386. Aus dem Gesagten folgt, dass der Begriff der Kunst, insofern unter demselben Darstellung von Ideen im wirklichen Stoffe verstanden wird, weder mit jenem der schönen Kunst, welche die Darstellung ästhetischer Ideen, noch mit jenem der Technik, welche die kunstfertige Ueberwindung der Ideendarstellung durch das wirkliche Material in den Weg gestellter Widerstände in sich begreift, identisch, sondern weiter als beide ist und als auf Wissen sich stützendes Können überall dort zur Anwendung kommt, wo von Darstellung gleichviel was für welcher Ideen in wirklichem, gleichviel ob willigem oder sprödem Stoffe die Rede ist. Jenes, das Merkmal der Ideendarstellung, unterscheidet die Kunst von der ideenlosen Virtuosität, die sich in Ueberwindung im Material nicht gegebener, sondern in demselben ausdrücklich hervorgesuchter, also selbstgemachter Schwierigkeiten gefällt. Dieses, das Merkmal der Realität des Materials, durch welche die Idee selbst solche gewinnt, unterscheidet die Kunst von dem traumhaft dahinfliessenden Bewusstseinsgespinnst, welches weder durch die Verarbeitung nach logischen Ideen logischen Halt, noch durch solche nach ästhetischen Ideen ästhetische Form, noch durch gleiche nach ethischen Ideen ethischen Gehalt, noch endlich durch Verkörperung in lebendigem, eigenem oder fremdem, oder in leblosem Stoff reale Gestalt annimmt. Wie jene Können ohne Wissen (entweder nicht Kennen oder nicht Kennenwollen der Ideen, die sich gar wol mit umfassender Kenntniss des sonst zur Ideendarstellung bestimmten Stoffs verträgt), so stellt dieses, auch wenn es wie der hellseherische Traum des Genius das Wahre trifft, ein Wissen ohne Können dar (nicht Verarbeiten, oder nicht Verarbeitenwollen der Idee im Stoff, welches sich gar wohl wo mit umfassendem Vermögen künstlerischer Darstellung vertragen, aber auch aus Mangel technischer Anlage oder aus „göttlicher Trägheit” entspringen kann).
387. Kunst in diesem Sinn ist einerseits so vielfach, als überhaupt zur Darstellung geeignete Ideen, und so mannigfaltig, als zur Aufnahme derselben empfängliche Stoffe vorhanden sind. Dieselbe erscheint in ersterer Hinsicht als Darstellerin logischer, ästhetischer und ethischer d. i. der Ideen des Wahren, Schönen und Guten. In letzterer Hinsicht wird es darauf ankommen, ob das Material, dessen die Kunst sich bedient, psychischer (Bewusstseins-) oder physischer (materieller) Natur, und im ersteren Fall, ob der Bewusstseinsstoff Inhalt des eigenen oder eines fremden Bewusstseins sei. Dieselbe gliedert sich in dieser Hinsicht in die dreifache Kunst der Bildung der Vorgänge des eigenen Bewusstseins (Vorstellen, Fühlen, Wollen), so wie jener eines fremden Bewusstseins, endlich der Körper und Processe der physischen (leblosen und lebendigen) Natur nach (logischen, ästhetischen, ethischen) Ideen. Die erste als Kunst der Ideendarstellung im eigenen Vorstellen, Fühlen und Wollen d. i. der Bildung des eigenen Vorstellens nach logischen, ästhetischen und ethischen, des eigenen Fühlens nach ästhetischen und des eigenen Wollens nach ethischen Normen ergibt die Kunst der Selbstbildung oder die Bildungskunst. Die zweite als Kunst, das Vorstellen, Fühlen und Wollen eines Andern, das erste nach logischen, ästhetischen und ethischen, das zweite nach ästhetischen, das dritte nach ethischen Normen zu bilden, ergibt die Kunst der Bildung Anderer oder die Bildekunst. Die dritte als die Kunst, die Processe und Körper der materiellen, lebendigen und leblosen Natur nach Ideen zu behandeln d. i. durch die Wahrheit als Wissenschaft zu beherrschen, durch die Schönheit als Kunst zu verschönern und durch die Güte als wohlwollende und menschenwürdige Behandlung zu veredeln, ergibt als Kunst die Natur zu bilden, die bildende Kunst.
