Es ist die Ansicht sehr verbreitet, als hätte Wißmann danach gestrebt, Dr. Emin Pascha in seinen Befehlsbereich, also zu seinem Untergebenen zu bekommen. Diese Ansicht ist irrig: Wißmann wünschte eine direkte Unterstellung des Pascha unter das Auswärtige Amt; Dr. Emin hingegen erbat wiederholt und dringend von Wißmann eine direkte Unterstellung seiner Person unter die Wißmanns, auch für spätere Zeit, und zwar begründete der Pascha dies in seiner mitunter kokett erscheinenden Bescheidenheit mit den größeren persönlichen Verdiensten Wißmanns. Es möge dies Faktum Erwähnung finden, um einer ungerechten Beurteilung Wißmanns vorzubeugen.

Die Aufgabe, welche Wißmann durch den Pascha gelöst wissen wollte, basiert auf den eigentümlichen, man kann wohl sagen politischen Verhältnissen unserer Kolonie. Die Küste war in unsern Besitz zurückgebracht. Der große Karawanen-Knotenpunkt, welcher als äußerste Grenze der Küste betrachtet werden kann, war von uns besetzt. Aber diese Thatsachen konnten für die wirkliche Beherrschung der Kolonie durch uns immer noch nicht als allein ausschlaggebend angesehen werden, besonders dann nicht, wenn wir unsre Hauptaufgabe erfüllen, d. h. die handelspolitischen Fäden Inner-Afrikas in unsrer Hand vereinigen wollten. Diese Fäden liefen im Innern zusammen in den großen arabischen Handelscentren, wo hunderte mächtiger Kaufleute, ja, man kann sagen arabischer Herrscher ungeheure Gebiete in unserm eigenen Lande in ihrer Hand vereinigt hatten. Es schien sehr denkbar, daß die Araber des Innern durch die Beeinträchtigung des Sklavenhandels oder aus Furcht vor unserm Vorgehen an der Küste ihren Handel von nun an in andere Bahnen lenken würden, auch lag die Möglichkeit nahe, daß diese arabischen Centren im Innern, wenn wir nicht in einen direkten Verkehr mit ihnen traten, auf endlose Zeit hinaus die Quellen neuer Aufstände und Beunruhigungen sein würden. Ein militärischer Vorstoß nach diesen Punkten im Innern konnte gar nicht in Frage kommen. Zudem ließen es auch die bestehenden Verhältnisse als wahrscheinlich erscheinen, daß eine diplomatische Expedition, wenn dieselbe unter der Entfaltung einer immerhin in die Augen fallenden Macht auftrat, noch besser zum Ziele führen würde. Für eine solche Aufgabe war die Person Emin Paschas so geeignet, wie keine zweite. Als ganz erstrebenswerte Folge ergab sich außerdem, daß durch eine solche Expedition notwendig im Innern Interessen geschaffen werden mußten, welche von der Reichsregierung später in keinem Falle aufgegeben oder verleugnet werden konnten. Auf diesen Grundlagen baute sich die Aufgabe, welche Emin lösen sollte, auf.

Der Entschluß, seine Dienste der deutschen Reichsregierung anzubieten, war von Dr. Emin noch auf seinem Krankenlager in Bagamoyo gefaßt worden. Nachdem die prinzipielle Genehmigung zur Expedition von Berlin erwirkt und die Mittel für dieselbe bewilligt waren, wurde mit Eifer an die Zusammenstellung der Expedition gegangen. Zwar hatte es nach der Genesung des Pascha den Anschein, als gewännen andere Einflüsse auf ihn wieder die Oberhand, zwar erklärte er mir nach erfolgter Zusammenstellung der Expedition zuletzt noch in Bagamoyo, er wolle diese mir, der ich ursprünglich als militärischer Führer für dieselbe in Aussicht genommen war, überlassen und selbst noch in Sansibar und Bagamoyo verweilen, schließlich aber willigte er doch ein, selbst die Expedition zu führen. Und dazu hatte Wißmann seinen ganzen Einfluß eingesetzt, denn es war klar, daß nur im Vertrauen auf den Pascha, seine Vergangenheit und seine außerordentliche Leistungsfähigkeit, die Genehmigung des Reichskanzlers zu dieser für damalige Verhältnisse weitausschauenden Expedition erteilt war.

