Doch war das ein Uebergang; noch ehe ich den Wagen verließ, hatte mein Herz sich mit dem Herrn ausgesöhnt und ich sah in Lucy nichts mehr als seine liebenswürdige Gemahlin, die er mir gestattete lieb zu haben.

Die nächsten Tage lebte ich in dieser Erinnerung und der Hoffnung, Lucy bald wiederzusehen; ich hatte einige Kopien verfertigt, unter anderen eine von der Madonna, zwei oder drei Portraits, so wie einige Compositionen, alles meistentheils mehr als mittelmäßig ausgeführt, jedoch nicht ohne gewisse Anzeichen von Talent. Nun, man kann denken, wie das Knötchen mir beistand, mit der größten Sorgfalt die Bilder in's vortheilhafteste Licht zu stellen, und alles war zum Empfange Lucy's bereitet, als sie in der That erschien. Ihr Gemahl begleitete sie.

Noch heute kann ich an diese junge Dame nicht denken, ohne daß mir bei der Erinnerung das Herz schwillt. Daß ich diese so wahre Güte, deren Reiz durch ihren Stand, ihren Schmuck, ihren Reichthum noch erhöht wurde, nicht schön genug malen kann; diese Einfachheit der Gefühle, welche die Manieren und Vorurtheile der großen Welt weder zu verfälschen noch zurückzudrängen vermochten! Obgleich ein schwermüthiger Zug ihr eigen war, so durchdrang doch der Hauch eines wohlwollenden Lächelns jedes ihrer Worte, und schon der freundliche Ausdruck ihres Blicks verlieh selbst ihrem Schweigen einen unwiderstehlichen Zauber. Kaum war sie in mein bescheidenes Dachstübchen eingetreten, so waren ihre ersten Worte ermuthigende Glückwünsche. Sie betrachtete meine Werke mit besonderer Theilnahme und in allem, was sie ihrem Gemahl auf Englisch sagte, athmete ein entzückendes Wohlwollen. Nur einen Augenblick redeten Beide flüsternd zu einander; allein mit einem Tone und einem Ausdruck, der nur zu geeignet war, mich in jene süße Verlegenheit zu setzen, welche die Begleiterin einer freudigen Erwartung ist.

Während ich alle meine Bilder auf Lucy's Ansuchen hervorholte, um sie ihren Blicken vorzuführen, vernahm ich den Schritt meines Oheims auf dem Vorsaal. Ich lief hin, um die Thür zu öffnen.

Lucy mußte etwas ahnen; sie stand auf. Beim Anblick meines alten Oheims ging sie ihm entgegen; dann dachte sie an sich selbst und konnte ihre Bewegung nicht verbergen. Mein Oheim, heiter wie immer und seiner alten, höflichen Sitte getreu, erfaßte die Hand der jungen Dame, neigte sich und brachte dieselbe an die Lippen. Erlauben Sie, schöne Dame, sprach er, daß ich Ihnen den Besuch erwidern darf, womit Sie mich vor fünf Jahren beehrten, als Sie den Taugenichts da mir zurückbrachten... Ich weiß, fuhr er fort, als er Lucy's Thränen rinnen sah, ich weiß, Sie sind betrübt... jener edle Greis war Ihr Vater! ich weiß auch, daß dieser Herr Ihr Gemahl ist... und würdig ist, es zu sein, da Er ihn für Sie erwählt hat.

Der Herr ergriff in diesem Augenblicke die Hand meines Oheims und lud ihn ein, sich auf einen Stuhl zu setzen, den er selber herangerückt hatte, während ich in gespanntester Aufmerksamkeit auf diese Scene hinschauete.

Verzeihen Sie meine Bewegung, sagte jetzt Lucy... als ich Sie zu Lausanne sah, Sie und meinen Vater, beide beinahe in gleichem Alter, in einem Zimmer bei einander, beide für das Glück zweier Personen so nothwendig... damals empfand ich Ahnungen, welche Ihre Gegenwart mir in diesem Augenblicke allzulebendig zurückruft... Ich danke Gott dafür, daß er Sie erhalten hat. Wenn mir nicht der Zufall Herrn Julius in den Weg führte, so war meine Absicht, Genf nicht zu verlassen, ohne Erkundigungen über Sie einzuziehen... Aber es freut mich ungemein dem Anscheine nach Sie so wohlauf zu sehen, und ich empfinde eben so viel Dank als Verlegenheit darüber, daß Sie sich so hoch heraufbemüheten, mir dieses Vergnügen zu bereiten.

Beste Dame, versetzte mein Oheim, Sie sind ein liebenswürdiges Wesen! und es ist eine Lust, Sie anzuhören... Zu Lausanne stieg er auch hoch, Ihr Vater... und er wurde dafür nicht mit einem solchen Empfange gelohnt, wie man ihn nicht ohne Ihre Stimme, ohne Ihr Wesen, ohne Ihr Herz gewähren kann.... Theuerste Dame, seien Sie glücklich... Bald, ja bald steige ich noch höher!... wenn mein armer Julius dort nichts dagegen hat.