388. Bildungskunst als Ideendarstellung im eigenen Vorstellen ist als Darstellung logischer Ideen in demselben zunächst logische Kunst. Insofern die logischen Ideen den Inbegriff der Bedingungen ausmachen, unter welchen Denken zum Wissen wird, besteht deren Aufgabe darin, das eigene Vorstellen in Wissen, den Inhalt desselben in Wissenschaft zu verwandeln. Der Denkende wird zum Wissenden, wenn ihm alles dasjenige, aber auch nur dasjenige als wahr d. i. als richtig und giltig erscheint, was ihm in Folge der Anwendung logischer Normen auf sein Denken als solches erscheinen muss. Andernfalls weiss er nicht, sondern meint, ahnt oder glaubt nur. Ersteres, wenn er überhaupt keine Gründe, letzteres, wenn er andere als logische d. i. aus dem Inhalt des Gedachten stammende Gründe hat, dasselbe für wahr zu halten. Je nachdem diese letzteren entweder aus dem Gefühl, oder aus dem Begehren, Wünschen und Wollen genommen sind, so dass der Vorstellende dasjenige für wahr oder falsch hält, was seinen Gefühlen, oder dasjenige, was seinen Wünschen entspricht oder entgegen ist, tritt das von ihm für wahr Gehaltene in der Form eines Vorausgefühlten (Geahnten) oder Vorauserwarteten (Geglaubten) auf, auch dann, wenn dasselbe nach logischen Regeln aus der Beschaffenheit des Gedachten weder vorhergesehen, noch überhaupt gewusst werden kann.
389. Insofern und weil das Wissen vom Meinen, Ahnen und Glauben verschieden, die Form des Gewussten auch dann, wenn der Inhalt derselbe ist, von der Form des blos Gemeinten, Geahnten oder Geglaubten verschieden sein muss, so folgt, dass die logische Kunst als Bearbeitung des eigenen Vorstellens nach logischen Regeln zunächst darauf ausgehen muss, das zu bearbeitende Material d. i. das eigene Vorstellen von allen ihm fremdartigen Bestandtheilen und Zusätzen zu reinigen d. h. alles dasjenige auszuscheiden, was nicht selbst Vorstellung, sondern Gefühl oder Streben (Begierde, Wunsch, Wille) ist. Dieselbe trachtet daher vor allem den Vorstellenden von jeder Rücksicht auf dasjenige frei zu machen, wodurch der Inhalt des Gedachten zu dessen Gefühlen, Begierden, Wünschen und Willensbestrebungen in förderlicher oder hemmender Beziehung steht d. h. entweder ein ästhetisches oder ein praktisches Interesse für denselben hat. Denn, wo das erstere herrscht, wird der Vorstellende eine eben so begreifliche Neigung zeigen, dasjenige, was ihm aus irgend einem Grunde nützlich, angenehm oder schön erscheint d. h. gefällt, für wahr oder wirklich, wie dasjenige, was ihm missfällt, für falsch oder Fiction zu halten; wo das letztere herrscht, wird er bereit sein, dasjenige, was er aus irgend einem Grunde begehrt, wünscht oder will, für begehrenswerth, möglich und erlaubt, so wie dessen Gegensätze d. i. alles dasjenige, was er verabscheut, weder wünscht noch will, für das Gegentheil zu halten. Aus dem ersteren entspringt, wenn das für wahr Gehaltene deshalb dafür gehalten wird, weil dasselbe uns nützlich, dagegen für falsch, wenn es uns schädlich scheint, die sogenannte gute oder schlimme Ahnung, — wird es dagegen für wahr oder falsch gehalten, je nachdem es uns angenehm und schön oder unangenehm und hässlich dünkt, der poetische Optimismus oder Pessimismus, poetischer Glaube oder Unglaube (Wahnglaube). Aus dem letzteren entspringt, je nachdem das praktische Interesse an dem Inhalt des Gedachten den Vorstellenden nur gestimmt macht, Ungewisses, ja selbst Unwahrscheinliches, aber doch Mögliches und bis zu einem gewissen Grad Wahrscheinliches über diesen hinaus für wahrscheinlich, ja selbst für gewiss zu halten, oder dermassen verblendet, dass er nicht blos Unwahrscheinliches für wahrscheinlich, sondern Unmögliches für möglich, ja selbst für wirklich hält, im ersten Fall Leichtgläubigkeit, im zweiten Fall Aberglaube. Beide sind verzeihlich, wenn die Begierden, Wünsche und Willensbestrebungen, durch die sie veranlasst werden, entweder an sich löblich oder doch erlaubt, dagegen unentschuldbar, wenn dieselben nicht blos thöricht, sondern unerlaubt und verwerflich sind.
