Diese Leute, deren Soldforderungen zum Teil von der ägyptischen Regierung nicht befriedigt wurden, die außerdem arbeits- und erwerbslos in Egypten herumlungerten, strömten voller Freuden nach Kairo herbei, als von Wißmann die Werbetrommel gerührt wurde. Außerordentlich kam hierbei die Unterstützung des englischen, in egyptischem Dienst stehenden Obersten Scheffer zu statten, dessen Kenntnis der Sudanesen das Engagement ungemein erleichterte und beschleunigte. Daß neben vielen durchaus kriegsbrauchbaren und gut disziplinierten Soldaten auch einige verworfene Subjekte, welche wegen Aufsessigkeit und allerlei Uebelthaten aus der egyptischen Armee entlassen worden waren, mit unterliefen, ist bei der beim Engagement notwendig gewesenen Eile begreiflich. Dennoch war die Zahl der schlechten Leute nicht so bedeutend, daß die Qualität der Truppe im ganzen dadurch beeinträchtigt wurde.

Die Heimat der Sudanesen ist Nubien, Sennar, Kordofan, das Land der Schillucks und der Dinka-Stämme, zum Teil sogar sind es die Äquatorial-Provinzen, alles Länder, deren Söhne ihrem Beruf nach von Jugend auf Soldaten sind. Eine beim Engagement sowohl von Egypten wie von den Leuten selbst gestellte Bedingung war, daß die zu den einzelnen Truppenverbänden gehörigen Chargen des Offiziers- und des Unteroffizierstandes mit übernommen würden, und daß ebenso den Leuten Gelegenheit geboten würde, ihre Frauen und Familien mitzunehmen. Die meisten Leute weigerten sich entschieden, ohne ihre Familie die Reise anzutreten. Der Sold, welcher ausbedungen und bewilligt wurde, war höher, als er in der egyptischen Armee üblich war, und selbst für unsere Begriffe ziemlich bedeutend. Er betrug für den gemeinen Soldaten monatlich 45 Mark, außerdem freie Verpflegung (Naturalien oder 25 Pf. täglich); die farbigen Unteroffiziere erhielten 8-20 Mark mehr im Monat und von den farbigen Offizieren die Lieutenants circa 160 Mark, Hauptleute bis über 300 Mark. Ein Feilschen um die Höhe des Soldes erschien gerade bei den Chargen unmöglich, denn Offiziere und Unterchargen waren, soweit sie sich überhaupt als brauchbar erwiesen und nicht, wie es bei manchen der Fall war, wegen Unzuverlässigkeit, Faulheit oder gar Aufsessigkeit in der allerersten Zeit schon aus der Truppe entfernt werden mußten, uns durchaus unentbehrlich als Bindeglied zwischen der farbigen Truppe und den deutschen im Anfang den Soldaten noch recht fremd gegenüberstehenden Offizieren.

Man möge sich vergegenwärtigen, daß die von Wißmann aus Deutschland mitgenommenen Offiziere und Unteroffiziere in den meisten Fällen direkt aus dem Garnisondienst heraus kamen und kaum je vom Ausland etwas gesehen hatten, geschweige denn befähigt waren, ohne weiteres den Eigentümlichkeiten ihrer neuen Truppe entsprechend dieselbe zu verwerten. Bei der ungemeinen Eile, mit welcher die erste Ausbildung der Truppe ausgeführt werden mußte, konnte gar nicht anders verfahren werden, als daß man die wesentlichsten Teile des deutschen Exerzier-Reglements (für den Gefechtsdienst besonders) den schwarzen Truppen ohne weiteres eintrichterte. Wenn dabei ihr früherer egyptischer Militärdienst sich auch einigermaßen verwerten ließ und den Truppen wenigstens allgemeine Begriffe von Disziplin innewohnten, so war doch die Vermittlung der schwarzen Offiziere und Unteroffiziere bei diesem Eindrillen gar nicht zu entbehren und für das schnellere Verständnis der Soldaten ungleich wichtiger als das bloße Kommando. Es mußten im Anfang von den farbigen Offizieren die betreffenden ägyptischen Kommandos abgegeben werden, während später durchgehends das deutsche Kommando eingeführt wurde.

