Die Macht der Verhältnisse hat es schließlich anders gefügt. Emin, welcher ursprünglich nördlich von Tabora direkt nach dem Viktoriasee zu gehen beabsichtigte, wurde durch Trägermangel und notwendige Ergänzung der Tauschwaren gezwungen, von seiner Route abzubiegen und Tabora aufzusuchen. Da nun hier die politischen Verhältnisse, besonders die Stimmung der Araber, sich einer Verhandlung günstig zeigte, betrachtete es Emin als seine Aufgabe, in Tabora die deutsche Flagge aufzuhissen und einen förmlichen Vertrag abschließen. Hierbei hatte ein Abgesandter Wißmanns, der Belutsche Ismael aus Bagamoyo, dem Pascha die Wege geebnet. Dieser hatte große Handelsverbindungen in Tabora und war mit allen dortigen Arabern und Belutschen aufs Engste liirt. Er erschien daher als der geeignete Mann, so lange wir größere Machtmittel im Innern nicht aufwenden konnten, für uns zu wirken und es war Wißmann, der teils persönlich, teils durch Hauptmann Richelmann und den Verfasser mit ihm unterhandelt hatte, gelungen, Ismael zu gewinnen. Derselbe ging gerade mit einer Handelsexpedition nach Tabora hinauf und übernahm dabei die Aufgabe, die Araber zur Hissung der deutschen Flagge und zur Unterwerfung unter die deutsche Herrschaft zu bewegen; Ismael machte den Leuten klar, daß ihr eigenes Interesse auf unserer Seite läge, da sie doch kommerziell von der Küste abhängig wären, und sie da auch eventuell, wie der in einem früheren Kapitel erwähnte Fall Mohammed ben Kassim zeigte, gefaßt werden könnten. Die Araber waren durchaus geneigt, die deutsche Herrschaft ohne Rückhalt anzuerkennen, nicht so aber der von jeher aufs übelste berüchtigte Waniamuesihäuptling Sikke. Doch gelang es schließlich der Einwirkung der Araber und Ismaels, auch Sikke geneigter zu machen.
Da Ismael bekannt wurde, daß die Expedition des Paschas sich Tabora näherte, bewirkte er, daß von den Arabern schließlich im Einverständnis mit Sikke, der zuerst gegen die Expedition getobt hatte, ein Einladungsschreiben an Emin Pascha abgesandt wurde, selbst nach Tabora zu kommen und dort die deutsche Flagge zu hissen; der Pascha, der bei den Arabern als Mohammedaner galt, hatte natürlich einen sehr guten Namen unter diesen.
Ismael selbst ging dem Pascha entgegen, überbrachte ihm die Aufforderung der Araber und schilderte ihm die Lage der Dinge in Unianiembe. Der Pascha marschierte darauf nach Tabora und schloß daselbst am 1. August 1890 einen Vertrag mit den Arabern, in welchem diese die deutsche Oberhoheit in Unianiembe anerkannten und das Recht erhielten, selbständig einen Wali zu wählen. Falls später eine Station in Tabora angelegt würde, sollte der Wali wie in den Küstenstationen unter dem Befehl des Stationschefs stehen. Sklavenhandel und Sklavenjagden wurden ausdrücklich verboten. Der Sultan Sikke von Unianiembe zahlte eine Summe in Elfenbein und lieferte dem Pascha eine Mitrailleuse und ein Broncegeschütz aus. Die erstere hatte Sikke früher den Belgiern abgenommen, während das Broncegeschütz ein Geschenk Said Bargaschs an ihn war.
Als Wali wurde in Tabora Seef ben Saad gewählt, der sich bis zum gegenwärtigen Augenblick als außerordentlich tüchtig und zuverlässig bewährt hat.
