Zum Reichskommissar wurde am 3. Februar durch Allerhöchste Kabinetsordre Hauptmann Wißmann, à la suite des 2. Garderegiments zu Fuß, ernannt.

3. Kapitel.
Organisation der Schutztruppe.

Hermann Wißmann, sein Leben und seine Bedeutung. — Soldatenmaterial für die Schutztruppe. — Vorläufiger Bestand an Europäern. — Beschaffung einer Kommissariatsflotte. — Anwerbung der Sudanesen in Egypten. — Transport der Truppen nach Sansibar. — Anwerbung von Zulus. — Die Askaris an der Küste. — Vorarbeiten in Sansibar. — Regelung des Verhältnisses zwischen Reichskommissar und der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft. — Rekognoszierungsfahrt Wißmanns. — Zustand der beiden Stationen Bagamoyo und Daressalam. — Erster Waffen- und Munitionstransport. — Waffenstillstand zwischen Admiral Deinhard und den Rebellen. — Bruch des Waffenstillstandes durch Buschiri. — Ankunft der Sudanesen. — Vorhandenes Europäer-Material. — Verteilung desselben auf die Stationen Bagamoyo und Daressalam.

Hermann Wißmann wurde am 4. September 1853 als Sohn des Regierungsassessor Hermann Ludwig Wißmann und seiner Ehefrau Elise, geb. Schach von Wittenau zu Frankfurt a. O. geboren. Seine erste Schulbildung erhielt Wißmann auf der Bürgerschule in Langensalza. Dann trat er in die Realschule zu Erfurt und ein Jahr später in das dortige Gymnasium ein. 1867 wurde Wißmanns Vater als Regierungsrat von Erfurt nach Kiel versetzt und so ein abermaliger Schulwechsel des Knaben nötig. Bereits 1868 siedelte die Familie nach Neu-Ruppin über. Hier starb 1869 der Vater. 1870 trat der Sohn in die Prima des Kadettenkorps zu Berlin ein und legte hier Ostern 1873 in glänzender Weise sein Fähnrichsexamen ab, worauf er in das zu Rostock garnisonierende Mecklenburgische Füsilier-Regiment Nr. 90 eingestellt wurde. Nach einem längeren Besuch der Kriegsschule in Anklam machte er dort sein Offiziers-Examen und ging dann wieder nach Rostock, um seine militärische Laufbahn weiter zu verfolgen.

Hier lernte er den schon damals berühmten Afrikareisenden Pogge kennen, welcher einen entscheidenden Einfluß auf ihn auszuüben bestimmt war. Es war bereits die Absicht des Knaben gewesen, sich den Naturwissenschaften zu widmen, ein Wunsch, der ihm nicht erfüllt werden konnte. Im Verkehr mit Pogge lebte die alte Neigung wieder auf und gewann bald eine so feste Gestalt, daß der Entschluß in ihm reifte, sich Pogge bei der ersten Gelegenheit zu einer größeren Reise anzuschließen. Diese Gelegenheit bot sich im Jahr 1879.

Die Afrikanische Gesellschaft in Berlin erteilte Pogge den Auftrag, abermals nach dem von ihm früher schon besuchten Lundareiche in Westafrika zu gehen und dort eine Station zu gründen. Wißmann wandte sich auf Anraten Pogges an den Vorsitzenden der Deutschen Afrika-Gesellschaft Dr. Nachtigall und wurde zu seiner größten Freude als Geograph angenommen. Die Militärbehörde erteilte ihm Urlaub, den er zunächst zu einer längeren wissenschaftlichen Vorbereitung an der Seemannsschule zu Rostock benutzte.

Dann verließ er mit Pogge am 19. November 1880 den Hafen von Hamburg, um sich nach Westafrika zu begeben. Der entscheidende Schritt zu Wißmanns Ruhm war hiermit gethan; denn aus der Ursprünglich geplanten Expedition nach dem Lunda-Reiche wurde jene erste von Wißmann allein ausgeführte Durchquerung Afrikas, die erste Durchquerung seitens eines Deutschen, die erste Durchquerung von West nach Ost überhaupt.

Mitte November 1882 erreichte Wißmann bei Sadani die Küste und war dort — eine eigentümliche Fügung! — der Gast Bana Heris, desjenigen Mannes, den er später als den Hauptfeind der Deutschen in Ostafrika zu bekämpfen haben sollte. — Im April 1883 traf Wißmann wieder in Berlin ein, sein Ruf als Afrikaforscher war voll und ganz begründet. Unter den schwierigsten Verhältnissen mit einer kaum nennenswerten Geldsumme (30000 Mark) war die Durchquerung des schwarzen Erdteils auf einem bisher nie betretenen Wege durch gänzlich unbekannte Gebiete hindurch ohne jede Feindseligkeit mit Eingeborenen vollendet, der Wissenschaft ein ungeheurer Dienst geleistet worden. Der Name Wißmanns war in aller Munde.

Durch diesen außerordentlichen Erfolg war der König der Belgier auf den kühnen Forscher aufmerksam geworden und machte ihm sogleich nach seiner Ankunft das Anerbieten, in seinem Privatdienst das Congobecken zu durchforschen. Schon am 16. November 1883, also nach kaum halbjährigem Aufenthalt in der Heimat, schiffte sich Wißmann wiederum nach Afrika ein in Begleitung des sächsischen Stabsarztes Dr. Wolf und der preußischen Offiziere Hans und Franz Müller und v. François.

Die praktischen Ergebnisse dieser zweiten Expedition waren die Festlegung des Stromlaufes des Kassai, die Entdeckung seines Nebenflusses Sankurru, welcher bisher als selbständiger Nebenstrom des Congo aufgefaßt wurde, endlich der Mündung des Kassai in den Congo an einer Stelle, wo der Kassai bisher als Kwa-Fluß galt. Am 9. Juli 1885 erreichte Wißmann die Station an der Mündung des Kassai in den Congo. Er erblickte hier zum erstenmale die Flagge des Congostaates, welcher während der Dauer seiner Reise entstanden war.