu, unter und auf einander in eine neue Beleuchtung. Wurden dieselben bis dahin nur auf die Thatsache hin angesehen, dass sie entweder gleichzeitig oder nach einander ins Bewusstsein eintraten und in Folge dessen, wie sie sonst immer beschaffen sein mochten, sich unter einander associiren mussten, so werden dieselben von nun an eben so ausschliesslich ihrer Verwandtschaft d. h. der ganzen oder theilweisen Identität oder dem Gegensatz ihres Inhalts nach ins Auge gefasst, in Folge deren sie, wenn sie einmal gleichzeitig oder successiv im Bewusstsein vorhanden sind, unvermeidlich mit einander in Contact treten müssen. Je nachdem jener Inhalt beschaffen, entweder ganz oder theilweise derselbe oder ein ganz oder theilweise entgegengesetzter ist, wird die Berührung der im Bewusstsein gleichzeitig vorhandenen Vorgänge, welche einander in Folge der atomistischen Beschaffenheit ihres gemeinsamen Trägers nicht auszuweichen vermögen, freundlich oder feindlich sein d. h. dieselben werden sich im ersten Fall unter einander verstärken d. h. mit einander verschmelzen, im zweiten Fall unter einander schwächen d. h. einander gegenseitig hemmen. Jener Vorgang entspricht der chemischen Anziehung zwischen qualitativ gleichen, dieser dem Kampf zwischen qualitativ ungleichen Körpern, von welchen der eine Bestandtheile enthält, welche zu dem andern eine grössere Verwandtschaft besitzen als zu ihm selbst d. h. zu ihm selbst im innerlichen Gegensatze stehen. Wie jene zu der Verschmelzung der gleichen Körper, so führt dieser zur Ausscheidung des Entgegengesetzten, worauf die zurückgebliebenen, nunmehr nicht mehr gegensätzlichen Bestandtheile sich mit einander vereinigen.
348. Wie bei der Nichtberücksichtigung der qualitativen Beschaffenheit des zu Verknüpfenden eine Association auf Grund der Gleichzeitigkeit oder Succession, so findet bei Berücksichtigung derselben zwar gleichfalls Association, aber in Folge der Gleichartigkeit oder des Gegensatzes des zu Verknüpfenden statt. Zwar lässt sich die letztere auf die erstere zurückführen, insofern Bewusstseinsphänomene, die ihrem Inhalt nach identisch sind, als gleichzeitige deshalb sich ansehen lassen, weil, wenn ihr Inhalt einmal gegeben ist, derselbe in diesem Fall als der nämliche gegeben ist, welcher in allen folgenden Fällen wiederkehrt. Allein, da jede Wiederholung desselben Inhalts nichts desto weniger ein von der ursprünglichen Vorstellung desselben verschiedener Act des Bewusstseins, also in diesem Betracht ein neues Bewusstseinsphänomen und demnach mit jenem keineswegs gleichzeitig ist, so kann der Grund der Verbindung beider demungeachtet nicht in deren (nicht vorhandener) Gleichzeitigkeit, sondern muss in der (ganzen oder theilweisen) Identität ihres Inhalts gesucht werden. Die Association durch Gleichzeitigkeit, durch welche gleichsam „mechanische”, und die Association durch Gleichartigkeit, durch welche gleichsam „chemische” Verbindungen zwischen Bewusstseinsvorgängen zu Stande kommen, ist daher wesentlich verschieden.
