Besonders schwierig lagen die Verhältnisse in unserm südlichen Küstengebiet. War dort schon die Herrschaft des Sultans von Sansibar eine höchst fragwürdige, so hatten Europäer bis dahin jene Gebiete nur vereinzelt als Reisende betreten und waren außerdem durch das übereilte Vorgehen der Engländer besonders an der Lindi- und Mikindani-Küste bei Arabern und Eingeborenen verhaßt. Die genannten Stationen sollten von teilweise in Afrika erfahrenen Leuten besetzt werden, aber man verlangte von ihnen, daß sie die von der Gesellschaft ihnen aufgegebenen Pflichten ohne jede Aufwendung von Macht erfüllten. Die Unmöglichkeit, dieser Aufgabe gerecht zu werden, braucht nicht bewiesen zu werden. Der Zusammenbruch der Verhältnisse war so in kurzer Zeit zu erwarten.
Vom 21. Dezember datiert der Beginn der Feindseligkeiten im Süden. In Lindi und Mikindani gelang es den dortigen Beamten, in Mikindani den Herren v. Bülow und Pfrank, in Lindi den Herren v. Eberstein und Küsel, sich noch im letzten Augenblick mit Hilfe einiger Wohlgesinnter zu retten, nachdem sie so lange wie möglich auf ihrem Posten ausgeharrt hatten. In Kilwa hingegen, dem 3. Punkt im Süden, wurden die beiden Gesellschaftsbeamten Krieger und Hessel ein Opfer der Situation. Nachdem auch hier von Seiten des Wali sowohl als der Bevölkerung Kilwas den Beamten schon von Anfang an die größten Schwierigkeiten gemacht worden waren, verschlimmerte sich ihre Lage durch das Erscheinen von Tausenden von Wahiyaos, welche mit den Rebellen das leider im Innern der Stadt gelegene Wohnhaus der Gesellschaft umzingelten und den Beamten jeglichen Verkehr nach außen hin abschnitten. Lange Zeit verteidigten sich die beiden wackeren Beamten mit größter Unerschrockenheit und brachten ihren Bedrängern erhebliche Verluste bei, da endlich schien für die Belagerten Hoffnung zu kommen mit dem Erscheinen S. M. S. Möwe, mit der in Verbindung zu treten ihnen auch schließlich durch Notsignale gelang. Indes ist, obgleich auf der Möwe die schwierige Lage der Landsleute in Kilwa erkannt wurde und obgleich die gesamten Offiziere der Möwe und sogar der Zahlmeister beim stellvertretenden Kommandanten dieses Kriegsschiffes dringend eine Landung erbaten, um den Bedrängten Hilfe zu bringen, nichts geschehen. Als dann die Beamten sahen, daß die Möwe sogar abdampfte und ihnen die letzte Hoffnung auf Rettung genommen werden sollte, da erkletterte Krieger angesichts der Tausende sie umringenden Rebellen einen im Hof des Wohnhauses stehenden hohen Baum, um noch einmal durch Signale dem Kriegsschiffe ihre gefährliche Lage zu erkennen zu geben. Er wurde bei diesem Versuch, Hilfe zu erlangen, vom Baum herabgeschossen, und nun erstürmte der Haufen die Station. Beim Eindringen der Rebellen durch die Thüre erkannte Hessel, daß alles verloren sei, und um nicht in die Hände der grausamen Feinde zu fallen, machte er selbst seinem Leben durch eine Kugel ein Ende. Das Verhalten des Kommandanten der Möwe wurde auf die ihm vom Geschwaderchef Deinhard erteilte Ordre zurückgeführt, in keinem Falle einen Landungsversuch zu unternehmen, um nicht wie bei Tanga kriegerische Ereignisse dadurch zu provozieren. Der Kommandant hat sich wörtlich an diese, für einen Fall wie den vorliegenden gewiß nicht berechnete Instruktion gehalten und hat daher als gehorsamer Soldat, also vom rein militärischen Standpunkt richtig gehandelt.