Während des Aufenthaltes der Expedition zu Tabora, wo wieder eine Reorganisation derselben erfolgte, bedrängten die Wangoni stark die Uramboleute; es wurde daher der noch immer kranke Chef v. Bülow mit seinen aus Mpapua mitgenommenen 25 Mann nach Urambo abgesandt, zugleich auch in der Absicht, daß ihm dort in gesünderer Gegend Gelegenheit geboten würde, sich zu erholen. Die Wangoni drängten indes auch nach der Ankunft Bülows in Urambo immer mehr nach und berichtete Bülow an den Pascha, daß die ganzen Wangoni im Kriege gegen Urambo liegen. In Folge dessen sandte am 25. August Dr. Emin Pascha den Lieutenant Langheld mit Feldwebel Kühne und 70 Mann und den beiden von Sikke ausgelieferten Geschützen ab, um den Uramboleuten im Verein mit Bülow zu helfen. Es war verabredet worden, daß der Pascha mit Dr. Stuhlmann und dem anderen Teil der Expedition alsdann Langheld folgen wollte und sich die gesamte Expedition weiterhin in Usongo vereinigen sollte.
Bülow und Langheld versuchten die Zwistigkeiten der Uramboleute und Wangoni im guten auszugleichen, doch vergeblich; nach vielen fruchtlosen Verhandlungen marschierten sie mit über 2000 Uramboleuten den Wangoni entgegen, die in den Tagen vom 9.-12. September vollständig geschlagen wurden. Die große Zahl der Uramboleute, welche sich in den Kämpfen vorzüglich benahmen, erwies sich als ein ausgezeichnetes Sicherungsmittel.
Am 15. September traf die Expedition in Usongo ein. Der Pascha war indes Langheld nicht gefolgt, sondern war auf eine Bitte der französischen Mission in Bukumbi am 30. August von Tabora dorthin abgerückt, ohne irgendwelche Instruktion für eine Wiedervereinigung der Expedition zu erteilen; die von der Missionsstation erbetene Hülfe erwies sich zudem als nicht dringend. Der Pascha erreichte mit Stuhlmann den See Ende September in Bussisi gegenüber Bukumbi und brach von dort Ende Oktober, nachdem ein Einschreiten daselbst nicht notwendig gewesen war, nach dem Westufer des Sees auf; er selbst benutzte den Wasserweg, Stuhlmann den Landweg.
Der Aufbruch beider war wiederum erfolgt, ohne eine Vereinigung der Expedition abzuwarten; Emin sandte nur Boten mit der Nachricht an Langheld zurück, daß die Expedition nach dem Westufer abmarschiert wäre, ohne jedoch eine Instruktion hinzuzufügen; auch hatte er für eine stetige rückwärtige Verbindung keine Sorge getragen; die Nachricht von den glücklichen Gefechten Bülows und Langhelds gegen die Wangoni hatte der Pascha erhalten. Am Westufer des Sees befaßte er sich mit Stuhlmann bis zum späteren Eintreffen Langhelds mit der Begründung der Station Bukoba.
Inzwischen hatte Langheld den Feldwebel Kühne mit 40 Mann zum Pascha entsendet, da die Soldaten in Uniamuesi vor der Hand nicht notwendig waren. Langheld selbst wartete das Eintreffen des Irländers Stokes ab. Dieser, welcher im Inneren einen großen Elfenbeinhandel betrieb und der Schwiegersohn des Sultans Mtinginia von Usongo war, war von Wißmann in die Dienste des Reichskommissariats übernommen, um seinen bedeutenden Einfluß im Inneren für uns auszunutzen.
Mit Stokes marschierte Lieutenant Sigl mit dem Sergeant Bauer, 17 Soldaten und einem 4,7 cm Geschütz. Sigl war ursprünglich für die Begründung einer Station in Usongo ausersehen, da gerade durch den starken Rückhalt, den die Station an Mtinginia haben mußte, und die dadurch bewirkte Erweiterung der deutschen Interessen am besten die spätere Besetzung Taboras vorbereitet wurde.