Es möge an dieser Stelle gestattet sein, den Charakter Emins, wie sich uns derselbe in mehrmonatlichem Verkehr offenbarte, einige Worte zu widmen. Unbestritten ist von vornherein sein wissenschaftlicher Eifer und Ruhm. Ebenso unbestritten das organisatorische Talent, welches er während der dreizehn Verwaltungsjahre in der Äquatorialprovinz genügend bekundet hat. Uns Offizieren jedoch mußte ein Charakter wie der seine zunächst durchaus fremd gegenübertreten. Mag es nun in seinem langen Verkehr mit Arabern oder in angeborenen Charaktereigentümlichkeiten liegen, er zeigte in jedem Falle ein für unser Gefühl viel zu starkes Eingehen auf Wünsche aller Art, gleichviel von welcher Seite dieselben immer ausgesprochen wurden. Die übertriebene Höflichkeit und die vollkommene Unterordnung seines eigenen Willens unter den Ideengang viel jüngerer Männer, nicht nur Wißmanns, sondern auch weniger bedeutender Leute, kamen uns wie eine Art Schlaffheit, wie mangelndes Selbstbewußtsein vor. Dazu kam eine übergroße Reizbarkeit; der Charakter Emins ist dermaßen erregbar, daß unter Umständen ein verkehrtes Wort ihn dazu veranlassen konnte, daß er sich wie eine Schnecke in ihr Haus zurückzog. Leicht bezog er auch ein der Sache geltendes Urteil auf seine Person. Besonders in letzterer Hinsicht war der Verkehr mit ihm nicht ganz angenehm, denn Emin pflegte derartige Meinungsverschiedenheiten nicht so leicht zu vergessen. Das hier gefällte Urteil ist ja ein persönliches, aber es bringt das Empfinden zum Ausdruck, welches wir bis zum Abmarsch des Pascha fast ausnahmslos hatten.

Eins aber muß ganz unbedingt von allen anerkannt werden: das ist die Thatsache, daß schließlich Dr. Emin trotz seiner schweren vorhergegangenen Krankheit, trotz seines 16jährigen Aufenthalts in Afrika sich schließlich, ohne die Heimat oder Egypten wiederzusehen, in den Dienst der deutschen Sache stellte, für die er nach kaum fünfmonatlichem Verweilen an der Küste den Marsch ins Innere wieder antrat, ohne doch durch eine Verpflichtung dazu genötigt gewesen zu sein. Und in der That ist die Expedition Dr. Emins von der einschneidendsten Bedeutung für die weitere Entwickelung Deutsch-Ostafrikas geworden. Das Verdienst, unser Ansehen im Seengebiet ausgebreitet zu haben, kommt der Expedition Emin Paschas zu.

Der geeignetste Zeitpunkt für eine solche Expedition und ihre Aufgaben war die verhältnismäßig stille Zeit, welche nach der Beruhigung des Nordens und vor Wiedereroberung des Südens sich eingestellt hatte. Die Verhandlungen zwischen Wißmann und Emin führten zu dem Resultat, daß der Pascha Ende April mit den Offizieren Langheld und Dr. Stuhlmann, dem Feldwebel Kühne und dem Sergeant Krause, 100 Soldaten (Sudanesen, Zulus und Askaris), ferner 400 mit Vorderladern bewaffneten Trägern und einem kleinen 3,7 cm Geschütz von Bagamoyo aufbrechen sollte. Lieutenant Langheld war als Führer der Soldaten an Stelle des Verfassers getreten, da zwischen dem Pascha und diesem Meinungsverschiedenheiten Platz gegriffen hatten. Lieutenant Dr. Stuhlmann war dem Pascha als wissenschaftliche Stütze beigegeben. Beiläufig erwähnt, machte die Anwerbung der Träger sehr große Schwierigkeit. Sobald unsere englischen Freunde in Sansibar, denen wir bis zum letzten Augenblick die Zwecke und Personen der Expedition verborgen gehalten hatten, über die Sachlage im Klaren waren, setzten sie alles daran, die Expedition zu hintertreiben.

