382. Wie die Körper im Raume, die Vorstellungen im Bewusstsein, so wechseln die Gesellschaftsglieder ihren Ort innerhalb der Gesellschaft, die Gesellschaften selbst den ihrigen im Raume neben, in der Zeit nach und vor andern Gesellschaften. In dem „Kampf ums Dasein”, welchen die Körper in der physischen, die Vorstellungen der Bewusstseinswelt, wie die Mitglieder der Gesellschaft um ihre Stellung in dieser mit einander führen, werden die einen, die herrschenden, von oben nach unten, andere, beherrschte, von unten nach oben gedrängt, und wie die Hindernisse, die dem im Raume bewegten Körper, und die Hemmungen, die der zur Klarheit aufstrebenden Vorstellung im Wege stehen, so die gesellschaftlichen Widerstände, welche den innerhalb der Gesellschaft Emporstrebenden begegnen, durch Glück oder Klugheit überwunden. Wandervölker und Auswanderer verändern den Ort ihres geselligen Zusammenlebens, während bis dahin blühende Gesellschaften durch Zerfall und innere Erschlaffung von ihrer Höhe herabsinken oder durch andere von derselben gestürzt werden. Wie aber der physische Körper gleich dem Bewusstseinsgebilde nicht blos den Ort, sondern auch Form und Stoff zu wechseln vermag, so geht der Gesellschaftskörper nicht nur aus der lockeren in engere Association (Actiengesellschaft in Handelscompagnie), sondern aus der qualitätslosen in die qualitative Genossenschaft (aus blosser Geselligkeit zur Freundschaft) und endlich in organische Verschmelzung (aus dem Liebesverhältniss zur Heirat und Familie) und organisirte Gesellschaft, diese aus der pflanzenartigen Form des Autochthonenthums aber selbst in die freibewegliche der Wandergesellschaft, nach dieser in die höhere Form der staatähnlichen Organisation und schliesslich in deren höchste und vollkommenste Gestaltung, den Staat über.

383. Wie der Stoff des Bewusstseins die primitiven Bewusstseinsacte, so ist der Stoff der Gesellschaft der Inbegriff jener Bewusstsseinsindividualitäten, welche unter einander durch die Congruenz ihres individuellen Bewusstseinsgehalts zu einem Alle umfassenden gemeinsamen Bewusstsein verbunden werden. Hört eines dieser Einzelbewusstsein auf, seinem Inhalt nach mit jenem der übrigen zu harmoniren, so gehört dasselbe nicht mehr dem Allgemeinbewusstsein an und hat der Einzelne, dessen Bewusstsein auf diese Weise sich von dem allgemeinen geschieden hat, innerlich längst aufgehört Gesellschaftsmitglied zu sein, auch wenn nach aussen hin dessen bisheriger Verband dem Anschein nach unverändert fortbesteht. So kann der innerlich von dem Glaubensbekenntniss einer Glaubensgenossenschaft Abgefallene äusserlich in dem gesellschaftlichen Verbande seiner Kirche fortleben, also längst „confessionslos” geworden sein, ehe er sich äusserlich als solchen bekennt. Mit der Auflösung des gemeinschaftlichen Bewusstseins löst die Gesellschaft sich selbst auf, mit der Selbstauflösung aller unter eine gemeinsame Kategorie (z. B. unter jene der Familie, der Schule, der Kirche etc.) gehörigen Gesellschaften tritt für jede jener Kategorien socialer Nihilismus (der Familie als Auflösung jedes Familien-, der Schule oder Kirche als solche jedes wissenschaftlichen und Bekenntnissverbandes) ein. Mit der Selbstauflösung des Staats als der gesellschaftlichen Verwirklichung der Gesellschaftsidee erfolgt die Verneinung dieser selbst, die Annihilisation eines gesellschaftlichen Verbandes überhaupt und damit die Rückkehr zum ursprünglichen Zustand ungesellter Individuen, des Zerfalls des socialen, wie oben des physischen Stoffs, in seine Atome.

384. Wie die Gesammtheit der physischen Körper den Kosmos, die Gesammtheit der Bildungen des individuellen Bewusstseins die Seelenwelt des Individuums, so macht die Gesammtheit gesellschaftlicher Körper von den gleichgiltigsten und flüchtigsten Associationen bis zu dauerhaften, sei es durch Bluts-, sei es durch Ueberzeugungsbande verschmolzenen organischen und organisirten Corporationen und zu der ausdauerndsten und umfassendsten von allen, dem Staate und den Staaten in ihren gegenseitigen, sei es auf Ebenbürtigkeit, sei es auf Abhängigkeit gegründeten Beziehungen, als Staatensystem, so weit die geschichtliche Erfahrung reicht, die Welt der Geschichte aus. Wie die Totalität des physischen und jene des im individuellen Bewusstsein sich vollziehenden psychischen Geschehens die Naturgeschichte des Kosmos und die Geschichte der Seelennatur, so stellt die Gesammtheit des innerhalb der Gesellschaft wie innerhalb der Gesellschaften von den unscheinbarsten Regungen eines gemeinschaftlichen Bewusstseins im Umkreis locker verknüpfter bis zu der reichsten Entfaltung gemeinsamen Denkens, Fühlens und Wollens unter einander physisch oder psychisch eng verwandter Individuen, von dem einförmigen Dahinleben der Natur- bis zu den wechselvollen Schicksalen hochcivilisirter Culturvölker, von den seltenen und zufälligen feindseligen und freundlichen Berührungen zerstreuter Horden, Familien und Stämme bis zu den eng verflochtenen materiellen und geistigen Interessen und dem Raum und Zeit überwindenden Handels-, literarischen und persönlichen Verkehr einer zu stets sich steigernder Gleichartigkeit der Bildung, der Sitten und der staatlichen Formen entwickelten Menschheit herauf, so weit die geschichtliche Erfahrung reicht, die nach unveränderlichen Gesetzen sich vollziehende Entwickelungsgeschichte der Gesellschaft, die Weltgeschichte dar.

DRITTES BUCH.

DIE KUNST.

ERSTES CAPITEL.

Die Bildungskunst.

385. Wie es die Aufgabe des ersten Buches war, die Ideen als Musterbegriffe ohne Rücksicht auf eine denselben entsprechende oder nicht entsprechende Wirklichkeit, jene des zweiten dagegen, das Wirkliche ohne Rücksicht auf dessen vorhandene oder nicht vorhandene Uebereinstimmung mit den Ideen, jedes der beiden genannten Gebiete rein, ohne Beeinflussung oder Färbung durch das andre für sich darzustellen, so ist es die Aufgabe des dritten, durch dessen Gegenstand, die Kunst, welche weder, wie der Inhalt des ersten vorschreibende, noch wie jener des zweiten Buches beschreibende Betrachtung, sondern reale Bethätigung ist, die Ideen in die Wirklichkeit einzuführen d. h. das mit den Ideen nicht in Einklang stehende Wirkliche diesen, so weit dessen Natur es gestattet, harmonisch zu gestalten.