420. Handel und Verkehr sind bestimmt, Naturproducte nach ihrem eigenen und des Menschen Bedürfniss von Orten, welche für sie nicht passen, weil sie zu eng für dieselben geworden sind (Ueberproduction im Pflanzen- und Thierreich; Uebervölkerung), zu entfernen (Export; Auswanderung) und an Orten, wo sie mangeln oder Raum zur Ausbreitung finden (productionsarme Flächen; unbewohnte Gegenden), abzusetzen (Import; Colonisation). Beide suchen daher vor allem die Schranken, welche einerseits der freien, andrerseits der raschen Beweglichkeit im Wege stehen, aufzuheben (Zoll- und Handelsfreiheit; „Time is money”), andrerseits alle Mittel anzuwenden, die den Erwerb und Vertrieb der Producte erleichtern (Geld statt Tausch), die Geschwindigkeit der Bewegung erhöhen (Eisenbahnen, Dampfschiffe), den Zeitverbrauch zum (schriftlichen und mündlichen) Verkehr kürzen (Post, Telegraph, Telephon) und die Sicherheit desselben gewährleisten (Handelsschutz, Handelsbündniss, Handelsversicherung, Monopol). Gewerbe und Industrie gehen darauf aus, unzusammengehörige Stoffverbindungen, wenn sie Gemenge sind, mechanisch von einander zu trennen (Bergbau), wenn sie Mischungen sind, chemisch von einander zu lösen (Erzschmelze), zusammengehörige durch Anhäufung (Baukunst) oder durch Verschmelzung (Legirung) zu stiften. Je nachdem dies bei unorganischen oder organischen, in letzterer Hinsicht bei Stoffen aus dem vegetabilischen oder aus dem animalischen Reiche geschieht, nehmen beide stofflich, je nachdem es durch Händearbeit, oder mit einfachen, oder fast ohne diese mittels verwickelter bis zur scheinbaren Selbstständigkeit gesteigerter Werkzeuge (Maschinen) geschieht, formell verschiedenen Charakter an (Handwerk, Maschinenarbeit). Nach dem Quantum der Production und der zu derselben erforderlichen Kosten werden Klein- und Grossgewerbe, Klein- und Grossindustrie unterschieden. Wie der Handel und der Verkehr eine Tendenz, in die Ferne zu streben, so zeigen Gewerbe und Industrie eine solche, am Orte zu beharren d. h. die Naturproducte dort, wo sie zu finden sind, ihrer Form nach zu verändern, (örtliche Vereinigung von Bergbau und Erzschmelzen; Verwendung des localen Steinbruchs als Baumaterial: Schieferdächer am Rhein, Holzbau im Gebirge; Tracht aus Thierhäuten und einheimischer Wolle). Dieselben suchen daher einerseits alle Schranken, welche der Freiheit des Gewerbes überhaupt (Zunftzwang), wie an dem Orte des betreffenden Materials (Bodeneigenthum) im Wege stehen, zu entfernen (Gewerbefreiheit, Freischurf), andrerseits alle Mittel zu entdecken und zu verwenden, welche die, sei es mechanische, sei es chemische Formänderung der Naturstoffe ermöglichen (Mechanik, Maschinentechnik, Ingenieurkunst) oder erleichtern (technische Chemie, Technologie, Scheidekunst), zugleich aber das auf diesem Wege geschaffene industrielle Product gegen Verdrängung oder Ersatz durch seinesgleichen im Verbrauche sichern (Gewerbeschutz durch Marken und Zölle, industrielle Privilegien). Bodenbebauung und Thierzucht sind bestrebt, einerseits jene durch künstliche Anpflanzung von Gewächsen dieselben vor der allmäligen Entartung (Degeneration) und schliesslichem Untergang, diese durch künstliche Züchtung von Thieren letztere vor gleichem Schicksal zu bewahren, andererseits durch Veredelung (z. B. Pfropfung) auf künstlichem Wege neue Varietäten von Pflanzen wie durch Kreuzung neue Schläge von Thieren zu erzeugen. Beide gehen darauf aus, nicht nur das vorhandene Quantum organischer Naturproducte sich nicht vermindern, sondern dasselbe sich stets vermehren zu lassen (natürliche Fruchtbarkeit), aber auch die Qualität derselben den Beziehungen der Naturorganismen unter einander gemäss zu ändern, Futterpflanzen für Thiere, Gemüse für die Menschen zu schaffen, oder wucherndes Unkraut (Gramineen) in Nutzpflanzen (Getreide) umzubilden (Agricultur), so