349. Wie in der reinen Anschauung d. i. in der homogenen Complication homogene Empfindungen, so werden in dem durch Verschmelzung entstandenen Bewusstseinsgebilde homogene, sei es reine, sei es gemischte Anschauungen unter einander verbunden. Da dieselben homogen d. h. ihrem Inhalt nach gleichartig sind, so verstärken sie einander, so dass das neu entstehende Bewusstseinsgebilde in seiner Intensität die Intensitäten aller derjenigen Anschauungen vereint, aus deren Verschmelzung unter einander es erwachsen ist. Von dieser Art sind die sogenannten sinnlichen Vorstellungen, welche als solche kein primitives Bewusstseinsgebilde, sondern erst auf Grund und durch Verschmelzung zahlreicher einzelner, unter einander gleichartiger Anschauungen allmälig geworden sind. Auf diesem Wege sucht der sogenannte Anschauungsunterricht durch künstliche Veranstaltungen, welche die wiederholte Vorführung gleicher Anschauungen durch Vorzeigung des nämlichen Gegenstandes bezwecken, sinnliche Vorstellungen von bedeutender Intensität zu erzeugen. Dieselbe stellt daher gleichsam die Summe derjenigen homogenen Einzelanschauungen dar, aus denen sie erwachsen, oder welche vielmehr in ihr zu einem Ganzen verwachsen ist, zugleich aber auch einen Kern, durch dessen überlegen gewordene Intensität jede im Verlauf des Bewusstseinsprocesses in denselben eintretende homogene Anschauung herangezogen und mit welchem dieselbe sofort, denselben neuerdings verstärkend, verschmolzen wird. Da die Stärke auf diesem Wege gebildeter sinnlicher Vorstellungen mit der Menge der Anschauungen, welche deren Unterlage im Bewusstsein ausmachen, sich fortwährend steigert, so erklärt es sich, dass solche, die aus den Anschauungen der Umgebung (z. B. der Heimat), also aus den natürlicher Weise häufigsten entstanden sind, die relativ grösste Stärke besitzen müssen und daher im Bewusstsein am längsten und dauerhaftesten sich festsetzen, aber auch auf die weiteren ihrerseits aus sinnlichen Vorstellungen auf was immer für einem Wege abgeleiteten Bewusstseinsbildungen (z. B. Begriffe) den grössten Einfluss üben müssen.
350. Wenn die sinnliche Vorstellung durch die Verschmelzung homogener Anschauungen entsteht, so leuchtet ein, dass, wenn diejenigen Anschauungen, welche die Unterlage einer gewissen sinnlichen Vorstellung ausmachen, zwar unter einander homogen, aber zugleich einem gewissen Kreise von Anschauungen, welcher seinerseits einer sinnlichen Vorstellung als Basis dient, heterogen sind, auch die durch die Verschmelzung der ersteren und die durch die Verschmelzung der letzteren entstehende sinnliche Vorstellung unter einander heterogen sein müssen. Dieselben werden je nach der Beschaffenheit der Anschauungskreise, aus welchen sie erwachsen sind, unter einander entweder gänzlich disparat, oder ihrer Heterogeneität ungeachtet mehr oder minder unter einander verwandt d. h. ihrem Inhalt nach theilweise identisch, theilweise entgegengesetzt d. h. zum Theil aus gleichen, zum Theil aus entgegengesetzten Elementen zusammengesetzt sein. Findet das erstere statt, so werden dieselben, wenn sie gleichzeitig oder nach einander im Bewusstsein vorhanden sind, sich zu einer Complication höherer Ordnung, d. i. zu einer solchen verbinden, deren Bestandtheile im Gegensatz zu den früher erwähnten niederer Gattung weder blosse primitive Bewusstseinsacte, noch Empfindungen oder Anschauungen, sondern selbst schon sinnliche Vorstellungen, also Gebilde höherer Art sind. In letzterem Falle dagegen werden dieselben unter einander, so gut es geht, sich zu verschmelzen trachten, wobei die identischen Bestandtheile in beiden die Verschmelzung begünstigen, die entgegengesetzten in beiden dagegen dieselbe mehr oder minder vereiteln werden. Dadurch wird ein Bewusstseinsgebilde zum Vorschein kommen, in welchem ein Theil völlig verschmolzen d. h. eins, der andere Theil dagegen der Verschmelzung widerstrebend d. h. in Spannung begriffen ist. Jener setzt sich aus den in sämmtlichen sinnlichen Vorstellungen, aus welchen das neue Gebilde erwachsen ist, identischen, dieser dagegen aus den in sämmtlichen obigen sinnlichen Vorstellungen von einander abweichenden d. h. sich unter einander ausschließenden Bestandtheilen zusammen; jener, der die Intensität sämmtlicher jenen sinnlichen Vorstellungen gemeinsamen Bestandtheile in sich vereinigt, besitzt eine vergleichsweise überlegene, die widerstrebenden Bestandtheile gleichsam „wider Willen” festhaltende Kraft; dieser, dessen einzelne Bestandtheile sich unter einander ausschliessen d. h. trennen möchten, aber nicht können, weil sie mit den identischen zu einem Ganzen vereinigt sind, stellt einen Zustand in sich gespannter, einander gegenseitig hemmender, aber nicht vernichtender, relativ schwacher Kräfte dar, welche gegenüber der gesammelten Intensität der in dem bleibenden Bestandtheil verschmolzenen identischen Elemente gleichsam verschwinden. Das so entstandene Bewusstseinsgebilde, das zu seinem Inhalt die sämmtlichen sinnlichen, unter einander verwandten Vorstellungen, aus denen es entstanden ist, gemeinsamen Bestandtheile, zu seinem Umfang d. i. zu seiner Grundlage im Bewusstsein aber die Summe dieser sinnlichen Vorstellungen, aus denen es entstanden ist, selbst hat, ist das sogenannte Gemeinbild oder im psychologischen Sinne der Begriff.
