Eine in der letzten Zeit aufgetretene Verschlimmerung seiner asthmatischen Beschwerden machte nach dieser erfolgreichen Reise einen Aufenthalt in Madeira notwendig, aber nach kaum 2 Monaten brach der unermüdliche Forscher abermals im Auftrag des Königs der Belgier nach Afrika auf. Er sollte im Dienste des Congostaates im Baluba-Lande eine Stütze schaffen zu den weiteren Unternehmungen im Süden des Congostaates und dann von dort aus nach Südosten und Nordosten eventuell bis zu den östlichen Grenzen den eingeborenen Stämmen ihr neues politisches Verhältnis bekannt machen. Er sollte ferner dem Gang der Sklavenjagden und des Sklavenhandels nachforschen und ihm nach Möglichkeit entgegenarbeiten.
Die eigentliche Aufgabe, welche Wißmann im ersten Teil seiner Instruktion gestellt war, konnte auf dieser Reise nicht zur Ausführung kommen; und zwar waren es gerade die Sklavenjagden der Araber und das weite Vordringen derselben bis in den Congostaat hinein, welche die Lösung dieser Aufgabe verhinderten. An der Stelle früher blühender Landschaften fand er vollkommene Wüsten. Ganze Völkerstämme zeigten sich vernichtet; die Stimmung der Araber war dem neuentstandenen Congostaat durchaus feindlich, ja, kurz zuvor war eine der Stationen des Staates (Stanley-Falls-Station) durch die Araber erstürmt und vernichtet worden.
Wißmann selbst geriet in Nyangwe, der westlichsten Araberstadt in so große Gefahr, daß an ein Weiterdringen im Congostaat selbst gar nicht gedacht werden konnte, und nur der Ausweg nach Osten übrig blieb. So wurde aus der geplanten Expedition die zweite Durchquerung des schwarzen Kontinents und zwar auf dem Wasserwege des Tanganjika, von dort zum Nyassa, Schire, Zambesi und Kwakwa nach Quilimane. Von hohem Interesse ist das Urteil, welches Wißmann bei dieser Durchquerung über das Arabertum fällt, — von besonderem Interesse, weil er berufen sein sollte, schon bald darauf gegen die Araberwirtschaft anzukämpfen. »Die Schuld des Urhebertums dieser Greuel,« sagt Wißmann in seiner »Zweiten Durchquerung[1]«, »trifft ohne jede Frage den Araber, denn nur durch seine Initiative war es möglich, immer weiter vorzudringen, immer weiter zu unterjochen, zu entvölkern, und daher muß, wenn man an Abhilfe denkt, wenn man den armen, wehrlosen Eingeborenen nachhaltig schützen will, das Arabertum in diesen Ländern ausgerottet werden mit Stumpf und Stiel, bevor es eine Macht erreicht, der wir Europäer des feindlichen Klimas und der Entfernung wegen nicht mehr gewachsen sind, wie dies im Süden der Fall war. Es war hohe Zeit, daß bald nach den bösen Tagen, über die ich hier berichte, schärfer vorgegangen wurde gegen die afrikanische Pest, und mir speziell gewährte es eine hohe Genugthuung, daß ich berufen war, beim Niederschlagen des Aufstandes der Araber in Ostafrika an der Küste, von der aus die Hauptanregung zu den beschriebenen Greueln ausgeht, den empfindlichsten Schlag zu führen.
