Abgesehen von einem Angriff auf eine von uns ausgesandte Patrouille, bei welchem ein Mann auf unsrer Seite verwundet, einer der Gegner erschossen wurde, fanden Feindseligkeiten während der Nacht nicht statt. Wir hatten dagegen unterwegs einige Eingeborene aufgegriffen, welche uns am nächsten Tage als Führer nach Kilwa Kisiwani dienen sollten.
Das zweite Bataillon war während der Landung der »Harmonie« nordwärts vorgeschoben und hatte die Vorposten zu stellen. Noch während der Landung wurden dieselben von einem etwa 200 Mann starken Trupp, der offenbar auf die Nachricht von unserer Landung hin von Kilwa Kiwindje ausgesandt war, angegriffen. Der Gegner wurde indes nach kurzem Gefecht unter bedeutenden Verlusten zurückgeworfen.
Unmittelbar nach erfolgter Landung des auf der »Harmonie« eingeschifften Bataillons wurde der Vormarsch auf Kilwa (in der Marschordnung: zweites, erstes, drittes Bataillon), angetreten. Der Marsch führte zunächst an der Küste entlang nach Norden, dann bogen wir nach Nordwesten ab in der Richtung auf den Kisimo-Berg.
Unterwegs wurde unsere Tête fortwährend von Rebellen angegriffen, jedoch wurde der Marsch hierdurch nicht verlangsamt, da es zumeist nur des Einsetzens der Têten-Kompagnie bedurfte, den Gegner zurückzuwerfen. Dagegen hatten wir in Folge der großen Hitze, der schlechten Ernährung und der überstandenen Seekrankheit einige Fälle von Sonnenstich, was uns einigermaßen aufhielt. Während der Nacht vom 3. zum 4. Mai wurde Bivouak in einer verlassenen Ortschaft bezogen. Die Nacht verlief ohne jede Störung, obgleich das stark coupierte Terrain und die Tags zuvor sich immerfort wiederholenden Angriffe des Feindes auch Unternehmungen desselben bei Nacht erwarten ließen. Selbstverständlich waren nach dem Beziehen des Bivouaks alle Vorsichtsmaßregeln getroffen und starke Vorposten ausgestellt worden.
Am 4. Mai morgens wurde der Weitermarsch fortgesetzt, abermals unter schnell zurückgewiesenen Angriffen der Gegner. Gegen 7 Uhr wurde das Feuer der Kriegsschiffe hörbar. Die vorzüglich einschlagenden Granaten legten einen beträchtlichen Teil der Befestigung an der Front nieder, ebenso eine Menge massiver Bauten in der Stadt. Ein Teil derselben, der aus Negerhütten bestand, geriet in Brand, ein Teil der Pulvervorräte des Feindes flog in die Luft.
Als sich unsere Truppen um 8 Uhr der Stadt von Südwesten her näherten, dirigierte der Reichskommissar das zweite Bataillon auf den Süden der Stadt, das erste auf die Westlinie, während das dritte als Reserve folgte. Dicht vor der Stadt wurden noch einige Granaten in dieselbe geworfen und eine Patrouille mit der deutschen Flagge rechts nach dem Strande gesandt. Sie sollte der Marine das Zeichen zum Einstellen des Feuers geben, damit wir selbst zum Angriff vorgehen könnten.
Zu unserer großen Überraschung konnten wir, ohne Feuer zu erhalten, in die Stadt eindringen: sie war während der letzten Nacht geräumt worden. Wir hatten erwartet, daß die fanatischen Rebellen von Kilwa Stand halten würden, und daß es zu einem sehr erbitterten Straßenkampfe kommen würde, wobei die vielen festen Steinhäuser vorzügliche Reduits für die Rebellen hätten bilden können. Wäre es uns dann gelungen, den Gegner aus der Stadt zu treiben, so hätte ihm nach Erstürmung des südlichen Stadtteils das erste Bataillon vom Westen her den Rückzug abgeschnitten, und der Feind wäre in den Terrain-Abschnitt zwischen den Meeresstrand und den Fluß gedrängt worden, wo er ertrunken oder in unsere Hände gefallen wäre. Die Rebellen waren indes eingeschüchtert. Sie hatten erwartet, daß wir lediglich von der Seeseite angreifen würden, wo sie sich durch eine sehr stark angelegte doppelte Pallisadenreihe, in deren Mitte Erde geschichtet war, befestigt hatten. An verschiedenen Stellen der Pallisaden waren Bastionen errichtet, deren Armierung im ganzen aus acht primitiven Geschützen bestand. Im Norden und Süden stießen die Befestigungen an Creeks; an den Seiten dagegen waren Befestigungen überhaupt nicht angebracht.
Da wir den Rebellen den Gefallen nicht gethan hatten, die stärkste Seite der Stadt anzugreifen, und ihre Versuche, uns durch Entgegenwerfen stärkerer Trupps im Vormarsch aufzuhalten, ebensowenig Erfolg gehabt hatten, warfen sie die Flinte ins Korn und gaben die Stadt preis. Nach den eingezogenen Erkundigungen waren die Verluste an Menschenleben, welche die Rebellen durch die Beschießung der Marine erlitten hatten, ganz geringfügig, sie betrugen nur 2 Mann; um so größer aber war der moralische Eindruck gewesen, den das Bombardement und der Brand in der Stadt hervorriefen. Um nicht die ganze Stadt abbrennen zu lassen, mußten wir selbst zum Löschen schreiten.
Der Verlust der Schutztruppe vor Kilwa betrug drei Tote und einige Verwundete. Die Marine war, da ihre Schiffe aus einer Entfernung von über 3000 m feuerten, selbstverständlich nicht durch die Rebellen gefährdet. Die Verluste, welche die Rebellen in den vereinzelten Gefechten beim Anmarsch der Schutztruppe von Süden her erlitten, beliefen sich auf etwa 30 Mann. Recht wunderbar schien es uns, daß obwohl unsere Marine stets recht gut schoß, die Verluste der Rebellen an Menschenleben so ungeheuer gering waren und der Schätzung der Marine stets bedeutend nachstanden. Man sah, daß die Granaten meist vorzüglich krepierten, dennoch aber keine Verluste beibrachten. Gewiß ist in dieser Beziehung der Vorschlag des Admirals Deinhard, statt mit Granaten mit Shrapnels gegen lebendige Ziele zu feuern und die in Ostafrika stationierten Kriegsschiffe mit solchen zu versehen, sehr beachtenswert.
Kilwa Kiwindje ist die größte und bedeutendste Stadt des Südens, fast so groß wie Bagamoyo, wenn auch als Handelsplatz bei weitem nicht von derselben Bedeutung. Die Zahl der Steinhäuser und besonders der geräumigen Steinhäuser übersteigt erheblich die in allen andern Plätzen. Leider hat Kilwa eine sehr schlechte Rhede und der sehr schlickige Strand erschwert sogar das Landen mit den Booten. Die Bedeutung Kilwas ist ersichtlich aus der großen Zahl der hier wohnenden Inder. Annähernd 100 Geschäfte von Hindus und Banianen befinden sich in der Stadt.