351. Derselbe kommt als psychisches mit dem belebten Naturkörper als physischem Gebilde insofern überein, als er, wie dieser, einen bleibenden unveränderlichen und einen veränderlichen, wechselnden Bestandtheil in sich schliesst. Vermöge des ersteren bleibt das Gemeinbild: Baum, das aus den sinnlichen Vorstellungen Birke, Buche, Tanne, Apfelbaum, Palme u. s. w. durch Verschmelzung der diesen allen gemeinsamen Bestandtheile entstanden ist, immer dasselbe, während die Merkmale, welche der Birke oder der Buche eigenthümlich sind, beliebig mit einander vertauscht werden und so das Gemeinbild bald in das Bild einer Birke, bald in das einer Buche u. s. w. verändern können. Letztere, die sinnlichen Vorstellungen Birke, Buche, Fichte u. s. w. machen den Umfang, die ihnen allen gemeinsamen Merkmale den Inhalt des Begriffs Baum aus. Dieser als identischer Vereinigungspunkt des dem ganzen Umfang Gemeinsamen stellt gleichsam „die Seele” dieses ganzen Kreises von Vorstellungen dar, in welchen derselbe als allen gemeinsamer Bestandtheil erscheint. Mit der sinnlichen Vorstellung hat der Begriff als psychisches Gebilde gemein, dass er wie diese durch Verschmelzung homogener Elemente entstanden ist. Er unterscheidet sich aber von ihr durch den Umstand, dass die Anschauungen, aus welchen die sinnliche Vorstellung erwächst, keine andern als durchaus homogene Elemente in sich schliessen, während die sinnlichen Vorstellungen, aus welchen der Begriff erwächst, neben den homogenen d. i. in allen identischen Bestandtheilen, die im Begriff mit einander verschmelzen, noch heterogene ja einander entgegengesetzte Bestandtheile in sich schliessen, die im Begriff einander hemmen und gegenseitig in Spannung versetzen. So hat die Vorstellung Birke mit der Vorstellung Tanne alle diejenigen Merkmale gemein, die der Begriff Baum enthält, aber in jener ist zugleich das Merkmal des belaubten, in dieser das des Nadeln tragenden Baumes enthalten, die sich unter einander ausschliessen. Da sich nun niemals vorhersagen lässt, ob nicht künftig ins Bewusstsein eintretende Anschauungen sinnliche Vorstellungen herbeiführen werden, welche zwar unter denselben bereits vorhandenen Begriff fallen, aber zugleich Elemente in sich schliessen, welche mit jenen aller bisherigen sinnlichen Vorstellungen des Umfangs jenes Begriffs im Widerspruch stehen, so muss der Umfang des Gemeinbildes und dadurch dieses selbst ein gewisses Schwanken zeigen, von welchem die sinnliche Vorstellung, die nichts anderes als die Verschmelzung sämmtlicher ihr zu Grunde liegenden homogenen Anschauungen zu einem einzigen Ganzen ist, sich frei erhält. Je nachdem der Zusammenhang des Begriffs mit den Vorstellungen, aus denen er stammt, mehr oder minder lose d. h. entweder ein solcher ist, bei welchem die gemeinsamen Bestandtheile von den sich unter einander ausschliessenden sich noch nicht so weit losgemacht haben, dass nicht mit dem Vorstellen der ersteren zugleich eines oder einige der letzteren (mit Ausschluss der übrigen) vorgestellt würden, während im anderen Falle die Verbindung zwischen den gemeinsamen und den individuellen