Vom
Bal paré
hingegen kann ich auf Grund wiederholten Augenscheins berichten, aus der Erfahrung einer langen Zeit.
Im Urteil des Fremden sind die Bals parés der Münchener Fasching schlechthin.
Und der Münchener Fasching ist berühmt. Warum eigentlich? Die Frauen in Stockholm sind schöner, in Kopenhagen eleganter, in Amsterdam sinnlicher. – Die Herren? Eine kundige Thebanerin versicherte mir schon vor Jahren: man müsse sich ‚durch siebzehn Kommis durchtanzen, eh daß man an an Gawlier kummt.‘ – Die kleinen Mädchen? In Paris gibt es gigolettes und midinettes, denen unsre Matschackerln nicht das Wasser reichen. Also: warum eigentlich?
Es ist die Atmosphäre einer stark von Künstlertum durchsetzen, leichtlebigen Stadt. – Ein verdammt reizvolles, ein himmlisches Bild: der Riesendom des Deutschen Theaters, angefüllt mit Dimensionen, Farbe, Licht und Trubel. Nur Dionysos, Tumanbanga und Severini bringen solch eine Schöpfung fertig: die Logen bis zum Dach voll von verheißenden Dominos, auf dem Parkett der quirlende Lärm des Vergnügens.
Ob all das der Ausdruck Münchens ist? Ob der Glanz der Bals parés verblich im Lauf der Jahre? – Letzthin führte ich einen alten Herrn hin, der seit langem nicht mehr dagewesen war. Er äußerte sich sehr zufrieden. „Zu meiner Zeit,“ sagte er, „hat man d’ Weiber erscht bei der letzten Française in d’ Luft gehoben, um halber drei in der Früh; jetz schon um elwe.“ – Und er fand ein Wort des Tadels nur für die Gitterchen, die eine überprüde Behörde kürzlich vor die Brüstungen nageln ließ, damit man die Damen nicht gradenwegs aus dem Tanzsaal in die Logen hebe.
Der Bal paré ist das Werk eines Malers, Rezniczeks. Freilich gabs den Bal paré schon vor ihm – doch Rezniczek hat ihn berühmt gemacht. Noch mehr: er hat ihm die Linie gezogen. Er sah die Mädel, die Herren nicht wie sie damals waren – nein, wie sie nach seiner Meinung werden sollten: schlank, graziös, schnittig. Und sie? Wurden just so, wie er sie gesehen. Der Maler hatte ein Zuchtideal aufgestellt, und die Wirklichkeit folgte ihm nach. Keiner nach Rezniczek wird so formbildend wirken.
Ich muß dem Landfremden einiges erklären:
Bals parés gibt es nur im Deutschen Theater, jeden Mittwoch und Samstag. Mittwochs Nobelredoute, Samstags ists gemischter; der katholische Hochadel fehlt, soweit er weiblich ist, Mittwochs und Samstags; das Matschackerl, Gott sei Dank, ist immer da – in Wollsammet, in Halbseide, mit Straußfedern im Haar, mit blitzenden Augen. – Die Herren erscheinen im Frack und bluten vierzig Mark. Die Damen lassen sich mitnehmen – man zahlt an der Kasse ichweißnichtwieviel für sie. Neben einer etwa bestehenden Ehe ist der gemeinsame Garderobezettel das einigende Band zwischen Dame und Herr. Man macht erst am Morgen Gebrauch davon.