Nach meiner Wiedervereinigung mit Söhnge trat ich den weiteren Vormarsch der Expedition nach Usagara an, da es Söhnge gelungen war, sich mit den Parsis der Ortschaften am Kingani zu befreunden und von diesen die für den Weitermarsch nötige Zahl von Trägern anzuwerben. Die große Karawanenstraße von Bagamoyo wurde am Gerengere erreicht und auf dieser der Marsch nach Muini Sagara und von da nach Sima fortgesetzt.

In Sima traf ich den Generalvertreter der Gesellschaft Dr. Jühlke an, welcher die für die weitere Fortsetzung der Expedition oder für Stationsanlagen nötigen Lasten, die ich aus Mangel an Trägern von Sansibar nicht hatte mitnehmen können, mir nachbrachte und ferner den Auftrag des deutschen Generalkonsuls hatte, einen mit dem alten Usagara-Sultan Muini Sagara und einer arabischen Karawane vorgekommenen Streitfall zu untersuchen und zu schlichten. Dieser Auftrag ging in Folge der Erkrankung Jühlkes auf mich über und hielt mich für die nächste Woche noch in Usagara fest.

Endlich im letzten Drittel des Oktober erreichte mich der Befehl nach Sansibar zurückzukehren und dort eine neue Expedition zusammenzustellen, um mit dieser von der Rovuma-Mündung aus zum Zweck weiterer Erwerbungen ins Innere abzumarschieren.

Mein Begleiter Söhnge war bereits vor mir mit den abgeschlossenen Verträgen nach Sansibar zurückgesandt worden, und es schloß sich mir der mit mir zugleich nach Ostafrika gekommene Dr. Hentschel, welcher sich damals ebenfalls in Usagara befand, auf dem Rückmarsche an. Diese Rücktour sollte indes für mich verhängnisvoll werden und einen Strich durch die Ausführung meiner Instruktion machen.

Am 28. Oktober, Morgens, verließen wir unsern Lagerplatz bei Kidete. Die ersten Stunden des Marsches von Kidete aus waren ruhig verlaufen, und wir glaubten, obgleich wir sowohl durch Kidete-Leute, wie auch durch passierende Jäger von den in jener Gegend angesessenen Wakamba des öfteren belästigt worden waren, durchaus nicht an eine ernstere Gefahr, als wir plötzlich etwa um 1/2-12 Mittags von hinten beschossen wurden. Die Karawane bestand damals außer uns beiden Europäern noch aus 20 unbewaffneten Trägern, welche bei diesem Angriffe ebenso wie unsre Boys ihre Lasten fortwarfen und sich schleunigst davonmachten. Wir waren daher auf uns allein angewiesen. Unter dem fortgeworfenen Gepäck befanden sich auch Dr. Hentschels Patronen. Da ich eine größere Anzahl Patronen selbst bei mir trug, half ich hiermit meinem Gefährten aus. Seine Doppelbüchse hatte ein etwas größeres Kaliber als der Büchsenlauf meiner Büchsflinte, weshalb auch seine Schüsse nicht so präzis sein konnten. Wir suchten indes durch schnelle und möglichst gut gezielte Schüsse der uns numerisch überlegenen Bande — es waren etwa 30 an der Zahl — möglichst viel Verluste beizubringen. Die Gegner haben, wie späteren Besuchern der Gegend mitgeteilt wurde, 5 Tote und mehrere Verwundete gehabt. Aber wir selbst wurden beide gleich bei Beginn der Schießerei verwundet. Dr. Hentschel erhielt einen Schuß in die linke Wade und ich einen in den rechten Unterschenkel über dem Knöchel.

Glücklicherweise machten uns unsere Wunden nicht kampfunfähig; wir suchten so gut wie möglich Deckung im Terrain und setzten, obgleich verwundet, das Feuer fort.

Bei den Gegnern wurde dasselbe immer schwächer; doch traf mich eine der letzten gegnerischen Kugeln in die Brust und ging durch meine rechte Lunge hindurch. Das genügte in jenem Augenblick für mich. Die Gegner stellten, wahrscheinlich wegen der verhältnismäßig großen Verluste, die sie hatten, das Feuer ein und verschwanden zu meinem Glück vom Kampfplatz. Dr. Hentschel hielt an meiner Seite aus, bis mich das Bewußtsein verließ, worauf er sich bei seiner ihn am Gehen hindernden Verwundung zum Teil auf allen Vieren nach dem nächsten Dorfe hin fortbewegte, um Hilfe für mich herbeizuschaffen, oder, wenn diese zu spät käme, mich zu beerdigen. Er mußte zu diesem Zweck die davongelaufenen Träger, vor allem Ramassan, wiederbekommen; denn allein konnte er, selbst verwundet, mir nicht helfen. Daher bewog er eine Anzahl Leute im nächsten Dorfe, zu mir zurückzugehen, um mich nach jenem Dorf zu bringen; er gab ihnen als Lohn das einzige, was er gerettet, sein eigenes Gewehr. Die Leute sind indessen nie zu mir gekommen.