Bestandtheilen bereits so weit gelockert ist, dass die ersteren rein und ohne Begleitung eines oder mehrerer der letzteren vorgestellt werden, scheiden sich die Begriffe als psychische Gebilde in eine niedere und eine höhere Ordnung, welche zugleich an die entsprechende der organischen Körperwelt erinnern. Im ersten Fall, so lange das Gemeinbild nicht rein, sondern jedesmal unter Begleitung eines oder mehrerer Merkmale, die nicht dem ganzen Umfang, sondern nur einem Theile desselben eigen sind, vorgestellt wird (z. B. der Baum nur als belaubt, während es doch auch Coniferen gibt, oder nur als ästig, während es doch auch astlose Bäume wie die Palmen gibt), erscheint dasselbe gleichsam wie die Pflanze an den Boden, aus dem es erwachsen ist d. i. an die sinnlichen Vorstellungen geheftet, die dessen Unterlage im Bewusstsein bilden, ohne sich von der „Scholle” losmachen und frei (wie das Thier in seinen Bewegungen) über die sinnlich anschauliche Basis, in welcher es seine Wurzel hat, erheben zu können. Auf dieser Stufe wird z. B. das Dreieck, weil es aus den Vorstellungen eines recht-, stumpf- oder spitzwinkeligen, eines gleichseitigen, gleichschenkligen oder ungleichseitigen, eines ebenen oder sphärischen Dreiecks erwachsen ist, jedesmal unter dem Bilde eines von diesen d. h. es wird entweder als spitzwinklig oder als rechtwinklig, als gleichseitig oder als ungleichseitig, niemals aber als keines von diesen d. i. rein als Dreieck (in abstracto) vorgestellt. Die Eierschale der sinnlichen Vorstellungen, aus denen es erwachsen ist, klebt dem aus dem Ei geschlüpften Küchlein des psychischen Begriffs in diesem Stadium der psychologischen Entwickelung gleichsam noch auf dem Rücken an. Dasselbe erhält sich um so länger, je kleiner und homogener der Kreis der sinnlichen Vorstellungen ist, aus welchen das Gemeinbild seine Nahrungssäfte zieht. Denn je gleichartiger die sinnlichen Vorstellungen unter einander d. h. je geringer an Zahl und Intensität die unter einander entgegengesetzten Bestandtheile derselben sind, desto weniger hemmen und verdunkeln sich dieselben unter einander; desto weniger wird der Zusammenhang zwischen den identischen und den particulären Merkmalen d. i. zwischen dem Begriff und seinem Umfang aufgehoben, und desto leichter werden mit den gemeinsamen auch eines oder einige besondere Merkmale d. h. wird das Gemeinbild selbst in einer besonderen Färbung (in concreto) vorgestellt. Je reicher und mannigfaltiger dagegen der Umkreis der sinnlichen Vorstellungen wird, um desto grössere Gegensätze finden zwischen den letzteren statt, um so mehr löschen die einander entgegengesetzten Merkmale sich unter einander völlig aus, um desto mehr wird der Zusammenhang zwischen den allen gemeinsamen und den individuell besonderen Merkmalen gelockert, um desto weniger tritt eine Nöthigung ein, im Gemeinbilde nebst den gemeinsamen auch noch eines oder einige nur particuläre Merkmale vorzustellen, um desto mehr löst sich das Gemeinbild als ein abstractes von der ihm zu Grunde liegenden Vorstellungsunterlage im Bewusstsein ab und schwebt als ein auf dieser zwar erwachsenes, aber