390. Die Bearbeitung des eigenen Vorstellungsmaterials erfolgt, wenn das letztere von fremdartigen, ästhetischen und praktischen Zusätzen gereinigt ist, „sine ira”, aber erst, wenn dieselbe nicht blos auf Grund des psychischen Mechanismus, sondern nach logischen Normen geschieht, „cum studio”. Jene dient nur dazu, den Vorstellenden von den Einflüssen des ästhetischen und praktischen Interesses auf sein Denken frei d. h. das rein wissenschaftliche Interesse an dem Inhalt des Gedachten zu dessen einzigem zu machen: diese geht darauf aus, die durch den psychischen Mechanismus des Bewusstseins thatsächlich in demselben entstandenen Gedanken vom Gesichtspunkt der logischen Ideen einer kritischen Prüfung zu unterziehen d. h. das specifisch logische oder im weiteren Sinn philosophische Interesse zu befriedigen. Die Aufgabe der ersteren ist erfüllt, wenn es derselben gelungen ist, auf rein wissenschaftlichem d. i. weder durch ästhetische, noch praktische Interessen beeinflusstem Wege inhaltsvolle Gedanken (Begriffe, Urtheile, Schlüsse, Systeme), jene der letzteren aber erst, wenn sie es dahin gebracht hat, den Forderungen logischen Denkens gegenüber haltbare d. i. logisch denkbare Gedanken (denknothwendige oder doch logisch erlaubte Begriffe, Urtheile, Schlüsse und Systeme) herzustellen. Frucht der ersteren ist die naive d. i. empiristische und im philosophischen Sinn kritiklose, die der letzteren dagegen die bewusste d. i. philosophische, weil durch logische Kritik gesichtete Wissenschaft.
391. Die naive Wissenschaft führt ihren Namen daher, weil sie einerseits zwar Wissenschaft d. h. von den Einflüssen des Gefühls und des Willens frei, andererseits aber naiv ist d. i. um die Frage, ob der psychische Mechanismus von Haus aus derart beschaffen sei, dass die durch denselben im Bewusstsein zum Vorschein kommenden Gebilde (Begriffe, Urtheile, Schlüsse, Schlussketten und Systeme) wahre d. i. richtige und giltige Begriffe, Urtheile u. s. w. sein müssen oder doch sein können, sich unbekümmert zeigt. Letztere aber d. i. die eigentlich kritische Frage, weil sie nichts geringeres als das gesammte erkenntnisstheoretische Problem d. i. die Würdigung der gesammten auf dem Wege des psychischen Mechanismus entstandenen Vorstellungen in Bezug auf deren Erkenntnisswerth enthält, ist um so unabweislicher, je weniger es sich bestreiten lässt, dass gewisse auf obigem Wege mit naturgesetzlicher Nothwendigkeit im Bewusstsein sich einstellende Vorstellungsgebilde in Hinsicht auf deren Bedeutung für die Erkenntniss keinen oder sogar einen negativen Werth besitzen d. h. nicht blos Hohl-, sondern Wahngebilde sind. Zu diesen gehören die sogenannten Sinnestäuschungen (Illusionen und Hallucinationen), aber auch der Schein der täglichen Bewegung des gestirnten Himmels um die Erde, oder des am Horizont vergrösserten Durchmessers des Mondes, deren sich der Astronom, der sie als Trug erkennt, eben so wenig wie der Laie, der sie für Wirklichkeit nimmt, zu erwehren vermag. Ebendahin aber auch gewisse Begriffe, welche, wie jener Schein, auf Grund des psychischen Mechanismus im Bewusstsein mit naturgesetzlicher Nothwendigkeit entstehen und daher unabweislich, aber nichts desto weniger von einer Inhaltsbeschaffenheit sind, welche nicht ohne weiteres gestattet, deren Inhalt für möglich, geschweige denn für wirklich, also auch nicht sie selbst für richtige und giltige Begriffe zu halten. Von dieser Art sind Begriffe, deren Inhalt auf Wirkliches bezogen und folglich, da dieselben thatsächlich im Bewusstsein gegeben sind, als wirklich gesetzt wird, zugleich aber in sich widersprechend ist, so dass die Forderung, denselben als wirklich zu setzen, nichts geringeres bedeutet als ein Widersprechendes, also ein solches, was nach logischen Ideen als wirklich nicht gedacht werden darf, denselben zum Trotz als solches zu denken. Zeigt sich nun, dass zu diesen Begriffen gerade diejenigen gehören, von welchen die sogenannten Erfahrungswissenschaften, Natur- und Geschichtswissenschaft, den umfassendsten Gebrauch und die freigebigste Anwendung machen, ja solche, ohne welche das von obigen Wissenschaften errichtete Wissenschaftsgebäude, die sogenannte Natur- und Geschichtserfahrung, weder Grundlage noch Zusammenhang, überhaupt keinerlei Halt besässe, so erscheint das in die Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit jener Wissenschaften gesetzte Vertrauen so lange als unberechtigt, die Wissenschaft selbst als naiv, so lange nicht entweder jene Begriffe beseitigt oder, da dies, ohne das Werk jener Wissenschaften selbst zu zerstören, unmöglich ist, wenigstens die Widersprüche aus deren Inhalt verschwunden sind.