Wenn auch die Flotten Englands und Deutschlands den Export der meist aus diesen Gegenden des zentralen Afrikas verschleppten Sklaven verringern, so schneidet doch erst die Besetzung der Küstenplätze und der großen Handelsstraßen dem Sklavenhandel und damit der Sklavenjagd die Zukunft ab. Jetzt, wo ich dies niederschreibe, ist vieles schon geschehen, jedoch noch sind die Operationsbasen der Sklavenhändler im Innern Tabora, Udjidji und Nyangwe Absatzgebiete für Sklaven. Noch lebt Tibbu-Tip, wüten Muini Muharra und andre Sklavenjäger Verderben bringend gegen die ihnen wehrlos gegenüberstehenden, nur mit Speer und Bogen bewaffneten Eingeborenen. Noch ist viel zu thun übrig zum Schutze der Freiheit und des Lebens von Millionen harmloser Kreaturen; noch ist es möglich, daß vom Sudan der Araber südlich vom Äquator verstärkt wird. Aber Deutschland ist doch schon gerüstet zu weiterem Schutz, schon bereit, einer von Norden drohenden Vermehrung der Gefahr Halt zu gebieten, und ich hoffe, daß, ehe noch dieser Ausdruck meiner tiefsten Empörung dem Leser vorliegt, ich schon wieder die Arbeit aufgenommen habe, deren Endzweck, die Befreiung des äquatorialen Afrikas von der Pest des Arabertums, mein Lebensziel geworden ist.« Freilich muß zu diesem Urteil bemerkt werden, daß die wirksamste Bekämpfung der arabischen Unthaten nur allmählich vor sich geht, daß man in vieler Beziehung bei der Kolonisierung Afrikas mit den Arabern im guten auszukommen suchen muß, wie dies gerade Wißmann gezeigt hat.
Die wissenschaftlichen Vorarbeiten und Erfolge Wißmanns, seine genaue Kenntniß der Araber, jener Gegner aller europäischen Kultur, seine in drei außerordentlich großartigen Expeditionen bewiesene Fähigkeit, die Eingeborenen richtig zu behandeln und doch seinem Willen dienstbar zu machen — das waren die Momente, welche Hermann Wißmann vor allen anderen zur Stellung des Reichskommissars befähigten. Ganz besonders aber müssen hier noch die Eigenschaften seines Charakters hinzugerechnet werden. Beispiellose Energie, persönliche Nichtachtung jeder Gefahr, wo es gilt, ein ideales Ziel zu erreichen; die seltene Fähigkeit, in jedem seiner Untergebenen die Individualität zu erkennen und völlig frei schalten zu lassen; rücksichtslose Strenge im Dienst; geistvolle Anregung im zwanglosen, außerdienstlichen Verkehr — alles das sind Eigenschaften, welche jeder Wißmannsche Offizier und jeder Beamte des Kommissariats dem allseitig verehrten Kommandanten immer nachrühmen wird, und welche ihm ein bleibendes Denkmal in aller Herzen sichern.
Im Sommer des Jahres 1888 nach Deutschland zurückgekehrt, wurde Wißmann von dem deutschen Emin Pascha-Entsatz-Komitee mit Dr. Peters zur Führung der Emin Pascha-Expedition ausersehen. Alle Vorbereitungen für die Expedition waren getroffen, das gesamte tote Material angeschafft — da erhielt Wißmann die Berufung zum Reichskommissar und vertrat bereits in den Verhandlungen des Reichstages über den Antisklaverei-Antrag als Bundeskommissar die von der Regierung vorgeschlagenen Maßnahmen. Die größte Eile war geboten; denn die Nachrichten aus Ostafrika lauteten von Tag zu Tag ungünstiger. Nach dem von der Regierung gebilligten Plane Wißmanns sollte die Niederwerfung des Aufstandes durch eine aus Negern bestehende Schutztruppe unter Führung deutscher Offiziere und Unteroffiziere geschehen. Als brauchbarstes Material brachte Wißmann die Sudanesen in Vorschlag, welche er bereits früher, besonders aber im letzten Winter, als er sich abermals im Auftrag des Königs der Belgier in Egypten aufhielt, kennen und schätzen gelernt hatte. Der vorläufige Stamm an Europäern bestand aus 21 deutschen Offizieren, Ärzten und Beamten und 40 Unteroffizieren. Der Lage der Sache nach mußte das gesamte deutsche Personal, so weit es der Armee angehörte, aus derselben ausscheiden und trat in den persönlichen Dienst des Reichskommissars. In rastloser Thätigkeit wurden im Zeitraum von etwa vier Wochen alle Vorbereitungen in Deutschland selbst getroffen, die Anschaffung von Kriegsmaterial und Ausrüstungsgegenständen beendet; und bereits im Februar reiste der Reichskommissar, begleitet von Lieutenant Theremin, von Berlin ab, während hier sein Stellvertreter, Frhr. v. Gravenreuth, die noch weiter zu erledigenden Geschäfte in die Hand nahm.
