Man erzählt in München, wie er einst einen Muttermörder anklagen sollte. Der Muttermörder weinte und jammerte, wie schlecht es ihm immer ergangen wäre; nur in seiner äußersten Not hätt er dann endlich den Raubmord an der eignen Mutter verübt.
Der Staatsanwaltsubstitut ward gerührt und immer gerührter; fühlte das Elend des Angeklagten mit und stellte schließlich den Antrag: die Notlage dieses Menschen wäre wirklich fürchterlich gewesen; immerhin, für den Muttermord gebühre ihm ein Verweis.
Diese Geschichte hat sich niemals zugetragen – sicherlich nicht. Doch der sie erfand, hat des alten Herrn Charakter damit aufs treffendste gezeichnet. So ist es ja in aller Welt wohl mit den Anekdoten; auch wenn sie sich zufällig nie abgespielt haben: ihr Geist ist immer wahr.
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Meister Max Nonnenbruch erzählt von einem Besuch, den er vor ein paar Jahren dem verstorbenen Alma Tadema in London gemacht hat.
Alma Tadema führte den Münchener Kunstgenossen nicht ohne Stolz in seinem Palais umher und ließ alles nach Gebühr bewundern – besonders die Palmen; es waren herrliche Bäume darunter.
„Man sieht, daß Sie hohe Preise für Ihre Bilder erzielen,“ meinte Nonnenbruch.
„O, sagen Sie das nicht. Ich habe erst unlängst ein Bild mit Müh und Not an den Mann gebracht.“
„Wie ist das möglich?“