Inzwischen war durch die Ereignisse in Ostafrika die ganze zivilisierte Welt in Erregung geraten. Während unsere Mitbewerber in Ostafrika ihre Schadenfreude schlecht verhehlen konnten, machte sich in Deutschland naturgemäß ein mächtiger Umschlag der öffentlichen Meinung geltend. Selbst bei denjenigen, welche der Kolonialpolitik im allgemeinen gleichgültig gegenüberstanden, rührte sich das Nationalgefühl und fand in dem allgemeinen Verlangen Ausdruck, der deutschen Sache in Ostafrika einen nachdrücklichen Schutz angedeihen zu lassen. Die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft richtete ihrerseits am 15. September 1888 eine Eingabe an den Reichskanzler, in welcher sie auf Grund ihrer telegraphischen Berichte aus Sansibar den Ernst der Lage darlegte und außerordentliche Machtakte als notwendig hinstellte. Am 21. September folgte eine zweite Eingabe, in welcher das Verhalten des Sultans als durchaus zweifelhaft dargelegt wurde und man außerdem darauf hinwies, daß der Sultan in jedem Fall es an dem guten Willen habe fehlen lassen, welchen er im Vertrage vom April 1888 verbürgt hatte. Bereits am 3. Oktober wurde abermals dem Reichskanzler ein Telegramm vorgelegt, in welchem der Generalvertreter der Gesellschaft in Sansibar eine fortdauernde Besetzung der Küste als unumgänglich notwendig bezeichnete.
In Anbetracht des Tempos, welches die Reichsregierung bisher in bezug auf koloniale Angelegenheiten besonders in Ostafrika eingeschlagen hatte, ließ sich kaum erwarten, daß ohne weiteres die Wünsche der Gesellschaft in ihrem ganzen Umfang sich erfüllen würden. Die politischen Gegner, mit welchen der Reichskanzler bei allem guten Willen seinerseits besonders in der Kolonialfrage zu rechnen hatte, würden unter keinen Umständen zu einem solchen Umschlage der Meinung zu bringen gewesen sein, daß sie das direkte Eingreifen der deutschen Macht am afrikanischen Festlande sich hätten abringen lassen. Der Reichskanzler fühlte sich daher genötigt, eine Art Mittelweg zunächst zu wählen; und zu diesem bot das Moment der Sklavenausfuhr, welches man als Triebfeder des Aufstandes jedenfalls mitanführen konnte, die geeignetste Handhabe. Bereits Anfang September 1888 war der Reichskanzler in Verhandlung mit England, bald darauf auch mit Portugal als den an der ostafrikanischen Küste mitbeteiligten Mächten getreten, um zunächst eine gemeinsame Flottenaktion in Gestalt einer Blokade der gesamten Ostküste zustande zu bringen. Im November kamen diese Verhandlungen zum erwünschten Resultat, so daß am 27. November die Admirale Deinhard und Freemantle die nachstehende Blokade-Erklärung erlassen konnten:
»Auf Befehl unserer hohen Regierung und im Namen Sr. Hoheit des Sultans von Sansibar erklären wir, die kommandierenden Admirale des deutschen und englischen Geschwaders hiermit die Blokade der ununterbrochenen Küstenlinie des Sultanats von Sansibar mit Einschluß der Inseln Mafia, Lamu und einiger andrer kleinerer nahe der Küste legender Inseln zwischen 10° 28' und 2° 10' südlicher Breite. — Die Blokade ist nur gegen die Einfuhr von Kriegsmaterial und die Ausfuhr von Sklaven gerichtet. — Die Blokade wird in Kraft treten am Mittag des 2. Dezember dieses Jahres.«
Deutscherseits waren an der Blokade beteiligt die Schiffe Leipzig, Carola, Sophie, Schwalbe, Möwe, Pfeil.