Für den notwendigen Verbindungsdienst zwischen der Küste und Sansibar selbst und für die voraussichtlich häufigen Truppentransporte zwischen den einzelnen Küstenplätzen wünschte der Reichskommissar einen Dampferdienst einzurichten. Da derselbe naturgemäß von der Marine bei ihrer ohnehin großen Aufgabe nicht geleistet werden konnte, sollten in Deutschland vier kleine Dampfer zu diesem Zweck angeschafft werden. Gleichzeitig sollten dieselben dazu dienen, die Flüsse, wenigstens den Kingani und Pangani, im Notfall aufwärts zu gehen und mit Revolvergeschützen die Ufer zu säubern, eventl. auch bei der Landung an der Flachküste von Bagamoyo durch ihre Armierung Dienste thun.
Das Reichskommissariat, welches ja mit der Marine in keiner direkten Verbindung stand, sollte auch nach dieser Richtung hin unabhängig gestaltet werden. Es wurden zu diesem Zweck 4 Dampfer in Deutschland angekauft, nämlich die Harmonie, etwa 200 Tonnen groß; München ca. 80 Tonnen; Vesuv 60; Max 50. Die drei letztgenannten Dampfer hatten in Deutschland als Schleppdampfer gedient; die Harmonie war in der Fahrt zwischen Köln und London beschäftigt gewesen. Leider stellte sich das gesamte Material als, gelinde ausgedrückt, wenig brauchbar heraus. Die Harmonie war der einzige Dampfer, welcher eine größere Anzahl von Menschen aufzunehmen vermochte; sie hatte aber nur einen Tiefgang von 5 Fuß und erwies sich gleich von vornherein als seeuntüchtig, Vesuv und Max konnten jeder im allerhöchsten Falle etwa 60 Menschen aufnehmen, welche dann aber dicht gedrängt an einander stehen mußten. Die München, zweifellos das seetüchtigste Fahrzeug, nahm im äußersten Fall etwa 80 bis 100 Mann auf, hatte aber einen zu großen Tiefgang (7 Fuß), um nahe an die Küste heran oder weit in den Flüssen aufwärts kommen zu können. Außerdem hatte sie nur 7 Zoll Bord und eine Verschanzung von 2 Fuß Höhe, so daß beim geringsten Seegang das Deck fortwährend überspült wurde.
Es darf als eine ganz außerordentliche Leistung deutscher seemännischer Tüchtigkeit betrachtet werden, daß diese 4 Dampfer den ungemein schwierigen Weg von Hamburg bis Sansibar selbständig und ohne alle fremde Hilfe zurücklegten. Ohne hier auf Einzelheiten eingehen zu wollen, muß doch gesagt werden, daß die ganze Reise nach Ostafrika eine fortdauernde Lebensgefahr der gesamten Bemannung bildete. — Später hat die Harmonie ihrer Untüchtigkeit wegen häufig müßig auf der Rhede von Sansibar gelegen; die drei kleineren Dampfer, mit Revolverkanonen ausgerüstet, haben ausreichende Dienste geleistet.
Um die Wege für die Anwerbung der Sudanesen zu ebnen und besonders etwa entgegenstehende religiöse Bedenken aus dem Wege zu räumen, waren vom Auswärtigen Amt zu Berlin vorher Verhandlungen mit der egyptischen Regierung gepflogen und deren Genehmigung erwirkt worden. Bei dem anzuwerbenden Material wurde in erster Linie auf die alten Soldaten aus den sudanesischen Regimentern, die den Feldzug gegen den Mahdi mitgemacht hatten, zurückgegriffen. Es waren dies Leute, denen durch die unglücklichen Kämpfe gegen den Mahdi die Rückkehr in ihre Heimat abgeschnitten war und welche nach Auflösung ihrer Regimenter eine Verwendung im egyptischen Kriegsdienst nicht mehr gefunden hatten.