Schon hatte der Verfasser das Manuskript zu diesem Buche abgeschlossen, da trafen so wichtige Nachrichten aus unserem ostafrikanischen Schutzgebiet ein, daß er Veranlassung nimmt, die Vorgänge noch mit wenigen Zeilen zu streifen.

Am Kilimandscharo sind die Herren Kompagnieführer Freiherr von Bülow und Lieutenant Wolfrum den Heldentod gestorben. Der erstere war ein wegen seiner Tapferkeit, Pflichttreue und siebenjähriger afrikanischer Erfahrung hochgeschätzter, an den verschiedensten Plätzen bewährter Offizier, der letztere wurde, zwar bedeutend jünger im afrikanischen Dienst, von allen gleichgeschätzt, als Offizier, Kamerad und Mensch; beider Tod ist ein empfindlicher Verlust für die Schutztruppe. Leider fielen beide in einem für uns recht unglücklichen Gefecht bei Moschi am 10. Juni: Wolfrum während desselben, Bülow erlag den im Gefecht erhaltenen Verwundungen am Tage darauf.

Zu Moschi war im November v. J. Meli seinem Vater Mandara nach dessen Tode in der Herrschaft gefolgt. Während Mandara stets ein zuverlässiger Freund der Deutschen gewesen war, der fremden Einfluß nicht aufkommen ließ, scheint sich sein Sohn ganz in die Hände der englischen Missionare gegeben zu haben; nach der Gründung der Station Marangu lebte Meli auch nicht mehr derartig unter den Augen der Deutschen, daß einer Schwenkung in seiner politischen Haltung hätte rechtzeitig vorgebeugt werden können.

Aus Gründen, welche zur Zeit hier noch nicht genügend aufgeklärt sind, sah sich Herr von Bülow veranlaßt, gegen Meli vorzugehen. Da seine Kompagnie aber sehr verteilt war und da er wohl keine Aussicht hatte, vom Gouverneur von der Küste Verstärkungen zu erhalten, wagte er das Vorgehen gegen die kriegerischen Wadschagga zu Moschi anscheinend mit etwas geringen Mitteln. Auch scheint es, daß den Wadschagga Hinterladergewehre mit Munition durch die Engländer, vielleicht gar durch Vermittlung der englischen Mission, geliefert sind. Jedenfalls war das Gefecht bei Moschi ein für uns unglückliches; nach harten Verlusten mußten sich die Unsrigen zurückziehen, selbst die von Peters begründete Kilimandscharo-Station mußte aufgegeben werden; unsere Position am Kilimandscharo ist damit zur Zeit verloren. Man hat alles an Kräften, was man an der Küste noch zusammenbringen konnte, vereint, wie es scheint, ist die Küste sogar sehr von Truppen entblößt worden. — Es sind zwei Expeditionen, die eine unter dem an Ort und Stelle sehr erfahrenen, in Afrika wohl bewährten Kompagnieführer Johannes voran, die zweite unter dem neuen Oberführer der Schutztruppe, von Manteuffel, nachfolgend, von Tanga abgesandt, um den unzuverlässigen Häuptlingen die Lust zu weiteren Ausschreitungen zu benehmen und unsere Position im Innern wieder zu befestigen. Hoffentlich reichen die zusammengebrachten Kräfte dazu aus, den Kampf gegen Meli mit begründeter Aussicht auf Erfolg aufzunehmen und unser Ansehen wiederherzustellen.

17. Kapitel. (Schluß.)
Die Expedition Emin Paschas.

Gewinnung Emins für deutsche Dienste. — Charakter Emins. — Zwecke der Expedition. — Abmarsch. — Ankunft in Mpapua. — Kämpfe gegen die Wahumba. — Begegnung mit Dr. Peters. — Abmarsch von Mpapua mit v. Bülow. — Die Expedition schwenkt nach Tabora ab. — Vorverhandlungen daselbst durch den Belutschen Ismael. — Der Häuptling Sikke. — Vertrag Emins. — Seef ben Saad zum Wali gewählt. — v. Bülow geht nach Urambo. — Kämpfe Bülows und Langhelds mit den Wangoni. — Uramboleute als Hilfstruppen. — Langheld in Usongo. — Emin am Viktoria. — Aufbruch nach dem Westufer. — Gründung von Bukoba. — Stokes kommt mit Sigl nach Usongo. — Unglückliches Gefecht zu Tinde. — Langheld holt vom Viktoria Verstärkung. — Kämpfe gegen die Waniamuesi und Wangoni. — Stimmung der Araber zu Tabora. — Sigls Erfolge daselbst. — Marsch Langhelds nach Bukoba. — Langheld übernimmt die Stationen Bukoba und Muanza. — Emins und Stuhlmanns Weitermarsch nach dem Albert-Eduardsee und Momphu. — Sein Rückmarsch. — Schluß.

