Sie sind nicht neugierig? Umso besser. Die Neugier bliebe übrigens unbefriedigt: nach zehn Jahren werden ja gelinde Vorstrafen von den Behörden gelöscht...
Einen Schoppen, Resi! – Aber so wie ich muß eben ein Mann beschaffen sein, der ins Leben von heute passen soll. Eine Zeitlang krumme Pfade wandeln: glauben Sie mir, es ist eine gute Schulung. Man lernt die Augen offen halten, schwindelfrei sein... Lachen Sie nicht!... Man lernt: auftreten, sich auf die Beine stellen. Im alten Deutschland war jedes Schrittchen von der Polizei bewacht – da konnte selbständig nur werden, wer sich – wie ich – manchmal aus den Gehegen wagte...
Doch wozu die Vergangenheit aufrühren? Sie ist vorbei. Jetzt bin ich Jordan, Gründer und Leiter von Jordans Letzter Hilfe – stehe Menschen bei, die es besser in ihrer Jugend hatten, weicher als ich geblieben sind und sich dafür nun auf meine gestählten Muskel stützen können... Denn, sehen Sie – nicht wahr? – Jordans Letzte Hilfe schafft Rat, wo alles den Kopf verlor. Muß ich einstweilen auch erst in kleinem Kreis wirken: München ist mein Anfang; bald gehe ich nach New York. Jordans Letzte Hilfe macht München zur Großstadt – sie wird demnächst New York zur Großstadt machen. – Resi, einen Schoppen!
Oh, ich könnte schon hundert Fälle anführen aus meiner kurzen Tätigkeit – interessant vom ersten bis zum letzten. In meinem Büro reichen ja verzweifelte Menschen einander die Türklinke. Man blickt in Schicksale – in Klüfte, sag ich Ihnen. Man zieht stündlich Existenzen aus dem Schlamassel – am obersten Schopf. Gestern die Rettung des Fräuleins aus der Isar – haben Sies in den ‚Neuesten‘ gelesen? Auch Arbeit von Jordans Letzter Hilfe...
Aber Jordans vornehmste Pflicht ist Schweigen.
Immerhin: einen leichten Fall – ja, den kann ich preisgeben.
Kennen Sie Klingemann? Natürlich. Wer kennt ihn nicht – Siegmund Klingemann, bürgerlichen Poeten? ‚Gudrun‘ hat ja dreißig Auflagen, glaube ich.
Klingemann also wohnt an der Widenmayerstraße, ziemlich standesgemäß, zwei Treppen, Aussicht auf die Isar.
Wohnt und schafft: jährlich liegt ein Roman sauber auf dem Weihnachtstisch der gebildeten Familie; gehört sozusagen in den Kalender.