Die Zahl der angeworbenen Sudanesen betrug 600 Mann. Es erschien geboten, die Leute nach der Anwerbung gar nicht erst zur Besinnung kommen zu lassen, damit nicht weitläufige Erwägungen Platz greifen konnten, sondern sie möglichst schnell ihrem Bestimmungsort zuzuführen. Sobald je 100 Mann angeworben waren, wurden dieselben mit Familie und Gepäck nach Suez verladen, dort an Bord eines Dampfers gebracht und nach Aden befördert, wo sie unter dem Kommando des Chefs Theremin vereinigt wurden. Als Offiziere waren für diesen Transport unter dem Kommando Theremins die Herren Premier-Lieutenant Böhlau, Lieutenant Sulzer und von Behr nach Egypten von Berlin telegraphisch berufen worden. Von Aden wurden die angeworbenen Soldaten durch 2 Dampfer nach Bagamoyo übergeführt, auch ca. 50 Somalis, welche als Boots- und Schiffsmannschaften in Ostafrika Verwendung fanden.

Ein zweiter farbiger Volksstamm, auf welchen bei unserer Anwerbung zurückgegriffen wurde, waren die Zulus. Nach Verhandlungen mit der portugiesischen Regierung wurde Lieutenant Ramsay nach Mozambique geschickt. Nachdem er sich mit dem dortigen Gouverneur ins Einvernehmen gesetzt hatte, reiste er nach Inhambane und warb dort zunächst 100 Mann aus den in Ostafrika als besonders kriegerisch bekannten Wangoni-Stämmen an. Waren auch die Zulus keine Berufssoldaten, so bildeten sie doch ein gutes Soldatenmaterial, das beste jedenfalls, was im östlichen Afrika zu haben war; — haben sie doch im Kriege gegen die Engländer ihre militärischen Eigenschaften vollauf bewiesen. —

Man beschränkte sich zunächst auf diese 100 Mann, weil die Anwerbungen sonst zu lange Zeit in Anspruch genommen hätten und die Zulus schon bei der ersten Aktion des Reichskommissars an Ort und Stelle sein sollten; später ist die Zahl derselben durch weitere Anwerbung auf 350 ergänzt worden.

In der Zahl der farbigen Kämpfer, die bei den ersten Aktionen zur Verfügung standen, sind die Askaris nicht zu vergessen, welche meist aus den Stämmen des innern Ostafrikas (besonders den Waniamuesi und Manjema) und nur zum sehr geringen Teil aus der Küstenbevölkerung hervorgingen. Einige von ihnen hatten schon in Bagamoyo und Daressalam unter den Beamten der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft gegen die Rebellenscharen an der Küste gekämpft und hatten dadurch, daß sie in jener schlechten Zeit bei der Gesellschaft ausharrten — die meisten hatten es freilich, als die Sache für uns Deutsche kritisch wurde, vorgezogen, ihren Dienst zu verlassen — militärische Eigenschaften und vor allem Treue bewiesen. In der Heranbildung jener Leute finden wir übrigens den einzigen Versuch, den die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft in den letzten Monaten gemacht hatte, sich eine kleine Macht zu schaffen. Es sind diese Leute immer schlechthin unter dem Namen Askaris (eigentlich = Soldaten) zusammengefaßt worden; im Folgenden sind daher unter Askaris auch immer nur die aus unsern Küsten- und Hinterlandsstämmen hervorgegangenen Söldner zu verstehen.

Die ersten Vorarbeiten in Ostafrika wurden durch die vom Reichskommissar vorausgesandten Beamten getroffen, und zwar in Sansibar durch Herrn Eugen Wolf, der früher in Westafrika thätig gewesen, und auf dem Festlande vom Verfasser. Von ihnen hatte der erstere die kaufmännischen und der letztere, dem Lieutenant Blümcke beigegeben war, die notwendigsten militärischen Vorbereitungsmaßregeln zu treffen zur Unterbringung der Truppen am Festland.

Wißmann selbst kam am 31. März, begleitet von seinem Adjutanten Dr. Bumiller in Sansibar an. Nachdem er dort in feierlicher Audienz vom Sultan empfangen worden war, fuhr er an Bord des Flaggschiffes des deutschen Geschwaders nach dem Festland, um gemeinsam mit dem Geschwaderchef, Herrn Admiral Deinhard, die Küstenplätze Daressalam, Bagamoyo, Pangani und Tanga zu besuchen, den Befehl an der Küste zu übernehmen und mit der Marine und der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft alle nötigen Maßregeln zu vereinbaren.

Die Stationen Bagamoyo und Daressalam wurden von Seiten des Vertreters der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft, des Herrn v. Saint-Paul-Illaire dem Reichskommissar unter dem 28. April 1889 übergeben und an diesem Tage folgendes Abkommen zwischen dem Kommissar und der Gesellschaftsvertretung getroffen: