Ha! kein übler Gedanke das! Ich hatte den Sündenbock gefunden, dem ich einen nach dem andern alle meine Fehltritte auflud, und mein Gewissen nahm wieder eine glückliche Ruhe an. Nicht wenig, bilde ich mir ein, trug dazu bei, daß die Entrüstung des Herrn Ratin so stark gewesen war, um ganz und gar zu vergessen, mir Arbeiten aufzugeben. Ach! zwei Tage und keine Arbeiten!... Das war vielleicht unter allen Strafen mir die willkommenste!
Einmal mit meinem Gewissen abgefunden und zwei Festtage vor mir, wollte ich einige Veränderungen vornehmen, die mir zur Verschönerung meines Zimmers vorzüglich schienen. Die erste war, daß ich den Elzevir, das Wörterbuch und alle Bücher und Arbeitshefte aus dem Gesichte räumte. Als dies geschehen, empfand ich ein so herrliches als neues Gefühl, und es war, als hätte man mich von Banden befreit. In meiner Gefangenschaft also sollte ich zum ersten Male den ganzen Reiz der Freiheit kennen lernen.
Welch' herrliches Gefühl! Mit vollem Rechte schlafen, nichtsthun, träumen zu können... und dies in einem Alter, wo uns unsere eigene Gesellschaft so süß, unser Herz so reich an entzückenden Unterhaltungen, unser Geist in seinen Genüssen so leicht befriedigt ist; wo Luft, Himmel, Land, Mauern, Alles etwas hat, das zu uns spricht, uns bewegt; wo eine Akazie eine Welt, ein Maikäfer ein Kleinod ist! Ach! daß ich diese glücklichen Stunden nicht wieder zurückrufen, diese bezaubernde Lust nicht wiederfinden kann! Wie bleich ist heut' zu Tage die Sonne! Wie langweilig sind die Stunden, wie undankbar die Mußezeit!
Ich begegne meiner Feder alle Augenblicke über diesen Gedanken. Jedes Mal, wenn ich schreibe, drängt es mich, denselben auszusprechen; ich hab' es tausendmal gethan und werde es ferner thun. Umsonst hat das Glück mich geleitet, umsonst haben die Jahre mir jegliches seinen Zoll an Gütern gebracht, umsonst gehen die Tage rein und klar auf: diese Erinnerungen von einst verwischt nichts aus meinem Herzen. Je älter ich werde, desto jugendfrischer erscheinen sie mir und desto mehr find' ich eine Ursache schwermüthiger Betrübniß darin. Ich besitze mehr, als ich je begehrte, allein das Alter, wo man begehrt, sehne ich zurück: die wirklichen Güter erscheinen mir bei weitem nicht so genußreich, als die leere aber funkelnde Wolke, welche mich damals umhüllte und mich in stetem Freudenrausche erhielt.
Frische Maimorgen, blauer Himmel, lieblicher See, ich sehe euch noch, aber.... wo ist euer Glanz geblieben, was ist aus eurer Klarheit geworden, wo ist jener unbeschreibliche Zauber von Freude, Geheimniß, Hoffnung geblieben! Ihr gefallt meinen Augen, aber ihr füllet meine Seele nicht mehr; ich bleibe kalt bei eurem lachenden Entgegenkommen; um euch noch ferner zu lieben, bedarf's, daß ich in die Jahre zurücksteige, daß ich in eine Vergangenheit zurückfliehe, die nimmer wiederkehren wird! O Traurigkeit, o bitteres Gefühl!
Dies Gefühl findet man im Grunde aller Poesie, wenn es nicht die Hauptquelle derselben ist. Kein Poet lebt von der Gegenwart, alle sehnen sich zurück: ja mehr noch: durch die Täuschungen des Lebens zu jenen Erinnerungen hingezogen, werden sie darin verliebt; sie umkleiden dieselben mit einem Reize, den die Wirklichkeit nicht hatte, sie verwandeln ihr Sehnen in Schönheit, womit sie dieselben schmücken, und indem sie sich nach Herzensgelüst ein herrliches Traumbild schaffen, weinen sie, daß sie verloren, was sie nimmer besaßen.