Die erwähnte Expedition des Dr. Schmidt, zu welcher 2 Kompagnien Sudanesen, eine Kompagnie Zulu, ein 4,7 cm Geschütz, ein Maxim-Gun und die nötigen Träger mitgenommen wurden, setzte sich am 6. Oktober von Lindi aus ins Hinterland in Bewegung. Es nahmen daran Teil von den Offizieren außer Dr. Schmidt die beiden Stationschefs von Mikindani und Lindi (End und der Verfasser), Chefarzt Gärtner, die Lieutenants Scherner, Heymons, von Zitzewitz und Proviantmeister Jancke. Vor dem Antritt der Expedition war Maschemba von den freundlichen Absichten des stellvertretenden Reichskommissars brieflich benachrichtigt und ihm nochmals anbefohlen worden, die Expedition, wenn sie in sein Gebiet komme, gut aufzunehmen und Exzesse seiner Leute zu verhüten. Obgleich Maschemba bis zuletzt den Schein der Unterwürfigkeit bewahrt hatte, drangen doch schon bei Antritt der Expedition Gerüchte zu uns, daß Maschemba alle Anstalten getroffen hätte, diesmal dem Vorrücken in sein Gebiet bewaffneten Widerstand entgegenzusetzen.

Der Plan des Dr. Schmidt war, wie erwähnt, die Stationen der englischen Universitäts-Mission, Masasi und Nevala, zu besuchen, dann südlich nach dem Rovuma abzubiegen und von dort aus auf dem Rückwege Maschembas Gebiet zu durchziehen, um mit diesem, wenn möglich, auf friedliche Weise ein Abkommen zu treffen, andernfalls ihn anzugreifen. Nachdem die ersten Tage unseres Marsches zurückgelegt waren und wir den Wamwera-Ort Mtua bereits östlich von uns hatten, wurden wir am 4. und 5. Marschtage von Wahiyao-Horden Maschembas auf dem Marsche durch das Dickicht in höchst ungünstigem Terrain angegriffen und wurden uns zwei eingeborene Führer weggeschossen. Es gelang, die angreifenden Horden zurückzuschlagen und die Führer durch andere zu ersetzen. Als wir Maschembas Gebiet hinter uns hatten, wurde der Marsch nach Masasi ohne Störung fortgesetzt. Die Missionsstationen der Engländer waren, da sie stets dem Überfalle der Wahiyao- und Mafiti-Stämme ausgesetzt waren, nur provisorisch aus Bambus hergestellt, damit die Missionare in der Lage waren, sie bei drohender Gefahr abzubrechen und sofort zu verlassen.

Von Masasi wandte sich die Expedition nach der Haupt-Missionsstation Nevala. Am 20. Oktober wurde in Kisanga das Lager bezogen. In der Umgegend waren in derselben Weise wie unmittelbar hinter Lindi Wahiyao und Makanda angesiedelt. Kisanga selbst ist ein starkes, auf einer steilen Höhe gelegenes, recht ausgedehntes Dorf. Wir lagerten an einem Bache am Fuße der Höhe und glaubten besondere Besorgnis hier nicht hegen zu müssen, als plötzlich ein Träger auf uns zugelaufen kam und berichtete, daß einige Boys und Träger in Kisanga, wo sie Streit bekommen hätten, von Wahiyao festgenommen, gebunden und durchgeprügelt worden seien. Da zweifellos eine gewisse Schuld auf Seiten der Träger und Boys lag, welche in dem fremden Dorfe nichts zu suchen hatten, außerdem die Bewohner des Dorfes gerade ein Pombefest feierten und sich dabei total betrunken hatten, erschien es erwünscht, im guten die festgenommenen Leute von den Wahiyao herauszubekommen.

Chef End wurde mit seiner aus Mikindani mitgenommenen Kompagnie zur Unterhandlung resp. zur Bestrafung der Leute von Dr. Schmidt abgesandt. Der Verfasser erbot sich dem Dr. Schmidt, als Chef End diesen Befehl erhalten hatte, mit Chef End zusammen abzumarschieren und, wenn möglich, die Sache zu einem guten Abschluß zu bringen. Aber schon als wir die steile Höhe, da es das Terrain nicht anders gestattete, in Kolonnen zu einem emporklommen, merkten wir, daß hier im guten nichts auszurichten sei. Der Schall der Kriegsgoma tönte uns entgegen. Es blieb also nichts übrig, als die Stellung der zum Kampfe fertigen Wahiyao zu erstürmen und einzunehmen.

Die Wahiyao hatten sich hinter hohen Felsen an dem von uns erklommenen Fußpfade gut gedeckt und feuerten auf die von unten heranrückenden Truppen. Gleich bei den ersten Schüssen erhielt der Verfasser eine Kugel in die linke Brust, die an der Rippe entlang ging, den linken Oberarm durchdrang und dann noch den direkt hinter dem Verfasser gehenden Chef End traf, dem sie jedoch nur eine leichte Kontusion beibrachte. Ich erhielt vom Chefarzt Gärtner auf der Stelle im feindlichen Feuer den ersten Verband angelegt. Die Truppen wurden indes nicht aufgehalten und drangen unter Chef End unerschrocken die steile, schwer zu erklimmende Höhe empor. Von dem in brillanter Stellung befindlichen Gegner wurde unglaublich schlecht geschossen: nur drei von den farbigen Soldaten erhielten noch Verwundungen.