Bei der chronologischen Entwicklung der Ereignisse während und nach dem Aufstande, wie sie das vorliegende Buch darbietet, ist bisher eine Episode gänzlich außer Acht gelassen worden, eine Episode, welche gleichwohl in ihren Folgezuständen einen der wichtigsten Faktoren für die Weiterentwickelung der Kolonie darstellt und welche besonders auf die Maßnahmen des Gouvernements von wesentlich bestimmendem Einfluß gewesen ist: wir meinen die Expedition Dr. Emin Paschas.

Schon früher ist verschiedentlich darauf hingewiesen worden, daß bei der Ankunft an der Küste der Pascha selbstverständlich, falls er nicht gänzlich auf seine Thätigkeit in Afrika zu verzichten wünschte, die von Seiten Englands ihm gemachten Vorschläge anzunehmen geneigt schien. Mußte doch England für ihn als die einzige in Afrika wirklich interessierte Macht gelten, war er selbst doch im Dienst Gordons seiner erfolgreichen Thätigkeit in der Äquatorialprovinz zugeführt worden. Aber diese Neigung zu England erlitt einen Stoß schon bei der Ankunft Emins in Mpapua. Hier trat ihm plötzlich eine neue Kolonialmacht entgegen; hier wehte die deutsche Flagge 300 km von der Küste entfernt; deutsche Offiziere und Unteroffiziere, schwarze Truppen in deutschen Diensten empfingen ihn. Auf unserm Marsch zur Küste hinunter war Gelegenheit genug, dem Pascha in eingehenden Gesprächen die Entwicklung unserer deutsch-ostafrikanischen Kolonie darzulegen, ihn zu überzeugen, daß sein eigentliches Vaterland als stärkster Nebenbuhler Englands auf dem afrikanischen Kontinent mit Erfolg erschienen sei.

Für uns selbst mußte natürlich ein Name wie der Emin Paschas als eine überaus wichtige Erwerbung erscheinen. Die ganze zivilisierte Welt kannte ihn, die in Afrika beteiligten Mächte, der Kongostaat wie England, legten übereinstimmend einen überaus großen Wert auf seine Dienste. Was war da naheliegender, als daß wir unsererseits versuchten, den besten Kenner Innerafrikas, den in der Behandlung der Schwarzen und Araber äußerst gewandten Mann für uns zu gewinnen? Die beste Gelegenheit hierzu bot das Krankenlager Emins. Sein Zustand verbot von selbst die von englischen Freunden so überaus dringend gewünschte Überführung in ihre Hände. Vor den Augen des Genesenden entwickelte sich das gerade damals großartige Bild militärischen Lebens und beginnender Kulturarbeit auf unsrer größten afrikanischen Station.

Dazu kam der wesentliche Einfluß einer Persönlichkeit wie Wißmann, mit dessen Charaktereigenschaften sich in diesem Falle noch die Bedeutung des selbständigen, erfolgreichen Afrikaforschers verband. So war die Überleitung der Gesinnung Emins von der englischen Seite zur deutschen gleichzeitig das Werk der Ereignisse und des Einflusses der Personen, welche ihn umgaben, nicht aber ohne weiteres ein freiwilliges Zurückkehren seinerseits zu seinem angestammten Vaterland. Eine bloße Übernahme des Pascha in den Dienst des Kommissariats war durch die Bedeutung seiner Persönlichkeit ausgeschlossen. Wenn er uns seine Dienste widmen sollte, so konnte dies nur geschehen durch eine direkte Genehmigung oder auf einen ausgesprochenen Wunsch des Auswärtigen Amtes in einer Stellung, welche ihn nicht, wie uns andre, dem persönlichen Dienst des Reichskommissars zuteilte. Wißmann wandte sich daher, wie bekannt, an die leitende Stelle in Berlin und erhielt von dieser die telegraphische Antwort: »Emin Paschas Dienste sind uns angenehm.«