Es war in der letzten Zeit von Wißmann das Auskunftsmittel gewählt worden, Bagamoyo als Hauptsitz des Kommissariats zu halten, dagegen Daressalam als Hauptdepot und als Hauptplatz für die Flottille zu belassen. Wißmann selbst hatte deswegen den Schwerpunkt nach Bagamoyo verlegt, weil er, nachdem wir leider auf Sansibar verzichten mußten, von Bagamoyo aus noch am besten die Verhältnisse in der Hand behalten konnte. Hier laufen ja von den beiden großen Seen, vom Nyanza und dem Tanganjika, sowie aus dem Hinterlande unseres Gebietes alle Fäden zusammen, hier stand also der Reichskommissar persönlich mitten im gesamten afrikanischen Verkehr, wie er in gleichem Maße an keinem andern Platze der gesamten Ostküste Afrikas stattfindet. Der Ansicht des Verfassers nach ist es notwendig, in Bagamoyo zu residieren, wenn man den Schwerpunkt seiner Aufgabe in der Kolonie selbst sucht.

Wenn man hingegen meint, der Verbindung nach Europa, dem Verkehr mit der deutschen vorgesetzten Behörde die größere Rücksicht schuldig zu sein, dann ist allerdings wegen der regen Verbindung mit der Heimat Daressalam der rechte Platz, und liegt dann naturgemäß die Handhabung des Verkehrs mit dem Innern in den Händen des Bezirks-Hauptmanns von Bagamoyo. Daß nun gerade das letztere der Gouverneur nicht wünschte, sondern daß er sich alle mögliche Mühe gab, den Verkehr nach Daressalam zu ziehen auf Kosten von Bagamoyo, um als äußerst rühriger, thätiger Mann, der er ist, selbst alles in die Hand zu bekommen, ist ja begreiflich, aber unpraktisch. Der inner-afrikanische Verkehr kann nach Daressalam nur auf zweierlei Weise gezogen werden: entweder durch Einrichtung eines direkten Verkehrsweges von Daressalam bis weit ins Innere hinein, wie wir in einem der früheren Kapitel erwähnten, oder durch Gewalt. Ob letztere, selbst den Fall angenommen, daß wir immer in der Lage wären, sie faktisch anwenden zu können, ratsam ist und nicht vielleicht dazu dient, den Verkehr von unserer Küste überhaupt abzulenken, erscheint zum mindesten recht zweifelhaft.

Solche kleinen Abstecher, wie sie der Gouverneur z. B. voriges Jahr in das für den Verkehr höchst unbedeutende Usaramo mit seinen geradezu erbärmlichen Bewohnern, den Wasaramo, gemacht hat, einige Meilen weit bis an den Kingani, können hierfür nicht das geringste zu Wege bringen. Sie geben nur falsche Vorstellungen in Europa, besonders wenn lange, im Mißverhältnis zur Wichtigkeit stehende Berichte darüber veröffentlicht werden, fördern den Verkehr jedoch nicht im mindesten. So lange die Inder entweder in Bagamoyo, oder wie es meistens der Fall ist, in Sansibar selbst den Handel mit den Karawanen in der Hand haben, sind die Leute auf Bagamoyo angewiesen, von wo aus die Verschiffung ihrer Waren auf der allerdings miserablen, aber für den Dhau-Verkehr wegen der geringen Entfernung von Sansibar höchst bequemen Rhede vorteilhaft ist.

Auch die in den letzten Monaten viel erwähnte, angeblich vom Gouverneur erst geschaffene Postverbindung von Daressalam nach dem Innern erweckt hier in der Heimat falsche Vorstellungen. Eine Postverbindung hat auch früher meistens, in den letzten Jahren immer, bestanden. Entweder die französische Mission zu Bagamoyo oder der Inder Sewa Hadji beförderten die Postsachen in regelmäßigen Zeiträumen nach dem Innern, oder es war wie in den letzten Jahren Aufgabe des Bezirkshauptmanns von Bagamoyo, einen regelmäßigen Postverkehr aufrecht zu erhalten. Der letztere hatte hierzu in Bagamoyo die beste Gelegenheit, da eben hier, wie erwähnt, alle Karawanen hinkamen und so wie so ein lebhafter Verkehr zwischen diesem Küstenplatz und dem Innern bestand. Jetzt ist die Besorgung der Posten einer ziemlich neuen Firma in Daressalam übertragen. Aber die Angestellten dieser Firma haben nicht die Beziehungen zu den Leuten, wie sie z. B. die französische Mission und die dortigen Inder, oder wie sie in erster Linie der Bezirkshauptmann von Bagamoyo hat. Es sind also in die Zuverlässigkeit dieser Art der Postverbindung starke Zweifel zu setzen. Der Umstand, daß die Briefträger uniformiert und so äußerlich kenntlich sein sollen, thut wenig zur Sache, ist unter Umständen sogar, wenn, wie häufig, im Innern nicht überall völlige Ruhe herrscht, nachteilig.

Besondere Erwähnung mag noch die rege, in Daressalam seit Einrichtung des Gouvernements naturgemäß entfaltete Bauthätigkeit finden, durch die, wie durch eine für diesen Platz vom Gouverneur vorgeschriebene Bauordnung Daressalam auch äußerlich ein gutes Aussehen erlangt hat. Man kann sagen, der Ort macht heute den Eindruck einer kleinen europäischen Villenstadt.

Auf eine Reihe von Erlassen des Kaiserlichen Gouverneurs muß fernerhin an dieser Stelle hingedeutet werden, welche den löblichen Zweck hatten, die Einnahmen der Kolonie zu vermehren. Neben der Übernahme des Zolles, der aus den Händen der ostafrikanischen Gesellschaft an das Gouvernement überging, und der natürlich nach wie vor, da ja die Inder, Araber und Eingeborenen daran gewöhnt sind, willig bezahlt wurde, den man sogar leicht, ohne auf großen Widerstand zu stoßen, zum Zwecke der Vermehrung der Einnahmen hätte erhöhen können, waren es Steuer-Verordnungen, die der Gouverneur im vorigen Jahre erließ. Diese Verordnungen, die in großer Eile den Organen des Gouverneurs an den verschiedenen Küstenplätzen zu publizieren befohlen wurde, zeigten sich als durchaus unangebracht. Sie riefen eine große Mißstimmung unter der davon betroffenen Bevölkerung hervor, weil sie neben einer zu großen, sehr in die Augen fallenden Belastung einzelner Personen den bestehenden Verkehr in manchen Beziehungen bedeutend erschwerten.

Die Verordnungen bezogen sich auf die Ausschreibung einer Hafengebühr für Dhaus, auf Einführung einer nach dem Umsatz, nicht nach dem Ertrag berechneten Handelssteuer, einer Schankgebühr, welche letztere wir allerdings als vollkommen berechtigt anerkennen möchten und einer Gebühr für das Schlagen von Bauhölzern. Da indes zum großen Teil diese Projekte als undurchführbar wieder fallen gelassen sind, so sei nicht weiter hierauf eingegangen. Bezüglich des Handels suchte uns der Kongostaat dadurch Konkurrenz zu machen, daß von seinen Beamten an unserer Westgrenze, Zölle für die in unser Gebiet eingeführten Waaren, besonders das Elfenbein, erhoben wurden. Dies machte sehr viel böses Blut bei den Arabern gegen den Kongostaat; die Araber zu Bagamoyo trugen ihre Beschwerden dem Verfasser vor, der, da dieselben ihm gegen internationale Abmachungen zu verstoßen schienen, sie weitergab; doch scheint darauf hin nichts weiter von unserer Seite erfolgt zu sein.

Die Bestrebungen des Gouverneurs zielen natürlich nur auf das Beste der Kolonie ab, es fehlt ihm aber nach der Ansicht des Verfassers die nötige Vorkenntnis der speziellen ostafrikanischen Verhältnisse.

Eine größere Rücksichtnahme auf die mächtigen, einflußreichen Faktoren in der Bevölkerung, wie die Araber, würden wir dringend wünschen, denn man kann sich, namentlich wenn man nicht über einen großen Geldsack und über große Kräfte zu verfügen hat, nicht so ohne weiteres über sie hinwegsetzen, sondern muß mit ihnen, die Einfluß im Lande haben, wie mit den größeren mächtigen Häuptlingen und mit den kommerziellen Regenten, den Indern, rechnen. Der Handel ist ihnen nicht mit Redensarten zu entziehen, (außer wenn man ihn überhaupt zurückbringen will,) und man kann sich gerade, wie uns dies Wißmann gezeigt hat, durch solche Rücksichtnahme manche Opfer ersparen und viele Erfolge erringen. Daß der Gouverneur selbst bei den Machthabern des Landes, den Arabern und den Häuptlingen, gar nicht beliebt ist, muß sehr bedauert werden, denn nirgends kommt es so sehr wie in Afrika auf das Renommee der Persönlichkeit an.

Der Gouverneur selbst arbeitet mit ungeheurer Rührigkeit, aber allein, und weist jede Hülfe erfahrener Leute von der Hand, hält jede Beeinflussung durch solche mißtrauisch fern und von den an Ort und Stelle erfahrenen Beamten holt Herr von Soden nur dann Rat ein, wenn er annimmt, daß die Ratschläge in seinem Sinne ausfallen; auch weiß er die wirklichen Kenner des Landes von den partiellen Kennern nicht zu unterscheiden; er, wie auch in Deutschland die Leute, scheeren so oft alle, die längere Zeit in Ostafrika waren, betreffs ihrer Urteilsfähigkeit über einen Kamm. Es kann jedoch jemand lange Jahre an einem toten, vom großartigen afrikanischen Handel abgeschlossenen Küstenplatz oder an einem fern den Hauptkarawanenstraßen gelegenen Platz im Lande gesessen haben, ohne in den Besitz einer Kenntnis der allgemeinen afrikanischen Verhältnisse gelangt zu sein. Solche Leute gehören zu den Theoretikern, die in ihrem Urteil erfahrungsmäßig fast stets von den Praktikern abweichen. —