Dr. Hentschel selbst kam nicht zurück, weil er hörte, englische Missionare seien etwas weiter vorwärts auf der Straße, aber in der Nähe. Er sah ein, daß das richtigste sei, von diesen ärztliche Hilfe und Medizin zu erbitten, da wir alles verloren hatten. So ließ er sich zu diesen tragen und sandte Ramassan zurück, der indes Angst hatte und erst später zu mir kam. Die englischen Missionare traf Hentschel; dieselben erklärten sich natürlich bereit, auf mich zu warten, während Hentschel sich in Eilmärschen nach Sadani tragen ließ, um von dort nach Sansibar zu fahren und dort den Vorfall zu melden, damit mir ein Arzt und Hilfe entgegengeschickt würde, wenn es auch damals unwahrscheinlich erschien, daß ich am Leben war. Dr. Hentschel hat in dieser Weise durchaus korrekt und besonnen gehandelt; durch seine Handlungsweise hat er wesentlich dazu beigetragen, mir das Leben zu retten, und mich zu Dank verpflichtet.

Nun ein paar Worte über meine Angreifer. Diese bestanden, wie wir später erfuhren, in einer Räuberbande, sogenannten Ruga-Ruga, die es auf Beutemachen und Plünderung Unsrer Sachen abgesehen hatten. Diese Absicht ist nun nicht einmal von ihnen erreicht worden, da die Angreifer nach ihren verhältnismäßig großen Verlusten sich schleunigst empfahlen. Es waren Dritte, denen die Beute zufiel, und zwar Kidete- und Mamboialeute, die, während ich bewußtlos auf dem Kampfplatz lag, alles stahlen und dabei mit großer Gewissenhaftigkeit verfuhren. Bis auf das, was ich persönlich am Leibe trug, ließen sie nichts zurück; doch war ich indessen noch gut daran, daß mir die Ruga-Ruga selbst nicht noch einen Besuch abstatteten, da sie mir sicher das Messer an den Hals gesetzt hätten.

Ich selbst blieb besinnungslos bis zur Zeit der Dämmerung liegen. Da erst, also 6-7 Stunden nach meiner Verwundung, kam ich zum Bewußtsein meiner Hilflosigkeit. Einige Neger befanden sich in meiner Nähe, die, als ich die Augen aufmachte, auf und davon liefen. Brennender Durst peinigte mich. Ich suchte ihn zu stillen, indem ich mir den rechten Stiefel, in dem sich eine Portion Blut, von dem angeschossenen Bein herrührend, angesammelt hatte, auszog und das darin enthaltene Blut begierig trank. Da das Blut aber nachher trocknete und die Wunden überhaupt nur wenig nachbluteten, so gab es für mich bald nichts mehr zu trinken. Die ganze Nacht lag ich bei vollem Bewußtsein da; ich hätte mir gern schleunige Erlösung von meinen Leiden gewünscht. Meine Versuche, aufzustehen, mißlangen. Am nächsten Morgen kaute ich den Thau aus den Gräsern; den Tropenhelm legte ich mir unter den Kopf, um diesen etwas erhöht zu halten, und zog es vor, hierfür mir die glühende Tropensonne auf den Schädel scheinen zu lassen. Die Neger, welche vorbeikamen und mich liegen sahen, hatten kein Mitleid mit mir, verhöhnten mich teilweise noch, ließen mich alle liegen und gaben mir nicht einmal einen Tropfen Wasser zu trinken. Ein altes, fürchterlich häßliches Weib warf mir ein Stück von ihr ausgesogenen Kürbis ins Gesicht mit den Worten »da friß«, während ein Gemütsmensch darunter war, der auf mein Ansuchen, mich von der Stelle zu tragen, nur erwiderte: »Du wirst doch gleich sterben«. So lag ich, bis die Sonne am Himmel reichlich 2 Uhr zeigte, so daß ich also 26-27 Stunden an jener traurigen Stätte zugebracht habe. Da fanden sich endlich zwei hilfsbereite Leute, die mich ins nächste Dorf trugen. Als ich die erste Pfütze passierte, trank ich soviel Wasser, wie meine braven Träger nach ihrer Aussage noch nie einen Menschen hatten trinken sehen.