396. Wie die Darstellung logischer Ideen im eigenen Vorstellen logische, so ist jene, ästhetischer Ideen in demselben schöne Kunst. Insofern in den letztgenannten die Summe der Bedingungen enthalten ist, unter welchen wie immer beschaffener realer Stoff unbedingt gefällt oder missfällt, geht die ästhetische Ideendarstellung darauf aus, das eigene ohne Rücksicht auf ästhetische Zwecke durch psychischen Mechanismus entstandene in schönes d. i. den ästhetischen Normen angemessenes Vorstellen zu verwandeln. Da nun dasjenige, wodurch Vorgestelltes gefällt oder missfällt, nicht das Was (der Gehalt), sondern das Wie (die Gestalt) desselben ist, so muss, um das gegebene Vorstellen in ästhetisches zu verwandeln, zunächst von dem Inhalt desselben und der Frage, ob derselbe wahr oder ein demselben entsprechendes Object wirklich oder nicht wirklich sei, völlig abgesehen und das wissenschaftliche (prosaische) Interesse an der Wahrheit oder Wirklichkeit durch das ästhetische (poetische) Interesse an der Schönheit des Gedachten ersetzt werden. Während die logische Kunst Denken in Wissen, muss die schöne Kunst auch wahre in nur wahr scheinende Gedanken verkehren, wenn dieselben ästhetisch d. i. als schöner Schein, statt didaktisch d. i. als theoretische, oder moralisch d. i. als bessernde Belehrung wirken sollen. Sogenannte didaktische oder moralische Kunst („moralisch Lied”) ist daher nicht sowol Kunst als vielmehr Wissenschaft (Gedankenprosa) in Kunstform (Lehrgedicht, Fabel).

397. Das auf diesem Wege in Schein umgewandelte Vorstellen (die „Welt der Phantasie”) bildet das Material der ästhetischen Ideendarstellung. Dasselbe ist so vielfach und mannigfaltig als das Vorstellen selbst und zerfällt, wie dieses, je nach der Beschaffenheit seines Inhalts in verschiedene Classen. Die erste derselben ist jene der sogenannten einfachen Empfindungen (des Gesichts oder Gehörs oder des Tastsinns, während Geruchs- und Geschmacksempfindungen ihrer Unbestimmtheit wegen als ästhetisches Material keine Verwendung finden, ausser etwa in der Gastronomie, in welcher durch Abwechslung verschiedener Geschmäcke, oder in der Garten- und Toilettenkunst, wo durch Abwechslung verschiedener Wohlgerüche ein dem ästhetischen verwandter Eindruck hervorgebracht werden soll). Die Gesichtsempfindungen, und zwar sowol jene der quantitativ verschiedenen Helligkeits- und Dunkelheitsgrade (Licht und Schatten) wie die der qualitativ unterschiedenen Lichteindrücke (Farben) liefern den Stoff für die Kunst des Colorits (Helldunkel und Farbengebung). Die Empfindungen des Gehörssinns, und zwar sowol jene der quantitativ verschiedenen Intensitätsgrade des Schalls (forte piano), wie jene der qualitativ verschiedenen periodischen Klangreize (Töne) liefern den Stoff für die phonetische Kunst (Modulation, Klangfarbe). Die Tastempfindungen, und zwar sowol jene des quantitativ verschiedenen Drucks und der demselben Widerstand leistenden Kraft, die „statischen” Empfindungen, wie jene der qualitativ verschiedenen (ebenen oder gekrümmten) Körperoberflächen (Ebene, Kugeloberfläche, gewellte Oberfläche u. s. w.), die „plastischen” Empfindungen, liefern das Material, jene für die bauende, diese für die bildende Kunst (Architektur und Sculptur). Die zweite Art der Vorstellungen begreift diejenigen, deren Inhalt leere Reihen und deren Grössenverhältnisse, und zwar sowol Zeit- und Zahlen- als Raumverhältnisse ausmachen, welche letzteren selbst einander entweder quantitativ gleich (wie bei den symmetrisch angeordneten Gegenständen im Raum), oder proportional (wie bei der regelmässigen Aufeinanderfolge gleicher und ungleicher Abschnitte in der Zeit), oder qualitativ gleichartig (z. B. als Raumformen entweder durchaus lineare, oder ebene, oder gekrümmte Flächenformen, als Zeitabschnitte durchaus lineare Formen) oder ungleichartig (als Raumformen aus geraden und krummen Linien, ebenen und gekrümmten Flächen, als Zeitformen aus Eintheilungsgliedern nach verschiedenen Zeiteinheiten gemischt) sein können. Dieselben liefern den Stoff, wenn sie Raumformen und deren Verhältnisse zum Inhalt haben, für die zeichnende (raummessende und raumbildende), wenn Zeitformen und deren Verhältnisse ihren Inhalt ausmachen, für die rhythmische (zeitmessende und zeitraumbildende Kunst). Die dritte Classe von Vorstellungen umfasst die sinnlichen Vorstellungen und die aus denselben entwickelten Gemeinbilder (Begriffe), welche als solche einen bestimmten aus der Erfahrung entweder unmittelbar, oder durch inzwischen eingetretene Veränderungen mittelbar geschöpften Inhalt besitzen d. i. Gegenstände darstellen, welche entweder ganz oder deren Bestandtheile in der sogenannten wirklichen d. h. in der phänomenalen Welt der Erfahrung vorfindlich sind, liefert den Stoff zur Ideendarstellung in der Vorstellungswelt der gegebenen Erfahrung d. i. zur Dicht- oder poetischen Kunst. Durch die Vereinigung zweier oder mehrerer dieser sogenannten einfachen Künste zu einer einzigen Kunst kann eine zusammengesetzte Kunst d. h. Ideendarstellung in einem Material entstehen, welches die Summe der Materiale der zum Ganzen verbundenen Künste ist. So ergibt sich durch die Verbindung der zeichnenden und der coloristischen Kunst die malerische, durch jene der rhythmischen und phonetischen Kunst die musikalische, durch jene der zeichnenden und bauenden die architektonische, und durch jene der zeichnenden und bildenden die plastische Kunst. Nur dürfen die Materialien, die mit einander verbunden werden sollen, nicht ungleichartig d. i. nicht z. B. das eine Raumform, das andre Zeitform sein, daher sich Rhythmik als Zeitkunst wol mit phonetischer Kunst, deren Empfindungen (die Tonempfindungen) nach einander (successiv), nicht aber mit der coloristischen Kunst, deren Material (die Licht und Farbenempfindungen) zugleich (simultan) auftritt, verbinden lässt.

