SCHLUSS.

430. Mit der Ideendarstellung in der Geistes- und Körperwelt ist die Philosophie als Kunst, wie mit der Darlegung des Ideeninhalts einer-, des Inhaltes der Wirklichkeit andererseits die Philosophie als Wissenschaft zum Abschluss gebracht. Der philosophische Realismus geht nicht von der Annahme aus, weder dass das Wirkliche als solches vernünftig, noch dass das Vernünftige als solches wirklich sei (Optimismus: Hegel); aber auch nicht von der entgegengesetzten, dass das Wirkliche als solches vernunftlos (Pessimismus: Schopenhauer), oder gar als solches vernunftwidrig (lebendiger Widerspruch; Realdialektik: Bahnsen) sei. Derselbe setzt aber voraus, sowol dass das Vernünftige, welches als solches nicht wirklich ist (die Ideen), wirklich, als dass das Wirkliche, welches als solches nicht nothwendig vernünftig ist (Natur, Geist, Geschichte), vernünftig werden kann, werden soll und werden wird, wenn nach dem bekannten Wort „Jeder seine Schuldigkeit thut”. Die Verwirklichung der Ideen ist weder eine Thatsache, die in der Vergangenheit, noch eine solche, die in der Gegenwart, sondern eine Aufgabe, deren Erfüllung in der Zukunft und in den Händen des Menschen liegt. Der Traum eines „goldenen Zeitalters”, von welchem ein nüchterner Rationalist wie Kant als von jenem des „ewigen Friedens”, wie ein extremer Positivist wie Comte als dem „état positif” schwärmte, wird dann erfüllt sein, wenn die gesammte Ideenwelt real geworden und die gesammte Wirklichkeit von den Ideen durchdrungen d. h. wenn dasjenige, was Schiller „das Kunstgeheimniss des Meisters” nannte, die „Vertilgung des Stoffes durch die Form” offenbar, oder, wie Schleiermacher es ausdrückte, „wenn die Ethik Physik und die Physik Ethik” geworden sein wird. Eine Philosophie, welche, wie die vorstehende, sich weder wie die Theosophie auf einen menschlichem Wissen unzugänglichen theocentrischen Standpunkt versetzt, um von ihm aus den „Vernunfttraum” als längst geschaffene Wirklichkeit, noch wie die Anthropologie auf den zwar anthropocentrischen, aber unkritischen Standpunkt gemeiner Erfahrung stellt, um von ihm aus eine ideenerfüllte Wirklichkeit als „Traum der Vernunft” anzusehen, welche sonach zugleich anthropocentrisch d. i. von menschlicher Erfahrung ausgehend und doch Philosophie d. i. an der Hand des logischen Denkens über dieselbe hinausgehend sein will, ist Anthroposophie.

Als Separat-Abdrücke

aus den

Abhandlungen der philosophisch-historischen Classe der kais. Akademie der Wissenschaften

sind von demselben Verfasser erschienen:

Samuel Clarke’s Leben und Lehre. Ein Beitrag zur Geschichte des Rationalismus in England. Wien, 1870. (A. d. Denkschriften. XIX. Bd.)

Ueber Kant’s mathematisches Vorurtheil und dessen Folgen. Das., 1871. (A. d. Sitz.-Ber. LXVII. Bd.)