365. Die dritte Art des wirklichen Geschehens ist der Stoffwechsel. Derselbe bildet den Abschluss der physischen Welt, indem der Reiz (der extensive physische) sich in Empfindung (den intensiven psychischen Zustand) umsetzt d. h. der reale sich in einen Bewusstseinsvorgang verwandelt. Derselbe bildet den Abschluss der psychischen Welt, indem der intensive psychische (Vorstellung, Gefühl, Wollen) sich in einen extensiven physischen Zustand (Lautsprache, Geberdensprache, Handlung) umsetzt und so der Bewusstseinsvorgang in einen realen Vorgang sich verwandelt. Wie dort die Bewegung der Moleculartheilchen des Nervensystems als Empfindung in das Bewusstsein, so wird hier der Gedanke durch den tönenden Laut des Worts, das Gefühl durch den sichtbaren Ausdruck der Miene, der Wille durch die von ihm veranlasste Bewegung des eigenen und dadurch mittelbar eines oder mehrerer fremder Körper wieder in die materielle d. i. in die Körperwelt aufgenommen, indem die durch das Stimmorgan schallend bewegte atmosphärische Luft als Verkörperung des Gedankens, die unwillkürlich veränderte oder (im Affect) verzogene Physiognomie als Verleiblichung des Gemüths, die durch Muskelbewegung der eigenen Leibesglieder bewegte Verschiebung der anstossenden Nachbarkörper als sich bethätigende Aeusserung des eigenen Willens erscheint. Die erste als hörbares Zeichen für die Vorstellung liefert das Werkzeug für die Bewahrung und Mittheilung der Gedankenwelt und als solche die Grundlage der Sprache. Die zweite als sichtbares Zeichen für das im Innern lebendige Gefühl liefert das Material zur Veranschaulichung des Anderen (Höheren, Niederen oder Gleichen) gegenüber vorhandenen oder doch vorhanden zu sein scheinenden Gefühls und bildet als solches die Grundlage der Sitte. Die dritte als physischer Ausdruck des entweder wirklich oder doch dem Anschein nach vorhandenen Wollens liefert den greifbaren Stoff zur Beurtheilung des gegen Andere beobachteten streitsüchtigen oder friedlichen Verhaltens und bildet als solcher die Grundlage des Rechts. Indem das individuelle Ich auf diese Weise sein Inneres nach aussen kehrt, die Vorgänge seines Bewusstseins in Reden, Geberden und Thaten umsetzt und dadurch für andere seinesgleichen hörbar, sichtbar und greifbar macht, wird dasselbe aus einem vereinzelten zum sociabeln d. i. des geselligen Zusammenseins mit Anderen fähigen und dadurch in Vereinigung mit diesen zur Grundlage eines Mehreren gemeinsamen d. i. des Social-Ichs.

366. Wie die Gesammtheit der Weltkörper und ihrer „Parasiten” den physischen Kosmos, so macht die Gesammtheit der im individuellen Bewusstsein während der gesammten Fortdauer desselben vertheilten Bewusstseinsgebilde (Empfindungen, Anschauungen, Begriffe, Gefühle, Begehrungen und Willensacte), soweit dieselben der innern Erfahrung zugänglich sind, in ihren gegenseitigen Beziehungen zu und ihrer relativen Abhängigkeit von einander, von den primitiven, namenlosen Bewusstseinsacten, deren jedem ein ebenso anonymer Nervenreiz oder eine unmerkliche Transversalschwingung des Weltäthers entspricht, bis zu den höchsten und ausgearbeiteten des abstracten Allgemeinbegriffs, des verfeinerten Geschmacksurtheils und des der empfindlichsten Gewissensstimme willig gehorchenden Willensentschlusses herauf die Seelenwelt des Individuums aus. Wie dort die Totalität des physischen Geschehens die Naturgeschichte des Weltalls, so stellt hier der Inbegriff des im individuellen Bewusstsein nach unveränderlichen Naturgesetzen sich vollziehenden Geschehens, von der Wechselwirkung zwischen den primitiven Bewusstseinsacten bis zu der logischen Verbindung von Anschauungen zu Begriffen, Begriffen zu Urtheilen, Urtheilen zu Schlüssen, Schlüssen zu Gedankensystemen und dieser, wenn ihr Inhalt es gestattet, zu einem sie alle umfassenden Universalsystem einer-, von den leisesten Regungen der Lust und Unlust bis zu Entzücken und Jammer und den verheerenden Stürmen affectvoller Gemüthserschütterung, von sinnlichen Gelüsten und kindischen Wünschen bis zu sittlichen Entschliessungen und männlichen Thaten andererseits herauf, soweit dasselbe der innern Erfahrung zugänglich ist, den Entwickelungsprocess des Bewusstseins, die Naturgeschichte der Seele dar.

DRITTES CAPITEL.

Das Social-Ich.

367. Wie mit der Einkehr des anziehend oder abstossend nach aussen gewandten einfachen Wirklichen in sich selbst die Möglichkeit des individuellen, so ist mit der Auskehr des Innern in Rede, Geberde und Handlung die Möglichkeit eines Mehreren gemeinsamen Bewusstseins gegeben. Letzteres kann nicht bedeuten, dass in Mehreren dasselbe, sondern nur dass in Mehreren ein gleiches Bewusstsein oder, was dasselbe ist, dass der Inhalt des jeweiligen individuellen Bewusstseins Mehrerer das gleiche, dieses Bewusstsein selbst aber nichts desto weniger bei jedem das eigene sei. Identität des Bewusstseins in dem Sinne, dass dasselbe Bewusstsein in Allen sei, würde die Individualität der Einzelnen in den blossen Schein einer solchen verwandeln, das Bewusstsein des Einzelnen in einen Bewusstseinsact des in Allen identischen Allgemeinbewusstseins auflösen. Letzteres darf daher nicht als Substanz, zu welcher die Einzelbewusstsein wie vorübergehende modi sich verhalten, sondern muss als Summe der in Mehreren gleichen d. i. dem Inhalt, nicht der Zahl nach eins seienden Bewusstseinsacte gedacht werden. Die Einzelbewusstsein, welche zusammengenommen die Voraussetzung eines ihnen allen gemeinsamen Bewusstseins ausmachen, sind ihrer realen Basis nach so wenig eins, dass derselbe Bewusstseinsinhalt in dem einen mit grösserer, in dem andern mit geringerer Lebhaftigkeit, dort mit völliger Klarheit, hier im ungewissen Dunkel vorhanden sein kann, ohne dass derselbe aufhört, jenem mit diesem gemein und dadurch ein integrirender Bestandtheil des gemeinsamen Bewusstseins, der „Volksseele” zu sein.

368. Niemals darf die letztgenannte als eine von den „Seelen” der Angehörigen des Volks real unterschiedene, gleichsam als eine Seele vor, neben oder über den ihrigen gedacht werden. Dieselbe stellt nichts weiter als den mit einem Namen bezeichneten Inbegriff dessen dar, worin alle Volksangehörigen als vorstellende, fühlende und strebende Wesen mit einander dauernd übereinstimmen d. h. was abgesehen von den Privat- und individuellen Meinungen, Geschmäcken und Gelüsten jedes Einzelnen den bleibenden und Allen gemeinsamen Bestandtheil ihres Fürwahrhaltens, Werthhaltens und Anstrebens ausmacht.

369. Weil nun jeder Versuch, über die Gemeinsamkeit des Inhaltes individuell verschiedener Einzelbewusstsein ein Urtheil zu fällen, nicht nur voraussetzt, dass dieser Inhalt selbst äusserlich wahrnehmbar, sondern auch dass er Anderen verständlich sei, so folgt, dass die Entstehung einer auf das Bewusstsein gemeinsamen Bewusstseinsinhaltes gegründeten Vereinigung Mehrerer zur Einheit die Möglichkeit gegenseitig verständlicher Mittheilung durch Allen gemeinsame äussere Zeichen der inneren Vorgänge bedingt. Letztere werden, insofern sie bestimmt sind, das Innere Anderen sinnlich wahrnehmbar zu machen, je nach der Verschiedenheit der Sinne verschiedenartige (hörbare, sichtbare, tastbare etc.) sein können, da die Gemüthsvorgänge, zu deren Versinnlichung für Andere sie dienen sollen, verschiedene (Empfindungen, Anschauungen, Begriffe, aber auch Gefühle und Willensacte) sind, je nach der Art dieser letzteren andere sein müssen. Jener Umstand erzeugt die Laut- und Tonsprache, die zur Bezeichnung hörbare, die Schrift- und Geberdensprache, die zur Bezeichnung sichtbare, die monumentale oder Gedenksprache, die zur Bezeichnung tastbare Zeichen verwendet. Von diesem Gesichtspunkt aus lässt sich die Sprache des Gedankens von jener des Gefühls und des Willens unterscheiden. Von den drei letztgenannten verwendet die Sprache der Vorstellung meist hörbare, als (chinesische und mexikanische) Bilderschrift aber auch sichtbare Zeichen, wobei auf die Beschaffenheit der zu verkörpernden Vorstellungen Rücksicht genommen wird. Sind dieselben z. B. Empfindungen (Farben- oder Tonempfindungen), so können dieselben nur dadurch Anderen mitgetheilt werden, dass man die ihnen entsprechenden Sinnesreize erzeugt d. h. durch Töne (Musik) und Farben (Colorit). Sind dieselben sinnliche Vorstellungen, deren Objecte in der Erfahrung gegeben sind, so können dieselben Anderen mitgetheilt werden, entweder indem jene Objecte ihnen selbst vor Augen geführt (demonstrirt) oder statt der Gegenstände selbst deren Bild zur Anschauung gebracht wird (Bilderschrift, Anschauungsunterricht). Sind sie dagegen Begriffe, also solche Vorstellungen, deren Objecte in der Erfahrung nicht angetroffen werden, die also auch nicht durch die letzteren oder deren Bilder sichtbar gemacht werden können, so bleibt nur übrig, entweder jene Begriffe durch sinnliche Vorstellungen (Symbole) zu ersetzen und sodann diese durch ihre Gegenstände oder deren Bilder sichtbar zu machen, oder zu deren Bezeichnung hörbare Zeichen zu wählen (Lautsprache). Letztere selbst werden entweder so gewählt, dass sie mit dem Gegenstand der zu bezeichnenden Vorstellung eine Aehnlichkeit haben oder doch an diesen erinnern (Onomatopöïen, natürliche Lautsprache) oder, wenn dies nicht der Fall ist, willkürlich festgesetzt (conventionelle Lautsprache). Die Sprache des Gefühls verwendet sowol hörbare als sichtbare Zeichen; unter jenen nehmen die Freuden- und Schmerzenslaute (Interjectionen), so wie die Anwendung gewisser Rede- und Begrüssungsformeln, um bestimmte Gefühle (Ehrfurcht oder Verachtung, Liebe oder Hass etc.) auszudrücken, unter diesen Lachen und Weinen als Zeichen der Freude und der Trauer, aber auch Geberden und Stellungen, welche bestimmt sind, gewisse Gefühle (der Anbetung, der Unterwerfung, der Freundschaft oder deren Gegentheile) zu veranschaulichen, ihre Stelle ein. Auch diese zerfallen, je nachdem dieselben ohne Erklärung jedermann verständlich, oder nur innerhalb eines bestimmten Kreises üblich sind, in natürliche (Natursprache des Gefühls) und künstliche (conventionelle Gefühlssprache). Die Sprache des Willens endlich, die Handlung bedient sich als Materials ihrer Aeusserungen des eigenen Leibes und der Organe desselben, entweder des tönenden (Stimmorgan), um sich hörbar (Befehl), oder der Gliedmassen, um sich sichtbar (Armschwenkung als Commandozeichen), oder dessen physischer Kraft, um sich tastbar (Schub, Stoss, Schlag) vernehmlich zu machen, wobei auch diese Zeichen in natürliche (Erhebung der Stimme, des Stockes) und künstliche (Handschlag als Einwilligungszeichen, Anstecken des Ringes als Vermählungszeichen etc.) sich sondern.