398. Aus dem Umstande, dass die ästhetische Ideendarstellung je nach der Verschiedenheit des Vorstellungsmaterials zwar immer schöne Kunst, aber stets eine andere ergibt, fliesst, dass wo das erforderliche Material im Bewusstsein gar nicht oder in ungenügendem Masse vorhanden ist, die bezügliche schöne Kunst durch keine Art künstlicher Bildung erworben zu werden vermag (poeta nascitur). Derjenige, welchem aus was immer für einem Grunde (z. B. durch die mangelhafte Lichtreizempfindlichkeit seines Gesichts-, oder Gehörsreizempfindlichkeit seines Gehörsorgans) die Unterscheidungsgabe für die feinen Nuancen der Farben- oder Tonempfindungen und deren Intensitäten versagt ist, ist weder zum Coloristen noch zum Musiker geschaffen; demjenigen, welcher für die sinnlichen Eindrücke seiner Umgebung entweder, wie der träumerische Denker in Folge seines Insichgekehrtseins, oder wie der oberflächliche Weltling in Folge unaufhörlichen Zerstreutseins weder Auge noch Ohr besitzt, geht die Bedingung des Dichters ab.

399. Wie die logische Kunst, wo sie nicht die Wissenschaft, sondern die Virtuosität in der Handhabung logischer Kunstgriffe zum Ziel hat, in Sophistik, so artet die schöne Kunst, wenn sie nicht die Darstellung ästhetischer Ideen, sondern die Darlegung unumschränkter Herrschaft über das ästhetische Material d. i. blosse Kunstfertigkeit sich zum Zweck setzt, in Künstelei aus. Jene wie diese wird dadurch abgeschnitten, dass sowol die logische wie die schöne Kunst unter die Herrschaft der ethischen Ideen gestellt d. h. dass sowol die Ausübung der logischen Pflicht, nur Logisches zu denken, wie jene der ästhetischen Pflicht, nur Schönes zu schaffen, von der ethischen Pflicht, nur das Gute zu wollen, abhängig gemacht d. h. weder alles, was überhaupt gewusst werden kann, zu wissen gestrebt, noch alles, was Schönes überhaupt geschaffen werden kann, zu schaffen unternommen wird. Ausdruck dieser Mässigung, welche vor allem einerseits das zur Erfüllung des sittlichen Berufs Unentbehrliche („das Reich Gottes”) im Wissen sucht und das der Erreichung desselben im Wege Stehende seiner lockenden Schönheit ungeachtet im Schaffen unterlässt d. h. nur Wissenschaft, aber nicht jede Wissenschaft, und nur Schönes, aber nicht jedes Schöne duldet, ist als Darstellung der ethischen Ideen im eigenen, sei es Forscher-, sei es Künstlerbewusstsein, die Weisheit.