nicht mehr mit ihr verwachsenes Gebilde frei über der Sphäre concreter Vorstellungen. Erst das auf diese Stufe der Entwickelung erhobene Gemeinbild ist wahres Allgemeinbild d. h. stellt nicht blos eines, einige oder viele Theile des Umfangs, sondern im eminenten Sinn den ganzen Umfang vor und kann, statt wie bisher an einem Theile desselben mit Ausschluss des übrigen zu haften, über alle Theile desselben ohne Ausnahme frei hin und her sich bewegen. Das so geläuterte Gemeinbild ist wirklich Begriff, denn es begreift sämmtliche Glieder seines Umfangs unter sich, zugleich in dieser abstracten Reinheit aber auch ein blosses „Ideal”, dem sich das wirklich vorhandene Gemeinbild zwar zu nähern, welches dasselbe jedoch niemals vollkommen zu erreichen vermag, weil der Zusammenhang zwischen den gemeinsamen und zum Begriff verschmolzenen und den individuellen, den sinnlichen Vorstellungen angehörigen Merkmalen zwar vermindert, aber niemals zerrissen werden kann und daher der thatsächliche Begriff eine, wenn auch noch so leichte Färbung auf Grund seines Ursprungs immer an sich tragen muss. Letzteres ist um so weniger zu verwundern, als ja auch der thierische Organismus, seiner, mit der Sesshaftigkeit der Pflanze verglichen, frei erscheinenden Beweglichkeit ungeachtet, dem Boden seiner Heimat und den Bedingungen seiner Geburt verhaftet bleibt und sich fremden Himmelsstrichen entweder gar nicht, oder nur höchst allmälig durch Acclimatisation einverleibt.
352. Die höchste Stufe erreicht der Begriff, wenn er sich selbst begreift d. h. wenn er das auf dem Grunde der sinnlichen Vorstellungen erwachsene Gemeinbild sich selbst vorstellt. Dieses geschieht, wenn das im Bewusstsein vorhandene Gemeinbild jedes andere in demselben Bewusstsein auftauchende homogene, psychische Gebilde in Folge dieser seiner Homogeneität als gleichartig erkennt, vermöge seiner überlegenen Intensität an sich zieht und mit sich selbst verschmelzt. Dasjenige Gebilde, von welchem die Verschmelzung ausgeht (das thätige), spielt dabei die herrschende, dasjenige, welches mit demselben verschmolzen wird, das leidende, die unterthänige Rolle. Jenes erscheint als das überlegene, das sich des anderen bemächtigt; gleichsam als der Krystallisationspunkt, an welchen das andere anschliesst, oder als der Organismus, welchem das andere zur Nahrung dient. Wie der thierische Organismus den pflanzlichen (die vegetabilische Nahrung) sich assimilirt, so wird von dem mächtigeren psychischen Gebilde das ihm homogene schwächere appercipirt d. h. nicht blos als vorhanden wahrgenommen (percipirt), sondern als verwandt d. h. ihm zugehörig erkannt und als das seinige in Besitz genommen (appercipirt). Hat sich einmal der Begriff Baum im Bewusstsein festgesetzt, so reisst derselbe jede später in dasselbe eintretende homogene Erscheinung d. i. jede künftige Wahrnehmung irgend eines Baumes sofort als ihm zugehörig an sich und fügt sie als ihm Gleichartiges zu sich als bereits vorhandenem psychischem Gebilde hinzu, welches dadurch naturgemäss zu immer grösserer Stärke und dem entsprechender Macht im Bewusstsein anwachsen muss.
