So fand denn die 300 Mann starke Marineabteilung unter Kapitän zur See Plüddemann, welche endlich trotz der heftigen Brandung auf dem linken Ufer des Flusses gelandet war, den Feind in den Befestigungen nicht mehr vor, auch nicht mehr in Pangani selbst. Auf unserer Seite war nur ein Sudanese gefallen, ein deutscher Unteroffizier und 3 Sudanesen waren verwundet.
Pangani wurde von der 5. und 6. Kompagnie besetzt, die Befestigung auf dem rechten Ufer zur Zeit der Abwesenheit des Expeditionskorps von der 1.-3. Kompagnie. Die Europäer und die Truppen, welche alle vollkommen durchnäßt waren, hatten, da der Proviant bis zum Abend des Gefechtstages noch nicht hatte vom Bord der Schiffe aus ans Land geschafft werden können, nach der Anstrengung des Tages nicht einmal eine Stärkung. Erst am Abend half Wißmann persönlich, als er auf der Pangani- wie auf der Ras Muhesa-Seite die Truppen inspizierte, diesem Übelstande dadurch ab, daß er sofort selbst für die Übersendung der nötigen Vorräte Sorge trug. Das frühere Gesellschaftshaus in Pangani, von dem aus man einen bequemen Überblick über den ganzen Ort hatte und diesen wie das Flußufer mit Feuer bestreichen konnte, wurde als Stationshaus beibehalten und der Bau von Befestigungen hier wie auf Ras Muhesa begonnen.
Ras Muhesa ist ein Felsen an der rechten Flußmündung, der auf drei Seiten schroff ins Meer abfällt. Das Buschwerk auf der vierten Seite, welches den freien Überblick hinderte, wurde ausgerodet, und der Zugang mit einer 1-1/2 m hohen Wand aus Wellblech mit Erdeinlage geschützt.
Da diese Befestigungsarbeiten in Pangani und auf Ras Muhesa längere Zeit in Anspruch nahmen, der Reichskommissar sie aber so sehr als möglich fördern wollte, um eine möglichst geringe Anzahl von Soldaten dort als Besatzung zurückzulassen, konnte der ursprünglich zwischen Wißmann und dem Admiral verabredete Termin für die Operation gegen Tanga, der 10. Juli, nicht innegehalten werden. Der Admiral aber, den Gründen Wißmanns unzugänglich, ging infolgedessen am 9. mit dem Geschwader voraus und schickte noch am selben Tage in Tanga eine Botschaft ans Land, die Einwohner sollten, wenn sie den Frieden wünschten, mit ihm in Unterhandlungen treten. Sie erbaten sich, da sich die friedlich gesinnten Neger nicht sogleich mit den im allgemeinen zum Kriege geneigten Arabern und Belutschen einigen konnten, drei Tage Bedenkzeit. Diese wurde vom Admiral abgeschlagen.
So wurde denn am 10. früh das Landungscorps der Marine formiert und an Land gesetzt. Es wurde zuerst mit Schüssen empfangen, doch ergriffen die Rebellen beim ersten Schnellfeuer der Marinetruppen die Flucht und wurden mit geringer Mühe aus Tanga selbst und seiner näheren Umgebung vertrieben. Das frühere Haus der ostafrikanischen Gesellschaft wurde mit 100 Mann der Carola besetzt, um den Ort gegen etwaige feindliche Angriffe halten zu können.
Einige umliegende Dörfer schickten nach Tanga und erbaten den Frieden, der ihnen vom Admiral auch gern gewährt wurde. Die Inder waren im Ort zurückgeblieben, ein Zeichen, daß von vornherein eine Aussicht auf einen ernsten Kampf um Tanga nicht vorhanden war, und die Friedenspartei hier die Oberhand hatte. Wißmann wurde durch einen Brief des Admirals vom 11. Juli davon in Kenntnis gesetzt, daß Tanga von der Marine genommen und besetzt sei, und daß das Geschwader bis zum 14. Juli auf den Reichskommissar warten werde. Wißmann fuhr infolgedessen am 13. auf der München zunächst allein nach Tanga, wählte einen Platz für die Station aus, von wo aus der Ort und der Hafen beherrscht werden konnte, und als am 15. das Expeditionskorps nachkam, wurde sofort mit der Befestigung des Platzes, welche hier von Grund aus neu gebaut werden mußte, begonnen.
Das provisorische Fort wurde aus Wellblech und Brettern hergerichtet und mit einem Stacheldrahtzaun umgeben. Die Bauten gingen in Pangani und Tanga, Dank des Eifers unserer Zulus und Sudanesen, so außerordentlich schnell von statten, daß Wißmann bald den Norden verlassen und sich wieder nach Bagamoyo zurückbegeben konnte, nachdem er die Station Tanga mit einer Kompagnie besetzt und dem Chef Krenzler übergeben hatte.
Aus Pangani nahm er die Ueberzeugung mit, daß der Handel hier bald wieder den früheren Umfang annehmen würde, da bereits in den ersten Tagen nach der Einnahme des Ortes eine Anzahl der flüchtigen Rebellen zurückgekehrt war und sich unterworfen hatte.
Als so die Hauptplätze an dem nördlichen Teil der Küste unseres Interessengebietes wieder unter unsere Herrschaft gebracht waren, dachte Wißmann daran, die Verkehrswege, welche nach dem Innern führten, von neuem zu eröffnen; hierzu gab besonders den Anstoß die Absicht der in Daressalam weilenden großen Waniamuesi-Karawane, in ihre Heimat mit den gegen ihr Elfenbein an der Küste erhandelten Waren zurückzukehren.
Da sie alle von Bagamoyo, dem Endpunkt der großen Karawanenstraßen aus, gemeinsam den Rückmarsch antreten wollten, ging Wißmann daran, die in Daressalam befindliche Karawane dorthin überzuführen. Er sandte zu dem Zweck Ende Juli sein Expeditionskorps unter Führung des Chefs von Zelewski nach Daressalam, wohin er sich Tags darauf selbst begab, ließ die Waren und sämtliches Gepäck der Waniamuesi per Dampfer nach Bagamoyo bringen, und führte selbst auf einem dreitägigen Marsche die Karawane unter der Bedeckung seiner Soldaten ebendahin. Während dieses Küstenmarsches pflog der Reichskommissar persönlich Verhandlungen mit den Jumbes der Küstenorte, und gewann hier, wie überall und zu jeder Zeit, das volle Vertrauen der Eingeborenen zur deutschen Herrschaft. In Bueni, dem bedeutendsten Küstenplatze zwischen Bagamoyo und Daressalam, dessen Handel entschieden der ausgedehnteste an der Küste ist, wurde der bisherige Wali, Sef ben Issa, welcher ebenfalls an der Ermordung der Missionare in Pugu hervorragend beteiligt war, seines Amtes enthoben, sein Besitztum konfisziert, seine Sklaven freigelassen, und ein Preis von 1000 Rupies auf seinen Kopf gesetzt. An seine Stelle trat Seliman ben Nassr, eine dem Reichskommissar sowohl wie der Bevölkerung genehme Persönlichkeit.