wie durch Zähmung und Pflege wild lebende Thiere in Hausthiere (Civilisation bei Thieren und Menschen) und durch Kreuzung schwächerer mit stärkeren, oder Ersatz ersterer durch letztere Racen brauchbare Nutzthiere hervorzubringen (veredelnde Schaf-, Rinder-, Pferde-, Geflügelzucht etc.). Da die Bodenbebauung nicht blos, wie Gewerbe und Industrie, eine natürliche Tendenz am Orte zu bleiben besitzt, sondern am Boden als unbeweglichem haftet, so muss dieselbe, was diesem an natürlicher Fruchtbarkeit abgeht, durch künstliche Steigerung derselben d. i. durch Bodenverbesserung (künstliche Düngung, Bewässerung, Bearbeitung) zu ersetzen, so wie dessen Ertrag durch künstliche Sicherungsanstalten gegen nicht abzuwehrende Störungen von aussen (atmosphärische Einflüsse, Dürre, Hagelwetter) zu schützen trachten (Hagel- und Wetterschadenversicherung). Umgekehrt muss die Thierzucht, da sie des freibeweglichen Charakters der Thiernatur wegen eines erweiterten Spielraums bedarf, sich in die Lage versetzt fühlen, den Mängeln des Orts, an dem sie geübt wird, durch Ortsveränderung (Weideplätze, Austrieb des Viehs auf die Alpen, Uebersiedelung je nach dem Wechsel der Jahreszeiten) abhelfen, so wie Leben und Gesundheit ihrer Pfleglinge gegen drohende Störungen von aussen (Thierseuchen) entweder indirect durch künstliche Absperrung (Thiereinfuhrverbote), oder direct durch künstliche Heilung und Wiederherstellung (Thierarzneikunde, Sanitätsmassregeln) schützen zu können. Insofern aber weder Bodenanbau noch Thierzucht das natürliche Hinderniss aus dem Wege zu räumen vermögen, welches durch das Aufwachsen von Pflanzen und Thieren unter den klimatologischen und atmosphärischen Einflüssen ihrer einheimischen Natur deren Verpflanzung in andere Erd- und unter andere Himmelsstriche entgegensteht, muss dieser letztern die (der Natur der Sache nach nur langsam erfolgende) Acclimatisation und allmälige Einbürgerung derselben vorhergegangen sein, welchem Zweck beide durch besondere Eingewöhnungsanstalten (Acclimatisationsgärten für Pflanzen und Thiere) zu genügen bedacht sein werden.

421. Die hervorragende Stellung, welche der Mensch (wie die Ich-Vorstellung unter den Bewusstseinsbildungen und der Staat unter den organisirten Gesellschaften) unter den organischen Producten der Natur einnimmt, macht es erklärlich, dass die Beziehungen der übrigen Naturerzeugnisse auf ihn d. i. deren beziehungsweise Nützlichkeit oder Schädlichkeit für den Menschen vom menschlichen Gesichtspunkt aus die Hauptrichtschnur für die Zwecke des Handels und Verkehrs, der Gewerbe und Industrie, des Ackerbaues und der Thierzucht abgeben. Wie derselbe geneigt ist, mit dem Erwachen seines Bewusstseins sich als den Mittelpunkt des Weltalls (wie das Kind sich als den Mittelpunkt des Hauses) zu betrachten, Sonne Mond und Gestirne als bestimmt anzusehen, ihm zu leuchten, ihn zu wärmen, so sieht er sich als den natürlichen Herrn und Gebieter seiner organischen wie unorganischen Umgebung an und nimmt keinen Anstand, die unterirdischen wie oberirdischen Schätze der Erdrinde (Erz und Gestein, Pflanze und Thier) zu seinem Dienste zu gebrauchen. Die bildende Kunst als Ideendarstellung im belebten wie leblosen Material nimmt dadurch, dass der Mensch anderen Naturproducten gegenüber für sich eine Ausnahmsstellung beansprucht, unwillkürlich einen beschränkten, im menschlichen Sinn egoistischen, die Beherrschung der Natur zum Nutzen des Menschen gebrauchenden Charakter (Utilitarismus) an, welcher, wenn der ideale, auf Darstellung der logischen, ästhetischen, oder ethischen Ideen gerichtete Zweck der Kunst mit des Menschen natürlichen, aber auch, wenn er mit dessen erkünstelten (Luxus-) Bedürfnissen, Gelüsten und Anmassungen in Widerstreit geräth, denselben rücksichtslos aufopfert. Derselbe steht als despotische Willkürherrschaft über die Natur der ideenlosen technischen Virtuosität in der Besiegung natürlicher Hindernisse eben so als Entartung bildender Kunst zur Seite, wie andererseits die zu zweck- und nutzlosem Spiel mit den natürlichen Formen und Kräften des menschlichen Körpers ausgeartete Athletik, Pantomimik, Akrobatik und andere Schwimm-, Gang-, Ritt- und Forceproben zu der auf durchgreifender Kenntniss des Baues und normalen Lebensprocesses desselben beruhenden Gymnastik, Diät und Gesundheitspflege das Gegenstück darstellen.