Der Gegner wurde aus seiner Deckung, in der er sich bei einigermaßen gutem Schießen gegen jeden Feind hätte halten können, geworfen, die zerstreut auf der Anhöhe liegenden Dörfer zerstört, der Feind weiterhin verfolgt und demselben bedeutende Verluste, deren Höhe jedoch nicht genau zu konstatieren war, beigebracht. Die gefangenen Träger und Boys wurden teils an demselben Tage befreit, teils am nächstfolgenden Tage durch Vermittlung der Station Nevala ausgeliefert. Das Verhalten der Wahiyao von Kisanga, die allerdings von Maschemba aufgereizt waren, war eigentlich nur auf die Trunkenheit derselben und auf den mit den Trägern und Boys gelegentlich des Pombefestes entstandenen Streit zurückzuführen. Den Tag nach dem Gefecht haben jedenfalls die Wahiyao von Kisanga einen ebenso moralischen wie physischen Katzenjammer gehabt.

Am 21. Oktober wurde Nevala erreicht und dort ein Rasttag gemacht, dann aber wegen der Wasserarmut des Gebietes zwischen dem Rovuma und Maschembas Land und wegen der Verwundeten in der Expedition, welche die Marschfähigkeit derselben beeinträchtigten, das Vorgehen gegen Maschemba für jetzt aufgegeben und für den nächsten Monat in Aussicht genommen. Wir zogen von hier unmittelbar am Rovuma, den wir südlich von Nevala erreichten, einige Tage ostwärts entlang und traten dann den Rückmarsch nach Mikindani an. Der Rovuma als Fluß enttäuschte uns gründlich, da derselbe bequem an allen Stellen zu Fuß zu durchwaten war. Das Wasser reichte uns zu jener Zeit nicht einmal bis an den Leib, aber auch in der Regenzeit dehnt sich der Fluß nur in die Breite aus und zeigt ein ganz flaches Bett; nirgends besteht eine größere Tiefe.

Am 31. Oktober traf die Expedition wieder in Mikindani ein; es wurde daselbst außer der nach Mikindani gehörenden Kompagnie, auch die von Kilwa zur Expedition zugezogene Kompagnie zurückgelassen. Die Expeditions-Kompagnie von Lindi wurde am selbigen Tage eingeschifft und von Dr. Schmidt nach Lindi gebracht. Daselbst übernahm Lieutenant von Zitzewitz in Vertretung des Verfassers vom Lieutenant Wolfrum, der während der Expedition die Vertretung gehabt hatte, die Stationsgeschäfte von Lindi. Der Verfasser mußte nach Sansibar überführt werden, wo sich dann wegen seiner Verwundung das Antreten eines Urlaubs nach Deutschland als notwendig herausstellte: durch die Verwundung der Nerven des linken Oberarms war der ganze linke Arm gelähmt.

In Sansibar angekommen, fanden wir daselbst den zu seiner Orientierung über die Verhältnisse der Kolonie von Deutschland nach Sansibar gesandten, bisherigen Gouverneur von Kamerun, Freiherrn von Soden vor, während Wißmanns Ankunft und Wiederaufnahme der Geschäfte des Reichskommissariats für den 1. Dezember angekündigt war. Die Heraussendung des Herrn von Soden hatte allerdings zunächst den Zweck seiner persönlichen Informierung, es war aber bereits damals Herr von Soden als Ersatz für Wißmann bestimmt. Ein solcher Ersatz des allseitig verehrten Kommandanten, dessen afrikanischer Erfahrung sich jeder ohne weiteres beugen konnte und mußte, unter Verhältnissen, welche für den Augenblick zwar friedlich erschienen, aber von niemandem damals schon als dauernd betrachtet werden konnten, durch einen Civilbeamten, welcher von Ostafrika nicht viel wußte, konnte keinem der Beamten und Offiziere, ja nicht einmal den Kaufleuten sympathisch sein.

Das allgemeine, einstimmige Urteil ging dahin, daß an leitender Stelle die wahren Verdienste Wißmanns weder erkannt, noch gewürdigt wurden. Wir haben an den verschiedensten Stellen dieses Buches darauf hingewiesen, daß nicht die militärische Thätigkeit allein es war, welche jedem die höchste Achtung vor Wißmanns Blick und Fähigkeiten abnötigte, sondern ganz besonders sein überaus großes, organisatorisches Talent. Wenn man ihm die mangelhafte Rechnungsführung nicht verzeihen konnte, so konnte dem durch die Einstellung geeigneter Rechnungsbeamten besser abgeholfen werden, als durch eine vollkommene Umgestaltung der Verhältnisse, die uns draußen des Führers beraubte. Niemand weder in Deutschland, noch in Ostafrika konnte und wollte glauben, daß eine solche aus der Natur der Dinge sich ergebende Kleinigkeit, wie das Rechnungswesen zur Abdankung Wißmanns die Ursache habe geben können, und noch heute sucht man vergeblich nach innern stichhaltigeren Gründen für die Ernennung Sodens. Die äußere Anerkennung der Verdienste Wißmanns in Deutschland konnte, so glauben wir wenigstens behaupten zu können, ihn nicht dafür entschädigen, daß das Hauptwerk seines Lebens fast vollendet einem andern übergeben wurde.