392. Der geschilderte Fall ereignet sich bei den sogenannten metaphysischen oder, wenn alle Begriffe, deren Inhalt auf Wirkliches bezogen wird, ontologische (Seinsbegriffe) heissen sollen, bei den allgemeinsten ontologischen Begriffen, als welche (von Herbart) namentlich jene des Dings mit mehreren Merkmalen, der Veränderung (incl. der Bewegung) der Materie und des Ichs angeführt worden sind. Dieselben sind sämmtlich „Thatsachen des Bewusstseins” d. h. sie finden sich in Folge und auf Grund des psychischen Mechanismus in jedem normal naturgesetzlich entwickelten Bewusstsein in gleicher Weise, als aus den ursprünglichen Bewusstseinsacten gesetzmässig abgeleitete psychische Gebilde vor; der Inhalt derselben ist daher weder selbst gemacht, sondern gegeben, noch willkürlich anders gemacht, als er gegeben ist, sonach unabweislich. Derselbe ist aber zugleich so beschaffen, dass er einander gegenseitig ausschliessende, weil widersprechende Bestimmungen enthält, sonach unhaltbar. Bei dem Begriff des Dings mit mehreren Merkmalen besteht dieser Widerspruch darin, dass dasselbe zugleich als eins und als vieles, bei dem Begriff der Veränderung darin, dass das Veränderte zugleich als dasselbe und nicht dasselbe, bei der Materie darin, dass dieselbe ins Unendliche getheilt und doch aus Theilen entstanden, bei dem Begriff des Ich endlich darin, dass dasselbe als sich sich vorstellend d. i. einen regressus in infinitum einschliessend und doch als finitum d. i. als vollendet gedacht werden soll. Dieselben sind aber zugleich von der Art, dass das gesammte Gebäude der Erfahrung und sonach der Erfahrungswissenschaft auf der Voraussetzung ihrer Giltigkeit ruht; weder die Körper-, noch die geschichtliche Welt, wie sie erfahrungsmässig gegeben sind, wären ohne Voraussetzung der Wirklichkeit von Dingen als Trägern zahlreicher Eigenschaften, von Bewegung in Raum und Zeit, so wie qualitativer Veränderung von Stoff in der einen und bewussten Individuen in der anderen möglich. Letztere und damit die gesammte auf Erfahrung beruhende vorgebliche Wissenschaft vom Wirklichen müsste sonach so lange für bodenlos, diese Wissenschaft selbst für naiv gelten, als jene vor dem Forum der Logik unhaltbaren Begriffe deren Grundlage ausmachen.
393. Da die Bearbeitung der im Bewusstsein auf normalem Wege entstandenen Vorstellungen vom Gesichtspunkt jener erkenntnisstheoretischen Frage nicht durch den Inhalt der Vorstellungen selbst, sondern durch das Verhältniss der Naturgesetze des Denkens (des psychischen Mechanismus) zu dessen Normalgesetzen (den logischen Ideen) bedingt ist, so erstreckt sich die Bezeichnung der Naivetät über das ganze Gebiet der unkritisch (d. i. ohne Rücksicht auf obige Frage) verfahrenden Wissenschaft d. h. auf die Gebiete aller besonderen Wissenschaften, gleichviel welchen Gegenstand dieselben betreffen mögen, sonach auf die formalen, wie Mathematik und Grammatik, nicht weniger, wie auf die realen, und unter diesen ebenso auf die theoretischen, welche, wie Geschichte und Naturwissenschaft, von Wirklichem, wie auf die praktischen, welche wie Kunst- und Sitten-, Rechts-, Staats- und Erziehungslehre von erst zu Verwirklichendem handeln; endlich auf das von der Erfahrung nicht blos ausgehende, sondern ausschliesslich auf dieselbe sich stützende d. i. empirische Denken (empirischer Dogmatismus) nicht weniger als auf jedes den Ursprung seiner Begriffe aus dem psychischen Mechanismus und damit die Zweifelhaftigkeit ihres erkenntnisstheoretischen Werths entweder nicht kennende oder vornehm ignorirende, um dieser seiner begrifflichen Form willen im eminenten Sinn „philosophisch” (rational, speculativ, dialektisch) sich nennende Denken (dogmatische Philosophie).
