Ich zerfloß in Thränen. Henriette, ihre Mutter und selbst der Feldmesser hörten ihn mit Erstaunen, das Herz voll Bewunderung und Liebe für den guten Greis. Weit entfernt, einzuwilligen, widersprachen wir auch nicht, sondern eilten Alle auf ihn zu und umringten ihn mit unsrer Liebe und den Bezeigungen der herzlichsten Dankbarkeit.
Also erhielt ich die Hand Henriettens. Die Zukunft hat die Voraussagungen meines Oheims wie die Verheißungen des Feldmessers erfüllt. Ich trat in eine Familie, wo Einigkeit, Innigkeit, Anhänglichkeit für das gemeinschaftliche Wohlergehen Aller herrschte; kein anderer Kreis hätte meinen Charakter besser ausbilden können, denn ich lernte hier kennen, von welcher Beschaffenheit die allerdings einfachen, aber wahrhaften und zuverlässigen Güter sind, von denen uns so oft ein romanhafter Sinn, eine Einbildungskraft entfernt, die sich allzuwillig verführen läßt.
Lucy erfuhr von mir vor ihrer Rückkehr nach England meine bevorstehende Verbindung. Dies diente ihr zur Veranlassung, mir noch einen Auftrag zu ertheilen, durch den meine Wirthschaft für lange Zeit flott gehalten wurde. Der Schutz dieser jungen Dame war also für mich eben so nützlich, als er anhaltend war. Vermöge ihrer Verbindung mit den vornehmsten Familien ihres Landes schickte sie mir oft einige von ihren Landsleuten zu, welche unsere schöne Gegend jährlich heranlockte, und selten war ihre Empfehlung unfruchtbar. Der Besuch dieser Fremden verlieh mir einen Ruf, welcher auch andere Besucher, andere Aufträge herbeiführte, und so hatte ich nach Verlauf weniger Jahre eine Wohlhabenheit erworben, die meinen Ehrgeiz befriedigte und die Erwartungen des Feldmessers beiweitem übertraf. Schwiegervater, sagte ich ihm zuweilen, der Stand ist gut; aber Ihr Sprichwort taugt nichts.
Man erinnert sich vielleicht, daß Lucy mir eines Tages mit Thränen in den Augen sagte: wenn einmal Sie dasselbe Unglück, wie das meinige, betrifft, Herr Julius, so bitte ich Sie, mich davon zu benachrichtigen. Ungefähr zwei Jahre nach meiner Verheirathung traf dies Unglück ein und sobald ich meinem Oheim die letzten Pflichten erwiesen hatte, schrieb ich an die Dame folgenden Brief:
Gnädige Frau!
Eingedenk des Befehls, den Sie mir vor zwei Jahren ertheilten, zeige ich Ihnen das Hinscheiden meines Oheims an. Es war dies ohne Zweifel ein Trost, den mir Ihre Güte im voraus bereitete, denn wenn Sie irgend einen Werth darein setzten, mich nach dem Tode Ihres Herrn Vaters noch einmal zu treffen, so wissen Sie, gnädige Frau, welcher Trost es für mich ist, zu wissen, daß ich bei Ihnen einige Theilnahme für den Schmerz und die noch größere Leere finde, welche mein Herz fühlt.
Ich habe einen unermeßlichen Verlust erfahren; mein Oheim hatte mich auferzogen, mich in's Leben eingeführt, mich verheirathet; vor allen aber hatte er über mich den Fittig jener vollkommenen Güte ausgebreitet, die ich nirgends wiederfinde. Ich habe diese heitere Seele verloren, die über mein Leben schützend wachte; dieses liebenswürdige Gemüth, dessen sanfte, schlichte Herzlichkeit täglich einige Stunden mich erheiterte; ich habe alle diese Güter verloren, als ich kaum sie zu würdigen, zu erkennen begann... Wie, gnädige Frau, begreife ich jetzt erst die Betrübniß, worin ich Sie damals sah! Lassen Sie mich dieselbe jetzt theilen! Wie viele von den Thränen, die ich jetzt vergieße, gehören nicht Ihrem Schmerze und dem meinigen gemeinschaftlich an! Jedoch sind die Ihrigen fern von Bitterkeit; ich habe selber gehört, welch glänzende Anerkennung Ihr Vater Ihrer kindlichen Liebe zollte, während mein armer Oheim hingeschieden ist, bevor ich ihm Gelegenheit gab, mir gleiches Lob zu ertheilen.
Wie traurig ist es doch, gnädige Frau, so ausgezeichnete Wesen zu verlieren, das süße Band zerrissen zu sehen, das nur jenseit der Erde neu geknüpft werden kann. Ich erstaune, ich mache mir Vorwürfe, daß dergleichen Bedenken meine Stunden nicht eher trübten; ich erinnere mich, daß Ihre Augen sich lange vorher netzten, durchdrungen, wie Sie waren, von dem Gedanken eines über lang oder kurz hereinbrechenden, aber auf jeden Fall unersetzlichen Verlustes. Und ich war so unbekümmert um die Zukunft, ich erfreuete mich fast ohne alle Unruhe an jenen zahlreichen seltenen Eigenschaften, die das Alter gleichsam mit verehrungswürdigem, heiligem Zauber umkleidete.