422. Wie die bildende Kunst als Darstellung der logischen Ideen in der leblosen und belebten Natur als „Weltverbesserung”, so tritt sie als Verwirklichung der ästhetischen Ideen in derselben als „Weltverschönerung” auf. Als solche geht dieselbe darauf aus, die Gestalt der Natur ästhetischen Normen anzubequemen d. h. wo in derselben Schwächliches, Verkommenes, Krüppelhaftes sich zu entfalten droht, dieser Gefahr zuvorzukommen (Orthopädie bei Pflanzen und thierischen Körpern), wo es sich vorfindet, dasselbe zu beseitigen (Durchforstung des Waldes; Aussetzung der Kinder in Sparta und Rom), wo Disharmonisches in der Natur thatsächlich gegeben ist oder bevorsteht, nach Möglichkeit Einklang an dessen Stelle zu setzen (Landschaftsgärtnerei, Parkanlagen), auch leblose Natur wie Producte der Menschenhand mit dem Schein der Lebendigkeit und der Beseelung auszustatten (Cascaden als Gartenzier; Kunstgewerbe; Ornamentik). Je nachdem zum Material der Ideendarstellung die leblose oder die lebendige Natur, in der letzteren die vegetabilische oder die thierische, in dieser insbesondere der menschliche Körper gewählt, die ästhetische Idee in demselben minder oder mehr durch die schon vorgefundene Gestalt des natürlichen Stoffes gebunden erscheint, wird die bildende Kunst als ästhetische Ideendarstellung (Plastik) in leblose und lebendige, oder in freie (schöne), oder decorative (verschönernde) Plastik (ornamentale Kunst), je nach dem Quantum des verwendeten Materials in Gross- und Kleinplastik unterschieden.

423. Zu der im leblosen Material ästhetisch bildenden Kunst gehört die Bildnerkunst, welche entweder unbeweglichem materiellem Stoff, z. B. Felsgestein („lebendigem Fels”) eine bestimmte ästhetische Form ertheilt (Höhlentempel, Felsengräber, behauener Fels) oder bewegliches, lebloses Material (natürliches oder künstliches Gestein, Bruchstein, Backstein; Holz, Bein, Metall) entweder (als Block, Stamm, Thierzahn, Erz u. s. w.) einzeln geometrisch (wie der Steinmetz, der Zimmermann etc.) oder ästhetisch (wie der Bildhauer, der Bildschnitzer in Holz und Bein, der Bildgiesser in Erz u. s. w.) formt, oder (als Baukunst) in Massen entweder als ungeformtes (Roh-) Material (unbehauenes Holz oder Gestein) oder als schon geformten Stoff (gezimmertes Holz, behauenen Stein) zu ästhetischen Formen zusammenhäuft und entweder auf natürlichem Wege durch eigene Schwere (Cyklopenmauern) oder durch künstliche Bande (Kitt, Mörtel, Klammern etc.) zu einem ästhetischen Ganzen verbindet (Rohbau, Kunstbau, Architektur, Monumente). Zu der lebendigen Plastik gehört, je nachdem das Material derselben dem Pflanzen- oder dem Thierreich entnommen ist, die Kunstgärtnerei, welche lebendige, sei es wildgewachsene (Feldblumen), sei es veredelte Gewächse (Garten- und Treibhauspflanzen) zu einem ästhetischen Ganzen (Blumenstrauss, Beet, Gartenanlage), und die Schauspielkunst, welche thierische und menschliche Körper, sei es in ihren natürlichen (Nacktheit), sei es in künstlichen Bedeckungen (Maske, Costüm) zu einem ästhetischen Ganzen (lebendigem Gemälde) vereinigt, welches letztere entweder als ruhend (Tableau, lebendes Bild) oder als bewegt und in diesem Fall entweder als episch fliessende (Aufzug, Parade, Makart’s „Festzug”), oder als causal sich aus sich selbst entwickelnde dramatische Handlung (Bühnenschauspiel) dargestellt wird.

424. Die Plastik ist frei, wenn die ihr bei der Verwirklichung der ästhetischen Idee durch das Material dargebotenen Schranken keine andern sind als solche, die in den Bedingungen der Darstellung in physischem (also schwerem und schwer zu behandelndem) Stoffe (Statik und Mechanik; Schwerpunkt) und in der Beschaffenheit des letzteren selbst liegen (Brüchigkeit des Gesteins, Geäder des Marmors, Spaltrichtungen und Geäst im Holze u. s. w.), dagegen gebunden, wenn ihr dergleichen durch einen ausserhalb der ästhetischen Ideendarstellung gelegenen Zweck (des Bedürfnisses oder des Luxus, des Nutzens oder der Laune) auferlegt werden. Nur in jenem Fall ist die Plastik schöne, in diesem dagegen nur verschönernde Kunst, welcher die Aufgabe gestellt ist, das Unentbehrliche (Haus, Hausgeräth, Kleidung), oder das zwar Entbehrliche, aber Erwünschte (Bequemlichkeit, Reichthum), das Erforderliche im Dienste bestimmter Gesellschaftszwecke (Gotteshäuser und Altargeräth in der Kirche, öffentliche Gebäude und politische Insignien im Staate) oder das Ueberflüssige, auf zufälligen Stimmungen und vorübergehenden Einfällen augenblicklich tonangebender Gesellschaftskreise (Mode, „chic”) mit ästhetischen Formen zu schmücken. Der ersten der genannten Richtungen entspricht die sogenannte „Kunst im Hause”, welche das Wohnhaus und die häusliche Umgebung, so wie die äussere Erscheinung (Tracht, Zierat, Haartracht), der zweiten die Decorationskunst, welche auch die weiteren und in grösserem Massstabe angelegten Umgebungen (Palast, Park, Staatskleid), der dritten die kirchliche Kunst, welche Ort und Art der gottesdienstlichen Verrichtungen (Tempel, Dom, Altar, kirchliches Ceremoniell), der letzten die patriotische oder Monumentalkunst, welche Ort und Art der staatlichen Vorgänge (Residenzschloss, Parlamentshaus, Thron- und Kroninsignien, Hof- und Staatsceremoniell) ästhetisch belebt und veredelt. Zur schönen Plastik gehören Sculptur und Architektur und zwar sowol wenn es sich um die Herstellung in ihren Massen geringer (kleine Plastik z. B. Medailleurkunst) wie grosser Objecte handelt (grosse Plastik: Denkmalkunst, Triumphbogenarchitektur). Zu der verschönernden Kunst gehört das Kunstgewerbe und die Kunstindustrie, die, wenn es sich um die ornamentale Verzierung beweglicher Gegenstände handelt, als „Kleinkunst” (Keramik, Kunsttischlerei, Kunstschlosserei, Emaillirkunst u. s. w.), wenn dagegen unbewegliche Gegenstände (Nutzbauten, Wohnräume, Gesellschafts- und Festsäle, Gärten, öffentliche Anlagen und Plätze, Brücken, Thore u. s. w.) verschönert werden sollen, als decorative Kunst (Stadtverschönerung, Gartenarchitektur) auftritt.