Am 26. April 1890 marschierte die Expedition von Bagamoyo ab und traf in Mpapua mit der aus dem Innern kommenden deutschen Emin Pascha-Expedition unter Dr. Peters zusammen. Wegen der schlechten Jahreszeit — die Kingani- und Makataebene waren nach der großen Regenzeit ebenso wie das Mukondoguathal überschwemmt — hatten die Expeditionsmitglieder wie die Soldaten und Träger schon auf dem erstem Teil des Marsches viel unter klimatischen Krankheiten zu leiden und waren auch einige Verluste durch Tod zu verzeichnen. In Mpapua wurde von Seiten des dortigen Stationschefs Freiherrn von Bülow und Lieutenant Langheld mit den vereinigten Stations- und Expeditions-Truppen ein Zug gegen die Wahumba unternommen, die bei Kitangi geschlagen wurden.

Am 19. Juni erfolgte zu Mpapua das Zusammentreffen mit Peters; am 21. Juni marschierte nach erfolgter Reorganisation die Expedition, die in Mpapua drei Wochen geweilt hatte, nach Westen weiter. Der bisher in Mpapua stationierte Feldwebel Hoffmann ging von hier aus als Expeditionsmitglied mit, sollte aber leider nicht wieder aus dem Innern zurückkehren, da er später in Muanza verstarb. Ebenso schloß sich Herr von Bülow mit 25 Mann der Mpapuabesatzung an, um die Wagogo mit Hülfe Langhelds zu züchtigen; die Wagogo, besonders der gefürchtete Häuptling Makenge zu Uniamwira, waren in letzter Zeit besonders frech gewesen; Dr. Peters speziell hatte Kämpfe mit ihnen gehabt, in denen er siegreich gewesen war. Nun wurden sie ebenfalls von Bülow und Langheld wieder geschlagen; Bülow, der ursprünglich nur bis Uniamwira mitmarschieren wollte, wurde dort durch Krankheit an der Rückkehr nach Mpapua verhindert und verblieb in der Behandlung des Pascha, indem er zunächst in der Expedition weiter getragen wurde.

Wenn, wie in Ugogo, Abteilungen der Expedition detachiert wurden für kriegerische Aktionen, zeigte es sich, daß die Sudanesen nie bei der Hauptexpedition des Pascha zurückbleiben, sondern stets Lieutenant Langheld, ihrem militärischen Führer, folgen wollten, trotzdem doch der egyptische Pascha und Gouverneur der Äquatorialprovinz ihnen näher stehen konnte; es war das Gleiche schon in Bagamoyo im Verhältnis der Sudanesen zum Pascha einerseits und zum Verfasser andererseits hervorgetreten. Es ist dies ein Zeichen der guten Disziplin unserer Sudanesen und der Anhänglichkeit an ihre militärischen Führer.

Von Mpapua an traten bereits Verhältnisse ein, welche auf den weiteren Verlauf der Expedition bestimmend einwirkten und derselben eine ursprünglich nicht beabsichtigte Richtung gaben. Bei der Feststellung der Grundzüge für die Expedition hatte Wißmann dem Pascha gegenüber ausdrücklich den Wunsch ausgesprochen, daß Tabora, jenes wichtigste arabische Centrum im Innern, nicht berührt werden solle. Wißmann setzte dabei voraus, daß das Erscheinen einer so geringen Macht, wie sie dem Pascha zur Verfügung stand, doch niemals von einem nachhaltigen Erfolge auf die arabische Macht daselbst sein könne und daß daher nur unangenehme Weiterungen aus einer Besetzung Taboras entstehen würden. Der Reichskommissar selbst war auf keinen Fall in der Lage, bei irgend welchen Verwicklungen thatkräftig einzugreifen; auch konnte solch ein weiter militärischer Vorstoß nach dem Innern vorderhand gar nicht als Aufgabe des Kommissariats angesehen werden.