Am 12. Februar erfolgte der Abmarsch des Pascha und Dr. Stuhlmanns nach Westen hin mit ca. 40 Mann, dem 3,7 cm-Geschütz und einer entsprechenden Anzahl von Trägern. Lieutenant Langheld lehnte die Aufforderung des Dr. Emin Pascha, mit der Expedition weiter zu ziehen, ab mit der Begründung, daß ihm dies als deutschem Offizier unmöglich sei, da ein Vorgehen über den ersten Grad südlicher Breite verboten war.
Wie Sigl zu Tabora, so hat es auch Langheld am Viktoriasee verstanden, trotz seiner geringen Macht, eine respektable Stellung durch Benutzung der Autorität der dortigen Häuptlinge, welche größeren, man kann sagen Staatswesen vorstehen, zu schaffen; das richtige Taktgefühl Langhelds zeigte sich außerdem besonders in seinem Auftreten den Franzosen und Engländern gegenüber; gelegentlich des letzten traurigen Religionskrieges in Uganda wurde Langhelds geschicktes Benehmen und sein gerechter Takt überall anerkannt, desgleichen der seines Untergebenen, des Feldwebel Kühne, der nach dem Tode des Feldwebel Hoffmann der Station Muanza vorstand.
Dr. Emin Pascha marschierte über Karagwe zum Albert-Eduardsee; von dort aus ist in der That ein Durchzug nach Kamerun geplant gewesen; derselbe scheiterte indes an der Meuterei der Träger, die wegen der Hungersnot in Momphu sich weiter zu gehen weigerten; die Landschaft Momphu ist das äußerste von der Expedition erreichte Gebiet. Emin wußte nicht, daß er sich dort in allernächster Nähe von schon vorhandenen belgischen Stationen befand, die ihm den Weitermarsch erleichtert hätten.
Der Pascha marschierte mit Stuhlmann bis zum Albertsee zurück. Dann schickte er, als eine Pockenepidemie ausbrach, Stuhlmann mit den gesunden Leuten nach Bukoba voraus, wohin er langsam folgen wollte.
Die von der Expedition erreichten politischen Erfolge sind dank auch der Thätigkeit der Stationschefs zu Tabora und Bukoba und dank der militärischen guten Führung, recht bedeutende und stehen in keinem Verhältnis zu der geringen Stärke der Expedition. Groß auch sind die Erfolge, besonders für die Wissenschaft, für die Dr. Emin schon so vieles in stiller, entbehrungsreicher Arbeit that. Möchte bald die Mitwelt Kunde von seinem weiteren Herannahen erfahren! —
Major v. Wißmann ist heute nicht mehr der Leiter unserer afrikanischen Kolonie, aber die Pläne, welche ihn bei dem weiteren Ausbau unserer Macht daselbst geleitet haben und heute noch leiten, sind durch die Errungenschaften der Eminschen Expedition in ihrem Keim wenigstens dort angelegt. Wißmann hat es stets als Hauptaufgabe betrachtet, die Hilfsquellen des Landes, besonders den bestehenden Handel dauernd in unsere Hände zu bringen. Der Schwerpunkt dieses Handels aber liegt nicht an der Küste, sondern im Gebiet der Seen. Wenn wir diese zu beherrschen in der Lage sind, folgt der Handel an der Küste von selbst nach, und wir sind gleichzeitig in der Lage, unsere humanitären Aufgaben zu erfüllen und den Sklavenjagden im Innern allmählich ein Ende zu bereiten. Für die praktische Durchführung dieser Pläne und Absichten hat Wißmann sein Dampferprojekt entworfen. Ein deutscher Dampfer auf dem Viktoria würde in Verbindung mit einer genügenden Landmacht den thatsächlichen Einfluß unsererseits an den Ufern dieses Binnenmeeres, in den so reichen und hochkultivierten Ufer-Staaten desselben dauernd zu festigen im stande sein. Eine gute Schiffsverbindung würde uns die Mittel in die Hand geben, die Handelsbeziehungen um den See herum in unseren Stationen zu vereinigen.
Wenn man dazu den Plan Gravenreuths, die Gründung einer deutschen Seengesellschaft mit lediglich handelspolitischer Tendenz sich vergegenwärtigt, so kann es jedem Freunde unserer Kolonie nur schmerzlich sein, daß ein Verständnis für die Großartigkeit des entworfenen Planes und für die zweifellose Durchführbarkeit desselben sich nur in geringem Maße gefunden hat.
Der von Major v. Wißmann geplante Dampfer geht nun einen andern Weg. Über den Schire und Zambesi aufwärts soll er über den Nyassa und dann auf dem Landwege auf der berühmten von den Engländern für sich frei gehaltenen, aber leider nicht existierenden Stephensonroad zum Tanganjika gebracht werden. Ob es gelingen wird, die Schwierigkeiten dieses Transportes, besonders des Landweges zu überwinden, mag dahingestellt bleiben. Aber, mag der Dampfer nun auf dem Nyassa oder Tanganjika die deutsche Flagge zeigen, einen wesentlichen Vorteil wird er uns immer bieten. Er wird uns zwingen, endlich auch an diesen beiden so überaus wichtigen zentralafrikanischen Seen, deren Bedeutung jedem anderen Volke, besonders unseren Wettbewerbern, klar ist, unsere Macht zum Ausdruck zu bringen. Ein deutscher Dampferverkehr auf diesen Seen hat aber nur dann einen Zweck, wenn Landstationen dafür den Stützpunkt bilden. Man scheint dieser Überzeugung in amtlichen Kreisen bereits zugänglich geworden zu sein; denn der Vorsitzende des Antisklaverei-Komitees, unter dessen Ägide der Wißmann-Dampfer seinen Weg angetreten hat, ist der Leiter unserer Kolonialabteilung, der mit warmem Herzen und klarem Verständnis unsere afrikanischen Interessen vertritt.
Hoffen wir, daß dann auch der Mann, welchem wir die Wiedergewinnung Deutsch-Ostafrikas und die thatsächliche Errichtung unserer Macht verdanken, daß Wißmann dann wieder amtlich einen Wirkungskreis findet, wie er ihm durch seine bisherigen großen Erfolge und seine bedeutende Erfahrung zukommt.
Uns allen aber, die wir längere Zeit in unserer ostafrikanischen Kolonie thätig gewesen sind, die wir an ihrer Begründung und ihrem Aufbau mitgeholfen haben, uns wird ja immer ein hohes, inniges Interesse an dieselbe knüpfen, auch dann, wenn sie, wie der Verfasser, nach mehreren schweren, im Kampf für die Sache erhaltenen Verwundungen ausgeschieden sind.