425. Ausdruck der Verwirklichung der ästhetischen Idee in der gesammten Erscheinung des menschlichen Lebens, des Einzelnen wie der Gesellschaft und ihrer näheren und entfernteren Umgebung, ist die Kunst „schön zu leben” („Kalobiotik”: Rahel; W. Bronn). Dieselbe ist als Ideendarstellung so wenig mit der Kunst „gut zu leben” („rasend” gut zu leben, rühmte sich Gentz) d. i. mit der gesuchten Verfeinerung (Raffinement) des Sinnengenusses (Schlemmerei), als die Kunst (logisch) überzeugender mit der Kunstfertigkeit (sophistisch) überredender Beredsamkeit zu verwechseln. Ihre Tendenz geht dahin, aus der gesammten, psychischen und physischen Beschaffenheit des Individuums wie der Gesellschaft, aus deren Vorstellen, Fühlen und Wollen, aber auch aus deren hörbarer und sichtbarer Selbstdarstellung in Rede, Manier, Haltung und Handlung, so wie selbstgeschaffener oder doch selbstgewählter naher und ferner Hülle und Begleitung (Kleidung, Schmuck, Hausgeräth, Wohnung, Umgang, Sitten und Gebräuchen) nicht nur (negativ) alles Störende und Disharmonische auszuscheiden, sondern (positiv) denselben das Gepräge edler Freiheit und innerer Uebereinstimmung mit und unter einander und zu einem wohlgefällig abgerundeten Ganzen aufzudrücken d. i. das Leben in jedem gegebenen Zeitmoment und die gesammte Zeitdauer desselben hindurch (wie die Griechen und Goethe) zum „Kunstwerk” zu gestalten. Ergebniss derselben, so weit ein solches durch die spröde Natur der ideenlosen Wirklichkeit gestattet wird, ist eine schöne Erscheinungs-, wie jenes der logischen, das gesammte Denken zum Wissen durchläuternden Kunst eine wahre Gedankenwelt.

426. Weder nach jenen der logischen, noch nach jenen der ästhetischen, sondern ausschliesslich nach den Anforderungen der ethischen Idee ist die dritte Form der bildenden Kunst bemüht, die gegebene Gestalt der Erfahrungswelt zu verändern. Dieselbe kann nicht darauf ausgehen, in der Natur (etwa) vorhandenen Willen („blinden Willen”: Schopenhauer) den Anforderungen der ethischen Norm anzubequemen, weil deren Bewusstlosigkeit die Willensform ausschliesst. Die Absicht derselben kann daher einzig darauf gerichtet sein, der Natur, soweit thunlich, diejenige Gestalt zu verleihen, welche sich dieselbe, wenn sie von einem Willen beseelt wäre d. h. die Fähigkeit besässe, die Stimme der ethischen Ideen nicht nur zu vernehmen, sondern auch zu befolgen, selbst geben oder gegeben haben müsste. Da unter dieser Voraussetzung die Gestalt der Natur die unter den gegebenen Verhältnissen beste d. h. diejenige geworden wäre, welche den Normen der ethischen Ideen unter allen überhaupt möglichen Gestaltungen der Natur am meisten entsprochen haben würde, so folgt, dass das Streben der dritten d. i. der ethischen bildenden Kunst auf nichts anderes als auf die Herstellung der besten unter den überhaupt möglichen Naturen, beziehungsweise auf die Annäherung der bestehenden an das Ideal der besten Natur gerichtet sein könnte.

427. Dieses selbst aber kann nichts anderes sein als das Bild einer Natur, deren sämmtliche Bestandtheile, leblose wie belebte, zum Ganzen in einer Weise verbunden werden, welche die zweckmässigste d. h. der Summe der innerhalb der gesammten Natur vorhandenen Bedürfnisse, Wünsche und Bestrebungen unter allen überhaupt denkbaren am meisten entsprechend d. h. dem allgemeinen Wohl oder der Glückseligkeit des Ganzen unter allen denkbaren am vollkommensten genügend wäre. Da nun die Summe in der Natur gegebener Wünsche eine bestimmte, die Summe der zu deren Verwirklichung zu Gebote stehenden Bedingungen d. i. der Naturproducte, als Güter betrachtet, gleichfalls eine begrenzte ist, so folgt, dass die Aufgabe der ethischen Kunst auf nichts anderes gerichtet sein könne, als durch die unter allen denkbaren beste Verwaltung der gegebenen Natur der grösstmöglichen Summe von Glückseligkeit in der gesammten (leblosen wie lebendigen) Natur (den Menschen mit eingeschlossen) zur Verwirklichung zu helfen.

