Das Schach ist eine harmlose Lustbarkeit, wenn der Spieler die fünf, sechs, zehn, zwölf nächsten Züge des Gegners vorherweiß. Es ist, als hätte der Reichskanzler gesagt: „Wir leben im tiefsten Frieden, der stetige Gang der Politik ist auf Jahre hinaus gesichert.“ Da bleibt die Börse flau.

Auf unserm Schachbrett aber? Ist ewige Pein. Wir tanzen auf einem Vulkan, mit einem Fuß im Grab, und über uns an einem unsichtbaren Faden hängt das Schwert des Damokles. Rechts, links, hüben, drüben ahnt der Partner unermeßliche Gefahren. Der leiseste Zug kann den Tod bringen. Mir oder dir?

Das ists, was unsre Partie so scheußlich spannend macht. Wir spielen Hazard – um die Ehre. Und die Kibitze studieren in unsern Gesichtern die Ausdrücke von Angst und Grauen.

Seit dreizehn Jahren gibt sich der Herr Major den fürchterlichen Erschütterungen des Glückspiels hin. Seine Hirnrinde ist ihm vor der Zeit ergraut. Ich aber sitze mit vibrierenden Nerven da, wenn mein Gegner wieder einmal die lauernde Frage tut: „Wer ist am Zug?“ Und er antwortet sich regelmäßig selbst: ein kleines Rücken von zwei, drei Figuren – zunächst zu Versuchszwecken – dann ein Basiliskenblick – knurrige Flüche, die mich um alle Fassung bringen – endlich ein riesiger Sprung des Rössels über drei oder vier Felder – und mein Schicksal ist besiegelt.

Und stände mein Gegner allein da mit dem entthronten König gegen meine lückenlose Phalanx – nie gibt er die Partie auf, nie die Hoffnung. Er glaubt an ein Wunder; oft genug ist es gekommen.

Einen so zähen Kämpen zu besiegen, ist nicht leicht. Die meisten Partien enden damit, daß der Herr Major sich weigert, aus dem Schach zu ziehen. Meyrink nennt das: ewiges Schach. So hat der tapfere Vestenhof schon manche verzweifelte Situation gerettet.

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