370. Mittheilbarkeit und Verständlichkeit der Zeichen würden nicht ausreichen, wenn die räumlichen und zeitlichen Verhältnisse nicht derart beschaffen wären, dass deren Gebrauch zu gegenseitiger Verständigung sein Ziel zu erreichen vermag. Zu diesem Zweck dürfen diejenigen, durch deren Verständigung unter einander ein allen gemeinsames Bewusstsein zu Stande kommen soll, weder räumlich noch zeitlich so durchgreifend von einander geschieden, noch so weit von einander entfernt sein, dass die Mittheilung durch (hörbare, sichtbare, tastbare) Zeichen unmöglich wird. Dieselben dürfen daher weder durchaus verschiedenen Welten (z. B. die einen der erfahrungsmässigen dreidimensionalen, die andern einer vorgeblichen vierdimensionalen Raumwelt) angehören, noch innerhalb derselben Welt räumlich und zeitlich so weit aus einander liegen, dass eine, sei es räumliche Berührung, sei es zeitliche Ueberlieferung, wo nicht aufgehoben, doch in äusserstem Grade erschwert und dadurch ihrem Gehalte nach bis zum Unmerklichen herabgeschwächt wird. In ersterer Hinsicht wird die Entstehung eines Vielen gemeinsamen Bewusstseins erleichtert durch deren Anwesenheit innerhalb eines Allen gemeinsamen Raumes und vermittelt durch ein Generationen überdauerndes und von Geschlecht zu Geschlecht sich fortpflanzendes, sei es mündlich (Tradition), sei es schriftlich (Literatur) aufbewahrtes Gedankencapital. Wie durch die Gemeinsamkeit des Bodens, auf dem die Vereinigung Mehrerer zur Einheit erwächst (z. B. der gemeinsamen Heimat) die Genesis eines gemeinsamen Bewusstseinsinhalts durch den Umstand begünstigt wird, dass die Umgebung für alle dieselbe, also auch der aus dieser stammende Anschauungskreis, welcher die Grundlage aller spätern Vorstellungs- und Begriffsbildung ausmacht, bei allen der nämliche ist, so wird den Nachkommen durch stillschweigendes Herkommen und unwillkürliche Gewöhnung ein von Geschlecht zu Geschlecht sich ansammelnder Vorrath von Begriffen, Gebräuchen und Gesetzen von den Eltern her gleichsam angeerbt und von ihnen ihrerseits den Enkeln hinterlassen. Folge davon ist, dass sich der Besonderheit der räumlichen und zeitlichen Verhältnisse, so wie der Verständigungsmittel, unter welchen das Mehreren gemeinsame Bewusstsein sich entwickelt, entsprechend, letzteres selbst und damit die Vereinigung Mehrerer, innerhalb welcher es heimisch ist, eine besondere, nur dieser Vereinigung von Individuen eigenthümliche Färbung annimmt, und dadurch nicht nur selbst, mit dem Allgemeinbewusstsein einer andern „Gesellschaft” verglichen, einen individuellen Charakter trägt, sondern auch der Gesellschaft selbst, deren Eigenthum es ist, das Gepräge einer (gesellschaftlichen) Individualität verleiht.

371. Was die physikalischen Atome für die physischen, die primitiven Bewusstseinsacte für die psychischen, das sind die „sociabeln” Individuen für die socialen Gebilde. Wie jene zusammengenommen den Stoff aller körperlichen, die primitiven Empfindungen das Material aller Bewusstseinsphänomene, so machen die mit Bewusstsein ausgerüsteten Individuen die Basis aller gesellschaftlichen Vereinigungen aus. Als solche werden dieselben dem Gesichtspunkt der quantitativen Atomistik entsprechend als unter einander ursprünglich eben so gleichartig gedacht wie die Atome in der Physik, die primitiven Empfindungen in der Psychologie. So wenig die beiden letztgenannten selbst ein Gegenstand weder der äussern noch der innern Erfahrung sind, sondern auf Grund der letztern durch einen Sprung über dieselbe hinaus als deren unentbehrliche Grundlage vorausgesetzt werden, eben so wenig werden bewusste Individuen vollkommen gleicher Beschaffenheit in der (geschichtlichen) Erfahrung angetroffen, sondern wie jene als Annahme der thatsächlich vorhandenen Ungleichheit der Individuen hypothetisch untergelegt. Letztere macht es möglich, wie es die Physik mit den Körpern, die Psychologie mit den Gebilden des Bewusstseins thut, auch die verschiedenen „Gesellschaftskörper” (Corporationen) aus dem Gesichtspunkt ihrer Zusammensetzung aus primitiven Elementen („Atomen der Gesellschaft”) zu betrachten und je nach der Beschaffenheit des dieselben mehr oder minder innig, mehr oder minder dauerhaft zusammenhaltenden Bandes als eben so viele verschiedene Ordnungen socialen Zusammenseins anzusehen.