Mein guter Oheim verschied, wie er gelebt hat, ruhig, heiter, beinahe fröhlich. Er sah den Tod herankommen, seine Glieder umfangen, sie nach und nach erkalten und schien gleichsam mit dem Tode zu spielen. So lange es ihm möglich war, hat er nicht das Geringste an seinen Gewohnheiten geändert; nur als er sich genöthigt sah, seine Arbeiten aufzugeben, behielt er uns längere Zeit bei sich. Seine Leiden, wie danke ich dem Himmel dafür! waren nie sehr groß, und er ertrug sie ohne Bitterkeit, wie einen unwillkommenen Gast, den man aber nichtsdestoweniger aufnehmen und fast mit Achtung behandeln muß. Wir saßen um sein Bett herum und hielten unsre Thränen zurück, die ihn mehr als seine eigenen Leiden betrübt haben würden; wir mußten sogar zuweilen bei den Einfällen, die er inmitten seines Leidens äußerte, lachen, weil immer noch einige Züge von Fröhlichkeit mit unterliefen. Und dennoch war es ein Schauspiel des tiefsten Mitgefühls würdig. Es kommt einem vor, als wäre für Wesen von solcher Güte das Leiden eine Beleidigung und das Herz empört sich gegen ein barbarisches Uebel, welches keinen Unterschied zwischen seinen Opfern macht.
Vergangenen Sonntag ist er in meinen Armen verschieden. Als er die Morgenglocken läuten hörte, sagte er: dies ist wol der letzte Klang, den ich höre, dies Mal... Diese Worte preßten unsere Thränen hervor... Gewiß, fuhr er fort... Ihr wollt mich überreden, meine Kinder, ich hätte noch nicht genug gelebt;... ich bin so zufrieden... Vergeßt meine alte Margarethe nicht... Sie hat immer viel Sorge getragen um meine Bücher... und um mich... Julius, wenn Du der lieben, guten Dame schreibst (so nannte er Sie immer), meinen Segen, bitte, ihr und ihren Kindern... ich hoffte ihren Vater in der Wohnung edler Seelen zu treffen... heißt das, wenn man mir den Zutritt gestattet.
Nach einigem Schweigen hub er auf's neue an: der Tod findet mich zäher, als er wol gedacht hat... ich werde ihm Stand halten, bis zum letzten Augenblicke... Das Testament liegt dort links in der Schublade... Meine gute Henriette, welche Lust war's, mit Ihnen zu leben... Ihren werthen Eltern meinen besten Gruß... und zeigen Sie mir noch einmal das Püppchen her... Sie wissen ja, da oben werden sie mich mit Fragen bestürmen, mein Bruder, meine Schwägerin... Gute Botschaften, werde ich ihnen zurufen, gute Botschaften.
Unterdessen wurde sein Blick matter, sein Athem kürzer und aus mehren Anzeichen konnte man das Nahen des Todes erkennen. Seine Rede war jedoch noch deutlich, sein Verstand ungetrübt und die milde Wärme seines Herzens erlosch nicht eher als mit seinem Leben. Gegen Mittag rief er mich: Sieh doch, ob Herr Bernier (so heißt unser Pfarrer) kommen kann, ich glaube, es wird Zeit... (Ich schickte zu dem Pfarrer.) Ich habe ein langes Leben gehabt... und habe einen glückseligen Tod... Ich bin unter Euch... Wo ist Deine Hand, mein armer Julius... Einige Augenblicke später meldete ich ihm die Ankunft des Pfarrers.
Willkommen, mein lieber Herr Bernier... Ich bin bereit, erfüllen Sie Ihren Beruf... Ich habe den Hippokrates verkauft... Es thut sich jetzt der Jude mit ihm gut... aber, wenn ich meinen alten Körper dem Knochenmann überlasse, so thue ich dies doch nicht mit meiner Seele... Ich empfehle sie Ihrer Fürbitte, mein lieber Herr Bernier. Geschwind, geschwind, sie möchte enteilen, der Faden hält nur noch schwach.
Der Pfarrer sprach ein salbungsvolles, rührendes Gebet. Amen! wiederholte mein Oheim... leben Sie wohl, theurer Herr, auf Wiedersehen... Ich empfehle Ihnen hier diese Kinder. Der Pfarrer, auch bereits ein bejahrter Mann, drückte ihm mit jener ruhigen Wärme die Hand, welche nur die Ueberzeugung, daß man sich bald anderswo wiedertrifft, verleiht, und entfernte sich alsdann. Mein Onkel fiel hierauf in Schlummer. Nach einer Stunde etwa fuhr er auf und rief mit schwacher Stimme: Julius!... Henriette! (er hielt unsere Hände gefaßt)... dies waren seine letzten Worte, gleich darauf hörte sein Odem auf.
Dies ist die einfache Erzählung der letzten Augenblicke eines unbeachteten, der Welt fremden Mannes, der selbst seinen eigenen Nachbarn unbekannt blieb, den ich aber nicht anders als unter die besten Sterblichen zählen kann. Sein langes Leben scheint mir dem Laufe eines Bächleins vergleichbar, das unbekannt, aber segenspendend rinnt, die bescheidenen Ufer wässert, welche es bespült, und in dem sich die milde Heiterkeit eines lachenden, wolkenlosen Himmels spiegelt. Der einzige Zeuge, jedoch nicht der einzige Gegenstand dieser alle Tage, alle Augenblicke sich erneuenden Güte, scheint mir mein Herz nicht auszureichen, um sein Gedächtniß würdig zu feiern, genugsam zu begehen. Das Bedürfniß, darin noch einen Genossen, wenigstens einigermaßen, zu haben, drängte mich, Sie von diesen Dingen zu unterhalten. Erlauben Sie mir, gnädige Frau, ein offenes Geständniß. Sie waren von großem Einflusse auf mein Geschick. Ihr Anblick, Ihre Traurigkeit ergriff mich gleich beim ersten Male; Ihre Güte hat meine Laufbahn geebnet, wenn ich nicht sagen soll geschaffen; ich liebe Sie aus diesen Gründen allen so sehr, als ich Sie achte; allein, was mich noch mit einem süßern, tiefern Gefühle durchdringt, dies ist der gemeinschaftliche Punkt, worin unser beider Leben sich gleicht, diese beiden vortrefflichen, uns beiden so lieben, als nothwendigen Menschen, die wir beide beweinen und deren Andenken, o lassen Sie es mich hoffen, gleichsam ein Band bilden wird zwischen Ihnen, gnädige Frau, und Dem, der sich glücklich schätzt, sich zu nennen Ihren achtungsvollen und dankbaren Diener
Julius.