Ich traf unlängst auf einer Reise nach Nymphenburg Meister Birkigt, den Musiker; er erzählte mir von ‚allerhand dummen Gerüchten, die jetzt in München umgingen:‘ unser Zoo solle aufgelöst werden. Kein Wort sei wahr.
Nun ist die Sache so, daß Meister Birkigt ein froher, kräftiger Mann ist mit guter Verdauung, daher Optimist – er nennt Gerüchte, die da umlaufen, dumm und glaubt sie nicht. Ich aber als Dyspeptiker habe die Erfahrung gemacht, daß Gerüchte vielleicht manchmal der Wirklichkeit vorauseilen, aber schließlich dennoch irgendwie eintreffen. Es sei nur an König Gustav von Schweden erinnert: er wurde 1908 in München totgesagt; und zu Weihnachten 1909 starb – zwar nicht er – doch Leopold der Zweite von Belgien. Garso inhaltlos pflegen also Gerüchte, wie man sieht, nicht zu sein.
Schade, wirklich schade um unsern Zoologischen Garten. Ich habe ihn fast täglich, mit Inbrunst besucht, und noch heut in der Ferne, am Rand von Schwabing, denke ich gern an ihn. Ich bin auch Mitglied gewesen der ‚Gesellschaft zur Erhaltung des Tierparks,‘ zwei Mark jährlich – und ohne Aufhebens damit machen zu wollen – (nachträglich wird mans wohl sagen dürfen): jenes vielbewunderte Exemplar einer seltenen Dackelart mit Spitzohren und einem schon von Natur ausgerissenen Schweif – dieses Exemplar also habe ich gestiftet.
Was wahr ist, wird man wohl sagen dürfen: der Zoo war nicht ganz richtig angelegt. Es ist ein alter Münchener Mißbrauch, daß in alles die Künstler dreinreden dürfen. In diesem Fall hätte man die Tierbändiger befragen sollen.
Ja, ich sage es unumwunden, auf die Gefahr hin, in München lautesten Widerspruch zu erregen: in öffentlichen Angelegenheiten, auch solchen, die nichts mit der Kunst zu schaffen haben, auf die Künstler zu hören, ist abgeschmackt. Was kommt dabei heraus? Die Künstler sind ja nicht einmal imstande, Fragen ihres eignen Fachs richtig zu beantworten. Wenn wir einem scheußlichen Gemälde begegnen – wer hats hingeschmiert? Der Galeriebeamte etwa? Nein, ein Maler. Von wem rühren die mißlungenen Denkmäler und Brunnen her? Von Gemeinderäten? Nein, von Bildhauern. Und sämtliche Häuser, die im Lauf der letzten zehn Jahre einstürzten, waren, eine Privatstatistik hat es erwiesen, von Architekten errichtet worden. Also nur keine falsche Empfindlichkeit, ihr Herren Künstler! – Sehen sich aber Maler und Bildhauer zusammen, um Standeskontroversen auszutragen – ah: dann fehlt der Tierbändiger sehr.
Doch zurück zum Zoo! Ist das (von den Künstlern gestellte) Problem überhaupt lösbar: Tiere stets in ihrer natürlichen Umgebung zu zeigen? Der Räucherlachs lebt im Ozean, die Ratte in der Großstadt, die Gemse wieder auf den Gletschern, wo sie sich mit ihren Hörnern spärliches Moos aus den Spalten kratzt. Das Gebäude möchte ich sehen, wo sich alle Bedingungen für Ratte, Räucherlachs und Gemse vereinigen!
Da der Magistrat nun einmal die Unvorsichtigkeit begangen hatte, die Künstler zu befassen, haben sie, naturwissenschaftlich gebildet, wie sie nicht sind, bei einem Tierpark sofort an Tiger gedacht und sich für die Dschungeln von Hellabrunn entschieden.
Hellabrunn ist sumpfig und kalt. Schon am Eröffnungstag des Tiergartens, es war im März, sah ich, wie sich der Mantelpavian fester einwickelte. Sogar der Seehund war verschnupft. Nach kaum zwei Wochen kränkelte der Löwe in seinem feuchten Käfig, die chemische Untersuchung stellte einen Überschuß von Harnsäure und etwas Zucker bei ihm fest. Und was sagten die Herren Künstler? Sie wollten die Schuld an der Säure und dem Zucker auf die Apfelsinenschalen schieben, an denen sich der Löwe übernommen hätte. Gewiß, das Münchener Kindl pflegt dem Löwen Apfelsinenschalen zuzuwerfen, und der Löwe fraß sie. Doch Apfelsinen sind gesund – der Löwe aber war krank – und das ist zweierlei, meine Herren! Jetzt, wo es Apfelsinen doch so spärlich gibt, zeigt sich klar: der Löwe hat die Gicht. – Das Wasser von Hellabrunn scheint den Tieren ebensowenig zuträglich zu sein – der Schimpanse kriegte einen Kropf. Gut, beim Schimpansen machts nicht viel aus – er verlor durchaus nicht die Sympathien des Landpublikums, im Gegenteil, er gewann sie. Wie aber, wenns den Flamingo betroffen hätte oder den wilden Schwan? An ihnen wären Kröpfe direkt unästhetisch.
Die Kriegsnot hat unter den Insassen des Tierparks gewütet. Dabei blieb der Nachwuchs sogut wie völlig aus. Als die Krokodilstute trächtig ging, sah man der Entwicklung der Angelegenheit hoffnungsvoll entgegen – und was wurde schließlich geboren? Ein kümmerliches Achtmonateidechschen mit Gehirnwassersucht und greisenhaften Gesichtszügen. – Dem Elefanten schlotterten die Pantalons zum Erbarmen; selbst Hofschneider erklärten einmütig, da wäre mit Bügeln und Wenden nichts mehr zu machen. – Die türkisblaue Garnierung des Mandrils ward so schäbig, daß er sich mit Recht scheute, unter Menschen zu gehen. – Das Zebra krepierte; man konnte es ja notdürftig ersetzen – durch einen Schimmel der bayerischen Post, indem man ihn artig rastrierte. Doch die Giraffe ist durch eine Kuh, und sei sie noch so langhalsig, nicht darstellbar; ich wenigstens ließ mich keine Sekunde täuschen. – Der Eisbär war in der Mottenversicherung, und der Verein zahlte jahrelang pünktlich die Prämien – jetzt lehnt die Anstalt die Haftung ab; ich finde das wenig nobel.
Die Künstler wollten nicht Gitter zwischen sich und dem lieben Vieh aufrichten, und man nahm für den Münchener Zoo das System von Stellingen an, wo Hagenbeck die Tiere durch unsichtbare Gräben vor der Zudringlichkeit der Besucher geschützt hat; dieselben Gräben verhindern zugleich Rohheitsakte der Raubkatzen an den zahlenden Gästen. Sind die Gräben aber wirklich noch vonnöten – heute, wo die Fleischkarte selbst den Panthern allen Übermut genommen hat? Nein. Wenn der Zoo wirklich aufgelöst werden sollte: ich bin der Erste, der die gefleckte Hyäne in seine Häuslichkeit aufnehmen und betreuen wird.