428. Dieselbe geht darauf aus, nicht nur Verwaltungssystem, sondern das unter den gegebenen Verhältnissen beste Verwaltungssystem der Natur, nicht nur, wie die Oekonomik Hauswirthschafts-, wie die Nationalökonomik Volks- oder Staatswirthschaftskunst, sondern als Weltökonomik Weltwirthschaftskunst (bestmöglicher Haushalt der Natur) zu sein d. h. weder (wie die gewinnsüchtigen Ausbeuter der Natur) ausschliesslich im Dienste und zu den Zwecken des Menschen, noch (wie erbarmungslose Naturkräfte) taub gegen Wohl und Wehe gefühlsfähiger Wesen, sondern der bestehenden Proportion zwischen dem empfindungs- und genussfähigen und dem genuss- und empfindungslosen Antheil der gesammten Natur gemäss, dem Wohle des ersten und den Hilfsmitteln des zweiten entsprechend zu wirthschaften. Je nachdem es sich dabei entweder um die Hinderung des Missbrauchs durch Zerstörung oder Verminderung gegebener, oder um die Förderung des Verbrauchs durch Vermehrung gegebener und Erzeugung nicht gegebener Güter handelt, nimmt dieselbe negativen (internationaler Schutz der Meere, Gewässer, Wälder, Singvögel; Antisclavenliga; Sanitätspflege; völkerrechtlicher Schutz des Privateigenthums in Kriegszeiten) oder positiven Charakter an (internationale Welt- und Handelsstrassen: Suez-Canal, Durchstich von Panama; Handels- und Schifffahrtsbündnisse, Entdeckungsreisen). Je nachdem dieselbe mehr auf den vorhandenen Wünschen entsprechende Vertheilung der schon vorhandenen, oder auf entsprechende Betheilung der bisher Unbefriedigten durch neu zu schaffende Güter gerichtet ist, nimmt dieselbe mehr den Charakter einer Versorgung (bestehender Wünsche mit vorhandenen Mitteln: Communismus, Gütertheilung) oder Vorsorge (für künftige Wünsche durch neue Mittel: Socialismus, Organisation der Gesellschaft) an. Die Frucht der auf die gesammte Natur, leblose wie lebendige, ausgedehnten Darstellung der ethischen Ideen durch die bildende Kunst ist die in ethischem Sinn vollendete, dem Zweck grösstmöglichen Wohlbefindens aller empfindungsfähigen Wesen entsprechende, unter den gegebenen Umständen bestmögliche Natur, der ethische Kosmos, die beste Welt (Optimismus).

429. Wie die erste Form der bildenden Kunst die logischen, die zweite die ästhetischen, so verkörpert die dritte die ethischen Ideen. Wie die bildende Kunst als Ideendarstellung im Physischen Erziehung der Natur, so ist die Bildungskunst eigene, die Bildekunst Erziehung des Menschengeschlechts. Wie diese im gemeinsamen, die Selbsterziehung im einzelnen Bewusstsein, so stellt die bildende Kunst die Culturentwickelung und den Culturprocess in der gesammten leblosen und lebendigen Natur dar. Die Ideendarstellung im Wirklichen überhaupt, die Kunst, ist der lebendige Culturprocess; die Entwickelungsgeschichte derselben von deren ersten Anfängen im erwachenden Bewusstsein des Einzelnen durch das Jugend-, Mannes- und gesellschaftliche Bewusstsein hindurch bis zu den fernen und fernsten Grenzen des Alls, soweit dieselben unserer Erfahrung zugänglich sind, bildet den Inhalt der Entwickelungsgeschichte der Cultur, der Culturgeschichte des Weltalls.