Es ist sowohl in Afrika von eifrigen, mit den Verhältnissen nicht vertrauten Offizieren der Schutztruppe und Beamten wie in Deutschland vielfach darüber geklagt worden, daß Wißmann, der doch mit Buschiri kurzen Prozeß gemacht hätte, gegen Bana Heri eine allzu große Langmut bewiesen habe, und es wird die Milde, die er gegen Bana Heri und gegen den bereits früher erwähnten Simbodja hat walten lassen, ihm als Schwäche oder als Inkonsequenz ausgelegt. Ich habe schon bei Buschiri darauf hingewiesen, daß Gründe, diesen Rebellenführer zu schonen, absolut nicht vorlagen, weder Milderungsgründe für ihn, noch Nützlichkeitsgründe für uns. Bei Bana Heri und Simbodja lag die Sache anders. Abgesehen davon, daß Bana Heri, der die Übergabe-Verhandlungen, wie erwähnt, durch Soliman ben Nassr und den Jumbe von Mkwadja hatte führen lassen, eine Schonung seiner Person und der Leute, die sich dem Reichskommissar stellten, als Grundbedingung gestellt hatte, war für Wißmann ganz besonders die Absicht maßgebend, aus dem großen Einfluß, den Bana Heri in Usegua und Nguru ausübte, für uns Nutzen zu ziehen.
In dieser Berechnung hat sich der Reichskommissar nicht getäuscht. Bana Heri sowohl, wie seine viel schwieriger zu behandelnden Söhne haben sich nicht nur stets ruhig verhalten, sondern auch die vorher öfters beunruhigte Sadanistraße durch Usegua und Nguru in Ordnung gehalten. Verfasser selbst hat im vergangenen Jahre in Nguru, das durch Krieg stark heimgesucht war, durch die Benutzung des Einflusses Bana Heris und seines Sohnes Abdallah den Frieden auf die einfachste Weise wieder hergestellt.
Simbodjas Vergehen ist nur gewesen, daß er durch die Ereignisse an der Küste sich auch seinerseits im Innern zum Aufstand aufreizen ließ und dem Gebote Buschiris Folge leistete. Er folgte auch diesem Zwange, als er Dr. Meyer und Dr. Baumann auf Buschiris Befehl festnahm. Daß er dann ein Lösegeld auch für sich erpreßte, ist noch kein Grund, ihn zu opfern.
Das Urteil der mit den Verhältnissen im Hinterland von Pangani vertrauten Persönlichkeiten, — und das ist nicht das Urteil flüchtig das Land durchziehender Reisender, wie Dr. Meyer, sondern das Urteil der dort jahrelang thätigen Beamten und Offiziere, — geht dahin, daß der Einfluß Simbodjas uns von großem Nutzen ist und die Gegend vor den Übergriffen vieler kleiner Häuptlinge sichert. Voraussetzung dabei ist natürlich, daß Simbodja stets unsere Autorität vor Augen hat und gelegentlich ausdrücklich an dieselbe erinnert wird.
Erst später ist bekannt geworden, daß tatsächlich Mohammed ben Kassim, von dem noch an anderer Stelle gesprochen werden wird, mit 600 Mann aus Tabora und Udjidji zur Verstärkung Bana Heris herannahte. Wir hätten also noch ernste Kämpfe gegen Bana Heri zu bestehen gehabt, wenn nicht den Friedenswünschen desselben Gehör geschenkt worden wäre, und wir hätten uns dadurch der Möglichkeit beraubt, mit allen Mitteln an die Wiedereroberung des Südens zu gehen.
10. Kapitel.
Die Stationen und der Dienst auf denselben.
Bedeutung Bagamoyos und der indischen Kaufleute. — Negerbevölkerung. — Station Bagamoyo. — Posten bei Mtoni. — Sicherung der Karawanenstraße durch die Station Mpapua. — Kleinere Posten. — Besetzung der Stationen. — Bauten. — Armierung. — Der Stationsdienst. — Machtbereich der Stationschefs. — Regelung des Karawanenverkehrs. — Viehankäufe. — Dienst der Gruppen auf den Stationen. — Die Rechtsprechung. — Verwendung der Walis und Akidas. — Verwendung mächtiger Häuptlinge im Innern. — Die deutschen Unteroffiziere.
Wir haben schon bei der Entwickelung der Geschichte des Aufstandes der Gründung einzelner Stationen Erwähnung gethan. Um ein richtiges Bild von der außerordentlichen Thätigkeit, welche hierbei seitens aller Angehörigen des Kommissariats entfaltet werden mußte, zu geben, um ferner den Plan Wißmanns zu verstehen, die Küste nicht nur wiederzuerobern, sondern ein für allemal militärisch und handelspolitisch zu sichern, muß auf die einzelnen Stationen an dieser Stelle eingegangen werden. Als wichtigste und erste derselben zählt naturgemäß Bagamoyo. In der Nähe der Kinganimündung in einer fruchtbaren Ebene Usaramos gelegen, hatte Bagamoyo vor dem Aufstand bereits die bei weitem höchste Bedeutung unter allen Küstenstädten erlangt. Hier mündet die große Karawanenstraße von Tabora und den Seen über Mpapua. Alljährlich erreichten etwa 80 Tausend Träger in Bagamoyo die Küste und zogen von hier wieder ins Innere hinein, der Stadt das Gepräge eines überaus regen Geschäftsverkehrs und Lebens verleihend.
Die Stadt selbst bestand bereits damals zum großen Teil aus Steinhäusern von mitunter bedeutendem Umfang, außerdem aus Negerhäusern, Lehmbauten oder einer Art Erdhütten, deren Herstellung in der Weise geschieht, daß ein Gerüst aus eng aneinander stehenden, harten Stämmchen aufgerichtet und wagerecht mit demselben Material überflochten wird, sodaß eine Unzahl kleiner Vierecke offen bleibt. Eine zweite Wand wird parallel zur ersten in derselben Weise aufgerichtet und der Zwischenraum mit fest gestampfter Erde ausgefüllt. Als Bedachung dienen Palmenblätter. Endlich bedeckten gewöhnlich ein Unzahl von Trägerhütten, lediglich aus Palmenzweigen erbaut, den Strand.
Die Bevölkerung der Stadt bildeten in erster Linie vornehme und reiche Araber, deren Schamben (landwirtschaftliche Plantagen) unmittelbar an Bagamoyo grenzten; ferner in weit größerer Zahl Inder und zwar Hindus, Mohammedaner, wenige Banianen. Die Inder haben in erster Linie den Kleinhandel und den Ladenverkauf in Händen und dienen ferner den indischen Großkaufleuten in Sansibar als Agenten, welche ihrerseits den Karawanenhandel, d. h. die Lieferung an Tauschartikeln und den Ankauf der gebrachten Produkte des Innern, vornehmlich Elfenbein, Sesam, Kopal und Erdnüsse völlig in ihre Hand gebracht hatten. Die eigentliche Negerbevölkerung Bagamoyos bestand nur zum geringsten Teil aus eingeborenen Wasaramos, zum bei weitem größeren Teil aus Mischlingsnegern der verschiedensten Stämme der Küste und des Innern, Mischlingen von Arabern und Negern, Suahelis und dergleichen mehr.