Die durch Emins Vertragsabschluß und Aufenthalt in Tabora veränderten Verhältnisse führten indes zur Begründung der Station Tabora durch Lieutenant Sigl. Stokes hielt es nach seiner Ankunft für notwendig, eine Ortschaft in der Nähe Usongos, Namens Tinde, zu züchtigen; er requirirte dazu die Hülfe Langhelds. Trotzdem Stokes jahrelang in Usongo seinen Wohnsitz hatte, war er über die nächsten Verhältnisse der benachbarten Ortschaften so wenig orientiert, daß er den in Tinde zu findenden Widerstand bedeutend unterschätzte. Langheld und Sigl marschierten mit nur 35 Mann dorthin, trafen auf stark befestigte Dörfer und sehr großen Widerstand und mußten sich mit einem Verlust von 10 Mann unter Mitnahme der Toten und Verwundeten in Folge Patronenmangels zurückziehen. Sigl selbst hatte einen Streifschuß am Kopf erhalten. Jetzt war die Lage kritisch geworden.

In Urambo saß Frhr. von Bülow mit geringer Macht, in Usongo Langheld und Sigl mit einer in Folge des unglücklichen Gefechts verminderten Soldatenzahl. Instruktionen vom Pascha lagen, wie erwähnt, nicht vor.

Nach reiflicher Erwägung mit Stokes und Sigl beschloß nun Langheld die Verbindung mit dem Pascha herzustellen. Er brach mit 20 der besten Schützen und reichlicher Munition von Usongo auf und marschierte durch das feindliche Gebiet zum See ab. Beim Eintreffen am See sandte er sofort Meldung an den Pascha, der daraufhin 50 Mann zur Unterstützung der südlichen Abteilung von Bukoba absandte.

Die Abteilung stand unter der Führung eines farbigen Offiziers, da die beiden Unteroffiziere Hoffmann und Krause krank waren und daher beim Pascha und Stuhlmann zu Bukoba zurückbleiben mußten. Langheld marschierte nach dem Eintreffen der Verstärkung in Eilmärschen nach Usongo zurück.

Am 5. Dezember traf er bei Stokes und Sigl ein und warf am 9. Dezember mit dem letzteren gemeinsam unter Verlust von 13 Toten und Verwundeten die vereinigten Wangoni und Waniamuesi nieder. In den nächsten Tagen wurde der Sieg durch weiteres Vorgehen gegen die Feinde noch ausgenutzt, die aber, nachdem ihr stärkstes Bollwerk gefallen war, nicht mehr Stand zu halten wagten.

Es erfolgte nun die Begründung der Station Tabora durch Sigl und zwar zunächst unter wenig günstigen Vorzeichen. Denn es war gerade damals die Nachricht von einem sehr scharfen Vorgehen des Dr. Emin Pascha gegen einige Araber, die kurz vor seiner Ankunft am See sein Lager besuchten, aus Usukuma nach Tabora gedrungen.

Die Angelegenheit ist zur Zeit noch nicht genügend aufgeklärt. Thatsache ist, daß das Vorgehen des Pascha gegen ihm bis dahin freundlich gesinnte Araber einen vollständigen Umschlag der Stimmung zu Tabora und sogar an der Küste gegen ihn und zeitweilig gegen uns alle bewirkte. Nichtsdestoweniger gelang es Sigl in Tabora durch sein äußerst geschicktes Verhalten und klugen Takt uns eine gute Position zu gründen; eine Stütze hatte er zuerst in dem Sergeant Bauer, der ihm daselbst beigegeben war. Zu statten kam Sigl der Waffenerfolg, den er und Langheld über die Waniamuesi und Wangoni errungen hatte; die Waniamuesi-Chefs wurden dadurch zur Annahme der deutschen Flagge bewogen und zur Anerkennung der deutschen Herrschaft. In den 1-1/4 Jahren seines Aufenthalts zu Tabora hat es dann Sigl verstanden, niemals wesentliche Differenzen mit den Machthabern von Unianiembe aufkommen zu lassen. Er hielt sich dabei zunächst an den entschieden anständigeren Teil der Bevölkerung Unianiembes, die Araber, deren Sitten und Gebräuche er respektierte, die er durch taktvollen Verkehr ganz auf seine Seite zu ziehen und trotz seines notwendigen Lavierens doch in großem Respekt vor sich zu halten verstand.

Die Araber repräsentieren — entgegen der Meinung der meisten Laien und Humanitätsfanatiker — zweifellos, wie erwähnt, den anständigeren Teil der Bevölkerung Unianiembes; denn die Waniamuesi betreiben, wogegen Europa ja besonders ankämpft, in viel größerem und grausamerem Maße den Sklavenhandel, führen fortwährende Kriege und stehen lange nicht auf dem kulturellen Standpunkt der Araber. Trotzdem verstand es auch Sigl, weitergehende Differenzen mit den Waniamuesi zu vermeiden; er hielt sich an den am meisten einflußreichen, freilich übelberüchtigten Häuptling Sikke zu Tabora und hat trotz der lächerlich geringen Stärke der Station diesen und die Waniamuesi stets im Schach zu halten gewußt.

Nunmehr allerdings — die Drucklegung dieses Buches hatte schon begonnen — nach der Ablösung Sigls wissen wir, daß Kämpfe gegen den erwähnten Häuptling Sikke notwendig wurden und daß diese glücklich gewesen sind, da durch zufällig in Tabora anwesende Expeditionen des Ausführungskomitees der deutschen Antisklaverei-Lotterie die Stationstruppen erheblich verstärkt wurden. Nur durch diese wurde mit harter Mühe und Opfern der Sieg über Sikke erreicht. Die notwendigen Kämpfe führen uns aber unsere Schwäche in dem wichtigen Unianiembe vor Augen, sie zeigen, wie vorsorglich Wißmann war, als er ein vorzeitiges Engagement zu Tabora nicht wünschte. Die Ereignisse in Tabora mahnen uns dringend, unsere Position an den Seen zu verstärken, um die bislang erreichten Erfolge nicht zu verlieren. —

Wenden wir uns nun wieder zur Expedition des Dr. Emin Pascha. Nach der vorerwähnten Bestrafung der Wangoni und Waniamuesi marschierte Lieutenant Langheld wieder zum See, woselbst er am 26. Januar 1891 sich mit dem Pascha und Stuhlmann vereinigte. Langheld erhielt die Leitung der vom Pascha angelegten Stationen Bukoba und Muanza, welche wichtige Verkehrscentren am See bilden.