400. Wenn die Bildungskunst des eigenen Vorstellens nach logischen, ästhetischen und ethischen Ideen zusammengenommen die Kunst der Geistesbildung, so macht jene des eigenen Fühlens nach ästhetischen Ideen die Kunst der Gemüthsbildung aus. Dieselbe geht, um Kunst d. h. um Darstellung in einem dem Darzustellenden homogenen Material zu sein, darauf aus, ihren Stoff, die Gefühle, in ihrer Reinheit herzustellen d. h. von jedem Zusatz, der etwas anderes als Gefühl (z. B. Begierde) und jeder Form, die eine andere als die Form des Gefühls (z. B. bewusste Vorstellung; wissenschaftliche Einsicht) wäre, freizumachen. Dieselbe scheidet daher einerseits alle diejenigen Gefühle aus, die nur durch die Befriedigung oder Nichtbefriedigung eines eben vorhandenen zufälligen und ausschliesslich individuellen Begehrens, Wünschens oder Wollens veranlasst sind (die sogenannten „vagen” oder subjectiven Gefühle, Erregungen), andrerseits aber auch alle diejenigen sogenannten kritischen d. h. ein Gefallen oder Missfallen ausdrückenden Urtheile, welche mit Bewusstsein aus anderen Urtheilen als ihren Gründen abgeleitet, also nicht in der Gefühlsform d. h. als unwillkürlicher (bewusstloser), unvermittelter Vorgang im Bewusstsein gegeben sind. Folge des ersteren ist, dass als Material für ästhetische Ideendarstellung nur allgemeine und nothwendige (sogenannte „fixe” oder objective) Gefühle, Folge des letzteren, dass nur sogenannte ästhetische (d. i. an sich evidente, eines Beweises weder fähige noch bedürftige) Werthurtheile als solches zugelassen werden. Jene wie diese, da es zu beider Beschaffenheit gehört, allgemein und nothwendig d. h. unbedingter Ausdruck eines Wohlgefallens oder Missfallens zu sein, die ästhetischen Ideen aber selbst nichts anderes sind als das an sich unbedingt Wohlgefällige und Missfällige, machen von Haus aus die Darstellung der letzteren als deren „Stimme” im Bewusstsein (die Idee in uns; das „Daimonion des Sokrates”) aus. Je nachdem diese letztere sich richtend d. i. lobend oder tadelnd über eigenes Verhalten (Schaffen oder Wollen), oder als harmonischer oder disharmonischer Nachklang fremder Gefühle vernehmen lässt, wird sie im ersteren Fall, wenn sie das eigene Schaffen seinem Werthe nach beurtheilt, Geschmack (ästhetisches Gewissen), wenn sie das eigene Wollen billigt oder missbilligt, Gewissen (sittlicher Geschmack), in letzterem Falle sympathetisches Gefühl und zwar als harmonisches Sympathie (Mitgefühl, Mitleid, Mitfreude), wenn es disharmonisch ist, Antipathie (Neid, Schadenfreude) genannt.