394. Wie jeder Dogmatismus, auch der in der Philosophie, vor, so liegt die bewusste d. i. durch Bearbeitung der im psychischen Mechanismus gewordenen Begriffe nach logischen Normen entstandene und ihrer Uebereinstimmung mit den letztern innegewordene Wissenschaft nach der Beantwortung der kritischen Frage d. i. dem Kriticismus. Wie dieser selbst aus der Skepsis, so geht die wahre d. h. kritisch gesichtete Wissenschaft aus der Kritik hervor. Insofern die letztere auf alle thatsächlich im Bewusstsein vorfindlichen Begriffe, gleichviel welchem wissenschaftlichen Gebiete dieselben angehören mögen, sich ausdehnt, unterscheidet sie sich von jener Gattung von Kritiken, deren jede sich nur auf ein begrenztes Gebiet für richtig und giltig gehaltener Begriffe, Urtheile oder Schlüsse erstreckt d. i. wie die sogenannte historische Kritik angeblich historische Thatsachen, wie die sogenannte philologische Kritik vermeintlich echte Textesüberlieferungen, wie die ästhetische Kritik unverdienter Weise als mustergiltig gepriesene Kunstleistungen u. s. w. auf ihre wahre Gestalt und wirklichen Gehalt zurückzuführen sich zur Aufgabe macht. Wie durch letzteren Umstand dem Umfange nach, so sondert sie sich von den angeführten Arten der Kritik überdies durch die Beschaffenheit des der Beurtheilung zu Grunde liegenden Massstabs ab, welcher für sie weder in der Uebereinstimmung oder im Widerspruch des angeblich Geschichtlichen mit als solches Anerkanntem (wie bei der historischen Kritik), noch in dem Einklang oder der Abweichung der vermeintlich echten mit oder von der als solche beglaubigten Textesüberlieferung (wie bei der philologischen Kritik), noch in der Harmonie oder Disharmonie der jeweilig gelobten oder getadelten Leistung mit den ästhetischen Normen (wie bei der Kunstkritik) u. s. w., sondern einzig und allein in der Denkbarkeit oder Undenkbarkeit, so wie in der Denknothwendigkeit der Begriffe nach logischen Normen gelegen ist.
395. Die auf diesem Wege durch Bearbeitung der Begriffe entstandene Wissenschaft ist Philosophie. Der Unterschied derselben von den besonderen Wissenschaften liegt, da die Bearbeitung, aus der sie entspringt, sich auf die Gebiete aller Wissenschaften ausdehnt, nicht darin, dass sie anderes, sondern darin, das sie anders weiss. Wenn der Name der Wissenschaft nicht nach dem Grade der Wissenschaftlichkeit ertheilt, sondern je nach der Besonderheit des Gegenstandes vertheilt werden soll, so ist die Philosophie, wie der Poet bei der Theilung der Erde, so bei der Theilung des (Bacon’schen) „Globus intellectualis” zu spät gekommen. Wenn dagegen jener allein entscheidet, so ist die bewusste aus kritischer Sichtung des Gewussten hervorgegangene allein wahre (Normal- und zugleich Universal-) Wissenschaft. Dieselbe zerfällt, je nachdem die Bearbeitung gegebener Begriffe nach logischen Normen der formalen oder der realen Seite derselben gilt, selbst in eine philosophische Formal- und in philosophische Realwissenschaften. Jene behandelt die gegebenen Begriffe lediglich als Begriffe, wobei von der Beschaffenheit des Inhalts derselben abgesehen wird, und erstreckt sich daher auf alle gegebenen Begriffe ohne Unterschied. Diese unterscheiden sich von jener gemeinsam durch den Umstand, dass der Inhalt der Begriffe berücksichtigt, unterscheiden sich aber unter einander selbst wieder durch den Umstand, dass die eine derselben alle diejenigen Begriffe umfasst, deren Inhalt als wirklich gedacht, die andere dagegen alle diejenigen, deren Inhalt allgemein und nothwendig wohlgefällig oder missfällig gefunden werden soll. Erstere, die philosophische Formalwissenschaft fällt mit der (formalen) Logik, letztere beiden als theoretische und praktische philosophische Realwissenschaft fallen mit der Metaphysik (philosophische Wissenschaft vom Wirklichen, Ontologie) und Aesthetik (philosophische Wissenschaft vom Gefallenden und Missfallenden, welche auch als Ethik das unbedingt Gefallende am Wollen in sich schliesst) zusammen.