Durch diese Gewißheit fand ich mich so sehr in meinen Erwartungen getäuscht, daß ich alles für verloren hielt. Seit der Unterredung, welche ich erwähnt habe, bildete ich mir beständig ein, daß die gute Frau als Vertraute der geheimsten Gedanken Henriettens geneigt wäre, mich in Gunst aufzunehmen, und daß sie bei ihrem Wunsche, vor allen Dingen ihre Tochter einem jungen ehrenhaften Manne zu vertrauen, bei dem Feldmesser mein bester Anwalt gewesen wäre, wenigstens der einzige, auf den ich zählen konnte. Als ich nun sie und ihre Tochter in einem so entscheidenden Augenblicke das Feld räumen und meinen Oheim mit dem Feldmesser allein gelassen sah, welcher ganz und gar von Vorurtheilen beherrscht wurde, welche sie sicher nicht in einem gleichen Grade theilen konnten, erachtete ich meinen Antrag von vorn herein für abgelehnt. In dieser verzweifelten Lage beschloß ich den Augenblick zu benutzen, um mir eine letzte Zuflucht zu eröffnen. Ich wollte mich nämlich zu den beiden Frauen begeben und mich überwinden, ihnen alle Gluth und Aufrichtigkeit meiner Gefühle zu zeigen, um sie zu meinen Gunsten zu gewinnen. Ich klopfte an ihre Thüre; Henriette öffnete mir.


Nur die eigne Bestürzung des jungen Mädchens, die sich so lebhaft auf ihrem Gesicht malte, stand mir bei, daß ich die meinige überwand.

Darf ich, sprach ich mit bewegter Stimme, einige Augenblicke zu Ihnen kommen?... – Treten Sie ein, Herr Julius, sagte die Mutter hierauf. Nach diesen Worten schwieg sie und betrachtete mich schweigend, Thränen begannen aus ihren Augen zu rollen... Was haben Sie uns zu sagen? hub sie auf's neue mit trauriger, vom Weinen bewegter Stimme an.

Ich wollte, ehe Ihre Familie über mein Schicksal entscheidet, Sie einmal sehen... Sie einmal sprechen... und fühle mich zu verlegen dazu... Ich wollte Fräulein Henriette sagen, daß seit langer Zeit es mein einziges Glück ist, sie zu lieben, sie zu bewundern, die Ehre, mein Geschick an das ihrige zu ketten, höher als alles in der Welt zu schätzen... und Ihnen, daß ich Sie lieben werde wie meine Mutter, die ich nicht mehr habe, daß Sie mir Ihre Tochter vertrauen würden, ohne sie zu verlieren... ach, was weiß ich? Theuerste Frau! Ihr Anblick erfüllt mich mit Rührung und Ehrfurcht, ich verstehe die Sprache dieser Thränen, die Sie vergießen... ich glaube, daß ich Ihnen versichern kann...

Während ich so redete, betrachtete mich die minder aufgeregte Henriette, während sie meine Worte aufmerksam anhörte. –

Henriette, sprach die Mutter, rede Du mit dem jungen Herrn, Dich verlieren, mein Kind! nein, ich kann den Gedanken nicht fassen... Du bist mein Leben. – Nimmer, sagte Henriette mit einer Entschlossenheit, welche durch einen Ausdruck von Bescheidenheit gemäßigt wurde; nimmer, Mutter, werde ich einem Andern angehören, als dem, der ganz Euer Sohn wird!... Mein Herr, ich bin noch verlegener um ein Wort, als Sie... Ich kenne Sie wenig... Ich kenne Ihren Antrag, aber ich kenne Ihren Charakter nicht... Ich habe viele Männer gefunden, die für preiswürdige Gatten gelten und denen ich keine Achtung zollen kann... Und dann, meine Eltern verlassen!... Hier stockte Henriettens Stimme und ihre Thränen flossen. Nein! ohne sie zu verlassen, ohne sie jemals zu verlassen, mein Fräulein, wenn sie mich der Aufnahme würdigen...

Ich gehöre ihnen an, Herr Julius, fuhr Henriette mit mehr Ruhe fort. Ich habe keine Erfahrung, sie aber haben dieselbe. Ich weise Sie durchaus nicht ab, sie mögen entscheiden, ich werde thun, wie sie beschließen...