353. Psychische Bildungen dieser letzten Art, welche nicht mehr weder zunächst noch entfernt blosse Perceptionen d. h. wie die primitiven Bewusstseinsacte durch extensive (äussere) veranlasste intensive (innere) Zustände oder, wie die Anschauungen, sinnlichen Vorstellungen, niederen und höheren Gemeinbilder aus jenen durch Complication oder durch Verschmelzung entstanden, sondern Apperceptionen d. h. andere ihresgleichen beherrschende Phänomene sind, lassen sich als im Bewusstsein vertheilte Centralmassen betrachten, deren jede zahlreichen andern zum Mittel-, Sammel- und Vereinigungspunkte dient. Da die Macht derselben über andere ihresgleichen von ihrer eigenen, relativ diesen überlegenen Intensität abhängt, indem jede Vorstellungsmasse eine ihr ähnliche desto leichter sich aneignen wird, je stärker sie selbst und je schwächer die letztere ist, so ist es klar, dass diejenige, welche durch die Umstände begünstigt, nothwendig von allen die stärkste werden, zugleich die stärkste Anziehungskraft erlangen und schliesslich die übrigen alle oder doch fast alle sich aneignen muss. Eine solche aber ist diejenige Vorstellungsmasse, welche sich auf den Vorstellenden d. i. auf den Träger des Bewusstseins selbst bezieht und deshalb als „Ich” bezeichnet wird. Während z. B. die Vorstellung des Baumes nur dann im Bewusstsein vorhanden sein kann, wenn die Anschauungen, aus welchen dieselbe erwächst, wirklich in das Bewusstsein jemals eingetreten sind, und demnach jenem nothwendig fehlen muss, dem jene Anschauungen mangeln (eben so wie dem Blinden die Farben, dem Tauben die Töne u. s. w.), kann eine auf sich selbst bezügliche Vorstellung dem Vorstellenden niemals abgehen, weil die Anschauungen, auf deren Grund dieselbe erwächst (zunächst die Empfindungen des eigenen Leibes) demselben nie fehlen können; und dieselbe muss nothwendig unter allen übrigen die relativ höchste Intensität erreichen, weil die Veranlassungen zu derselben mit jenen aller andern Vorstellungen verglichen die häufigsten und, wie der eigene Leib, dem Bewusstsein beinahe ununterbrochen gegenwärtig sind. Zwar durchläuft dieselbe als psychisches Gebilde eine Reihe von Entwickelungsstadien, in deren Verfolge sich dieselbe immer mehr von überflüssigen d. h. zur reinen Ich-Vorstellung wesentlich nicht erforderlichen Bestandtheilen befreit und aus einer Vorstellungsmasse, welche zunächst aus den Vorstellungen des eigenen Leibes und seiner Bestandtheile besteht, allmälig zu jener des reinen Sichselbstwissens im Selbstbewusstsein hinauf läutert; allein ihre bevorzugte Stellung und in deren Folge ihre appercipirende Macht über die übrigen Bildungen im Bewusstsein bleibt immer dieselbe und bewirkt, dass zuletzt nur dasjenige als im Bewusstsein wirklich vorhanden angesehen wird, was, weil vorhanden, durch das Ich appercipirt und als das Seinige angeeignet worden ist.
354. In dieser appercipirenden Macht, welche die Ich-Vorstellung über die Gebilde des Bewusstseins im weitesten Umfange ausübt, liegt der Grund, weshalb der sich selbst begreifende Begriff d. i. das zur appercipirenden Vorstellungsmasse gewordene Gemeinbild „Ich-ähnliche” Vorstellung genannt werden kann. Derselbe kann, während er für die Vorstellungen seines Kreises im Bewusstsein das Centrum bildet, seinerseits von der Ich-Vorstellung, welche das Centrum des individuellen Bewusstseins ausmacht, als zu ihrem Kreise gehörig appercipirt werden. Jeder derselben lässt sich mit einem jener kleineren Centralkörper, im Weltraum vergleichen, welcher seinerseits wieder einem grösseren ein ganzes Weltsystem beherrschenden Centralkörper unter- und in dessen Umkreis eingeordnet ist. So wenig die Abhängigkeit von diesem die relative Selbstständigkeit jenes ersten anderen gegenüber, so wenig schliesst die Apperception des zum Begriff gewordenen Gemeinbilds durch das Ich die Fähigkeit des ersteren aus, seinerseits zu seinem Kreise gehörige Vorstellungen als die seinigen zu appercipiren. Wie die Ich-Vorstellung den appercipirenden Begriff im Grossen, so stellt jeder für sich ein Ich im Kleinen dar und öffnet dadurch die Möglichkeit, unabhängig vom Ich als ein solches für sich d. h. als ein anderes Ich im Bewusstsein sich geltend zu machen.