401. Frucht der Gemüthsbildung ist die Lebendigkeit des Geschmacks (der „Stimme des Gottes”) im Künstler, des Gewissens (der „Stimme Gottes”) im Einzel- und des Mitgefühls (socialen Gefühls) im geselliglebenden (socialen) Menschen. Wie die erste der schönen Kunst, so arbeitet die zweite der Bildungskunst des eigenen Wollens nach ethischen Normen vor; jene, indem durch die Lebendigkeit der eigenen Kunsteinsicht und des eigenen Kunsturtheils das eigene Schaffen des Künstlers gehoben und geregelt, diese indem durch die Regsamkeit der eigenen ethischen Einsicht und des Gewissensurtheils das eigene Wollen und Thun geweckt, beaufsichtigt und beeinflusst wird. Wie das Geschmacksurtheil die ästhetische Norm für den Schaffenden, so bietet das Gewissensurtheil die sittliche Norm für den Wollenden dar, und deren Anwendung auf den gegebenen Fall erfolgt um so leichter, aber auch von Seite des im Bewusstsein vorhandenen Materials zur Darstellung der sittlichen Ideen d. i. von Seite des eigenen Begehrens, Wünschens und Wollens um so widerstandsloser, je reiner d. h. je freier von fremdartigen Zusätzen und Einmischungen das letztere gehalten wird. Dasselbe darf daher weder in der Form blosser Vorstellung eines Wollens, noch in jener eines bewusstlosen Begehrens oder einsichtslosen Wünschens, sondern es muss in jener des wirklichen Wollens zur Beurtheilung vorliegen, um an der ethischen Norm mit Bewusstsein gemessen und von der Stimme des Gewissens zugelassen oder verworfen werden zu können. Indem auf diese Weise die ethische Idee im Willens- wie auf ähnlichem Wege die ästhetische Idee im Schaffensact zur Darstellung gelangt, verkörpert sich durch deren Ausdehnung einerseits auf das gesammte Wollen, andrerseits auf das gesammte Schaffen die ethische Idee, der Inhalt der Gewissensstimme, im sittlichen, wie die ästhetische Idee, der Inhalt der Geschmacksstimme, im künstlerischen Charakter und tritt, wie die Ideendarstellung im eigenen Vorstellen als Geistes-, jene im eigenen Fühlen als Gemüths-, so jene im eigenen Wollen als Kunst der Charakterbildung auf.

ZWEITES CAPITEL.

Die Bildekunst.

402. Wie die Bildungskunst darauf ausgeht, das eigene, so ist die Bildekunst bemüht, fremdes Vorstellen, Fühlen und Wollen ideengemäss zu gestalten. Dieselbe setzt daher nicht nur Bewusstsein der Ideen im eigenen und Empfänglichkeit für dieselben im fremden Bewusstsein, sondern sie setzt überdies, wie jede für Andere bestimmte Mittheilung, eine beiden gemeinsame Welt und ein beiden verständliches Verständigungsmittel voraus. Ersteres, wie letzteres, bedingt eine innerhalb bestimmter Grenzen sich bewegende Gleichartigkeit des sich mittheilenden und des zur Aufnahme der Mittheilung bestimmten Bewusstseins, welche weder so weit gehen darf, dass die Verschiedenheit zwischen beiden zu einer blossen Wiederholung des einen im andern herabsinkt, noch so sehr abgeschwächt werden darf, dass die Verschiedenheit beider bis zu völligem Gegensatz sich steigert. Jenes wäre der Fall, wenn das sich mittheilende Bewusstsein weder quantitativ noch qualitativ verschiedenen Inhalt von dem des empfangenden besässe, letzteres dagegen, wenn das empfangende Bewusstsein dem sich mittheilenden nicht nur quantitativ überlegen, sondern qualitativ demselben etwa in der Weise, dass das eine endliches (menschliches), das andere schlechthin unendliches (göttliches) Bewusstsein darstellte, entgegengesetzt wäre. Während qualitativ homogene, obgleich quantitativ weit von einander abstehende Bewusstseinsindividualitäten immerhin der nämlichen Welt angehören und eines gemeinsamen Verständigungsmittels sich bedienen können, fallen die Welten qualitativ entgegengesetzter Bewusstseinsindividualitäten, wie diese selbst, als qualitative Gegensätze aus einander und ist zwischen denselben eine Verständigung nur unter der Voraussetzung möglich, dass entweder die eine (niedere, endliche) in die Sphäre der andern („der Mensch zum Gotte”) emporgehoben, oder die andere (die höhere, unendliche) in jene der niederen „der Gott zum Menschen” herabgezogen wird. In jenem Fall nimmt das endliche Bewusstsein Inhalt und Form des unendlichen (der Mensch Göttergestalt: Apotheose) und damit nicht nur die Erkenntniss- (Intuition, absolutes Wissen), sondern auch die Ausdrucksweise (visionäre, prophetische Sprache) des absoluten Bewusstseins an. In letzterem Falle steigt das göttliche Bewusstsein nicht nur zu den Formen und Gesetzen des menschlichen, sondern auch zur Menschengestalt (Menschwerdung: Incarnation) und menschlichen Sprache (Unterredung, Belehrung durch Rede und Beispiel) herab.