Der Blokadedienst gestaltete sich für die Marine zu einer ungemein schwierigen Aufgabe. Bei den geringen Tiefenverhältnissen der ostafrikanischen Küste war es den großen Kriegsschiffen gar nicht möglich, so nahe unter Land hinzufahren, daß sie die an der Küste direkt kreuzenden Dhaus abzufangen vermochten. Infolgedessen war die Mannschaft in ungemein großer Ausdehnung zum Bootsdienst gezwungen. Alle entbehrlichen Kutter und Pinassen wurden bemannt und kreuzten unter den schwierigsten Verhältnissen die Küste ab. Sehr häufig waren bei der Strenge des Admirals Deinhard, welcher an sich selbst die höchsten Anforderungen stellte und auch von Offizieren und Mannschaften das Menschenmöglichste verlangte, die Bootsmannschaften genötigt, sich Proviant und Wasser, so gut es anging, in den Negerdörfern der Küste zu verschaffen.
Der schließliche Erfolg der Blokade stand in gar keinem Verhältnis zu dem aufreibenden Dienst. Es ist allerdings gelungen, die Zufuhr größerer Massen von Kriegsmaterial nach Ostafrika teilweise zu verhindern, und es sind andrerseits einige Sklaven-Dhaus eingebracht worden. Die Zahl des vorgefundenen Menschenmaterials war aber so geringfügig daß man eigentlich von einer verhinderten Ausfuhr kaum sprechen konnte; eine solche bestand auch zur Zeit des Aufstandes nur in sehr geringem Maße. Immerhin gewährte jedoch in Deutschland selbst die Blokade die erste wesentliche Handhabe zu einem weiteren Vorgehen. Denn so viel sah jeder ein, daß das Eingreifen der Kriegsschiffe eben nur als Vorläufer der eigentlichen deutschen Machtentfaltung dienen sollte und konnte. Das Hineinbringen der Sklavereifrage seitens des Fürsten Bismarck erwies sich jedenfalls als eine außerordentlich praktische politische Maßnahme. Der Reichskanzler gewann dadurch die Unterstützung der stärksten Partei des Reichstags, nämlich des Centrums, dessen Führer Windthorst schwerlich zu Gunsten der bloßen Kolonialpolitik seinen berühmten Antrag gestellt hätte, welcher die Grundlage für das militärische Einschreiten des deutschen Reiches und die Besetzung der ostafrikanischen Küste bildete. Der Antrag wurde von Dr. Windthorst am 27. November 1888 unter dem Namen des Antisklaverei-Antrages eingebracht.
Am 6. Dezember 1888 wurde im Reichstag das erste Weißbuch, enthaltend Aktenstücke über den Aufstand in Ostafrika, vorgelegt, und am 14. Dezember gelangte der Antisklaverei-Antrag zur Annahme. Jetzt folgten die Ereignisse Schlag auf Schlag. Am 9. Januar 1889 richtete die Deutsch Ostafrikanische Gesellschaft eine Denkschrift an den Reichstag, in welcher die Entwicklung der Gesellschaft geschildert und der Aufruhr auf die Reaktion der arabischen Sklavenhändler gegen die christliche Kultur und den europäischen Wettbewerb sowie auf die Machtlosigkeit des Sultans von Sansibar zurückgeführt wurde. Am 12. Januar gelangte das zweite Weißbuch über den Aufstand im Reichstage zur Verteilung, und am 22. Januar trat die Regierung mit dem Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Bekämpfung des Sklavenhandels und den Schutz der deutschen Interessen in Ostafrika vor den Reichstag. Am 30. Januar gelangte das Gesetz in folgender Fassung zur Annahme:
»§ 1. Für Maßregeln zur Unterdrückung des Sklavenhandels und zum Schutz der deutschen Interessen in Ostafrika wird eine Summe in der Höhe von 2 Millionen Mark zur Verfügung gestellt. § 2. Die Ausführung der erforderlichen Maßregeln wird einem Reichskommissar übertragen. § 3. Der Reichskanzler wird ermächtigt, die erforderlichen Beträge nach Maßgabe des eintretenden Bedürfnisses aus den bereiten Mitteln der Reichs-Hauptkasse zu entnehmen.«