Der einzige Ort, welcher während aller dieser Kämpfe in Bagamoyo seine völlige Neutralität zu bewahren verstand, und von den Eingeborenen als sichere Zufluchtsstätte betrachtet wurde, war die katholische Mission. Ihr kluges Verhalten und die den Arabern wie Eingeborenen stets entgegengebrachte Humanität sicherten ihr diese merkwürdige Ausnahmestellung und verschaffte gleichzeitig uns Deutschen wesentliche Vorteile.
Von der Mission aus wurden die bedrängten Deutschen stets mit Nachrichten über die Bewegungen und die Absichten der Rebellen versehen, Nachrichten, die in erster Linie der in den weitesten Kreisen bekannte Bruder Oskar oft mit eigener Gefahr persönlich den Deutschen übermittelte, wenn er nicht, was auch geschah, in wenigen Zeilen auf einem Zettel oft recht drastischen Inhalts (wie: »Passen Sie auf! die Schweinehunde kommen morgen um 10«) uns Nachrichten zukommen ließ.
Derjenige Platz, welcher unter dem Aufstande zunächst am wenigsten zu leiden hatte, war Daressalam. Es erklärt sich dies zwar teilweise aus der geringen Bedeutung dieses Platzes für den Karawanenverkehr, der geringen Einwohnerzahl und der unkriegerischen Gesinnung der umwohnenden Wasaramo, zum wesentlichen Teil aber verdankte Daressalam seinen friedlichen Zustand dem Geschick und der Energie des Stationschefs Leue, der vor Ausbruch des Aufstandes bereits Gelegenheit gehabt hatte, sich dort vollkommen einzuleben und in Respekt bei den Arabern und Eingeborenen zu setzen, — seit seiner Ankunft in Afrika im Jahre 1887 war er einzig und allein an diesem Platze thätig gewesen. Leues Hauptstütze war unter der Bevölkerung der uns durchaus ergebene Akida Mohammed ben Seliman.
Erst im Dezember erreichte der Aufstand Daressalam, und zwar hauptsächlich infolge des Umstandes, daß eine große Zahl befreiter Sklaven auf der Missionsstation daselbst untergebracht wurde. Der Araber Seliman ben Sef organisierte jetzt seinen Anhang von Arabern, Belutschen und früheren Sultanssoldaten und verband sich mit der Partei des Negers Schindu, welche bisher gegen Leues Autorität offen anzutreten nicht gewagt hatte. Schließlich kam es auch in Daressalam so weit, daß sich sowohl der Bezirkschef Leue wie auch sein Nachfolger auf jenem Stationsposten, Herr v. Bülow (auch Leue mußte wegen perniziösen Fiebers Ostafrika verlassen) nur mit Hilfe eines im Hafen von Daressalam stationierten Kriegsschiffes und einer in das Stationsgebäude gelegten Marinebesatzung halten konnten.
Ende Dezember 1888 und Januar 1889 erfolgten Angriffe seitens der Rebellen, die ihre sämtlichen Kräfte dicht bei Daressalam vereinigt hatten und diesen Ort selbst unsicher machten. Die Angriffe wurden stets durch die Geschosse des Kriegsschiffes — es lagen abwechselnd Möwe, Sophie, Carola dort vor Anker — und die wenigen wohlgedrillten Askaris unter Herrn von Bülow, zurückgeschlagen.
Leider blieben die in und um Daressalam thätigen Missionsgesellschaften nicht vor der Wut der Rebellen verschont. So wurde am 10. Januar die dortige evangelische Missionsstation angegriffen. Ihr Leiter, der Missionar Greiner, welcher mit seiner Frau und Nichte die Station bewohnte, hatte auf die von der Marine und der Gesellschaft gemachten Vorstellungen (ein Angriff wurde erwartet) in übertriebenem Glaubenseifer nicht hören wollen. Nur mit Mühe und Not konnte er sich mit den Seinigen und einigen Missionskindern in ein Boot retten, nachdem er vorher mit der Flinte in der Hand Widerstand geleistet und nachdem einige Geschosse von der Möwe bei der Flucht in das Boot die folgenden Rebellen verscheucht hatten. Hierbei riß allerdings eine Revolvergranate der Nichte Greiners zwei Finger ab.
Schlimmer erging es den katholischen Missionaren von Pugu. Nach dieser Station hatten sich Herr v. Bülow, Herr Küsel und einige Askari, als der Aufstand schon im Ausbruch begriffen war, begeben in der Absicht, die Missionare zu warnen und dieselben nach Daressalam zurückzubringen. Doch auch hier wollten die Missionare nicht hören. Sie glaubten, den Rebellen gegenüber durch ihr früheres Wirken eine derartige Stellung einzunehmen, daß sie nichts von der Wut derselben zu fürchten hätten und wollten deshalb auf ihrem Posten ausharren.
Doch auch sie wurden im Januar eines Tages, als sie sich gerade zum Mittagessen anschickten, von eindringenden Rebellen angegriffen und drei der Missionsangehörigen durch Schüsse und Stiche niedergemacht. Es waren dies der Bruder Petrus, der Bruder Benedict und die Schwester Martha. Letztere wurde vielfach verstümmelt, der Leib von Araberdolchen aufgeschlitzt, liegengelassen. Die Schwester Benedicta, welche krank zu Bett lag, sollte ebenfalls niedergestochen werden, als einige Araber einschritten und die Neger von diesen Grausamkeiten zurückhielten. Die Kranke und drei Brüder wurden gefangen genommen und nach Kondutschi gebracht. Durch Vermittlung der französischen Mission wurden dann diese vier Gefangenen gegen ein hohes Lösegeld ausgeliefert. Die übrigen Missionsangehörigen waren durch die Flucht nach Daressalam entkommen.
Die Stationen Dunda, Madimola und Usungula fielen, nachdem die Beamten von der Gesellschaftsvertretung nach der Küste zurückgerufen worden waren, zum Teil mit den Geschützen und Gewehren, die man nicht mehr hatte fortschaffen können, in die Hände der Rebellen.
Die übrigen Stationen im Innern waren bereits früher aufgegeben worden bis auf die Station Mpapua, mit der die Verbindung unterbrochen war und die auch zunächst durch den Aufstand nicht behelligt wurde.